406

Neugierige, die elivns sehen wollen, was selten genug ist, sind auf den Beinein

Es ist der .Hochzeitstag Dora BuchwaldS mit Bergrat Werner Spnlding. Für die Buchivaldschen Werke ist heute Feiertag; nur die unumgänglich nötigsten, für die Erhaltung der Werke erforderlichen Arbeiten werden verrichtet; sonst ist alles nur Festesglanz, Festesschmnek und Festesfreude.

In Dasburg hat am Vormittag die kirchliche Feier stattgefunden, bei welcher die Tausende von Arbeitern para­dierten. Jetzt, in den frühesten Nachmittagsstnnden, findet in Saarkirchen das Hochzeitsdiner im engen Kreise statt. Im festlich geschmückten Speisesaal des alten Herrensitzes sind um den Tisch mit dein Brautpaar vereinigt alle Haupw Personen: der alte Geheimrat Kersten, neben ihm der ge­nesene Sohn Lothar mit seiner Gattin Barbara Kersten. und als nächstwichtiges Paar der Held Gras Klinter mit seiner Braut, der kleinen Gräfin Rother.

Ja, er ist ein Held, der gute Graf Klinter, wie er sich das so lebhaft gewünscht hat, .und fver es nicht glauben, will, der betrachte die Rettnngsinedaille ans seiner Brust, diese eiiifache Medaille, die doch eine so ehrenvolle Auszeich­nung ist, weil sic besagt, daß der Inhaber mit eigener Le­bensgefahr gerettet hat. Die kleine Gräfin Rother blickt mit Stolz aus ihre» Bräutigam und aus seine Auszeichnung. Sie erinnert sich vielleicht daran, daß Fürst Bismarck auf keine seiner zahllosen Ordensdekorationen so stolz war wie ans die Rettungsmedaille, die er sich einst dadurch erworben, daß er als junger Offizier seinen Reitknecht vom Tode des Ertrinkens gerettet.

Auch Tante Sck>ottclius ist anwesend. Man mußte ihr aus vernm»dtschastlick)en Rücksichten eine Einladung zur Hochzeit schicken, und sie ist devsebtwn nachgekommen. Sie hat gleich nachdem das Brautpaar aus der Kirche kani, Werner mit herzlichen Worten Glück gewünscht und ihm gesagt:

Ich wußte, daß Sie Dora heiratcij würden, als Sie in daS Haus kamen, und ich habe schon in den ersten Tagen zu Dora gesagt: Den nimm, ivenn er dich haben will; mit keinem wirst du so glücklich werden wie mit diesem Manne."

Werner schüttelte ihr gerührt die Hand. Dora hatte cs bisher nicht für nötig befunden, ihn über die Intrigen zu unterrichten, welche die boshafte Frau gegen ihn gesponnen batte. Tante Schottelius hatte, als sie das Haus Doras ver­ließ, einen Augenblick daran gedacht, de» Bergrat bei den Behörden wegen seines Duells anzuzeigen; aber sie über­legte dann, daß sie das wahrscheinlich die Pension kosten würde, die ihr Dora zahlte, und deshalb unterließ sie es. Aber die Freuden der Hochzeit kostete sie vollständig aus, und sie tat, als ob zivischen ihr und Dora nie etwas vor­gefallen wäre.

Nachmittags, bevor es dunkel wurde, kam ein langer Festzug von Kindern mit Lehrern und Lehrerinnen, um dem Brautpaar Glück zu wünschen. Gegen Abend erschien der gesamte Musikverein, brachte eine Serenade, und die Mitglieder blieben dann als Gäste in Saarkirchen, wo sic sich an kalten Büfetts gütlich taten. Als es aber dunkel war, be­gann eine wahre Kanonade von Böllerschüssen. Bon der Theresien-Hütte her beleuchteten Scheinwerfer die ganze Gegend bis Saarkirchen, und dann rückten mit Fackel» und Lampen die Tausende der Arbeiter, geführt von den Be­amten, heran, um ihrerseits noch einmal Glück zu wünschen. Die Deputation der Beamten führten die neuernannten Di­rektor Lenste und Bcrginspektor Mandlick, die Deputation der Arbeiter der Oberschmelzer Wolter und Hartrop.

Werner ließ es sich nicht nehmen, mit Dora durch die Reihe der draußen aufgestellten Arbeiter zu gehen und be­sonders seine Begleiter beim Rettungswerk, die wieder ge­lesenen fünf Arbeiter, zu begrüßen, ebenso wie die Arbeiter von der Theresien-Hütte und der Justinus-Grube, von denen ihm so viele persönlich bekannt waren.

Mit Musik und dem Gesang der alten Bergmannslieder marschierte die endlos scheinende Kolonne endlich wieder ab.

Geheimrat Kersten trat zu Werner, den er glücklich in eine Ecke gezogen hatte, und sagte ihm.

Bon heute ab gestattest du mir das vertraulicheDu". Ich betrachte dich jetzt als zu meiner Familie gehörig. Und nun stoß an mit mir darauf, daß eine neue Zeit auch sür die Buchivaldschen Werke kommt und dasWeiberregiment" ein Ende hat!"

Ich will es tun, Onkel Geheimrat", antwortete Werner gertihrt;aber ich hoffe, du loirst mir mit Rat zur Seite

stehen, wenn ich jetzt allein die Leitung sämtlicher Werke übernehme."

Den Rat sollst du haben, soiveit du dessen bcdarjst", entgegnete der Geheimrat;aber ich glaube nicht, daß dir ihn nötig haben wirst Noch einmal: laß mich mit dir an- stoßen ans das neue Regiment, das jetzt ftir die Buchwald» scheu Werke kommt, und der Hiinmel segne dich und Dora!"

Treue.

Bon Wilhelm Scharrel mann.

Nein, war denn schon einmal so etwas dagcwesen? War cs nicht rührend und beispiellos?

Jedenfalls sprach man in der ganzen Nachbarschaft davon. Denn nachdem Jakobine so unvorsichtig gewesen war, Ada Kirchner ihr Geheininis anzuvcrtrauen, lvar es fein Wunder, wenn es nach drei Tagen niemand mehr im Städtchen gab, der nicht davon gewußt hätte!

Also darum >var Jakobine Riemann unvermählt geblieben, weil sie Erich Bodmer nicht hatte vergessen können, de» blonden, schmalen Jungen, der vor 20 Jahren nach Canada ausgewandert war und während der ganzen Zeit nicht ein einziges Lebenszeichen von sich gegeben hatte, so daß man ihn säst vergessen gehabt halte?

Aber nun war plötzlich ein Briej von ihm an JakobincnS Adresse gekommen? Und eine offen ausgesprochene Werbung stand darin?

Das war ja wie ein Märchen!

Allzuschwer mochte Jakobine die lange Treue ja vielleicht nicht geworden sein. Es inar ja ein ossenes Geheimnis, daß ihr Ver­möge» nicht sehr groß war, mtb wie die Dinge nun heutzutage einmal lagen, nicht >vahr? . . . Aber niemand hatte doch geahnt, daß sic auf Erich Bodmer wartete, der seinerzeit so plötzlich in die weite Welt gegangen war, als stin Vater starb und das Geschäft nicht zu halten gewesen war.

Freilich, wagemutig und unternehmungslustig lvar er gewesen, das mußte ihm der Neid lassen. Und nun war cs ihm ivirklich drüben geglückt? Sich mal einer an! Wer hätte das gedockn? Da kam er nun wahrscheinlich reich loie ei» Krösus zurück und hatte die kleine Jakobine Riemann nicht vergessen? Nein, wie das rüh­rend war! Allerdings, wie er seinerzeit dnrauf gekommen war, sein Auge gerade aus Jakobinc zu werfen, blieb ein Geheimnis. Sie lvar doch nie besonders atlsehnlich gewesen, und wenn er »itr hätte die Augen ordentlich ausmachcn wollen. Aber junge Leute waren ja mitunter rätselhaft, wirklich rätselhaft. Das geluugendstc ober war doch eigentlich, daß niemand davon gewußt hatte! Du liebe Zeit, so eine Heimlichtuerei! Daß Jakobine sich seit Jahren von allem zurückgezogen hatte, war ja richtig, und man hätte vielleläft dies oder jenes ahnen können. Mer schließlich war das doch eigentlich ganz begreislich gewesen! Einmal war damals ihre Mutter gestor­ben, und zum andern kam sie doch auch allmählich ein wenig i» die Jahre, ein wenig sehr sogar, lieber die vierzig war sie nun doch bestinnnt schon hinaus! Daß sie überhaupt noch heiratete! Aber natürlich! Run sie »och eine so fabelhafte Partie machen konnte? Aber vielleicht >r>ar es mit dem Reichtum Bodmers doch nicht so weit her? Nun nwn würde ja sehe», würde ja sehe»!

Jakobinc saß währenddessen ahnungslos i» ihrer Stube und las znni soundsovielten Male den Brief, den ihr der Jugendfreund geschrieben hatte.

Wenn Du noch dieselbe geblieben bist, und mich nicht völlig vergessen hast

Sie lächelte. Sic >var gewiß noch dieselbe wie früher. Hatte sie die langen Jahre jemals an einen andern gedacht?

Sie nahm eine verblichene Photographie ans einem Auszug« ihres Keinen Schreibtisches und betrachtete sie lange und innig.

Wie hübsch er doch lvar! Der schmale Schnurrbart stand ihm gut, und das braune Haar legte sich ihm weich an die «chläsen! Aber welche Energie die festgeschlosscnen Lippen verrieten! Ja, so lvar er imnier gewesen. Nicht lange gefragt, gezaudert und über­legt! Frisch hinaus in die Welt und zwanzig Jahre kein Wort von sich hören lassen, so daß sie seil Jahren an ihn nur ivic an einen Toten gedacht hatte. Wer eine heimliche Hosfnung des Wieder­sehens hatte sie eigentlich doch nie völlig verlassen! Run sollte sie plötzlich in Erfüllung gehen?

Das Herz stand ihr still bei dem Gedanken.

Freilich, wenn sie es sich überlegte es war eigentlich zwischen ihnen kaum zu einer Aussprache gekommen damals Aber etwas Unausgesprochenes war zwischen ihnen gewesen und das mochte sie wohl fester verbunden haben, als alle Gelübde. Auch am Abend vor der Abreise, als sie ihn zum letzten Male gesprochen halte, hatte er sie zu nichts verpflichtet.Leb wohl, Bine, ich weiß nicht, ob ich je wieder cttvas von niir hören lassen kann. Wer weiß, wie cs mir drüben geht? Wahrscheinlich werde ich nicht viel Zeit haben, Briese zu schreiben!"

So ähnlich hatte er gesagt. Sie wußte die Worte nicht uichr. Aber den Blick seiner Augen sah sie noch, und seinen Händedruck fühlte sie noch.

Wenn ich auch nicht reich bi», zu leben babe ich, und wen»

mein Jakobinchen mich noch mao"