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Aber diesem Sommerhalbjahr wie es sein soll, war ei» Winter vorangegangen, der war auch gewesen, wie er in.unserem sieben beutschcn Vaterland sein soll: nämlich voller Schnee und Eis, und zwar nicht nur im Gebirge, sondern auch in den süddeutschen Ebenen.
Damals führte eine schon zur Nachtzeit abgehende Post von Lauterbach über den hohe» Vogelsberg lHarlmannshain) nach der Bahnstation Niederwüllstadt. Ihre Hauptstationen waren Herbstein, Gedern, Ortenberg und Altenstadt. Als aber wenige Tage vor Fastnacht — das in jenem Jahr sehr spät fiel — über Nacht tiefer Schnee gefallen war, konnte die Post nur mühsam und mit starkem Vorspann über das Gebirge kommen, und mit ein und einer halben Stunde Verspätung erreichte sie Gedern. Von da an kam sic besser voran, aber die Verspätung war nicht mehr einzubringen, und sie erreichte den Zug nach Frankfurt, mit dem die meisten Passagiere hatten weiterfahren wollen,, nicht mehr. Da galt es sich auf das Warten einzurichten: und als man endlich nach Frankfurt kam, brannten schon die Lichter, und der Anschluß an die Main-Neckar-Bahn war erst recht verpaßt. Wie^wcnige Züge in jener Zeit auch auf den am meisten befahrenen Strecken gingen, geht daraus hervor, daß die Reisenden, die mit einem! Personcnzug in jener Richtung fahren wollten, bis neun llhr in Frankfurt zu bleiben hatten. Unter denselben befand sich ein junges Mädchen aus dem Torf an der Nidder: Emma, die nun achtzehnjährige älteste Tochter aus dem Pfarrhaus: und während ihres stundenlangen Aufenthaltes in den Wartesälen Frankfurts schloß sie sich an eine Frau imd an ein junges Mädchen an, die ihr Schicksal teilten: und mit ihnen kam sic gegen 10 Uhr nach Tarm- stadt. Allein nicht Darmstadt hatte das Ziel ihres ersten Reisetages sein sollen, sondern Groß-Gerau, wo sie gegen Abend von Verwandten erwartet worden war. Nun war an keine Weiterreise mehr zu denken! Wenn sic weltgewandter gewesen wäre, hätte sic den Verwandten von Frankfurt aus depeschieren und dann auch mit einem Nachtzug ankommen können. Das war nicht geschehen und nun stand sic in Darmstadt, wo sie keine nahen Verwandten hatte, und fragte sich: wohin über Nacht? Ihre ehemalige Pensionsmutter, die vor dem Jägertor Ivohnte, würde ihr zwar eine Zuflucht gewährt haben, und wenn sic ihr auch nur auf einem Sofa das Lager hätte bereiten können, aber der Weg dorthin war weit: und wahrscheinlich hätte sie sich dort um halb elf Uhr vor dem verschlossenen Hoitor des weit zurückliegenden Hauses vergeblich bemüht, sich bei seinen Bewohnern bcmerklich zu machen. — In einem Gasthaus hatte sie noch nie gewohnt, deshalb dachte sie vorerst nicht daran, ein solches aufzusuchen: aber sic erinnerte sich an einen Großonkel, der nahe beim Bahnhof, Ecke der Rhein- und Gcorgcnstraßc, wohnte. Bei ihm war sic zwar auch noch nie über Nacht gewesen, aber doch einigemal zu Tisch: also kannte er sie!
Als sie ihren Reisegefährtinnen sagte, sie »volle dort um ein Nachtlager bitten, bemerkte die Frau: „Dann haben wir einen Weg, denn ich wohne im Hinterhaus". Und beide betraten einen großen Hof, dessen Tor die Frau verschloß. Dann sagte sie: „Nun probieren «je aber erst, ob die Haustüre noch offen ist". Das war der Fall, und die Frau trat in ihre Wohnung ein. Emma tastete sich einige Schritte vorwärts, aber dann stand sic vor einer zweiten Türe, die geschlossen war und ihr den Ausstieg zu den Stockwerken verwehrte. Vergeblich tastete sie nach einer Schelle: es war keine da: und alles war totenstille und kein Licht an den nach dem Hof zu gehenden Fenstern des Parterrestockes zu erblicken!
Der Gedanke an ein Gasthaus, als letzte Zusluchtställc, kam ihr nun! Aber sie war ja gefangen!
Die hohen Wouern rings um den Hof und das dichte, hohe Hostor, machten es ihr unmöglich, Vorübergehc>rde um Hilfe an- zusprechen: und die Aussicht, eine Nacht im Freien oder auf den ersten Vorplatzstufen eines fremden Hauses zubringen zu müsse», stand wie ein Schreckgespenst vor der Seele des in eine so bedenkliche Lage geratene», jungen Mädchens.
Zum Glück besann sich Emma aus das vernünftigste, was sie noch tun konnte. Seit dem Eintritt ihrer Reisegefährtin in das Hinterhaus waren bloß Minuten verstrichen! Das Haus war nicht hoch und vielstöckig wie das Vorderhaus! Tort würde sie sich wohl bemcrklich machen können! Und wirklich, die gute Frau vernahm ihr Rusen, kam in den Hof und sagte: „Sehen Sie, in der Küche oben brennt noch Licht, und der Diener Ihres Onkels wird noch darinnen sein."
Dann ries sie „Friedrich" und klatschte in die Hände, bis das Fenster geöffnet wurde, und das Nötige gesagt und veranlaßt werden konnte.
Der Großonkel, ein aller Herr, der mit dem Diener und einer Witwe als Haushälterin zusammen hauste, nachdem seine Frau gestorben und seine Töchter verheiratet waren, lag zwar schon zu Bett, aber er war noch wach, und Emma durfte ihn begrüßen, während die Haushälterin ihr Tee und ein Lager bereitete.
In dem warmen Belt eines großen Fremdenzimmers konnte sie sich endlich von den Unbilden des langen, beschiverlichen Reisetages erholen und dank ihrer gesunden Jugend löschte bald der Schlaf jede Erinnerung daran aus.
Vierzehn Tage später fuhr die junge Vogelsbcrgerin zum Besuch zweier Freundinnen ins badifche Land. Von deir vier Wochen, die sie in Karlsruhe verlebte, standen die drei ersten, den,
Marz angehörigen, noch ganz unter dem Zeichen des Winters: und auch in dem süddeutschen Land entbehrte sie nicht des wohl vertrauten Anblicks verschneiter Dächer und fallender Flocken.
Damals tauchten Gerüchte auf, es hätten sich Bären und Wölfe, vom strengen Winter aus Polen und Rußland vertrieben, in deutschen Wäldern blicken lassen. Gegen Frühjahr noch soll im südlichen Odenwald, ein Wolf erlegt und auf dem Verdeck des damals noch gebräuchlichen Postwagens von Eberbach nach Neckargemüud und dann weiter mit der Bahn nach Heidelberg gebracht worden sein! Doch auch der Vogelsberg wurde während des Winters von derartigen Gerüchten beunruhigt. Infolgedessen kam eines Tages der nächste Nachbar der Pfarrerslcute im Dorf an der Nidder ins Pfarrhaus und fragte: „Hawe se das Dengk schon gesehe?"
„Was für ein Ding?" fragten die Psarrcrsleute.
„Ei im Buchwald leit en Bär, un der Förster is enaus mit der Flinte un die junge Männer un Barsch mit Mistgabeln »ns Dreschflegel."
Buchwald hieß der zum Dorf gehörige Teil eines an der linken Seite der Nidder herziehenden, oben bewaldeten Höhenzuges, der von dem Gebirge herabkommend, eine Stunde lang nur mit Oedland und Steinen bedeckt war. Hinter den ersten Häusern des Ortes war das Oedland mit Kirschbäumen bepflanzt, welche kleine, aber recht süße Früchte trugen, und dann hörte es auf: denn der sich nach Südwesten zu rasch abdachende Höhenzug verlor hier seinen sterilen, wilden Charakter und trug fruchtbares Ackerland bis herab zu den fetten Wiesen im Niddergrund.
Von dem oberen Stockwerk des Pfarrhauses — als dem rechts von der Nidder ani höchsten gelegenen großen Haus — konnte man über die Dächer des Dorfes hinweg und auch auf den Buchwald sehen. Deshalb begab sich die Psarrfamilic mit dem Nachbar dorthin, und er erklärte: „Sehen Sie das Schwarze? Das ist der Bär."
Viel deutlicher als der bezeichnetc, aus dem Schnee hervorragende dunkele Punkt, tvaren die Mannen zu erkenne», die bewaffnet gegen ihn angingen! Aber es war zum Verwundern, wie seelenruhig der Bär liegen blieb! Der Nachbar meinte, er wäre vielleicht schon verhungert.
.Nun hob der Förster die Flinte und die übrigen Männev hielten die Mistgabeln zum Angriff bereit, aber einige sünfzehn- bis sechszehnjährige und noch jüngere Mitläufer sah man eilig nach dem Dorf zu springen. Der Mut war ihnen vor der näher kommenden Gefahr gesunken!
Der Schuß krachte, aber als sich der Rauch verzogen hatte, lag der Bär immer noch regungslos auf demselben Fleck: und der Nachbar sagte: „es eis net annerscht, doas Dengk eis dut". Damit hatte er vollkommen recht: Tot war das Ding, aber ein Bär war es nicht, sondern ein grotesk geformter Felsblock, der aus dem Schnee hcrvorsah: — und die Bärenjäger kamen kleinlaut zurück.
Die Sache hatte ihr Nachspiel: denn die Geschichte von der Bärenjagd verbreitete sich im Vogelsberg, und wenn die jungen Männer des Dorfes in die kleinen Städte und auf 'bie Märkte kamen, wurden sie damit geneckt und gefragt: ob das Bärenfell schon verkauft oder noch zu haben^wäre!
Zu Anfang April schickte der Frühling seine ersten Boten aus, und ohne Störung durch Nachtfröste begann er, seine holden Wunder auszubreiten.
Als Emma am 7. April von der badischen Residenz »ach dem kleinen, zwischen Bruchsal und Breiten gelegenen Dorf Oberacker fuhr, lagen die lichten, hellgrünen Schleier schon über dem Hügelland des Kraichgaus.
Am Ostermorgen, der ani 16. April mit goldenem Sonnenschein anbrach, standen alle Gärten im Schmuck ihrer Frühlingsblumen, und die kleine« und großen Dörfer des Kraichganes lagen in Blütenwäldern versteckt.
Eine Woche weiter — am 24. April — war die Temperatur in Süddeutschland schon fast sommerlich, so daß man die Fensterläden vor der Mittagssonne schloß.
Und als die junge Pfarrcrstochter im Mai als Braut heimkehrte, prangte auch ihr heimatliches Gebirge im blühenden Brautgewand, denn der Lenz war als Sieger über die Lande »gezogen.
Schlutzbilvcr.
Es ist etwas Wunderbares um die Liebe! Liebe ivartet auf das Kindlein und bereitet ihm ein weiches Bcttchen, ehe es das Licht der Welt erblickt hät; und wenn es geboren ist, breitet sie ihre Flügel über ihm aus, wie die Henne über ihren Küchlein, und schützt seinen Schlummer und das mählige Erwachen seiner Seele aus ihren ersten Erdenträumen. Und Liebe strömt über in das Kindlein und erweckt als dessen erste freundliche seelische Regung das Sichhinneigen zu Eltern und treuen Pslegcrinnen, die zuerst nur sein sonniges Läck)eln beglückt, nach welchen es aber auch bald lernt, die Aermchen verlangend auszustrecken.
So ist es bei glücklichen Kindern! Doch was hatte der „dicke Heinrich" mit der Liebe zu schaffen: dieses vom Vater verleugnete, von der Großmutter verwahrloste, von der eigenen Mutter als Last empfundene, und von der übrigen Menschheit mit gleichgültigen Augen angesehene Kind?
Wenn sich bei ihm Liebe regle, mußte sie seiner Seele ans ihrem ewigen Urquell selbst zugeströmt sein!
Nicht frühe und nicht der herben Pflegerin seiner Kindheit gegenüber erwachte sie — allen ividrigen Verhältnissen zum Trotz


