Ausgabe 
12.10.1914
 
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Worttauglich" für die Harrenden: für drei Jahre ein HerauS- aerisfenwerven auS einem Berus, einem Erwerb, einem Handwerk, in dem er eben erst seine schüchternen Gehversuche gemacht hatte, auf eigenen Beinen zu stehen und sich selbst zu ernähren; in buntem Rock eine lange Reihe bunter Tage, in denen man Mädchcnherzen eroberte; für den Einjährigen bei dem Nobelregimente der Pe- jasevichdragoner ein flottes Leben voll Fiakersahrten, und für den Studenten ein Jahr, das ihn ferne rückte von seiner Arbeit, seinem Beruf, dem Wirken für3 Gairze.Ein verlorenes Jahr", wie mancher voreilig dachte, ein Jahr, das zu seinem Nachber und Vorher nicht den geringsten Bezug hat. Ein verlorenes, ein sinn­loses Jahr. . , Aber jetzt gibt es wohl nichts, was mehr, was tieferen und erhabeneren Sinn hätte als dies, nichts, was we­niger verloren wäre. Denn diese hrcr mustert man für den Krieg an.

Jawohl, über ganz Oesterreich hinweg langt der Krieg hier her­ein. Man merkt ihn an den ausgeschlagenen Zettungsblättern, in denen der mitreißende Armeebefehl des Erzherzogs Friedrich über das Zusammemvirken der beiden verbündeten Kaiserarmeen gedruckt ist. Man merkt ihn an deinSträußerl":Uns habn's «'halten", einem Bündel aus Silber- und Goldfäden, roten Glaskugeln, blauen Luchskücken, das der Assentierte an seinen Hut steckt, an dem heute neben dem Bilde Franz Josess das Bildnis Kaiser Wilhelms klebt. Und man merkt den Krieg an den Gesprächen.Rennen/' sagt einer,rennen zum Sturmangriff kann ich schon, so g'schwmd wie eine Elektrische. Ich hab's trainiert." Und ein anderer wiederum gehört dem Jungschützenkorps der Deutschmeister an. Er wird für vas Gewchrfeuer sorgen, während der Erste mit dem Bajonett an- mlrmt. Sie spannen ihre Arme und lassen die Muskeln prüfen: wie Eisen hart! Sie richten sich auf, recken sich in die Höhe und prüften sich mit dem Maß eines Flügelmannes. Strasse Burschen, die vom Handwerk und der Fabrikarbeit an körperliche Strapazen gewöhnt sind. Und dann wiederum: feine, ein bißchen blasse, aber sehnige: die Studenten. Im Frühjahr noch deklinierten siepax. vacis" auf der Schulbank des Gymnasiums, jetzt werden sie den Krieg abwandeln: auf gut Deutschi

Einer ist in Begleitung feines Basars da. Ein Muttersöhnchen. O. die besorgten Eltern haben ihn gewiß nie aus ihrer Hut ge­lassen, hielten ihn immer der sich, fuhren mit ihm des Sommers chufs Land, und die erste Reise, die er in seinem Leben allein macht, ohne Papa, ohne Mama, ist die Fahrt in den Krieg. Denn er ist rauglich. Ich sah ihn und seinen Vater, wie sie vor der Assentierung jgus- und medergingen. Nervös alle beide. Aber beide von der entgegengesetzten Unruh« bewegt. Ich sah, wie der Vater alle Augenblicke an dem Sohn herumrichtete, ein Stäubchen von seinem Rockärmel blies und die Krawatte zurechtzupfte, obwohl man vor der Asscutkommission bekanntlich nicht im Jaketanzug ectscheint. Ich sah dann den Jungen, wie er eine halbe Stunde später mit flammenden Wangen, mit leuchtenden Augen, die Stiege herunter, aus den Vater zustürzte, den weißen Assentierungsbogen wie ein ausgezeichnetes Schulzeugnis triumphierend in der Hand: er hat auch vor dieser Kommission brav bestanden, es ist tauglich.

Und viele, viel« andere kommen die Stiege herunter wie er. Den weißen Bogen in der Hand. Neun von zehn. Es ist ein gutes, kräftiges, feuriges Gewächs: der Jahrgang 1894, 1893 und 1892. Und viele, viele andere Eltern sind da, Väter, Mütter und auch daran merkt man, worum es jetzt geht, auch dies ist anders als honst. Frauen sind da in Umhängetüchern, mit bloßem Kops. Wiener Bürger. Und sie sagen, dreimal habe ich während der bangen Minuten des Wartens dasselbe gehört:Gr hat zwar ein' kleinen Herzfehler, aber. . ." Aber, meine Lieben, Eure Sorge und die Bangigkeit Eurer Elternliebe hoch in Ehren Eure Söhne haben trotz deskleinen Herzfehlers" das Herz auf dem rechten Fleck. Diese Jungen! Diese prächtigen Burschen ich liebe sie schon mit väterlichen Gefühlen. Was werben ihre Augen sehen! Nicht daran denken! Wer ein Mick in ihre Wgen ist wohl gestattet: und drinnen flammt es strahlend hell, darinnen ist nichts von Kriegsgreuel zu lesen, nur bas jauchzende Leuchten des Sieges.

Das wollte ich sehen. Darum war ich gekommen. Und kann nun gehen. Schlendere durch die Straßen, in denen die Geschäftig­keit des Mtags jagt und hashet »nd schreit, als gäbe es kein eit Krieg, als würde nicht eine halbe Gebstunde davon feierlich der Eid auf die Fahnen geschlvoren. Gehe. Schlendere. Bis mich plötzlich aus dem Stefansvlatz der Marsch einer Trompete aufreißt: da sind sie tvieder! In strammen Achterreihen kommen die Assen­tierten die Kärutnerstraße herab. Die Hüte von den gold- und silbernenSträußerln" umbuscht. Weiß-rot schwingt eine Fahne über ihnen. Um sie wie ein Zauberwort und schützendes Geleite das altösterreichische Sicgeslied vom Vater Radetzky. So ziehen sie singend durch das Spalier der Bürger, jubelnd, jauchzend: Uns haben'? g'halten", so ziehen sie morgen in die Kaserne und weiter ins Uebungslager nach Bruch und weiter in den heiligen Ernst zur Vollendung, Gott sei mit.ihnen!

DerGrand mit vieren" im Schützengraben.

Unser Hamburger Mitarbeiter schreibt uns: Es war in der Äektrischen Straßenbahn, die nach Uhlenhorst hinausfuhr.

Ter Wagen war überfüllt. Da stieg ein Krieger ern, ein Verwundeter, den linken Arm in der weißen Bind?. Er atng in

den Wagen, stellt« sich in den Gang und hielt sich nrit der ge­funden Hand am ledernen Griff fest, der von der Decke hin», Vorher aber grüßte er noch einen Offizier, «inen Haupsinan» der Reserve, der in der Nähe saß.

Der Wagen zog heftig an, es zuckte ein wenig im Gesicht des Soldaten. Sogleich stand der Offizier auf und bot dem Soldaten den Platz an. Der Krieger tvurde rot bis zum Mützen­rand. Verlegen lehnte er ab. Aber es half ihm nichts. Schließ­lich sab er und der Hauptmann stand vor ihm, di« Hand im Lebergriff, und beugte sich ein wenig zu dem Verwundeten htnabr

Na, wo haben Sie denn Ihren Schuß abgekriegt?" fragte er freundlich.

Zu Befehl, Herr Hauptmann," entgeaenete der Soldat und legte die gesunde Hand respektvoll an die Hosennaht,in Frank­reich ... im Schützengraben!"

Er sprach ein wenig frankfnrterisch. Gemütlich und nett anzuhören.

Erzählen Sie doch mol, wenn Sie mögen," bat der Haupt­mann und schob freundlich die Hand des Soldaten von der Hosen­naht fveg. I

Und der Soldat wurde zutraulich und erzählte von Marsch und Schlacht. Und sagte schlleßlich:Schtundelang und tagela^ habbe mer in de Schützegräbe gsesse un hatte nix zu schieße!"

Und was haben Sie da gemacht?"

Nu... Schkathammergespielt, Herr HauptmannI"

Skat?"

Wenn Sie's net glaube woNe... da sehn's her, Herr Haupt­mann !"

Und er holte mit der gesunden Hand einen abgegriffenen, schmutzigen Skatblock aus der Tasche, bedeckt mit Zahlen, Zahlen, Zahlen.

Der Hauptmann lachte.

Die reinen Donnerwetters seid ihr doch, Kerls!"

Nun lacht auch der Verwundete.

Ja... und hinner uns da brummte die schwere Artillerie!"

Der Haupttuaun blickte immer aul den abgegriffenen Skatblock.

Net zu säge, Herr Hauptnrann, was ich für e Mordspcch gehabt Hab. Immer verlöre un immer verlöre! Un als mer schon abrechne wollte, da krieg ich mit einem Mäl 'n Grang mit Vieren in de Hand. Schwarz hätt ich ansage könne, Herr Haupt­mann. Un grad wie ich's Maul aufmache will... da müsse die Franzosche aus den Gedanke komme loszuschieße! Tie Karte Ham­mer in den Dreck schmeiße müsse: so schnell sind mer aufgesprunge! Das vergeh ich dene Franzosche im Leben nit, daß sie mir meinem Grang mit Bieren weggeschosfe habbe, Herr Hauptmann! Na... da Hab ich aber net schlecht geschosse. Stücker zehn Hab ich aus'M Gewisse: wenn ich beschcide zähle tu. Bis ich dann selber eine fitze hatte... na, da habbe se mich erscht nach Frankfurt und dann nach Hamburg gebracht..... K. K,.

Aus englischen Feldpostbriefen.

Tie von unseren Feinden verbreiteten Schauermärchen Über die Grausamkeit der deutschen Truppen stehen in seltsamem Gegen­satz zu der Erzählung eines englischen Feldartille- risten, die derDaily Telegraph" veröffentlicht:

Unsere Batterie" heißt es in dem Feldpostbriefhatte die letzte Salve abgefeuert. Ti« Deutschen waren nur noch hundert Meter vor uns. Jetzt kam der Befehl: Rüchug, rette sich, wer kann! Es war ein wunderbar schöner, aber schmerzlicher Anblick, Pferd«, Menschen und Kanonen im Wettlauf um ihr Leben zurückstürmesi zu sehen, während die Granaten über ihnen platzten. Die Deutschen kamen heran und ich lag hilflos auf der Erde. Ein Soldat setzte mir die Bajonettspitze auf die Brust und forderte mich auf, mich zu ergeben. Ich antwortete:Nein!" Da fiel ein Offizier dem Soldaten in den Arm und sagte:Lassen Sie ihn, die Engländer sind tapfere Kerle." Tann verband er meine Wunden, gab mir Kognak und Wein." Ein anderer britischer Soldat wundert sich darüber, daß die Deutschen auch im Krieg singen und unter den Klängen der Regimentskapelle zum Sturm vorrücken.Wir lagen im Schützengraben und hörten auf einmal aus den Rethen der Feinde die Klänge einer Militärkapelle. Im selben Augenblick begannen sie auch unsere Stellung zu stürmen. Wie sonderbar, daß die deutsche Infanterie mit Musik vorgeht I" Tommy Atkins scheint also den freudigen Kampsesmut unserer Truppen nicht zu verstehen, wohl weil er selbst ihn nicht kennt. Derselbe Brief­schreiber urteilt über unsere Artrllerie:Sie ist mehr als gut, st« schießt vorzüglich. Doch der englische Soldat ist derarttgen Ein­drücken wenig zugänglich, selbst wenn mit gewaltigen Sprengmassen gefüllte Granaten neben ihm platzen und Krater in die Erde reiften- groß genug, um fünf Pferde darin zu begraben. Wir nennen diese Dinger, wenn wir sie ankommen sehen,Kohlenkästen", ehre schwarze Maria" oder nach dem Boxer einenJack Johnson"." Ein Dragoner vom 4. Regiment berichtet seinen in London lebenden Verwandten folgendes:Unser Unglück begann, als wir unter dem Befehl General Bllenbys den hartbedrängten linken Flügel unterstützen sollten. Tie Pferde wurden uns unter dem Leibe erschossen; wir liefen unserer Schwadron eine Streck« zu Fuß nach, bis wir einige herrenlose deutsche Pferde aufgriffen, die alle am Zügel bte KennzeichenK4" trugen. Doch wenige Minuten