Kinderseele.
Roman von Rcinhold O r t m a n N.
(Nachdruck verboten.)
I. Kapitel.
Das tcwlfe Laub raschelte unter den Husen der beiden Pferde, Sie im kurzen Galopp durch die herbstliche Park- Allee daherkamen, Tie Reiterin war ihrem Begleiter um ein gutes Stück voraus: aber das Tempo muhte ihr noch immer nick)! schnell genug sein, den» sie lieh ihre Peitsche in kurzen Zwischenräumen unbarinherzig aus die Flanke des schone», hochbeinigen Braunen niedersausen. Mit ihrer zierlichen, fast schmächtigen Gestalt, die noch kleiner erschien durch die Höhe des Tieres, hätte sie ganz das Aussehen eines jungen Mädchens gehabt, wenn nicht in dem schmalen, blassen Gesicht unter dem runden Reithntchen etwas unverkennbar Frauenhaftes gewesen wäre.
ES war ein seines, ungewöhnlich schönes Gesicht, aber von jener eigentümlichen, kranken Schönheit, die man nicht ohne eine Regung des Mitleids belvundern kann. Unter dunklen, hochgeschtvnngenen Brauen lagen die Lider schwer über den fast beständig halbgrschlosseneu Augen. Bon den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln herab zogen sich znaei scharf eingc- schnittene Linien, die nur ein langes körperliches oder seelisches Leiden dort cingczeichnet haben konnte.
Ta, wo ain Ende der Allee nach rechts und links schmalere Reiiivege abziveiglen, brachte sie mit einem iKtrboiC Zügelruck, der es unwillig ausbäumen machte, ihr Pserd zum Stehen und sah sich nach dem Gefährten um.
„Ter Gaul taugt wirklich nichts," ries sie ihin zu. „Nun sehe» Sic ja selbst, daß sich nichts aus ihm machen läßt."
tluter fleißiger Anwendung der Sporen !var der andere endlich heraugekoinnien, und der Aerger über die Schwerfälligkeit seines Tieres stand ihm deutlich ans den, Gesicht geschrieben.
,,Bedanke ungeniein, Frau Baronin, Ihnen zu dem Kauf geraten zu haben. Der Henker weiß, welche Kniffe dieser Svitzbubc von einem Roßtäuscher angewendet habe» inag. Mein Wort darauf: bei der Vorführung ging der Gaul tadellos."
Er sprach in dem etwas schnarrenden Ton, der noch hie und da bei jungen Offizieren beliebt ist, auch seiner Haltung war trotz des einfachen, grauen Reitanzuges die soldatische Gewöhnung unschwer anzusehen Aber der lange, hagere Körper des höchstens Sechsundzwanzigjährigen machte trotzdem de» Eindruck der Schlaffheit, und Vieler Eindruck wurde verstärkt durch die nervöse Müdigkeit und Abgespanntheit des magere», scharsgeschnittenen Gesichts.
„Sie brauchen sich den kleinen Mißgriff nicht weiter zu Herzen zu nehmen, Herr v. Reibnitz I Wenn etwa mein Rtann an üem Pferde etivas ansznietzen l)aben sollte, so brauche» Sie chm nicht z» sage», daß der Käus aus Ihre
Veranlassung erfolgt ist. Ich nehme die Verantwortung sehr gerne auf mich."
„Frau Baronin sind gütig lute immer!"
Die junge Frau lachte kurz aus. „Wirklich? Blu ich das? Sie pflegen sich doch sonst mit Vorliebe über das Gegenteil zu beklagen."
Seine hellen Äugen richteten sich init einem forschenden Blick aus ihr Gesicht. „Ja, freilich, wenn es sich darum handelt, daß — "
„Wir ivolleu zum See hinunter," fiel sie ihm in die Rede. „Sehen Sie zu, wie Sie es fertig bringen, mir nach- .zukommen."
Sie war bei dem letzten Wort schon loieder um einige Pferdelängen voraus, und wenn die Entfernung zwischen ihnen diesmal auch geringer blieb, war doch an eine Unterhaltung nicht zu denken. Statt der ivohlgepflegten Parkanlagen, durch die sie bisher geritten waren, hatte sie jetzt das Halbdunkel eines unter dem grauen Novemberhiimnel düster und melancholisch wirkenden Tan»enhochwakdeS auf« genommen. Länger als eine Viertelstunde mußten sie i» raschester Gangart ihren Weg verfolgen, ehe es vor ihnen zwischen den Stämmen wieder licht ivurbe.
Bleiern und regungslos schiunnerte eine weite Wasserfläche zu ihiPn Füßen auf, als sie den Waldrand gewonnen hatten Die Brauen der jungen Frau zogen sich zusammen, während sie ihren Blick darüber hinschweisen ließ.
„Dieser Zackestee ist doch das trostloseste Was er, das ich kenne," sagte sie. „Etwas Einladenoes kann er höchstens für Lebens überdrüssige haben. Finden Sie das nicht auch, Herr u. Rxibuitz?"
„Sie wissen, gnädige Frau, daß »nscrc Ansichten immer dieselben sind Aber wenn der abscheuliche Tümpel Sic so verstimmt, warum wolle» wir dann nicht lieber durch den Wald zurückreiten?"
„Weil ich keine Lust dazu habe. Lasse» Sie uns immerhin den guten Leuten in Reinsivaldau einige» neuen Stoff znm Gerede geben, indem wir ihnen vergönnen, uns zusam- me» zu sehen."
„Und wenn — wenn dies Gerede eines Tages bis zu Herrn v. Bardcleben dränge?"
■sie machte eine geringschätzige Bewegung mit den Schultern. „Fürchten Sie sich vielleicht davor, mein Herr Ritrer?"
„Fürchten? — Rein! — Ich habe ja keine» glühenderen Wunsch als den, daß die Leute lvirklich einen Grund hätten zu ihrem Gerede."
„Sie sind ungezogen, mein Lieber! Aus solche Art werden Sie es allerdings dahin bringen, daß ich Ihnen uiein Wohlwollen eines Tages ganz entziehe."
„Und ich schwöre Ihne», Iran Baronin, daß diese»- Dag zugleich der letzte meines Lebens sein tvürde."
Wieder lachte sie ihr kurzes, spöttisches Lachen, da? lveich und uwhlwoltend ntoc wie der Klang ihrer schönen, nur etwas müden Stimme. „Sie sind in Ihrer Feierlich»


