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Wir können nnS jeden Morgen zeitig an bestimmter Stelle treffen," meinte Graf Klinter.

DaS wird auf die Dauer langweilig," sagte Barbara; immer und immer dieselben Wege zu reiten, macht keinen Spaß, ganz abgesehen davon, daß schließlich auch Gerede dadurch entsteht, wenn man NnS immer zusammen sieht. Ich meine, wir sollten morgen früh den Bergrat in seiner Villa abholen, und einen Ausflug nach Nordost machen, lieber- Morgen tönnen die Herren mich abholen, und wir machen einen Ritt durch meine Wälder. Am Tage darauf holen wir Sie in Klinterfelde ab und machen einen Rundritt, so daß wir den Bergrat wieder zeitig genug in seiner Villa ablie- fern können. Ich reite dann über Bahnhof Buchwald nach Hanse, und für Sie ist der Weg über Saarkirchen ebenfalls nicht weit. Sie müssen die Sache nur noch heute telephonisch mit dem Bergrat verabreden. Wir werden auch Veranlassung nehmen, den Bergrat in die musikalischen Uebungen zur näch­sten Ausführung hineinzuziehen, damit er abends zu einer Ablenkung gezwungen ist und sich nicht in sich selbst ver­kriechen kann."

Ihre Vorschläge sind die besten, die gemacht werden können," entgegnete Graf Klinter;ich werde nachmittags Bergrat Spalding telephonisch anrufen denn vormittags kann ich ihn nicht erreichen, da er im Bergwerk ist um ihm mitzuteilen, daß wir ihn morgen früh abholen. Wir Müssen dann allerdings schon um sechseinhalb Uhr vor seiner Wohnung sein."

Das tut nichts," erklärte Frau Glover,wir sind ja beide Frühaufsteher."

9. Kapitel'.

Die angebliche Erkrankung der Frau Schottelius an ihrem asthmatischen Leiden war eigentlich nur ein Borwand. Asthmatische Anfälle hatte die sonderbare alte Frau häufig. Die hatte freilich nichts dagegen, daß Dora um ihretwillen Nch plötzli ch zu einer Reise entschloß, und noch weniger sträubte sich Frau Schottelius, nach Berchtesgaden zu gehen, wo es ihr immer außerordentlich gut gefiel. Sie hatte dort ihre Bekanntschaften, und die Abwechslung, die der Auf­enthalt an einem anderen Orte brachte, war auch nicht zu verachten. Man lebte ja in Saarkirchen sorgenlos und in geradezu glänzenden Verhältnissen; aber das Leben dort wurde doch auf die Dauer einförmig. Seit langen Monaten war das Fest im Musikverein die einzige Unterbrechung des gleichmäßigen Daseins gewesen.

Daß aber Dora Hals über Kops abreiste, hatte seinen Grund darin, daß sie mit sich selbst einig werden wollte. Jene BMerkung, die Werner in ihrer Gegenwart zu dem kleinen Mariechen in der Kleinkinderschule gemacht hatte, löste einen Stnrni von Gefühlen in Dora ans. Ter erste Eindruck, den diese Ueberrumpelung Werners auf sie aus- tibte, war kein günstiger. Sie fühlte sich verletzt, sie fühlte sich so überrascht, daß sie eine Zeitlang ganz fassungslos war. Schon während der Rückfahrt nach der Thercsien-Hütte an Werners Seite sagte sie sich daß es das Beste sei, die Bemerkring Wernes zu ignorieren. Auf die Dauer aber konnte das nicht geschehen. Als sie zu Hause allein war, besonders abends, nachdem die Tante zur Ruhe gegangen war, verbrachte Dora geradezu qualvolle Stunden. Ihre Stimmung wechselte ununterbrochen. Wieder hörte sie die Worte ihrer Bruder:Gr ist ein Mitgiftjäger, er will dein Geld!" Aber sie hatte trotz ihrer Ueberraschuna doch beob­achtet, daß Werner über seine Aeußerung selbst sehr er­schrocken war. Sie fühlte, es hatte ihm jede Absicht bei dieser Bemerkung fern gelegen; sie war eben nichts als der Aus­fluß der Gefiihle, die ihn bewegten. Dieser Gedanke machte sie glücklich, aber nur auf Minuten; dann war das alte Mißtrauen wieder da. Dann kam die Erwägung, daß doch sein Vorgehen ein gar zu stürmisches gewesen war, daß er anfing, genau in die Fußtapfen seines Vorgängers zu treten. Dieses Mißtrauen sagte ihr, daß Werner bald zu deutlicheren Andeutungen übergehen würde, wenn sie seine Bemerkung ignorierte Sie fühlte sich ihm gegenüber so unsicher, daß ihr ein Wiedersehen mit ihm vorläufig unmöglich schien. Sie wollte ihn aber nicht verletzen, sic fühlte Mitleid mit ihm, denn sie hatte es ihin wohl gngefehen, wie nieder­geschlagen er war, als sie sich von ihm verabschiedete. Sie wollte ihre eigenen Gefühle auf ihre Echtheit prüfen, und das war am besten möglich durch eine Trennung. Wenn sie wochenlang fortblieb von der Heimat und von dem Manne, für den so viel in ihr spfiach, und ihre Gefühle dieselben blieben, dann >var ihr Empfinden echt. Wenn diese

Gefühle aber erblaßten, dann war e? auch möglich, sie zq überwinden Und auch er sollte durch ihre Entfernung Ge­legenheit haben, seine Gefiihle zu prüfen. Sic wünschte, er möchte sie vermissen, sie hoffte, er ivcrde ihre Abwesenheit schwer empfinden. War das nicht der Fall, dann waren seine Gefiihle auch nicht echt, dann sprach er anders, als er dachte.

Dora beschloß, alle» Schwierigkeiten dadurch aus dem Wege zu gehen, daß sie Werner nicht wiedersah, sonder» sofort abreiste. Tie fürchtete sich vor dein Augenblick, in dem sie sich von ihm persönlich verabschieden mußte. Wie­derum wollte sie aber doch nicht fluchtartig davongehen. Er sollte nicht glauben, daß sie ihm zürne, er sollte nicht glauben, daß sie sich fürchte vor seinen Empfindungen. Des­halb schrieb sie ihm den Brief, durch den sie sich von ihm verabschiedete. Nun saß sie wieder in Berchtesgaden, aber nicht in der entlegenen Pension in der Ramsau, sondern in einem der ersten Hotels, wo sie für Tante Schottelius und sich drei Zimmer gemietet hatte. Ein Mädchen von der per­sönlichen Bedienung in Saarkirchen war mit den Damen gekommen. Gestatteten es doch die Mittel, auf großem Fuße zu leben und auf die dadurch entstehenden Kosten nicht int mindesten zu sehen.

Tie Tante beschäftigte sich selbst, sie hatte Unterhal­tung, und Dora erhielt dadurch Gelegenheit, allein Spazier­gänge zu mache», die ihr außerordentlich wohl taten. Sie war ganz glücklich, sich losgelöst zu haben von all den ge­wohnten Verhältnissen, aus der Entfernung die Dinge zu betrachten, die in der Nähe verworren und »»lösbar schienen. Sie fühlte, wie von Tag zu Tag mehr Ruhe über fte kam und ihre Seele das Gleichgewichi wiedergewann. Sie fiihlte es, sie würde das entsetzliche Mißtrauen, das in ihr lebte, überwinden, und dann würde klar und rein das Empfinden strahlen, das sie überaus glücklich machen mußte und gegen das sie sich jetzt noch sträubte.

Nach fünf Tage» kamen die ersten Aktenstücke ans Saar­kirchen. Werner schrieb ihr kurz, knapp und dienstlich, der Bau der Mädchen-Fortbildungsschule habe begonnen und schreite stetig fort. Der Baugrund sei gut und biete nirgend« Hindernisse, es seien genügend Arbeiter vorhanden, und in vier Wochen hoffe man mit den Gebäulichkeiten unter Dach und Fach zu sein. Sie setzte auf sei» Anschrciben einige kurze Dankesworte und ließ es mit den Aktenstücken wieder zurückgehen. Sie wußte es, er tat alles, ivas in seinen Kräf­ten stand, uni ihren Lieblingswnnsch zu erfüllen. Er hatte ja auf eine einfache Aeußerung von ihr hin alles vorbe­reitet, so daß der Bau der Mädchen Fortbildungsschule be­ginnen konnte. Wirkliche er tat alles, ivas er ihr an defi Augen absehen konnte, und das geschah sicherlich nicht nnrl aus dienstlichem Interesse. Er suchte sich nicht bei ihr, der Chefin, in ein gutes Licht zu setzen; sie fühlte es, er tas das um ihrer selbst willen, er ivar wohl glücklich, ihr eine Freude zu machen. Er ivar ja so gut, so liebenswürdig, er dachte nie an sich, nur an andere! Das hatte ja Graf Klin­ter immer gesagt, und Graf Klinter verehrte ihn als einen guten, edlen Charakter und als seinen Freund ! Graf Klinter war gewiß nicht der Mann, der sich täuschen ließ, und sicher schenkte er seine Freundschaft nicht einem llniviirdigcn! Fa, Spalding war pflichtgetreu und eifrig, er ging ganz ulid gar in der Erfüllung seiner Pflichten auf, und er empfand etwas fiir Dora. Wie mußte es in ihin aussehen, daß die Zurückhaltung, die er sich auferlegte und die sie sehr wohl! bemerkt hatte, zusammenbrach, daß er plötzlich die Gefühle, die in ihm tobten, nicht mehr einoämmcn konnte!

Dora fiihlte es: es ivürde der Tag kommen, ivo sitz erkannte, daß der entscheidende Augenblick ihres Lebens de« gewesen war, in.dem Werner die wenige» Worte zu dentz kleinen Kinde sprach, neben dem sie beide knieten.

- (Fortsetzung folgt.)

Der Blinde am Meer.

Roma» von Karl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Noch lange ivanderlc Rene in seinem Zimmer aus und nieder und überdachle, wie er Seede und ferner Braut Heise» können Er gedarbte seines Reichtums und beschloß, ihnen ein Hänsöre» bauen zu lassen, aber er glaubte, die stolze Art ArdaS zu kennen.