Wleiber-Krgiment.

Roman von Oskar Klaußmann.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Werner mußte jetzt ablvarten, was geschah. Er konnte in keiner Weise eingreifen; er mußte vor allem, abwarien, wie sich Dora ferner gegen ihn verhalten würde. Um nicht ganz unleidliche Verhältnisse zu schassen, ignorierte sie wahrschein­lich seine törichte Bemerkung und tat, als ob nichts vorge­fallen lväre. Das ivar das Vernünftigste und für beide Teile Angenelimste. Im aegebenen Augenblick schickte sie ihm dann die Kündigung, und es bedurfte keiner Motivierung für die­selbe; er wußte schon, iveshalb man ihn gehe» ließ. Auch er mußte so tun, als ob nichts vorgefallen sei, er durfte in seinem Benehmen Dora gegenüber keine Äenderung zeigen. Wer weiß, ob er sie in den nächsten Tagen sah. Allerdings, sie ivar, als sie sich vor der Theresien-Hiitte von ihn« trennte, nicht unliebenswürdig gewesen. Sie hatte ihm sogar die Hand gereicht, nach einigem Zögern allerdings, und hatte sich freundlich von ihm verabschiedet. Das inußte sie aber tun, wenn sie die Taktlosigkeit Werners ignorieren wollte.

Hin und wieder kain Werner auch der großenlvahnsinnige Gedanke, daß Dora die Dache vielleicht gar nicht so krumm genommen habe. Wenn er ihr nun nicht gleick>gültig lvar, wenn sie Sympathien für ihn hatte?

Auch dann war seine Bemerkung eine Taktlosigkeit. Auch dann hatte er sich pluinp und aufdringlich betragen, und Dora ,mißte sich verletzt fühlen

Werner schlief schlecht in der Nackt. Als er früh er- lvachte, fühlte er sich aber doch nicht mehr so niedergedrückt wie am Tage vorher, und der Trotz kam über ihn. Was hatte er denn getan? Er hatte verraten, daß er Dora liebte. Nun, über kurz oder lang wäre das doch geschehen Dieses Verraten ivar unvermeidlich wie ein Naturereignis.

In verzweifelten Lagen klammert man sich selbst an Sprichwörter, und Werner erinnerte sich daran, ein orien­talisches Sprichwort gelesen zu haben, ivelches sagte: Liebe sei >vie ein Wohlgeruch; man könne sie einsperren, sie dringe doch aus festverschlossenen Belstiltern hervor, lieber kurz oder lang, bei einer andern ryelegenlwit hätte er sich doch verraten; da war es schon besser, die Sacke war jetzt schon geschehen. Um so früher kam für ihn die Klärung aller Ver­hältnisse und die sichere Direktive für die Zukunft. Nun konnte er sich schleunigst um eine Stellung bewerben. Er hatte noch einige Monate Zeit, und es >vurde ihm gewiß nicht schwer, irgendwo unterzukommen. In der Berg und Hüttenmännischen Zeitung lvar erst vor einigen Tage» eine Stellung ausgeschrieben worden, di« ihm sehr gut gepaßt

S iiitte, und für die er qualifiziert war. Ilm die wollte er sich osort bewerben.

Bor dem ersten Wiedersehen mit Dora empfand er eine

gewisse Scheu. Wie sich die Beziehungen zu ihr für die nächste Zeit gestalten lvürden, das hing gailz und gar von ihrem Bk nehmen ab. Am Nachmittag sah er sie zum ersten Male

wieder, und dann erfuhr er, ob die nächsten Wochen untsr dem Druck eines Geheimnisses stehen würden, das nur zwischen ihm und Dora bestand, oder ob diese Zeit für ihn ein Martyrium werden würde.

Er fuhr nachmittags vor drei llhr nach Saarkirchen und setzte sich im Generalbureau wie immer an seinen Schreibtisch. Eifrig ividmete er sich den vorliegenden Arbeiten; aber hin »nd lvieder inachte er doch eine Panse und lauschte mit ver­haltenem Atem, ob er nicht doch Dora in ihrem Iimmer, das an das seine stieß und nur durch eine Tür von ihm getrennt war, hörte. Aber nichts belvegte sich in diesem Zimmer. Dora hatte keine Anfrage, und es lag auch nichts Wichtiges vor, tvozu sie ihre Entlcheidung hätte geben müssen Gegen Ende der Stunde kam der alte Bureauchef, der weißhaarige Hart- manil, mit einer Anzahl von Unterschriften und sagte zum Schluß, als ob es sich um gar nichts Wichtiges handle:

Fräulein Buchtvald ist nach Neuenburg gefahren, um Einkäufe zu »lachen. Sie verreist morgen für längere Zelt. Sie lvird in einigen Tagen ibre Adresse angeben, damit ihr wichtige Jachen zur Entscheidung nachgeschickt lverdkn können." '

So, so!" sagte Spalding.Es liegt ja ivohl augenblick­lich auch nichts Wichtiges vor."

Aber als Hartinann das Zimmer verlassen hatte, sah Werner gar nicht so gleichgültig aus.

Das war die Antwort auf seine Taktlosigkeit! Er lvurde also genau so behandelt wie sein törichter Vorgänger, nur daß man ihm nicht ohne weiteres kündigen konnte. Das heißt, die Sache war nicht so ganz sicher.

Allerdings hatte er einen Vertrag bis zum Ablauf des Jahres; aber niemand hinderte die Chefin daran, ihm Mit­teilen zu lassen, daß er sofort entlassen sei. Man brauchte ihm nur das Gehalt bis Ende des Jahres zu bezahlen. Wenn Dora wollte, konnte sie den »nbeanemen, aufdringlichen, vlumven und taktlosen Angestellten mit eiilem Schlage los sein.

Werner fuhr in seinem Auto »ach der Theresieu Hütte zurück und verbrachte hier die schliinnisten Stunden, die er seit Jahren zu liberstehen gehabt hatte. Diese Aniwort Doras war vernichtend für ihn. Und ihr Vorgehen ivar eine Ant- >vori auf seine Taktlosigkeit, eine nicht mißznverstehende, «ine Antwort, die ihn zu Boden schlug. Sie entzog sich seinen weiteren Zudringlichkeiten. Wahrscheinlich hatte sie sich in der Zwischenzeit die Sache überlegt und keinen anderen Aus­weg gefunden als denjenigen, den sie seinem Vorgänger gegenüber gewählt hatte. Ihr Entschluß, zu verreisen und zwar für eine längere Zeit, mußte ganz plötzlich gekommen sein. Am Tage vorher hatte sie noch kein Wort davon ge­äußert und wahrscheinlich auch gar uicht daran gedacht. Sie ging ihm aus dem Wege, sie wollte ihn gar nicht mehr sehen.