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den Druck ihres enttäuschten, eins«,wen Herzens lösen und die Maske der Starrheit und Unbewegtheit aus ihrem Gesicht wegwischen, die wie ein Krampt darüber gelegen hatte.
Sie weinte, trotzdem sie wußte, daß es so am besten war und sie sich nie hätte anders entscheiden können. Nein, dachte sie unter Tränen, wir sind »zu lange unser« Wege sür uns gegangen. Und da findet man nicht so.einfach zu einander zurück, wie inan denkt. Das Heute läßt sich nicht mehr an einen Tag knüpfen,, der so weit hinter einem liegt. ‘
Währenddessen stand Erich Bodmer an der nächsten Straßenkreuzung und brannte sich eine Zigarre an.
Mit einem Kopsschütteln ging er dann langsam weiter. Er konnte nicht recht mit sich ins Reine komnien.
Das verstehe, wer kann! brummte er vor sich hin. Aber wie ich ein Mensch in so kurzer Zeit auch so verändern kann! Das ah doch alles schon ganz verteufelt nach alter Jungfer aus!
Brief und Postkarte.
Bon Alexander v. Gletchen-Rußwurm.
Was wir heute an sreundschastlichen Grüßen mit Verwandten Und Bekannten austauschen, was an gegenseitigen Schreiben den Geschäftsverkehr oder die gesellschaftlichen Verbindungen unter Privatpersonen ausrechterhält, wird dem buchstäblichen Sinn des Wortes „Brief" wohl mehr gerecht als alle Gefühlsergüsse und alle Weitschweifigkeilen früherer Zeit. Denn das Wort „Brief" stammt vom lateinischen „breve = kurz" ab imb_ bildete sich, als die mittelalterliche Kulturwelt eine deutsche Sprache schuf, wohlgeeignet zu gebildetem Verkehr.
Ja, kurz sind vor allem jene Briefe, die in der Reisezeit zwischen den Mitgliedern eines auseinandergeflatterten Kreises hin- und hergehen, und noch kürzer gefaßt wird der Stil auf einer Kostkarte, deren verlockendes Bildchen meistens mehr erzählen soll als die Begleitsätze des Schreibens.
Nichts ist so charakteristisch sür die Lebensanschauung einer Zeit als die Art und Weise, mit der die Menschen einander schreiben, mögen sie sich geben, wie sie sind, oder kräftig posieren. Denn unter der Pose steckt immer etwas vom Idealbild einer Generation und immer recht viel von der wahren Persönlichkeit. Der Unklare wird stets unklar, der Aengstliche stets ängstlich, der Zere- moniöse zerenwniös schreiben, und nur einem ganzen Menschen wird «in ganzer Brief gelingen. Daß die Gegenwart den kurzen Brief und noch mehr die Postkarte bevorzugt, soll man nicht als eine Unhöflichkeit des Herzens bezeichnen, sondern als vollständig gerechtfertigten Ausdruck unserer Wesensart, die auf das Rasche, Prägnante, Unverschnörkelte hinausgeht, in jeder Beziehung. George Sand, die nach mancher Richtung zur modernen Zeit über- lestet, schrieb einmal, man möge ihr langes Geschwätz entschuldigen, denn sie habe keine Zeit, sich kurz zu fassen. Es ist garf nicht leicht, aus einem unserer kleinen Briefbogen oder auf der Adressenseite einer Postkarte wirklich etivas mitzuteilen. Man muß schon seinen Stil fest in der Jeder und seine Gedanken klar geordnet im Kops haben. Die klassischen Beispiel« schöner Briefe von Plinius bis zu Mme. de Sevigns und von Alcuin bis Goethe sind Literatur geworden, die neue Form für das neue Leben inüssen lvir Uns hier selbst schaffen, wie für vieles andere auch.
Als Stockhausen im 18. Jahrhundert die „Grundsätze wohleingerichteter Briefe" aufstellte und Gellert manches schrieb vom „guten Geschniack in Briefen", mußten die Gebildeten vor dem Ulmatürlichen und wunderlich steifen Briefstil gewarnt tverden, der sich seit denr „neuen vollkommenen Canzlei- und Titelbuch rethorischer jetztiger canzleiischer Zierlichkeit" überall verbreitet hatte. Davon find tvir iweit cnffernt, da und dort wünscht man, sogar etwas verbindlichere Form, wenn auch glücklicher,veise der Titel- hmfug an Platz- und Zeitmangel eines langsamen Todes verbleicht. Aber die Empfindsamen gerieten in jene Ueberschwänglichkeit, die beinahe noch ärger war als die steise Zierlichkeit. Nur ganz hervorragende Menschen standen über solcher Zeitunart und erhoben sich zu Briefwechseln^ die noch heute zur schönsten Lektüre gehören.
'Aber, Hand aufs Herz, könnten und wollten auch wir ebensolche „Korrespondenzen etablieren", wie man damals sagte? Könnten wir uns eine Sports-Girl und einen jungen Herrn der Gegenwart vorstellen, die mit deni Füllfederhalter sich Rechenschaft deben über ihr Inneres und ihre Stellungnahme den verfchiedeir- sten abstrakten Begriffen gegenüber? Wir unterhalten uns auch anders zusammen als die früheren Generationen, denen Gespräch >und Bries oft die einzige Möglichkeit boten, lebendige Eindrücke von außen zu bekommen. Und die Sprache des Briefs muß sich der! Lebendigkeit mündlicher Unterhaltung annähern, so daß man den sSchreibenden vor sich zu sehen und zu hören glaubt. Freude befreiten Nur wirklich persönliche Briefe, die weder einen druckreifen Noch einen verschlampten Eindruck machen.
' Die Aussprache von Herz zu Herz, der sogenannte Liebesbrief, der seit den« Altertum zarte Beziehungen vermittelte, hat im Lauf der Jahrhunderte äußerlich manche Wandlung erfahren, wenn auch der Kern des Inhalts sich gleich geblieben ist. Ob man sein Billett nach den Regeln schreibt, die Ovid in der Liebeskunst gegeben hat, ob man verfährt. Wie es das 17. Jahrhundert wollte, nach dem
Büchlein „Neuaufgerichtete Liebeskammer, darin allerhand höflich« verliebte Sendschreiben an das löbliche und anmutige Frauenzim« mer abgefaßl und beantwortet sind", oder ob man eine Postkarte mit tausend Grüsse» und Küssen beschwert, Zweck und Erfolg sind ini Grund ganz dieselben.
Als vor beinahe 50 Jahren aer preußische Reichspostmeistev die erste Anregung gab, zur Erleichterung des brieflichen Verkehrs offene Postkarten ernzusühren, ging ein Sttlrm der Entrüstung durch alle ängstlichen, gesühlsreichen und in sich abgeschlossenen Menschen, die eine Prosanierung geheimer Bezrehungen vor einer, wenn auch beschränkten Oeffentlichkeit fürchteten, und der Antrag wurde zunächst abgelehnt. Einige Jahre später gab ein Feuilleton in der „Neuen Freien Presse" Veranlassung, daß die Postkarte in Oesterreich eingeführt wurde. Ten ersten Triumph feierte sie aber im deutsch-französischen Krieg als leichte und schnelle Vermittlerin 'zwischen Feldlager und Heimat.
Fast unwahrscheinlich erscheint es heute, daß nmncher besorgte Familienvater die Postkarte im eigenen Dause verbot, daß sie lange im sreundschastlichen Verkehr als unhöflich galt. Und daß sie nicht geeignet schien, gesellschaftliche Beziehungen aufrecht zu erhalten.
Heute hat sie zu einem großen Teil das Gebiet der Brief« erobert. Sie ist künstlerisch und belehrend geworden, sie erinnert an alles, was wir auf Reisen sehen, was wir an besonderen Ereignissen miterleben, und was sich an Kunstwerken unserem Gedächtnis eingcprägt hat. In der Auswahl der bunten Bildchen kann sich die persönliche Note des 'Absenders fast so gut wie in einam Brief bemerkbar machen. Man kann sie Fernstehenden und Nahestehenden schicken. Sie erinnert die Menschen aneinaiwer und verpflichtet zu nichts. Ihre Verbreitung gehört zu den hervorstechendsten Zeichen der Zeit. !
In meinem Archiv befinden sich die Briefe, die Alerandech von Humboldt von seiner Weltreise an meine Großmutter schickte^ Wo ihm das Wort zur Beschreibung nicht genügte, fügte er kleine Blätter init Aglwrellmalerei hinzu, dort einen eigenartigen Baum, hier eine Bergform festzuhalten. Heute sendet man von den fernsten Erdteilen die illustrierte Postkarte, oft in so schöner Ausführung/ daß ein kleines Kunstwerk den Empfänger erfreut und die Sammlung dieser flüchtigen Grüße rechtfertigt. Durch ein feines Wort/ durch eine sinnige Betrachtung können nnr auch diesenr Massenartikel den individuellen Zug verleihe,r, den man für alles herbei- fkhnt, gerade weil die Zeit ihn mehr und mehr zu verwischen drohte
Dieser fiidividuelle Zug, der einst die Welt der „schönen Briefe" erfüllte, sollte ivieder die Korresvondenz der Gebildeten beherrschen/ Es ist Frauenamt, diese feine Kunst zu pflegen und auch den vielbeschäftigten Mann darauf hinzuweisen, daß der kürzeste Brief/ die eiligst hingeworsene Postkarte ettvas geben kann, das über die orientierende Nachricht hinausgeht, das Gemltt berührt oder den Geist beschäftigt.
Bon allen anderen Briefen aber, die praktischen Bedürfnissen dienen und keinen sentimentalen oder gesellschaftlichen Beziehungen gewidmet sind, sollte immer Schillers Wort aus Wallen- stein gelten: „Der Brief bat Händ' und Füß'". Die freundschaftlichen, die verliebten und die plaudernd erzählenden sollten jedoch' Bürgers Wort wahr machen:
Briefe leben, atmen warm und sagen Mutig, was das bange Herz gebeut.
Selbst wenn sie nur in eiger rllustrierten Postkarte bestehe«.
vüchertisch.
G r i e b e n s Reiseführer. Band 95: Ahlbeck, Heriugs- dorf und Bansin, 16. Auflage. Mit zwei Karten. Preis 60Pfg. Verlag von Albert Goldschmidt, Berlin IV. 85. Rcchtzeifig zum Beginn der Reisesaison erschien die 16. Auflage des Führers „Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin" in der rühmlichst bekannten Sammlung der Grieben. Die neue Auflage zeichnet sich »ach ihrer völligen Umarbeitung durch größere Uebersichtlichkcit aus, die im Verein mit den knappen, präzisen Angaben über alles für den Badegast Wissenswerte das Bändchen zu einem unentbehrlichen Ratgeber Uracht. Das sorgfältig revidierte Karteih- material ünterstüht den Text in zuverlässigster Weise,
SitatrnrStkel.
Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort z» nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt: -
1. Der Prophet gilt nichts i» seinem Vaterlande.
2. Halb zog sie ihn, bald sank er hin.....
3. Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern.
1. Cardinal, ich habe das Meinige getan: tun Sie da» Ihrige. 5, Ter Weg zur Holle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.
8. Ein edler Mensch zieht edle Menschen a».
7. Die ich ries, die Geister, wcrd' ich »u» nicht loS.
3. Dies ist die A»t. mit Hexe» umziigehe».
Auflösung in nächster Nummer.
Anslösung des Versteckrätsels in voriger Nummer:
Wer belehlen will, must gehorchen leine».
Redaktion: K SIeuratb. — Rotationsdruck und Vertag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Langem Gießen,


