438
Um sich von keinem anderen zuvorlommen zu lassen, Warsie auch schon auf dem Wege zu der von ihr bezeichneten Stelle. Äber noch ehe sie den Schreibtisch erreicht hatte, gab es da ein Klirren und Klingen.
Die Nähe der Toten vergessend, rief Fanni mit einem Nusdruck ärgerlichen Bedauerns: „Aber, Herr v. Reibnitz h-, Mas haben Sie da gemacht? Wie kann man nur so ungeschickt sein! Die schöne Kristallslasche! Und nun ist natürlich alles ausgelaufen!"
Der Volontär stand neben dem Schreibtisch, den Blick starr auf die Glasscherben am Boden und die Lache gehestet, Pie sich rasch ausbreitete. „Ich — jch wollte Ihnen die Karaffe reichen," stammelte er. „Ta glitt sie mir aus der Hand. — Man muß das beseitigen, damit der Baron nichts davon bemerkt."
Joseph« hatte sich um Fannis Vorschlag ebenso wenig gekümmert, wie um den kleinen Unfall, der ihm gefolgt war. Sie hatte die Hände tvie die rasch entblößten Füße des Kindes gerieben, und jetzt nahm sie es von der Ottomane auf.
„Wir brauchen uns ihretwegen nicht zu ängstigen," sagte sse zu her erschrockenen Margarete. „Solche Ohumachts- änfälle hatte sie öfters. Jch weiß schon, was da zu tun ist. Kommen Sie mit mir in ihr Zimmer hinüber."
7. Kapitel.
Die beiden Halbblüter dampften, als gegen 5 Uhr nachmittags der Wagen des Barons wieder vor dem Klein-Ell- vacher Herrenhause hielt. Sie hatten die anderthalb Fahr- ,Minden von der Kreisstadt Waldenburg in kaum der Hälfte dieser Zeit zurückgelegt, und für Bardelebens drängende Ungeduld war eS doch immer noch nicht schnell genug gewesen.
„Sorgeg Sie, daß die Gäule gut abgerieben werden, Hilbert" Pies er dem Kutscher zu, als er heraussprang, „und sagen Sie Herrn Rudlosf, daß ich ihn in der Bibliothek erwarte!"
Gr warf dem Diener, der im Haustor stand, seinen Mantel fcu und fuhr sich mit beiden Händen durch den langen Vollbild
„Was Besonderes passiert? - — Besuch dagewesen ?"
„Nur der Herr Pastor und der Ortsvorsteher aus Reinswaldau, die dem Herrn Baron ihr Beileid ausdrücken wollten."
„Es ist gut. Wenn noch jemand kommt — ich bleibe in d?r Bibliothek. Gehen Sie in die Kanzlei hinüber und Litten Sie Herrn Tißmar zu mir. Oben ist doch altes unberührt: geblieben?"
„Zu Befehl, Herr Baron! Nur die Baronesse und die Dienerschaft haben von der gnädigen Frau Baronin Abschied genommen, wie der Herr Baron es angeordnet hatten."
Bavdeleben nickte und schritt auf eine der beiden Türen im Hintergründe der Diele zu. Sie führte in die Bibliothek, einen hohen, saalartigen Raum von ernstem, fast düsterem Uevräge. Gr gehörte mit seinen lebensgroßen Ahnenbtldern Ünd seinem schweren gotischen Mobiliar zu den Repräsentationsräumen des Schlosses und war von dem jetzigen Besitzer kaum jemals als Arbeitsraum benützt worden, obwohl sn dem erketartigen Ausbau an der Parkseite ein mächtiger Schreibtisch stand. Heute hatte Bardeleben befohlen, ihm die Post dorthin zu bringen, statt, wie sonst während seines Hierseins, in das Arbeitszimmer des oberen Stockwerks.
Er fand bereits einen ganzen Stoß von Briefen und Telegrammen auf dem Schreibtisch vor.
Die erste Depesche, die er erbbach, lautete: „In tiefster Seele erschüttert von Deiner Nachricht, die vorläufig noch kaum zu fassen vermag. Eintrefse morgen abend. Herbert Rasmussen."
Bardeleben knitterte das Blatt zu einem Knäuel zusammen und schleuderte es in de» Papierkorb.
Dann löste er ein zweites und las: „Werde soeben durch
S ein Telegramm geweckt. Bin ganz niedergeschmettert.
rlner, armer Harro und arme, kleine Dietlinde! Kann wegen der unerläßlichen Besorgungen erst übermorgen reisen Sobald die Zeit der Beisetzuna feststeht, erbitte telegraphische Nachricht. Gott tröste euch. In schme zlichsicr Teilnahme Jadwiga."
Das übrige schien für den Baron vorläufig kein Interesse zu haben, denn er schob Briefe und Telegramme un-- etöffnet beiseite. Schwer ließ er sich in den Armsessel vor dem Schreibtisch fallen und stützte den Kopf in die Hand. Er hatte während des ganzen Tages noch fast nichts gegessen,
aber schon mehrere Flaschen Wein getrunken. Darum sah sein Gesicht gerötet und gedunsen aus, und die Schläfen- adern lagen wie strotzend gefüllte blaue Stränge unter der Haut. Deln sonst immer tadellos korrekter Anzug lvar unordentlich, und wie zerrauft wirrten sich die Wellen seines dichten Blondhaares durcheinander. Mit halb geschlossenen Augen stöhnte er ein paarinat tief ans. Dann raffte er sich zusammen, denn es war an die Tür geklopft worden, und der Diener meldete, daß die von dem Baron befohlenen Herren da seien.
„Jch lasse bitten! — Guten Dag, Rudlosf! — Guten Tag, Herr Tißmar! — Bitte, setzen Sie sich! Jch habe Ihnen einige Anweisungen zu geben."
Keiner der beiden Eingetrctenen konnte sich sogleich entschließen, der Aufforderung Folge zu leisten. Es waren Männer in vorgerückten! Lebensalter: der große, breit- brüstige Oberinspektor Rudlosf der rechte Typus des mit seiner Scholle verwachsenen Landwirts — der Gutssekrctär Tißmar ein magerer und trockener Fünfziger mit eckigen Schultern und bebrillten Augen.
Der Inspektor fand zuerst den Mut, zu sprechen. „Herr Baron wollen gestatten, daß ich vor allem meinem tiessten Beileid —"
Bardeleben hob abwehrend die Hand. „Lassen wir das, meine Herren! Ich nehme den Ausdruck Ihrer Teilnahme für empfangen an und danke Ihnen dafür. Sagen Sie, bitte, auch den Leuten, daß mir alle Kundgebungen des Mitgefühls unerwünscht sind. }
Und nun zur Sache! Ich werde mich bis zur Beisetzung und vielleicht auch darüber hinaus um die wirtschaftlichen Angelegenheiten wenig oder gar nicht kümmern können, und üchl gebe Ihnen, lieber Rudlosf, für diese Zeit uiiunt«
S ränkte Vollmacht, nach! Ihrem Ermessen zu disponieren.
ie ich Sie kenne, setze ich als selbstverständlich voraus, daß sich drüben auf dem Hofe alles in bester Ordnung befindet. Slber es wird dvch vielleicht gut sein, wenn Sie noch einmal in eigener Person überall nach dem Rechten sehen. Dar Bruder meiner Frau unrd morgen abend auf Klein-Gllbach eintresfen, und es wäre mir nicht angenehm, wenn er etwas zu tadeln fände." *
Der Inspektor gab durch eine Bewegung seines wuchtigen Oberkörpers zu erkennen, daß er die Weisung verstanden habe. „Soll alles geschehen, Herr Baron! Sie dürfen versichert sein, daß der Herr Oberleutnant nichts auszusetzen haben wird."
„Passen Sie auch dem Hilbert gehörig aus den Dienst, und haben Sie ein scharfes Auge auf das übrige Stall-, personal. Wir werden in den nächsten Tagen die Gäule tüchtig herannehmen müssen. Und das nicht allein. Ich möchte bei den Leuten nicht gern den Glauben aufkvinmcn lassen, als würde Vvn nun an auf Klein-Gllbach ein schlafferes Regiment geführt werden als bisher. Heute und morgen darf jedenfalls noch nicht das geringste geändert werden an dem, was von meiner Frau angeordnet worden ist. Und Sie wissen damit besser Bescheid als ich, denn Sie wären ja wohl ln allen Gutsangelegenheiten das vertraute Werkzeug ihrer Befehle."
Rudlosf verbeugte sich wieder, wenn er auch diesmal nichts zu sagen wußte.
(Fortsetzung folgt.!
Zur Geschichte der vurg und Stabt Staufenberg an der Lahn.
Bon Dr. H. Bergör - Gießen.
(Fortsetzung.)
Die Verwaltung der Stadt Staufenberg lag in den Händen von Bürgermeister Und Rat, wie es auch bei allen Beschlüssen immer heißt: Wir Bürgermeister und Rat. Verfügungen und Ver- Ivilligungen gehen immer an Bürgermeister und Rat, die gewissermaßen eine juristische Person bilden. Das Ratskollegium! bestand aus dem Oberbürgermeister (1. Bürgermeister, dem Unter« bürgerineister (Vizebürgermeister) und den sechs Ratsherrcn. Die Wahl von Bürgermeister Und Rat findet alle Neujahr statt durch die „bürgerlichen Kührer", d. y. durch die wahlberechtigten Bürger. Die Aemter Iverden sofort verteilt: Zwei Ratspersanen werde» als „Bierschauer", »>vei als „Fleisch- und Brotschätzer", zwei als „Waldgever" bestimmt. Als Gehalt bezieht der l. Bürgermeister „12 Stausenberger Gulden" oder ,,10 fl. 12 Kr. rheinischer Wehrung". Mehr bringen die Diäten ein, zumal die Bürgermeister in den unruhigen Zelten — war doch fast 200 Jahre beständig Krieg — oft in Amtsgeschästen auswärts sein


