358
erscheinen, daß er sich Hals über Kopf in Frau Mover verliebt hat." I
Frau Schottelius schwieg und warf nur vorsichtig Blicke ans das Gesicht Doras, in deni Röte und Blässe wechselten.
„Es ist kalt hier," sagte nach einigen Minute» Doraj mit etwas unsicherer Stimme; „ich gehe in mein Zimmer." Dann erhob sie sich und ging ausfallend rasch davon.
Frau Schottelius blieb hochbefriedigt zurück. Sie hatte an dem Abend, an welchem Dora den törichten Fackelzug veranstaltete, um dem Bergrat Spaltung eine unverdiente Ehre zu erweisen, wohl gemerkt, nüe sich Werner und Dora ansahen, wie feucht es in ihren Auge» glänzte und wie sie ihre Blicke ineinander versenkt hatten. Frau Schottelius wußte, wie sehr das Gemüt Doras zum Mißtrauen neigte und wie leicht es war, Zweifel in ihre Seele zu bringen. Mit dem Resultat des heutigen Abends konnte fie zufrieden fei», —i-- i
Kurz vor acht Uhr morgens hatte sich in der Nähe von Klinterfelde Werner von Frau Mover und Graf Klinker verabschiedet, um eiligst nach Hause zu reiten.
„Begleiten Sie mich noch etwas," sagte Frau Mover zu Klinter, als sie den Weg nach Jvershofen einschlug; „ich habe mit Ihne» etwas zu besprechen. Ich will »mssen, was mit Ihne» los ist. Mein Alter berechtigt mich, ein wenig die vorsorgliche Tante zu spielen. Eben erst ist es uns mit Mühe und Not gelungen, den Bergrat aus andere Gedanken zu bringen, und nun fangen Sie an, den Kopf zu hängen. Was ist los mit Ihnen, Herr Mas? Ich bin eine alte Frau, Sic können sich mir anvertrauen."
„Ich habe stets das höchste Vertrauen zu Ihnen gehabt, Madige Frau. Mstatteu Sie mir aber, vor allem dagegen zu protestieren, daß Sie sich eine „alte Frau" nennen. Sie tun mir-wehe damit, wenn Sie solche Worte gebrauchen, Und, ich wcitz es, nicht nur mir, sondern allen Ihren Freunden und Verehrern."
„Meinen Sie, daß ich deren so viele habe?"
„Ja, gnädige Frau, wer Sie kennt, mutz Sie verehren."
„Sie hätten die diplomatische Karriere einschlagen sollen, Herr Graf. Sie verstehen brillant auszuiveichen; Sie sollten von sich sprechen, und Sie reden von mir. Also: >vas fehlt Ihnen, warum hängen Sie den Kops'?"
Gras Klinter wurde verlegen.
„Ich wüßte nicht," sagte er, „daß ich kopfhängerisch wäre."
Er wollte wohl noch ctivas sagen, aber er schwieg wohlweislich.
„Ich merke es aber," entgegnete Frau Mover, „und ich meine. Sie haben doch gar keinen Grund dazu. Wenn ein Mann wie Sie um ein Weib wirbt, so braucht er wahrlich nicht zu gering von sich zu denken und nicht zu fürchten, daß er eine 'Abweisung erfährt. Wer diese Furcht, diese Aengsh- lichkeit ist ja das Zeichen der echten, wahren Neigung."
Gras Klinter sah vollkommen verblüfft auf und in daS Gesicht der Frau Mover.
„Gnädige Frau sprechen in Rätseln," sagte er.
„Die kleine Gräfin," fuhr Frau Mover fort, „au die Sie jetzt Tag und Nacht denken, ist doch nicht blind siir Ihre Vorzüge."
Graf Klinter war so betroffen, daß sein Pferd einen Seitensprung machte.
Frau Glover lachte.
„Das saß," meinte sie; „nicht nur der Reiter, sondern auch das Roß ist erschrocken. Und nun lassen Sie sich alles erklären, ich will Sie nicht auf die Folter spannen. Die wissen doch, die ganze Welt ist ein Fischerdorf, und während Sie in Berlin waren und mit der kleinen Gräfin Rother so oft zusammeukamen, als es nur möglich war, wurden Sie von einer mir befreundeten Dame, die auch mit der kleinen Rother bekannt rst, beobachtet, und man hat es mir gemeldet, daß Sie der kleinen Gräfin aus Tod und Leben den Hof machen."
Gras Klinter war ganz rot geworden.
„Gnädige Frau," sagte er, „Sie fehen mich so überrascht an, daß ich in der Tat nicht weiß!, was ich sagen soll. Ich möchte nur Protest erbeben gegen die Bezeichnung „auf Tod und Leben". Ich will nicht leugnen, daß mich die Gräfin Rother sehr interessiert, haß ich viel mit ihr zusammengewesen bin; aber vom Höfmachen bin ich weit entfernt."
„Warum?" fragte Frau Myver. „Sie brauchen doch nicht zu zögern und brauchen nicht zu furchten, daß Sie sich einen Korb holen."
„Sie vergessen eins, gnädige Frau," sagte Graf Klinter nicht ohne Mtterkeit, „ich bin ein Krüppel!"
„Erstens ist die Sache nicht so schlimm," meinte Frau; Glover, „und zweitens wäre das für ein weibliches Wesen, das liebt, niemals ein Hinderungsgrnnd, um einen Mann zu heiraten. Ich glaube, in diesem Falle empfindet eine Frait viel tiefer und zarter als der Mann."
„Gewiß, gnädige Frau," sagte Graf Klinter, „sind die Gefühle der Frauen in solchem Falle zarter als die dög Mannes. Aber ich will nicht Mitleid, ich fürchte mich vor! dem Mitleid. Ich habe an ettvas anderes gedacht."
„Sie wolle» Liebe," entgegnete Frau Glover. „Warum soll die Ihnen nicht zuteil werden? Ist die Liebe, die vielleicht aus Mitleid entsteht, minderwertig?"
„Für mich ja, gnädige Frau. Ich meine, solche Liebe kann keine Dauer haben. Ich habe mir immer sagen lassen, daß die Frau zu dem Manne ausseheii, daß sie ihn bewundern muß. Daranf aber habe ich in meiner Krüppelhaftigkeit keinen Anspruch. Kann sich jemand einen lahmen Heide» denken?"
„Seien Sie nicht so bitter, Herr Graf. Erstens könnte man sich das sehr wohl denken, dann aber brauchen nicht alle Männer Helden zu sein. Es ist ein Irrtum, wen» man annimmt, die Frauen schenkten ihre Liebe nur Helden. Wenn die Frauen klug sind, gehen sie sogar den Helden aus dem Wege; die haben ein zu großes Selbstbewusstsein, und daher auch ihre Mucken. Glauben Sie mir, tvenn ich Ihnen das sage; ich bin eine alte Frau, die ihre Erfahrungen hat."
„Gnädige Fra», Sie werden wieder behaupten, ich lenkte das Gespräch ab; aber ich mutz nochmals Protest erheben, daß Sie sich als alte Frau bezeichnen."
Im Nächsten Augenblick geschah ettvas so Sonderbares, daß Gras Klinter ganz verblüfft war: Frau Glover sitig an zir weinen. Zwei gewaltige Tränen lösten sich von ihren Augenlidern los und rollten über ihre Wangen, und daun begann die schöne Frau so zu schluchzen, daß ihr Pferd unruhig wurde.
„Gnädige Frau!" rief Graf Klinter ganz entsetzt. „Was ist geschehen? Ich trage doch nicht die Schuld an Ihren; Dränen?"
Barbara schüttelte energisch den Kopf.
„Sie haben mich um Vertrauen gebeten, gnädige Frau, und ich habe mich vertrauensvoll gegen Sie geäußert. Können Sie mir nicht sagen, was Sie drückt'?"
Frau Glover kämpfte herzhaft mit ihren Tränen und sagte dann:
„Oh, tvie töricht sind die Männer! Erst setzen sie uns! den Revolver aus die Brust, und toen» wir uns das nicht gefallen lassen wollen, dann setzen sie sich den Revolver selbst an den Kops und drohen mit Sclbstniord und solchen» törichtem Zeug."
Und wieder weinte Frau Glover, daß cs dem Grafen Klinter ins Herz schnitt.
Er wußte, jeder Zuspruch war in diesem 'klugenblicke zlvecklos. Er konnte auch nicht in die schöne Frau dringen, um sie zur Preisgabe eines Geheimnisses zu veranlassen, das sie anscheinend heftig drückte und ihr Inneres in große Verivirrung brachte. So begnügte er sich, stuinm neben ihr z>» reiten.
Man loar am Park von Jvershofen angelangt.
Frau Barbara machte Halt und trocknete ihre Tränen. Sie steckte das Taschentuch in die Seitentasche ihres Rett- jacketts und reichte ihren» Begleiter die Hand.
„Sie haben mich schlvach gesehen und in einem Zustande der Erregung und seelischen Verwirrung, der inir leider von den Verhältnissen und von» Schicksal ausgezwungeir wird. Sich, ich habe nie geglaubt, noch cininal in solches! Dilemma zu kommen. Ich bitte um Ihre Diskretion, ich vertraue auf Ihre Berschivicgeuhcit und Ihre Freundschaft. Sie sollen auch erfahren, um was es sich handelt; nur heute nicht, nur nicht, nur nicht jetzt. Und »>un, bitte, verlassen Sie mich. Meine Leute zu Hause »verdeu doch merken, daß ich geweint habe, und es soll nicht unnütze Rederei entsteheir, wenn Sie inich nach Hause begleiten. Man niinint sonst an, es hat zwischen uns irgend ettvas ftattgefuuden. Bleiben Sie mein Freund, Herr Graf. Ich brauche vielleicht in den nächsten Tagen so sehr Ihre Freundschaft und Hilfe. Ich habe hier keine Freundin; es niag an meinem etwas herrische» und selbständigen Wesen siechen, daß die Frauen mir nicht besonders geneigt sind. Ich habe keine Freundin, zu der ich mich aussprechen könnte, weder zu einer älteren noch zN


