Lkkizierstöchtrr.
Roman von Paul Grabetn.
(Nachdruck verboten.)
(Sdjtufj.)
Heinz Keßler mochte selber empfinden, daß er zu tveit gegangen sei. Er hatte da einmal Gedanken Ausdruck gegeben, die ihn schon seit langem mit Bitterkeit angesüllt hatten. Aber tvie verstehend sonst auch Astrid war, in die- senr Punkte fühlte sie offenbar doch zu sehr als Frau. Es war also unklug, daß er sich Luft gemacht hatte, und er versuchte daher jetzt die Sache ins Scherzhafte zu ziehen, den Eindruck seiner Worte zu verwischen.
„Ra, nun Hab' ich mit meiner Offenherzigkeit ja was Schönes angerichtet! Der reinste Blaubart, nicht? Und solch Ungeheuer in Menschengestalt hat man zum leibhaftigen Schwager! Sinn, ich denke — ganz so schlimm bin ich am Ende aber nichh kleine Astrid. Rück' nur nicht gleich gar zu lveit von mir ab. Und auch Gerda brauchst du nicht so furchtbar zu bedauern — ja, ja, ick> las dir's ja eben an den Augen ab —1 ich tu' ihr schon nichts zuleide."
Da sah sie ihn plötzlich mit einem ernsten und dringlich mahnenden Blick an:
„Wenn du das lvenigstens nur wirklich tun Ivolltest, Heinz! Dann möchte iiber das andere schließlich ja wegzu-, kommen sein." ,
Er war jetzt doch betroffen. „
„Ja, wie meinst du denn das?"
„Ich denke, du wirst mich schon verstehen, Heinz." Bor ihrem tiefdringendcn Blick senkte er jetzt unsicher das Auge. „Nur bas eine laß mich dir »och sagen: einen zweiten solchen Schlag ertrüge Gerda nicht. Täusch' dich darüber nicht! und bedenke —> was! jetzt bxi ihr auf dem Spiel« steht. Ein« roße Aufregung könnte die unheilvollsten Folgen für sie aben."
Heinz Keßler stach im langsamen Weitcrgehen mit seinem Stock in die Fngen zloischen den Betonplatten deS Trottoirs.
„Ich versteh' dich wirklich nicht, liebe Astrid. Im iibri- gen —i es bedarf deiner Mahnung nicht. Es ist doch ein-, fach selbstverständlich, daß ich Gerda gerade jetzt alle Anf- regungen erspare. Aber," und er blieb nun stehen, „du mußt mich jetzt entschuldigen. Ich inuß hier links ab — zum Tattersall."
Er lüstete de» Zhlinder, und sie tauschten einen Händedruck: doch nur zaudernd, von beiden Seiten, und sein Blick vermied den ihren auch jetzt wieder beim Abschied.
*
Auf Anraten des Arztes sollte sich Gerda regelniüßig Bewegung in frischer Luft machen: aber freilich auch ohne jede Anstrengung. Astrid sorgte für gewissenhafte Befolgung dieser Auordnuna
Die Schwestern waren daher, wie sie es jetzt an jedem! schönen Tage taten, auch heute nachmittag wieder eine Stunde nach dein Grunewatd hinausgefahren. Aber sie hatten einmal zur Abwechselung einen anderen Weg gewählt. Statt wie sonst stets mehr vorn bei Hundekehle oder Paulshorn zu bleiben, hatten sie heute, gelockt durch das wundervolle Wetter, ihre Fahrt ausgedehnt bis hinten an die Havel. Hier hatten sie den Wagen verlassen, der ihnen langsam! folgte, und gingen nun zu Fuß am Waldrand längs der gutgepflegten Uferstraße.
Es ivar die große Gruuewaldchaussce von Spandau nach Potsdam, eine abseits vom allgemeinen Berkehr gelegene Fahrstraße, die daher gerade an Wochentagen gern von den Besitzern von Privatautos zu einem gröberen Ausflug benützt wurde. Bon Zeit zu Zeit sauste denn auch heute, hier mit ungehemmter Geschwindigkeit, solch ein elegantes Gefährt an den beiden Spaziergängerinnen vorüber: jedoch ohne sie weiter zu belästigen, denn es hatte oie Nacht reichlich geregnet, und keine Staubwolke zog hinter dem Wagen her.
Wieder einmal tönte so eine Huppe hinter ihnen, eS ratterte heran und brauste nun an ihnen vorüber. Unwillkürlich warf Gerda einen Blick auf das vorüberschießend« Gefährt — ein Droschkenauto übrigens diesmal, wie sie jetzt lvahrnahm — aber iin nächsten Moment kranipste sie ihre Hand um Astrids Arm. Auch dieser stockte das Herz. Denn auch sie hatte die beiden Insasse» des Wagens erkannt, die ihrerseits von den Spaziergänaerinnen keine Notiz genommen hatten — Heinz und die Molnar!
Der nächste Blick Astrids galt der Schwester. Sie hatte den Schmerz am Arm gefühlt, dies besinnungslose Zupacken, fast ein Einkrallen der Finger. Nun aber lösten sich diese «natt, und Gerda schivankte hintenüber — totenblaß, mit geschlossenen Augen. !
„Zu Hilfe — Chauffeur!"
Mit Aufgebot all ihrer Kraft stützte Astrid die Ohnmächtige, bis der Mann herzugesprungen kam. Vereint hoben sie Gerda dann in den Wagen, das Berdeck lvurde hochgeschlagen, geschlossen, und in schnellstem Tempo ging es heinr zur Keßlerscheu Wohnung.
»
Es lvar wirklich spät geurorden, als Heinz Keßler in dieser Nacht nach Haus fuhr. Man war sehr lustig gelvesen. Ein kleiner, aber sideler Kreis, urit dem er jetzt öfters zusammen war, abends nach dein Theater. Die „Böse Sieben", ivie sie sich selber scherzend nannten. Dciin sic lvaren meist gerade in dieser Anzahl vereint: fast alles Leute vom Fach, Damen und Herren. Man aß irgendwo und ging dann „auf die Tour" —' stets eine ausgelassene Irrfahrt durch das nächtliche Berlin, die regelmäßig noch gegen drei oder vier bei Stallmann endete. Hier traf sich ja alles vom Bau, beim Glase Pilsener.
Wenn es so auch immer recht spät lvurde, so geschah doch »ie etwas Unrechtes. Es blieb alles in den Grenzen


