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Endlich kamen Mutter und Tochter heim, und die beiden Mädchen gingen hinauf in ihr Zimmer. Astrid machte ihrer Begeisterung während des Ausklcidens Lust:

Wunderbar war's, geradezu wunderbar! Du hast was versäumt, sag' ich dir, Geröa. Ich Hab' ja noch nie einen Othello ivie den Kehlers gesehen. Ga" modern hat er ihn ge­spielt, weiht du: nicht der wilde Kulissenreißer mit dem obli­gaten Gestöhne und Zähneknirschen, io 'ue schwarze Bestie im Venezianerkostüm nein, ganz der vornehme Maure, von hoher Kultur. Ein ganz moderner Mensch, beherrscht, ja kalt

aber doch merkte man, wie's unter dieser kühlen Oberfläche brennendheiß brodelte. Und dann die Momente, wo's lichter­loh losbrach. Diese Töne, dieses Spiel es schüttelte einen bis in die Zähne. Herrgott, ist das ein Mensch, dieser Keßler! Glatt zum Verlieben aber auch zum Fürchten."

Und so schwärmte Astrid noch lange, selbst als sie schon unter der Bettdecke lag.

Gerda hörte alles mit an. Wohl freute es sie. Aber sie wartete doch eigentlich noch auf etwas anderes. Woran Astrid in ihrer Kunstbegeisterung offenbar jetzt gar nicht dachte und wonach sie nicht fragen mochte. So blieb ihre Spannung un­gelöst. Ja, die jüngere Schwester drehte jetzt das Licht ctus und kuschelte sich wohlig unter der Bettdecke zurecht.

Na, nun aber gut' Nacht! Ich bin mordsmüde von all der Seelenmotion."

Da gab Gerda dem Drängen in ihr nach.

Nur eins noch, Astrid wie war er denn sonst? Hat er wieder so viel nach unserer Loge gesehen?"

Ach ja richtig!" Und matt hörte an einem Rascheln, wie sich Astrid ihr noch einmal zukehrte.Im Anfang hat er sofort wieder 'rübergeguckt. Aber als er, anstatt deiner, Mama erspähte, da verließ ihn alsbald das Fieber. Auf meine Person legt er offenbar weniger Wert, behufs Kunstbegeiste- rung. Kannst dir also getrost gratulieren zu dieser neuesten Eroberung. Na, nun aber definitiv gute Nacht!"

Und sie Ivars sich wieder auf die andere Seite. Bald klangen die Atemzüge einer Schlafenden zu Gerdas Lager herüber. Sie selber lag noch lange wach. Und jetzt, wo sie sich ganz allein, ganz unbeachtet wußte, jetzt genoß ihre Phaw- tasie den Anblick seines Spiels nach, wie ihn die Schwester geschildert; jetzt empfand sie wieder mit leisem Erschauern den Eindruck seiner Mannespersönlichkeit. Und wieder kam es über sie, jenes dunkle Erschrecken vor sich selber, vor Tiefen ihrer Natur, die sich wie mit einem Schlage geöffnet hatten

ein Erschrecken, dem sich doch ein Sehnen gesellte.

Sich selber zum Schutze wollte sie sich da die Unterhal­tung heute abend wieder in Erinnerung rufen. Die ernsten, hoffnungslosen Worte, die sie über sich zu Walter Kyllburg gesprochen hatte, den Anblick seiner stillen Entsagung, der sie so mit Trauer erfüllt hatte aber es gelang ihr nicht. Der Freund war ihr in dieser Stunde so fern. Sie fühlte ihn nicht mehr, sondern nur das ausgestörte Pulsen ihres jungen, nach dem Leben fiebernden Blutes.

Am andern Mittag kam Astrid von ihrem Ausgang ganz aufgeregt ins Haus gestürzt und zu den Schwestern ins Zimmer.

.Linder, eine große Neuigkeit! Ich komme eben von Landrats. Die waren doch gestern abend mit aus dem Schloß zu dem Essen, das zu Ehren von Keßlers Abschiedsvorstellung veranstaltet worden ist. Da ist's feierlich beschlossen worden: Es gibt einen Ricsenrummel eine Gartengesellschast bei Prinzeß Juliane! Ein Wohltätigkeitsfest für irgendwelche Ueberschwemmten oder Abgebrannten ja, in Konstantino- pel, glaub' ich! Na, ist ja auch schließlich egal; die Haupt­sache ist: auch Keßler ist von der Prinzeß für die Sache ge­wonnen. Um ihn herum ist ja eigentlich auch die ganze Chose arrangiert. Er wird sprechen und zur Laute singen das kann er nämlich auch. Und wir, Gerda und ich, sollen mit verkaufen! Ist das nicht famos? Ja, tvenn wir unsere gute July nicht hätten! Die sorgt doch noch dafür, daß in un­serem Dorf wenigstens ab tind zu mal 'n bißchen Betrieb ist."

Und ausgelassen wirbelte die Jüngste im Zimmer herum, während sie ihre Sachen achtlos hinwarf, hierhin und dahin, wo es grade traf.

Heinz Keßler würde kommen, sie würde ihn also kennen lernen in aller gesellschaftlichen Form. Und Gerdas Ant­litz, dasjieute ein wenig blaß war, färbte sich mit einem wär­meren Schein.

Ich denke, sein Aufenthalt hier soll mit dem gestrigen Gastspiel endigen?" warf sie nun ein.Er ist doch, wie in

den Zeitungen stand, für die nächste Woche für Hamburg verpflichtet?"

Gewiß, aber er konimt eben extra am Sontitag 'rüber. Du, er kommt, mischt sich huldvollst unters Volk, wird mit uns tanzen, na, was sagst du nun?"

Und sie gab neckend der Schwester einen kleinen Schubs. Aber Gerda bewahrte äußerlich ihre Ruhe.

Was iveiter? Als ob tnau nicht schon mit ganz andern Leuten getanzt hätte?"

'Ach du! Verstell' dich doch nicht so. Ich iveiß doch ganz genau, wie es um dich steht. Gestern abeno, vorm Ein­schlafen, deine Frage ich bin doch nicht sanst geklapst! Also, mir brauchst du dieses Theater wirklich nicht vorzn-: machen, teure Schwesterseele."

Und sie umfing übermütig die andere. Aber Gerda machte sich schnell frei.

Laß doch die Dummheiten. Sag' lieber, wie soll das mit uns werden, mit dem Verkaufen?"

Ist schon alles bestimmt: du Blumen, zusammen mit Tilly Brencken, und ich mit Ellen Sekt bei Frau vo» Brandy in der Bude."

Und sie berichtete eifrig das weitere von dem Fest­programm.

Der große Tag kam dann heran. Es war ein linder« noch ganz sommerlicher Abend. Alles was zur Ellcrstedter Gesellschaft gehörte, war heute im Schloßpark vereint, der übersät war von bunten Lampions. Auf dem großen Rasen- roudell zwischen den beiden Schloßslügeln waren die Er- irtschungs- und Verkaufszelte ausgeschlagcn. Hier Ivogte oas Hatchtgedränqe des festlichen Treibens, aber auch in den dunkleren Alleen und zwischen den Bosketts des alter­tümlichen Parks, noch aus der Rokokozeit her, schimmerten helle Sommertoiletten und glitzernde Uniformen aus.

In dem Sektkiosk, unter dem Protektorat der tnuiH teren Frau von Brandy, hatten die beiden jugendfrischen Verkäuferinnen reichlich zu tun. Jeder nahm gern ein Glas des perlenden Schaumweines. Die Herren drängten sich vor dem Zelt.

Gerda trat auch einen Augenblick an den Stand heran, wo Astrid verkaufte. Lustig wies diese auf ihre Gäste.

Der Laden ist voll. Geschäft geht glänzend! Wie stcht's bei dir?"

Danke, kann auch nicht klagen. Hab' meinen Korb eben zum dritten Mal gefüllt."

Und sie hatte alsbald von neuem zu tun, denn die um-j stehenden Herren beeilten sich nun auch, dem schönen Mäd­chen die Rosen abzunehmen.

Ah, sieh da, Herr Petersen! Auch da? Habe Sie schon lange schmerzlich vermißt unter meinen Kunden. Wollen Sie mich nicht auch in Nahrung setzen?"

lFoctsetzung folgt.)

3m vo elsberg.

Von T h. C c l l a r i u s.

Ein Abschied.

lFortsetzung.)

Nachdem die Schule aus war, was im Sommerhalbjahr schon um zehn Uhr der Fall war, fanden sich auch Kinder bei den Auswanderer ein. Sie fehlen so se.ten dort, wo elivas Außer­gewöhnliches geschieht und am wenigsten an Orlen, wo das Alltagsleben nicht oft davon unterbrochen wird.

Die Dorfkinder folgen nicht nur den Wandermusikanten und Hochzeitszügen, sondern sie begleiten auch jeden Leichenzug zum Friedhos, noch ehe sie zu den Sängern der Sterbelieder gehören, um dort entweder bloß neugierig oder mit den ersten Fragen über das dunkle Rätsel voui Leben und Sterben in der Seele deni Zugrabelegen zuzuschaueu. Im Hause der Auswand, ^r fehlten sie also ebensalls nicht, und sie schienen nicht gewillt, den Platz zu räumen, ehe das Schauspiel zu Ende war, aber um nicht überall im Wege zu stehen, drückten sie sich bescheiden an den Wänden herum.

Tie beiden jüngsten Töchter der Witwe schluchzten am hef­tigsten, als ihreKameradinnen", die Mitkonsirmierten, mit welchen sie die Freuden ihres seitherigen Lebens geteilt hatten, zum Lebcwohlsagen kamen. Doch Kinderschmerzen und Aprilschauer gehen meist schnell vorüber! Das durste man auch von dem Schmer» dieser Vierzehn- und Sechzehnjährigen anuehmen! Aber still und traurig stand Ami,*) die älteste der Schwestern, daneben,

*) Ami, ein im VogelSberg gebräuchlicher, aus Anna Maria

gebildeter Namen.