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Tie trug ben Kops mit dem welligen Blondhaar wie unter einer schweren Last gesenkt, und aus ihren treuherzig blickenden blauen Augen löste sich kaum eine Träne. Sie Halle in der letzlvergangenen Zeit schon so viel geweint, aber nun blieb ihrein schweren Herzen die Erleichterung durch Tränenskröme versagt!

Nnd ein ähnlicher Ausdruck von verhaltenem Schmerz den der Vogelsberger Brast nennt stand in den Zügen _bcs jungen Burschen geichrieben, der schon lange in einer Ecke der Stube stand und das stille, traurige Mädchen unverwandt anslarrte.

Am Abend vorher war er ums Haus geschlichen, und Ami, die gesühlt halte, dah er komme» müsse, war zu ihm in den Gras- garten gegangen; und er hatte sie in die Anne geschlossen, als ob er sie für immer dort festhalten wolle: und unter Küssen, heißen Tränen und Versicherungen unverbrüchlicher Liebe hatten sie Ab­schied voneinander genommen, einen Abschied, der durch keine Hoffnung auf die Zukunft gemildert wurde.

Bald würde sich Land und Meer zwischen sie legen! Und der vermögende Bauernsohn besaß nicht die Macht, die Geliebte zurück­zuhalten, weil er ihr die Türe des Hauses dessen Erbe zu sein er bestimmt war nicht öffnen durfte. Denn noch gehörte es seinen Eltern, die ihr den Eintritt darin verwehrlen.

Wenn er sie trotzdem geheiratet hätte, hätte er sein Elternhaus mit leeren Händen verlassen müssen, und die Armut wäre ihr beiderseitiges Los gewesen; Unter solchen Umständen hätte auch Amis Mutter die Einwilligung zur Heirat nicht gegeben.

Ami, freilich, wäre dem Geliebten auch in das bescheidenste Heim glückselig gesolgt, wenn sie nur der Eltern Segen mit hinein hätte nehmen dürfen! Doch als Ursache des Zerwürfnisses wollte sie nicht zwischen ihm und seiner Familie stehen, und ebensowenig hätte sie als ungern Geduldete in dem stattlichen Bauernhaus mit leben wollen.

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Das Leben der Bauersleute wird ohnedies dadurch erschwert, das; die jungen Leute mit dem Eintritt in den Ehestand nicht selbständig tverden, sondern unter den Willen und die Ersahrung der Eltern gestellt bleiben, in deren Haus sie einheiraten. Ja es kommt nicht selten vor, daß vier Generationen, also tvie es in dem be­kannten Gedicht heißt:Urahne, Großmutter, Mutter und Kind," unter einem Dach zusammen Hausen.

Wenn trotzdem das Leben in vielen dieser Faniilien geradezu vorbildlich geführt wird, ergibt sich daraus ein hoher Begriff von den Charaktereigenschaften ihrer Glieder.

Für Ami wäre das Eheleben eine Kette von Leiden und De­mütigungen geworden, wenn sie sich die Stellung als Schwieger­tochter bei den Eltern des Liebsten hätte erzwingen können und mögen. Und auch er, den sie liebte, wäre dabei seines Lebens nicht froh geworden. Das wußte sie! Das durfte nicht sein!

Und so war das Ende vom Lied gekonimen! eines Liedes, das im Glücksgesühl der ersten Liebe jubelnd wie Lerchensang zum Himmel emvorgestiegen und unter Kampf und Leid und dennoch ohne Bitterkeit wie ein schönes, schwermütiges Volkslied ver­klungen war.

Und deshalb schaute der junge Bursche das Mädchen an, wie man in das stille Antlitz eines geliebten Toten blickt: so langte es noch möglich ist, aber durchdrungen von der Unabwendbarkeit eines Geschickes, das sich vollzogen hat.

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Dann kam der Leitertvagen, auf welchem die Auswanderer mit ihrer Habe und einigen ihrer nächsten Freunde und Ver­wandten, die ihnen noch ein Stückchen das Geleite geben wollten, Platz fanden.

Als kr durch die lange Hauptstraße fuhr, flogen die Fenster aus, oder die Leute stairden vor den Türen, und es war ein Grüßen und Winken, bis er aller Blicken entschwunden war. Nur aus einem ansehnlichen Haus war niemand vor die Türe gekommen, und kein Fenster war ausgeslogen! Aber hinter dem geschlossenen Fenster hatte dennoch eine Frau dem Wagen nachgesehen und zwar mit gemischten Gefühlen. Die Oberhand hatte jedenfalls ein Gefühl der Erleichterung gehabt! aber ein unter der Mühe und Unerbittlichkeit des Lebens noch nicht ganz erstorbener Klang aus der eigenen Jugendzeit ließ sie das Leid ihres Sohnes verstehen, der heule das Opfer seiner Liebeshossnungen halte bringen müssen. Und welcher ^Mutter ginge das Herzeleid ihres Kindes nicht nahe? Als ihr Sohn heute früh nicht mit hinaus aufs Feld gegangen war, hatten sie und ihr Mann getan, als merkten sie es nicht; und auch jetzt ging sie ihm nicht nach, als sie ihn mit müden, schweren Schritten in die Scheuer gehen sah. Wie hätte sie ihn trösten können? Diesen einen Tag mochte er frei haben, um sein «ntschnmndenes Glück zu beweinen!

Gegen das sanfte, fleißige Mädchen zwar, das eben die Heimat verließ, hätten sie und ihr Mann nichts einzuwenden gehabt und es gerne als Schwiegertochter begrüßt, wenn es vermögend gewesen wäre! Und trickst purer Bauernstolz und niedrige Habgier, die in jeder Verbindung mit einem weniger bemittelten Teil eine Miß­heirat sehen, hatte bei ihrer Weigerung im Vordergrund gestanden, sondern die Berücksichtigung gegebener Verhältnisse.

Ihr Sohn hatte einst bei der Uebernahme des Gutes nicht nur ihnen, den Eltern, einen Auszug, d. h. einen Teil des Besitzes, zur

Nutznießung zu überlassen, sonder» auch vor allen Dingen seinen beiden Schwestern ihr Erbteil abzngeben oder auszuzahlen. Dasselbe würde anderen Bauernhöfen zugute kommen, in welche die Mädchen einheirateten, aber das eigene Gut müßte verarmen, wie ein Körper, dem mehr Blut entzogen wird, als er entbehren kann, wenn ihni durch das Heiratsgut der Sohnesfrau nicht neue Lebensqnellen zu- sließen würden. Das war unanfechtbare Bauernlogik! Und man kann den Bauern die Zähigkeit, mit der sie an deni durch die eigene und der Vorfahren Lebensarbeit errungenen Besitz hängen, kaum verargen, denn durch Bauernarbeit kommt niemand schnell zum Wohlstand, wie es im Geschästsleben wohl manchmal der Fall ist. Langsam, fast unmerklich wie das Werden und Wachsen in der Na­tur, geht es in dieser natürlichsten aller Berussarten damit voran, besonders dort, wo die Natur nicht allzu verschwenderisch ihre Gaben austeilt: und an allem, was sich die Menschen unter viel Mühe und allerlei Hemmungen errungen haben, hängen sie am meisten.

Aus all diesen Gründen hatte die Frau bei dem Kämpfen ihres Sohnes inn sein Liebesglück immer, wenn auch mit schwerem Mutterherzen, aus der Seite ihres Mannes gestanden, der es ihm unerbittlich verweigerte.

Nun würde endlich wieder Frieden im Hans einziehen: und ihr Sohn, deraus Heu und auf Stroh" seinen Schmerz ausweinte, würde sich in das Unabänderliche zu finden wissen !

Doch warum hatte der junge Bauernsohn nach dem vergeb­lichen Versuch, das von Gott geschassene, ewige Naturrecht des Herzens den aus menschlicher Not und Konvenienzen entstandenen Rechten und Bräuchen der Welt gegenüber zu behaupten nicht den Mut seiner Liebe gehabt? Warum, hatte er, der so innig zu lieben verstand, nicht alles verlassen, um deni Weibe anzuhangen, das er mehr als alles liebte?

Um das zu verstehen, muß man die Menschen verstehen lernen, die dies Gebirge bevölkern: Das sind keine Himmelsstürmer, denn sie wachsen auf in dem Gefühl der Abhängigkeit von höheren Mäch­ten. Sie pflügen und säen, aber sie wissen, daß der ErsolZ ihrer Ar­beit davon abhängt, ob Unwetter und Hagelschlag ihre Saaten ver­schonen, ob der Himmel mit Sonnenschein und Regen zur rechten Zeit ihr Werk segnen wird. Und auch der Eltern Wille ist für sie eine Macht, von der sie sich abhängig fühlen, bis sie selbst an deren Stelle stehen. Auf der heimischen Scholle, zu deren Bebauung der junge Bauernsohn vorgebildet wurde, ist der Ort, wo er zum Mann witrd und sich sicher fühlt, aber jenseits derselben sängt sür ihn die Fremde an, die das Elend ist: denn es fehlt ihm jede Vorbedingung zu einem Sichdurchsetzen in der Welt, wenn das Schicksal ihn von seiner Scholle vertreibt.

Draußen auf den einsamen Tristen, wo die Vogelsberger Bauern schon als Knaben das Vieh gehütet haben, und wo sie noch als Männer das Hirtenamt ausüben, wenn die Feldarbeit nicht drängt, kommen sie dazu, über Gott nnd die Welt und das Leben nachzudenken: und mancher wird dabei zu einem weisen Mann und bäuerlichen Naturphilosophen: und andere werden inmitten einer Gebirgsnatur mit vorwiegend ernstem, ja oft melancho­lischem Charakter zu innerlich tief angelegten Menschen, aber nicht zu solchen, die entschlossen alles Hinweisen, um eines zu erringen; die des nicht achten, was sie bei ihrem Ansturm gegen das Her­gebrachte unter ihre Füße treten.

Elternwille, Heimat und Vätererbe, an dies alles fühlt sich der junge Bauer durch das Gewissen so fest gebunden wie der Fürstensohn und Erbe eines Thrones. Beide haben als Knaben schon gewußt, wo es ihnen bestimmt ist, als Männer zu stehen; und beider Erziehung hat unter dem Gesichtspunkt gestanden, sie zur Uebernahme ihres Bätererbes geschickt zu mdchen; und wo die Forderungen des Herzens nicht in Einklang zu bringen sind mit den Forderungen ihrer Lebensstellung, entstehen die gleichen tragischen Konflikte im Bauernhaus wie rm Fürstenschloß.

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Wie das Leben des jungen Bauernsohnes, der sein Lieb mußte ziehen lassen, weiter verlief, bleibt verschleiert wie die Schicksale derer, die nicht aus der großen Menge hervorragen.

Es lassen sich nur Schlüsse vom Allgemeinen auf das Besondere ziehen.

Wenn Zeit und Arbeit an dem unglücklich Liebenden ihre heilende Kraft bewiesen haben, wird er an seinem Vätererbe, für dessen sicheren Bestand er sein Herzensglück dahingeben mußte, um so fester hangen und es eines Tages sür seine Pslicht halten, seinem Haus eine junge Bäuerin und damit seiner alternden Mutter die nötige Stütze zuzusühren. Alle erdenklichen Rücksichten und Erwägungen werden seine Wahl leiten; nur sein Herz wird wenig dabei mitzusprechen haben! Die also Erwählte wird seinen Ellern willkommen sein, und sie wird ihm Kinder schenken, die er mit aller Innigkeit liebt, deren sein Herz fähig ist. Und wenn beide Ehegarten gutartig sind, werden durch die Lebensgemeinschaft her Ehe mit der Zeit auch ihre Herzen einander näher kommen. So mag es sich im besten Fall gestalten I

Volles, tiefes Herzensglück, das in dieser unvollkommenen Welt überhaupt ein seltenes Kräutlein ist, ist gewiß am seltensten dort anzutrefsen, wo die Rücksichten aus Stand und Vermögen hei der Wahl der Ehegatten ausschlaggebend waren. Wenn dann die Zeit gekommen ist, wo der junge Bauer an seines Vaters Stelle über Haus und Hof zu gebieten hat, wird er gegebenen Falles an seinem herangewachsenen Sohn handeln, wie es