Wriber-Negiment.
Roman von OSkar Klaußmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Aus dem Grnbcnptatze herrschte Kopflosigkeit und Verwirrung. Ungefähr 200 Mann der Belegschaft waren ans- gefahren, und mit schreckensbleichen Gesichtern standen sie iwr dem Zechenhanse, ivohl ivtssend, daß man ihrer Dienste bald bedürsen würde, um die abgeschnittenen Kameraden zu retten. Bon Beamten hatte Werner augenblicklich nur den Faürsteiger Oswald zur Verfügung. Er gab Beseht, die Beamten von der Nachtschicht zu wecken und schleunigst nach dem Bergtverk zu zitieren. Er rief telephonisch von der Kleo- sthas-Grnbe Beamte und Arbeiter heran lind gab außerdem oen Auftrag, daß von dort ans durch den Querschlag eine Kolonne vorzndringen versuche. Aber er erhielt die Antwort: „Ouerschlag mit Fließmassen vollständig versperrt. Fließ steht bis zur Firste. Fair KleophaS-Grnbe keine Gefahr: wir bauen Dämme. hilfstolonne geht sofort ab."
Werner versuchte, die Leute, die aus der Grube herausgekommen waren, auszufragen, um sich durch ihre Berichte einigermaßen orientieren. Aber die meisten Leute hatten eitlen solchen schreck erlitten, daß sie nichts Vernünftiges auSsagen konnten. Nur so viel wußten sie: sie hatten plötzlich ein Rauschen lind Brausen gehört, dann strich ein sckiarfer, kalter Luftzug >vie ein Wind durch die Strecken, dann gellten die Rufe: „Fließ, Fließ!" durch die Strecken und Hals über Kops liefen die Leute nach dem Füllort, um ausznfahren, da sie fürchteten, sonst von den Massen schwimmenden Gebirges abgeschnitten zu iverden. So viel stand fest: mit dem Tiefbau gab es keine Verbindung: nach dorthin hatten stcki ungeheure Massen von Fließ ergossen.
„Wir müssen hinunter. Die Leute, die mich begleiten wollen, vortreten!" rief Werner.
Sie traten alle vor, selbst diejenigen, die vor Schreck nnd Erregung nicht ganz richtig ans den Beinen sieben konnten.
Werner schied die Leute aus, die ihm gar zu angegriffen aussahen, und befahl den anderen, fiel) zum Einfahren wieder zurecht zu machen. Er selbst zog hastig das Gr libenzeng an und eilte dann hinaus.
Fm Laufschritt kam eine Kolonne von hundert Mann von der Kleophas Grube Hera», und Werner nahm die Beamten und zwei Oberhäuer mit. Die anderen Mannschaften ließ er oben in Reserve. Vorläufig konnten sie ihm nichts Helsen: sie tvaren ja da unten in den Strecken der JustinuS- Grube nicht orientiert.
Werner hatte nicht nur an die Rettung der Leute, sondern auch an das Bergiverk zu denken. Er eilte, nachdem der Füllort am unteren Eitde des Sck>achteS erreicht ivar, sofort auf die Grundftrecke, um zu sehen, ob das sckwim-
mende Gebirge sich nach dort hinunter und nach der Sumps- strecke zog. Wenn die Massen des Fließes bis in den Pum- pensod kamen, dann war das Berglverk verloren. Dmnr versagte die Wasserhaltungsinaschine, die nnterirdistben Wasser konnten nicht mehr abgezogen iverden, und eine neue Gefahr entstand, nämlich die, daß das Berglverk und die Mannschaften, die noch drin waren, ertranken.
Die Gefahr für die Sumpfstrecke und den Pumpensod ivar nicht drohend, aber ein Herabfließen der breiigen Massen doch möglich. Grünlich-gelbliches Wasser rieselte von dcit Bremsbergen, die zur Grundstrecke htnunterfiihrteck. Werner entgegerl, als dieser, so rasch es ging, seine Erkundigungen in den verschiedenen Strecken unternahm. Er schickte einen Mann zum Telephon am Füllort, damit nach oben gemeldet tvurde, es sollten fünfzig Mann von der Reserve zum Dammbatt herunterkomineu; es sollten Faschinen, Aeste, Reisig, Erde, Dünger, Sand hinuntergeschafst werden, um Schutzdümine zu erbauen.
Rack» einer weiteren halben Stunde konnte Werner fesk- stellen. daß es sehr schlimm im neuen Felde der FusttnnA- Grübe stand. Massen von mehreren Millionen Kubikmeter Fließ mußten in den Ouerschlag lst nein gebrochen sein. Sie hatten sich hier, dem Gefälle folgend, verbreitet, waren in Nebenstrecken eingedrungen, so daß ein Vordringen in den Ouerschlag hinein gar nicht möglich ivar.
Vielleicht steckte» aber noch Leute in dem vorlänflg ab- geschnittenen Teil. Leute, die zugrunde gel>«n mußten, tvetl sie ans Mangel an Luft erstickten Dtirch das Absperreni einer An,zahl von Strecken bis zur Firste war die ganze Wetterführung in, Berglverk gestört, und durch sorgfältiges Ausprobieren mußte erst festgestellt werden, lote die Wetterführung augenblicklich ging, und wie sie vieMickt umgeleitet und verändert werden koimte, um weiteres ItngfttdJ zu verhüten. >
Werner sandte Leute voll der Belegschaft der Jnstinus- Grube in die verschiedenen Strecken, damit sie Nachsätzen, ob das Fließ vorrircke und Ivelche Gegenden des Grube n- seldes abgesperrt tvaren. Dann eilte Werner selbst zir den? Füllorte zurück, um von dort aus telephonisch seine Befehle an die Erdoberfläche zu geben. »
Bo» dem Telephonapparat über Tage antwortete ihm der Geheimrat Kersten. der nnlerdes ebenfalls aus dem Grubenpiatze erschienen lvar.
„Wie steht es?" fragte er.
„Ich kann Flnien noch gar nichts sagen, Herr Aeheim- rat." antwortete Werner. „Rnr so viel steht fest: der Einbruch von Fließ ist ungeheuerlich Ich fürchte, lvir haben eine Katastrophe. Die Leute von der Nachtschicht sollen in dev Arbeiterkolonie alarnnert mtb hierher bestellt iverden Ah brauche vor allem Leute, die in der Grube Bescheid wissen Sehr besorgt bin ich lim die große Kolonne im Tiefbau. Sie lgiben dort ein Telephon zur Verfügung, mid dieses benützen sie nicht. Ich glaube nicht eininal, daß die Delephonkeitung durch c»a.s'Fließ zerstört ist. Wahrscheinlich ist die Kolonne


