Kinderseele.
Roman twn Reinhold Drtmatut (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Me Baronin saß steif und teilnahmslos da wie vorher; wenige Minuten später aber gäb sie dadurch, daß sie sich von ihrem Strchle erhob, das Zeichen zur Aufhebung der Dafel. Me Herren küßten ihr der Reihe nach die Hand. Mer es ipar wohl nur Reibnitz, dessen Lippen sich fest auf ihre kühle, blasse .Haut preßten, wie sie auch nur ihm ihre schmalen Finger für die Dauer einiger Sekunde» überließ.
Bardelcben hatte in seiner lebhaften Art den Arm des kleinen Sanitätsrats genommen, um ihn irgend etwas zu fragen, und er bemerkte es deshalb picht, daß seine Frau dem Volontär während der Handkusses einige rasche Worte ufliisterte, die er nur durch einen hingebungsvollen Anflick und ein zweimaliges energisches Nicken erwiderte.
Gleich daraus hatte sich die Tür des Rauchzimmers hinter den drei sperren geschlossen, und fast in demselben Augenblick schob sich von der anderen Seite her Dietlindes Figür- chen in das Zimmer. Sie hatte ein Päckchen Schreibhefte in der Hand und blieb unsicher neben der Tür stehen.
Da erklang mit schneidender Schärfe, die Margarete überrascht ausblicken ließ, die sonst so weiche Stimme der Baronin: „Run? Weißt du nicht, was sich schickt, wenn du zu deiner Mutter ins Zimmer trittst?"
Das Kind zauderte noch für einen Augeirblick; dann ging es auf die Mutter zu und neigte .den dunklen Kopf auf ihre Hand.
,zJch hoffe, daß ich nicht noch einmal nötig haben werde, dich an deine Pflicht zu erinnern. Jetzt lege Fräulein Oth- mar deine Hefte vor. An jenem Tische dort. Und antworte auf ihre Fragen, lvie sich'S gehört."
Sie ließ sich in einen ab>eits stehenden Klubsessel nieder und zündete sich eine Zigarette an. Dietlinde aber breitete auf dem ihr bezeichneten Rcbentische ihre Hefte aus, in der Rechensolge, die sie für geeignet hielt, der neuen Erzieherin einen cheberblick über ihre Leistungen zu verschaffen.
Margarete war übxrrascht von dem, was sie sah. Dies Kind mußte von ein,er erstaunlich geistigen Frühreife sein, oder man mußte es weit über das übliche Maß hinaus angestrengt haben. Mnn es ivaren durctfweg Arbeiten, wie sie sonst erst eine Zehnjährige zu leisten pslegt, und sie ivaren von der ersten bis zur letzten mit einer Sauberkeit gefertigt, die ihre Urheberin in jeder öffentlichen Unterrichtsanstalt zum Range einer Musterschülern! erhoben haben wiirde. Mit einem Interesse, dem sich freilich aufs neue ein Gefühl tiefen Mitleids beimischte, vertiefte sich Margarete in das Studium der Hesse, und sie nmrde erst durch das Wieder- erscheinen des Sanitätsrats tzezivungen, ihre Beschäftigung zu unterbrechen.
Der alte Herr kam allein aus dem Rauchzimmer und ging auf Frau v. Bardeleben zu, um sich von ihr zu verabschieden. l
„Me Zigarren Ihres Herr» Gemahls sind zwar ebenso verführerisch wie seine Liköre," sagte er, „aber ich möchte in Reinswaldau noch ein paar von den Schmerzenskindern unter Meinen Patienten besuchen, denen nicht mehr zu Helsen ist. Es verschafft diesen Aermsten manchmal eine ruhigere Nacht, wenn sie das Gesicht des Doktors ani Abend noch einmal gesehen haben."
„Sie sind ein unverbesserlicher Ntenschenfreund, .lieber Sanitätsrat. Wie man nur in Ihren Jahren noch so schlvach sein kann! Ich glaube. Sie bringen es yicht einmal übers' Herz, mich wegen meiner verbotenen Zigarette zu schelten."
„Ich sollte es wohl, Frau Baronin. Sie wissen, wie sehr Sie sich damit schaden." J
„Ach, lieber Doktor, es kommt darauf nicht mehr sonderlich an. Mer einen ärztlichen Rat möchte ich vor Ihrem Fortgehen doch von Ihnen haben. Wollen Sie mir drüben noch einige Minuten schenken?"
„Ich bin ganz zur Verfiigung," versicherte er und folgte der Voranschreitenden zur Tür.
Als er an Margarete vorüberkam, reichte er ihr zum Abschied die Hand. „Gute Nacht, Fräulein Othmar! Träumen Sie etwas recht Angenehmes. Sie wissen ja, was »nah in der ersten Nacht unter einem fremden Dache träumt, ist von besonderer Bedeutung. — Ein ausgezeichneter Manu, Ihr Herr Bater. Ich habe alle seine Schriften gelesen."
Sie lächelte ihm dankbar zu, denn es tat ihr wohl, daß er das Bedürfnis fühlte, ihr etwas Freundliches zu sagen.
Dann war sie mit Metlinde allein. Aber mitten in einer Frage, die sie an das Kind richtete, schrak sie zusammen,> denn sie hörte die Stimme des Barons so deutlich, wie wenn er dicht hinter ihr stände, und sie gewahrte erst jeht, daß der Sanitätsrat versäumt hatte, die Tür des Rauchzimmers wieder hinter sich zu schließen.
Gegen ihren Willen mußte sie so vernehme», wie Bardeleben sagte: „Ersparen Sie sich alle faulen Ausreden und Entschuldigungen, mein Bester! Ich bin vorhin drüben in Reinswaldau gewesen und habe mit dem Bater des Mädchens wie mit dem Mädchen selbst gesprochen. Es ist eine Schmach! Und Sie können sich wohl denken, daß ich nicht gesonnen bin, dergleichen aus meinem Grund und Boden zu dulden."
Margarete war in tödlichster Verlegenheit. Sie konnte doch unmöglich hingehen, um die Tür zu schließen, und eben- soivenig wagte sie, vor der Rückkehr der Baronin mit Met- linde das Zimmer zu verlassen. Eifrig, fast ohne zu wissen, was sie sagte, begann sie zu dem Kinde zu sprechen, und so verstand sie denn auch glücklich nichts von dem, was Reibnitz dem Baron erwidert hatte.
Bardelebens ehernes Organ aber machte alle ihre gutgemeinten Anstrengungen zuschandem „Jugendliche Unüberlegtheit? — Kominen Sie mir doch nicht damit! Einen


