Die hundert Tage.
{Romnit alle- beut Jahre 1810 von M. v o >i Witten.
(Nüchoruck m&t'tm.)
(gurtKliititä)
(irbnutUic iiiii vom Fenster fort, hinein in bcu Saal. Mit beflügeltem Schritt durchinah sic das spiegelblante Par fett des bellen Raume» von einem Ende bi» zum andern Blücher! Dieser greise, jugendliche Held, in dem bie seele de» ganzen deutschen Potte» mit alt ihrem gluhettden Frei heitsverianqen sich zu eiserner Tatkraft verdichtet zu haben schien! Und bei alter Heidengröße zeigte silti immer von neuem, in jedem Augenblick de» Lebens in Leid und Glück — seine .eble, vornehme Gesinnung, seine tiefe, reine Menfchlichreit
Wie wohl halte er ihr heute wieder getan!
Sfaitiit, bafi er vor Jssq die Ulanen verlassen und sich zu einem der anderen Lagerplätze de» Zieienschen Sorbe- begebe ti hatte, war der Unteroffizier Schneider vor den Oberst von Stntterheim befohlen worden, welcher ihm mitgeieilt, daß er, Schneider, zur Dienstleistung beim Stabe des Fürsten versetzt sei und sich sofort in das Hauptquartier nach St. Eloud zu begeben habe.
Wie hatte Erdmmhens Franenjeele dein greisen Helden ssir diese Jarkheii der Empfindung Dank gewusst! Wäre sie ihrem Gefühle gefolgt, so iväre sie am liebsten sofort au» dcni Heere getreten. Aber ihr war, als dränge Ulrich» Seele in ihr, bis zmn letzten Augenblicke auszuhaltcn. Und so bedeutete Blüchers feinfühlige Anordnung eine groste Wohltat für sie.
Gesprochen freilich halte sie den Feldherrn noch nicht.
Als jje hier oben auf dem Schlosse eingctrossen, lvaren die Perhandlungen über die Uebergabe, zn denen Blücher auch den Herzog von Wellington hatte bitten lassen, bereits im.Gang.
So harrte sie denn hier int Saale, wohin inan sie gewiesen, aus den Feldherrn. Harrte bis das groste Werk zum Abschluß gebracht fein würde.
Und erschöpft von allen Erschütterungen der letztett Tage und Stunden, sank sie nun in einen der hochlehnigen, blaur seidenen Sessel am Kamin und deckle die Rechte über drtz Äugen. —
Endlich weckte sie ein fester, sporenklirrendcr Schritt. Eine Stimme, voll von Herzenswärme zittertet
„Mädel! Koniin in meine Arme!"
Blücher stand mitten in dem kleinen Saale. Mit ansgebreiteten Armen. Und Erdmuthe flog ohne Besinnen, wie in die Arme eines Vaters, hinein.
Die mitfühlende Liebe des Greises halte sie nun doch um ihre Fassung gebracht. Ein heimliches Weinen stieg aus ihrer Brnst herauf. Er lieh sse ein paar Augenblicke ruhig gewähren. Und wahrend sie, immer wieder ansschluchzend.
das Gesicht an seiner Schulter verbarg, strich er ihr ein paarmal tröstend über das kurze'strohblonde Haar.
„Kind, wenn du mühtest, wie inich's schmerzt", brachte er dabei mit halber Stimme über sie Lippen. „War ein prächtiger Uteri! Minute euch beiden so von Herzen euer Glück."
Rockt einmal stiest sie das Scktluchzen. Tan» hob sie, gesastter, wenn auch noch mit Tranen in den Augen, das Haupt.
„Seien Durchlaucht nicht böse — \"
„Ach was Durchlaucht'" unterbrach er sic heftig, um seine Bewegung zu berdecken. „Für dich bin ich Baker Blücher!"
.„'Seien Sie nicht böse, Vater Blücher, dast es so über mich kam! Grade Ihre Güte hat mich iveich werden lassen. Halten Sie mich nicht für klein." Sie ergriff mitcher ge- sitnden Rechten seine Hand. „Bei allem egoistischen Scknnerz bin ich ja so stolz, dast amf) ich ein Opfer bringen, vast ich ihn hingeben durfte," Bon neuem schossen ihr Trauen aus den Augen. Da neigte sie sich rasch »nd drückte einen Susti aus seine Hand.
Er aber legte wie zum Scqeti die Linke auf ihr Haupt.
„Bist ein tapfere» Menschenkind, Erdmuthe! Wußte »a» ja immer! Hm?" Er räusperte sich. „Und nun eine frohe Botschaft! Sie lvird dich beleben wie feuriger Wein. Paris ist mein. Tie französischen Truppen marschieren hinter die Loire und die Stadt wiro mir übergeben. In drei Tagen ziehen die unsrigen in Frantreichs Hauptstadt ein!"
lieber Erdmnthens blasse» Gesicht ging ein Helles Rot der Freude.
„Und das hat alles unser Marschali Vorwärts voll- bracht!"
Ta ivnröe Blücher tiefernst.
„Erdmuthe. ohne meine» eisernen Willen stünden wir nicht hier; der hat sich rastlos durch alte Hindernisse durch gebissen. Das ist nxchr. Aber ohne Gottes Segeti iväre alles mistlniigeii! Und vollbringen konnte icksts nur durch ineine Truppe». Offiziere und Mannschaften, sic baben sich mit einer unbeschreiblichen Tapferkeit, mit einer beispiellosen Ausdauer peschlagci, und den ungeheuren Strapazen diese» kurzen Feldzuges unterzogen. Ihnen verdanke ich, nächst unsres grosten Gottes Barmherzigkeit — meines lieben Gneiscnan Besonnenheit nicht zu vergessen! — alles! Einem jeden einzelnen von ihnen. Ein jeder hat wirklich außerordentliches geleistet. Auch dein Rittmeister. Auch du! Bringst ja da auch" — er wies auf den verbundenen Finger stumpf ihrer Linken — „so ein ehrenvolles Andenken mit nach Haus. — Aber mein Trost ist dert Tie Ueberlebenden werden die Früchte ihres Tuns genießen und die Toten - sie starben für der Menschheit größte Sachet für Freiheit und Vaterland!"
Eine tiefe Beivegung vibrierte in Blüchers Stimme. Sie fand ein stolzes Echo in Erdmuthens Brust
Einen Augenblick schwiegen sie beide.


