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Jedesmal Nopste ihr das Herz wieder, wenn sie an diese Stelle Tom. Ob sie wirklich nicht zn sehr gealtert war?
Sie trat vor den Spiegel und betrachtete sich ausmcrksaui prüfend , .
Seufzend versuchte sie sich mit der schmalen Hand die «lirn glatt zu streiche», lockerte die Frisur ein wenig, und ging daun an den kleine» Eckschrauk aus Mahagoni, iu dem sie allerhand Bändchen und Spitze» ausbcivahrte, wählte^ ein Jabot aus zartem Mull, steckte es vor, besah sich itriebn- im Spiegel und versuchte daun, wie eine Schleise aus Samtband ini Haar ihr zu Gesicht stände-
Vielleicht sah sie wirklich ein wenig streng aus in dem enganliegende» schwarzen Kleide?
Seit dem Tode ihrer Mutter hatte sie immer nur Schwarz getragen, und Schwarz machte doch ein wenig grämlich und alt.
Ob sic nicht besser ein anderes Kleid wählte, selbst wenn es nicht mehr nach der Mode war?
Sie schritt zum Spind im Nebenzimmer und begann ihre Garderobe zu mustern.
Wenn sie sich die Wahrheit gestand, mußte sie fid, sagen, daß sie sic in de» letzten Jahren doch ein wenig vernachlässigt hatte. Gut, daß sic darüber zur Einsicht kam. —
Den Morgen am Tage seiner Ankunst brachte sie in siebcr- haster Erwartung zu. Im gelben Zinimer, wo sie ihn empfangen wollte, stand ein Strauß von frischen Rosen aus dem Tische, und die Decke aus gelber Seide, die sonst nur an groben Feierz- tagen einmal aus der Truhe genommen wurde, leuchtete mit ihren wcißgestickten Blumen durch den sonntäglich geschmückten Raum. Prüfend ließ sie ihre Augen »och einmai durch das Zim- mcr schlvcisen und besah sich dann selbst aufmerksam ini Spiegel.
Sie halte sich sür das blaue entschiede». Nervös strich sie die weißen Azisschläge an den Acrmeln und am Halsausschnitt glatt, zupfte die Klövpelspitze zurecht, die beim Ankleiden ein wenig iu Unordnung gekommen war und musterte die neue Frisur, die sie seit einigen Tagen trug.
Langsam vergingen die Stunden.
Mit deni Frühzug war er nicht gekommen, und wenn er den Schnellzug, der eben vor Mittag eintraf, nicht benutzte, konnte sie ihn erst am Nachmittag erwarten.
Aber der Mittag verging, ohne daß die Klingel sich gv- rührl hätte.
Sie konnte bei Tisch vor Aufregung nichts genießen und ließ die Schüsseln unangerührt wieder abtrage», trotzdeni es ihr peinlich war vor dem Mädchen, soviel Unruhe an den Tag zu legen.
Aber sic konnte nicht anders.
Nervös drückte sie sich zu», soundsovielten Male die Frisur a» die Schläfe». Immer hatte sie ei» Gefühl, als wen» da etwas kn Unordnung geraten wäre. Aber das machte wohl das Un>- gewohute.
Ruhelos begann sie wieder von einem Zimmer ins andere zu wandern. Schließlich wollte sic sich zur Ruhe zwingen. Sie setzte sich i» de» Lehnstuhl am Fenster, blätterte in einem Roman und ließ ihre Augen über die Seiten lvander», ohne zu veri- stehen, was sie las. Tann klappte sie das Buch wieder zu, seufzte und nahm ihre Wanderung wieder anf.
Plötzlich läutete es. Sie zitterte so heftig, daß sie meinte, Umsinken zu müssen, und die Lippe» bebten ihr.
ES war der Bote aus der Chemischen .Wäscherei, der die Bluse zurückbrachte, die sie sich halt reinigen lassen.
Das ernüchterte sie, und sie lvurdc ein wenig ruhiger. Ueber- hauvt konnte er ja jetzt gar nicht kommen. Ter nächste Schnellzug traf doch erst um 5 Uhr 13 ein. Woher sollte er denn da jetzt mit cinemmale auitauchen? Der Gedanke beruhigte sie, und sie lächelte über sich selbst. i
Aber d/i läutete es wieder.
Sie war ärgerlich auf sich, daß sie abermals eiuen Schreck bekommen hatte.
Stirnrunzelnd blickte sie zur Stubentür hinaus und sah einen Fremden vor der Haustür im Windfang stehen.
Was sür ein Talent solche Menschen haben, immer zu ungelegener Zeit zu kommen! dachte sie unzufrieden und öffnete selbst.
Sie wünschen?
Verzeihung, sagte der Fremde, ein wenig verlegen über den To» der Anrede, Jakobine — oder muß ich heute Fräulein Rie- mann sagen?
Mein Gott! sagte Jakobine und erblaßte. Bitte, wenn Sie näheetretkn wollen? — Sic — gewiß — verzeihen Sie — ich habe Sie eben wirklich nicht erkannt! — Ich — Wollen Sie nicht näher treten? Erich Bodmer. nicht wahr?
Kein anderer! lachte er nun, ihr die Hand reichend. Haben Sie mich wirklich nicht gleich erkannt?
Da saßen sie nun in dem gelben Zimmer, in dem die Sonne so leuchtend hinter dem Grün der Geranien stand, die ihre Blätter wie kleine grüne Schirme gegen die Scheiben preßten, sahen aneinander vorbei und wußten nicht, was sie reden sollten.
Jakobine war innerlich wie erstarrt. Die plötzliche Enttäuschung, die ihr das Wiedersehen bereitet halte, war zu groß gcz- wesen Dieser Mann mit dem allznstarken Leibe, de» hervo» quellcnden, stark geröteten Backen, dem grauen Haar und der reichlich unbefangenen Weise, sich zu geben. — war Eric» Bodmer? Als sie ihn vorhin zuerst erkannt hatte, hatte skr die Empfind!,ng
gehabt, als wäre ihr die Zuglust, dir beim Oesfncn der Tür kühl über den Flur hinstrich, bis ins innerste Herz gedrungen, und nun saß sie da, als n>.«e alles in ihr erfroren, sagte ja,„,d nein und verbarg die lähmende Enttäuschung, die auf ihr lag, hinter einen, gezivungeneu Lächeln, das wie eine Maske auf ihrem Gesichte lag.
Erich Bodmer begann währenddes ahnungslos von seinen Erlebnissen zu plaudern, mit einer Stimme, die noch den alten Klang hatte.
Ich wußte nicht, ob ich wirtlich schreiben sollte? Na, zuletzt sagte ich mir, -warum eigentlich nicht? Daß Sic nicht verheiratet waren, hatte ich nämlich erfahren . . .
Sie hörte ihn, zu. ohne viel zu entgegnen, immer noch dasi starre Lächeln aus den Lippen. Niemals hatte sie sich vorocstcll», daß der Manu, dessen Bild sie die langen Jahre unverändert in ihrer Erinnerung bewahrt hatte, ihr einmal als ein ganz anderer, fremd gewordener wieder gegenllbertreteu könne. Aber nun fühlte sie mit schnierzhafter Deutlichkeit, aus jeden, seiner Worte, daß Erich Bodmer, der sie einst verlassen hatte, kaum eine Actzn- lichkeit mehr hatte mit dem, der heute vor ihr saß.
Es war nicht das Aeußere allein. Nein, der innere Mensch in ihm, der aus seinen Worten und Bewegungen sprach, sich in seiner Haltung, dem Blick seiner Augen, dem Ton seiner Sätze ausdrückte, war ein ganz anderer, als er sie erwartet hatte. Sie empfand das mit einer Schärfe, die keinen Widerspruch in ihr aufkommen ließ. Hatte sie sich vielleicht auch früher ein ganz falsches Bild von ihm gemacht? fragte sie sich. War er vielleicht nie so gewesen, wie sie ihn damals gesehen hatte? Hatte sic vielleicht während der langen Jahre der Trennung einq Vorstellung von ihm in sich genährt, die sich allmählich immer Iveiter von der Wirklichkeit entfernt, und ihm Züge verliehen hatte, die er nie besessen?
Erich Bodmer plauderte währenddessen unbekümmert von seinen Erlebnissen. Er sprach ein wenig nachlässig im Torr, hin und wieder ein englisches Work in seine Sätze mischend, und versuchte dos Peinliche d«S ersten Wiedersehens durch einen la,t- teren Sprechton, als er ihm sonst eigen war, zu verdecken. Aber im Grunde hatte er eine ähnliche Enrpsindung wie sie.
Wie sie gealtert ist, dachte er. Was doch zwanzig Jahre aus einem Mädchen machen können! Verteufelt ja, >ver hätte das gedacht?
Er vermied es,oh»c sich klar darüber zu s«n, lvarnm er es tue, eine Pause im Gespräch eintreten zu lassen, sprach hastig und mit einer übertriebenen Lebhasttgkeit, ohne sie veranlassen zu können, auf diesen Ton einzugehen. Sie blieb so einsitbig wie vorhin, von ihrer Enttäuschung wie unter einem Bann gehalten. Ihr war, als zöge sich ihre innere Welt in einem engen kleinen Kreis zusamncen, und ein Gefühl der Bcreinsamung überkam sic, die sie unter der Gewalt der Enttäuschung, die au; ihr lag, lvie eine Wohltat empfand.
Wenn er nur nicht auf die Werbung zu spreche» kommt, dachte sie zimschen seinen Worten in plötzlicher Angst.
Und nun wollen Sic einnkal die Heimat Wiedersehen, nicht wahr? Sie werden sehen, wir habe» allerhand Veränderungen im Städtchen gehabt!
Wirklich? lächelte er. Ich glaube, es werde» nicht allzuviel« sein, so konservativ lvie nick» hier ist? •
Auch er vermied es augenscheinlich, aus sttiie Werbung zu sprechen zu konimcn. Aber als er nach einer Viertelstunde aus- stand, begann er doch unvermittelt; 'Allzulange zu bleiben. habe ich allerdings nicht vor. Wenn ich mir Hoffnung mache» dürft«, daß Sie mich auf der Rückreise begleiten? Sie werden sehen, drüben in der neuen Well c—< —
Das war die Entscheidung. Nun niußte sie sprechen.
Ich danke Ihnen sehr, preßte sie heraus. Aber nicht wahr? Man kommt doch allmählich ein wenig in die Jahre. Und dann, ich glaube nstrklich, es ist zu spät. Vielleicht war es nicht recht von mir, aus Ihren Brief hin neulich Hoffnungen in Ihnen zu erwecken, die ich vielleicht doch nicht erfüllen könnte . , .
Sie brauchen sich ja nicht gleich zu entscheiden, antwortete er vermittelnd.
Ich konime wohl zu keinem anderen Entschluß, entgcgncte sie und mackste einen schwachen Versuch zu lächeln, um ihre Worte unbcsangc» und harmlos erscheinen zu lassen.
Auch er lächelte, aber ohne klar zu empfinden, warum.
Nun ich hofsc trotzdem, daß wir das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen haben, sagte er, wußte aber ebensogut nste sie, daß mehr sreundliche Höflichkeit, als der Wunsch, daß es so sein möchte, aus seinen Worten sprach.
Dann verabschiedete er sich und.ging.
Als sie die Tür hinter ihn> geschlossen hatte, lvandte sie sich langsam um, nahm das Buch, in dem sie vergeblich versucht hatte zu lesen, blätterte darin, als dürfe sie selbst die Dinge im Zimmer nicht merke» lassen, was geschehen lvar, und blickte dann verloren auf eine Stelle gegenüber an der Wand.
Es war totenstill im Zinimer. Nur der Nauarienvogel Knabberte leise au dem Stückchen Zucker, das sic ihm znnscheu die Stangen seines Käfigs gellcmml hatte.
Aber plötzlich glitt das Buch von ihrem Schoß, und aus ihrer Brust rang sich ein Seufzer los. tun ihr die Träne» löste, die unaushalttam über ihre Wangen strömte», als müßten sie


