Ausgabe 
14.12.1914
 
Einzelbild herunterladen

682

war so schö», Ihr könnt es Euch denken. Heut' früh fanden, toir sie hinterm Hause tot, unseren Liebling; die Schönst« war sic im ganze» Bezirk... tot lag sie hinter unserem! Hause, ruchlos hingcmordet von den Schurken . . . Man sah's, sie hatte sich gewehrt gegen die Schande . . . Nun haben wir sie begraben, tief hinein in die Erde und wollen fort- nur fort, nicht wahr, Märja?"

Die Alte hockte ganz zusammengcbrochen neben ihrem Mann. Die Hände hielt sic vors Gesicht und die wirren, grauen Haarsträhne schlüpften ihr unter den verschrumpsten Fingern hervor; sic ivar der verkörperte Jammer.

Den gutmütigen Soldaten taten die beiden Alten leid, die nun noch in ihren Greisentagen von ihrer Scholle mutzten, verjagt von den eigenen Landsleuten.

Verwünschungen gegen die Komidatschis wurden laut, und der eine und der andere griff in die Tasche, holte ein paar Heller hervor und legte sie schweigend auf die Bank neben die alte Frau. Drinnen im Wagpn stand ein schmäch­tig Kistlein, das wohl die paar Habseligkeiten der alten Leute barg.

Gospodin, dürfen wir jetzt weiter?" fragte der Bauer.

Aber Efghi Hassan konnte sich nicht dazu entschließen. Die Erzählung klang zwar wahr, aber der alte Spürhund in ihin witterte irgend etwas, das nicht in Ordnung war.

Ihr kommt aus Slubovizja?" forschte er weiter.

Ja," lautete die ohne Zögern gegebene Antwort. Mer Gospodin, da war die Hölle los. Da waren min­destens an die hundert Komidatschi versammelt. Sie find dann in zwei Haufen davongezogen."

Wohin?"

Das weiß ich nicht, Gospodin. Ich Hab' mich nicht um sie gekümmert, sondern war froh^ daß sie mich in Ruhe ließen. Die aus Orovica waren auch dabei. O, Gospodin,, um des Herrn Heiland willen, laßt uns nun endlich fort!"

Efghi Hassan zuckte die Achseln.

Ich kann Euch das nicht ertauben," sagte er,wartet, bis einer der Herren Offiziere kommt. Die haben hier zu befehlen."

Der Bauer erhob nun ein großes Geschrei, aber es half ihm nichts. Efghi Hassan war nicht zu erweichen, und- so mußten er und sein Weib herunterklettern. Der Gendarm führte sie in das Wachtzimmer und hieß sie sich am Ofen niedersetzen. Dort saßen sie dann, stumm und gedrückt,, ohne den Blick vom Boden zu erheben.

Drei Stunden später kehrte Desider mit seinen Leuten zurück. Mißmutig und wütend waren sie alle. Sie hatten die Kerle drüben wohl gesehen, hatten immer darauf ge­wartet, daß sie herübertommen würden. Mer nicht ein­mal einen Schuh hatten die Komidatschi abgegeben. Sie selbst dursten ja nicht angreifen. Also mußten sie ha stundenlang im Schnee liegen und sich von den Serben' tum Narren halten lassen, die dann schließlich nach Slnbo- vizja hinein verschwunden waren.

Desider selbst war wütend.

Daß sie uns verbieten," knirschte er,über die Hunde herzngehen! Die hohen Herren in Wien verlangen wirklich viel von uns. Haben Sie nichts vom Oberleutnant Lohn- sperg gehört, Hassan?" fragte er den Wachtrmister.

Nichts, Herr Oberleutnant."

Vielleicht ist er gerade so zum Narren gehalten worden wie tvir."

Efghi Hassan führte ihnen die beiden Gefangenen vor.

Er sah sie an, ließ sich ihre.Geschichte erzählen und fand nichts Verdächtiges an ihnen.

Ich meine, Hassan," sagte er,wir können sie laufen lassen. Die beiden alten Menschen lverden Oesterreich nicht in Gefahr bnngen."

Wie Sie befehlen, Herr Oberleutnant", knurrte der alte Pulverfresser.Aber ich würde ihnen doch einen Gen­darmen mitgeben, der sie bis znm nächsten Posten begleitet. Sicher ist sicher."

Das geschah. Ein berittener Gendarm begleitete den Wagen, den die kleinen Pferde mühsam aus deni Dorf her- auszogen.

Desider mar todmüde, dachte aber nicht daran, sich niederzulegen. Er ging mit Efghi Hassan an den Eingang des Dorfes und wartete auf die Rückkehr der Dragoner, stumm eine Zigarette nach der anderen rauchend.

Grau und trüb kroch der Morgen von den Bergen her­unter. Seufzend stieg ein eisiger Wind auf und niachte den übernächtigen Desider frösteln.

Wo die nur stecken?" fragte er den getreuen Hassan.

Der zuckte gleichmütig die Achseln.

Kampf hat's keinen gegeben," erwiderte er,sonst hät­ten lvir was hören müssen. Vielleicht ist der Herr Oberleut- nant über Vitkovici hinausgeritten.

Endlich wurden die Dragoner auf der Straße sichtbar. In langsamem Trab kamen sie heran.

Nun, was war bei dir los?" rief Desider dem Freunde entgegen.

Der war gerade so wütend, wie er selber.

Was los war?" sagte er, absteigend und das Pferd ani Zügel nehmend.Nichts. Wir sahen zwar drüben so eine Horde, aber die Kerls hatten augenscheinlich Nachtmarsch­übung ohne Markierer. Seelenvergnügt huschten sic da am andern Ufer entlang, wie immer auf der anderen Seite ge­treulich nebenher. Noch ein gut Stück bis über das Nest, das Vitkovici, hinaus. Dann schön kehrt euch und wieder nach Haus. Himmelherrgott, woher ich die Standfestigkeit genom­men Hab' und nicht hinüber bin... Wollten eh' ein paar von meinen Leuten aus eigene Faust hinüber. Die Burschen waren nicht zu halten. Bis ich ihnen mit Spangen gedroht habe. Na, vor denen haben sie augenscheinlich mehr Respekt, als vor den Serben. Effektiv znm Wurstel haben sic uns ge­macht."

Wenn ich nur wüßte, warum", meinte Desider.Ohne Grund werden sic das doch nicht getan haben. Mir ist's nnnv- lich genau so gegangen wie dir."

Und er erzählte dem Freunde seine kampflose Affäre.

Das sieht ja fast so aus, als ob man uns hätte vom Dorf weglockcn wollen", rief Franz.War hier was los, Hassan?"

Sie waren inzwischen vor ihrem Hause angclangt, wo schon der heiße Kaffee ihrer wartete. Während sie den schlürf­ten, erstattete der Wachtmeister seinen Bericht.

In, ich Hab' sie ruhig fortgelafsen," setzte Desider hinzu,zwei alte Menschen, halbtot vor Angst und Rälte. Zum Erbarmen, sagf ich dir."

Franz erwiderte nichts, aber er begann aufgeregt in deni kleinen Raum bin und herzulaufen.

Ich weiß nicht, ich weiß nicht," murmelte er,du magst ja ganz recht gehabt haben. Aber ich iverd' halt das Gefühl nicht los, daß da etwas nicht klappt. Ausgerechnet, wie sie uns herausgcfvppt hoben, kommt der Wagen daher ... der Teufel soll mich holen, wie wenn das die Grelolv gewesen wäre!"

Desider fuhr auf.

Franz, mach' doch keine schlechten Witze," rief er. Hassan hat das Weib doch auch gesehen. Wenn wenig, hat sie sechzig Lenze anf'm Buckel gehabt. Ganz klein und gebückt war sie, gelt Hassan?"

Jedoch Efghi Hassan mußte bekennen, daß ihm selber die ganze Geschichte verdächtig vorgekommen sei.

Aber nun hört's mir aus," sagte Desider zornig.Ihr zwei könnt eineni ja das Gruseln beibringen. Ich werde doch noch eine alte Vogelscheuche von einer jungen, schönen Person unterscheiden können, und wen» sie zehnmal ver­kleidet ist. Runzeln hat sie im Gesicht gehabt, so dick wie mein ffeiner Finger. Na, und eine Haut, Hassan hat einen blendend weißen Teint dagegen."

Franz brach in schallendes Gelächter aus, und Hassan verzog de» langen Schnauzer zu einem vergnüaten Grinsen. Und Franz holte den Schnaps herbei, um orei Gläser zu füllen, Ivomit sie den Meinungsaustausch in einer alle Teile befriedigenden Weise zn beenden gedacht».

Plötzlich ertönte draußen lautes Schreien und Rufen.

Sie stürzten hinaus. Ta standen die Soldaten und deuteten erregt ans das Ende des Dorfes hin. Von dort kam ein reiterloses Pferd dahergejagt...

Fünf, sechs Leute sprangen ihm entgegen und hielten das zitternde, schnaufende Tier.

Es Ivar das Pferd des Gcndarmen, den Esghi Hassan dem Banernpaar mitgegcben, und an seinem Sattel klebte Blut!

10. Kapitel.

Stumm vor Entsetzen starrten sie alle das Unalücks- tier an. Lähmend überfiel sie das Bewußtsein, daß da ein Verbrechen geschehen war. Noch dazu an einem ihrer Ka­meraden.

Armer Bojan! Er war ein treuer, verläßlicher Mackn aewesen, der nahe zu», Wachtmeister stand. In des alten Hassan verwittertem Gesicht begann es verdächtig zu zucken.