Ausgabe 
31.12.1914
 
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Nr. m

Zweites Blatt

154. Jahrgang

Erschein« täglich mit Ausnahme des Sonulags.

TieSietzener Zamjllendläller" werde» dem .Anzeiger' viermal wücheullich beigeleql, das ..«reirdlat, für den Kreis Sietzen" zweimal wöchenllich. Di-landwirtschastlichen Seit-

sragen" erscheinen monatlich zweimal.

iefper Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhejjen

Donnerstag. 3'. Dezember ttzll

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jche« Universiiäis - Buch- und Sieindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriltleitung.Geschäitsstelle ».Druckerei: Schul- straße7. Geschäftsstelle u.Vcriag:^«5I,Schrlil' leilung: ^^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Giegen.

Die fünf Nriegsmonate.

Wie ei» gewaltiges Brausen ging es am 2. August durch das Teuticle Reich. Der erste Mobilmachungstag! Durch die großen Städte rasten Wageir und "Auwmobilc: aut den Bah»- Häsen herrschte ein nie zuvor gesehenes Menschengewühl, lind draußen jyf dem flachen Lande zöge«, in Trupps, begeistert die Wacht aai Rhein" singend, die Wehrvilichrigen zu ihren Ge- särllungsorlen. Roch sichen imr mitten im Kriege, und erst knapp fünf Monate sind seit jenenr gewaltigen Ansmallen oater- ländischer Begeisterung verstrichen. Aber nichtsdestoweniger darf man au diesem Zeitabschnitt bereits einen furzen Rückblick am die bisherigen Kriegsereignisse iversen: war die Fülle iveltbe- deutender Geschehnisse und herrlicher Aiuhmes taten unseres Heeres und unserer Flotte Pvck so gcivaltig, daß. sie zumal in den ersten Kriegswochen säst sinnverwirrend wurde. Wie in einem Rausch vergingen die sommerwarmcn Augusttage, während die Mobilmachung mit der Erattheit eines riesigen mascknnellen Orga­nismus vor sich ging.

Am 4. August trat der Reichstag zu seiner denkwürdigen Sitzung zusammen, rn der er einmütig den ungeheuren Kriegs- kredit von iüns Milliarden Mart bewilligte. Am gleichen Tage erklärte die italienische Regierung, deren Haltung man bis da­hin mit gesvanntcr Erwartung entgegengesehen lntte, ihre be wassncte Neutralität. Aber noch ein drittes folgenschweres Er­eignis Kachle Deutschland dieser Schicksalstag. Aul die Nach­richt von dem Einmarsch deutscher Drnpvcn üi Belgien erklärte nach der Reichslagssitzung der britische Botschastcr dem Reichs­kanzler, daß sich infolge dieser Neutralitätsverletzung Eng­land als im Kriegszustand mit Deutschland befindlich betrachte. Hatte man int Volke den Krieg mit Rußland und Frankreich gewissermaßen als etwas Selbstverständliches, Unvermeidliches au>- genvmmen, so grift auf die Nachricht von der englischen Kriegs- eiflarung an einigen Stellen Bestürzung Play. Nock war ja nicht sür jeden klar und offenkundig, daß. er letzten Endes nur England gewesen war, das die halbe Welt zunr Kriege gegen Deutschland auigchetzt hatte. Aber die ansängliche Bestürzung wich rasch jrohgcmutcr Zuversicht, als die ersten Nachrichten von den Ruhmeslateir unserer braven Truppen cintrasen, zu deren Belvhnung der Kaiser am 5. August das Eiserne Kreuz erneuert hatte.

Tags daraus erschien des Kaisers AusrufAu das deut­sche Volk!", der überall in deutschen Landen lautesten Wider­hall fand. Tuch noch größer war der Jubel, als sich am Abend des 7. August, wie van Tturmesflllgeln gelragen, die Meldung verbreitete, daß die deutschen Heere Lüttich erstürmt batten. Damit war ein gut Teil des Weges durch das uns feindlich entgegengetretene Belgien an die Nordgrcnzc Frankreichs trei- geworden, und unaufhaltsam wälzte sich die Lawine des deut­schen Heeres das Maastal hinaus. Ten ersten Zusammenstoß mit den Franzosen brachte der 10. "August. An diesem Tage wurde ein französisches Armeekorps und eine der Besatzung von Belsort angehörende Division, die von dort in das Oberelsaff, eingedrungen waren, bei Mülhausen unter großen Verlusten südwärts zurückgeschlagcn. Es ist unmöglich, die Fülle der Er­eignisse in ihren Einzelheiten hier noch einmal Revue passieren, zu lassen: von überall her hörte man «kühne Daten unseres .Heeres und unserer Flotter w hatte schon am 2. August der Kreuzer(Augsburg" den russischen Kriegshasen L i b a u bom­bardiert und in Brand geschossen: wenige Tage später beschossen die KreuzerGäben" undBreslau" erfolgreich algerische .Häsen. Ter Krieg war mittlerweile auch zwischen Rußland und Oester­reich-Ungarn, sowie zwischen unserem Verbündeten und England beziehungsweise Frankreich formell erklärt worden. Und in die­sem Kampf aller gegen alle wurden schließlich die Kriegserklä­rungen nunmclw mit .Heiterkeit affsgcnommen, zumal als sich auch Serbien und die Großmacht Montenegro als im Kriegs­zustände mit Deutschland befindlich betrachteten.

Mittlerweile kam es auch an der Ost grenze zu größeren Ereignissen. Tic an den verschiedensten Stellen der Provinz Ostpreußen auf deutschem Boden vvrgcdrungencn Russen wur­den am 17. August bei Stallupönen geschlagen; 3000 Russen wurden gefangen. Am 20. August wuchs die Zahl unserer Feinde um eine weitere Großmacht an. Das hiitterhälterifche Ja van verlangte in einem unverschämten llltimaium die bedingungs­lose Räumung, von Kiautichou. In dem Kriegs!ärin wurde die Erkrankung ui'id der am 20. August erfolgte Tod des .Papstes

pariser Neujahrsbraten.

Was bei uns Weihnachten, ist in Frankreich das Ncniahrsscst. T<rS Fest der Familie. Das Fest der Kinder. Auf einen fröhlichen Neujahrstag im Kreise der Faniilie legt der Franzose den größten Wert. So allein ist cs verständlich, daß int Jahre 1870 bei Hcran- nahen des Neujahrssesics die Wut der belagerten Pariser gegen die Belagerer am größten war, und daß ein sonst ganz vernünftiger Schriftsteller, Francisaue Sarcey, imGaulois" am 1. ^anuar einen Artikel verösscntlichlc, in dem cs unter anderem heißt: ,,-sdr vreußischen Bettler, ihr vreußtschcn Schuste, ihr Lumpe, ihr Van­dalen, Beutelsckmeider, ihr hobt uns alles genommen, wir werden von euch zugrunde gerichtet: ausgehungert habt ihr uns, »Iw. ulw. Alles hätten wir euch eines Tages verziehen, wir sind ja >o gnt- müttg, aber, was wir niemals vergessen werden, das ist her ohne Familie und ohne Glückwunschbriese »erbt ach t c Neujahrsmorge n." Da die französische Armee sich in Parfs eingeschloisen befand, io ist es jedenfalls eine Ucbertreibung, wenn Sareevohne Familie" sagt, denn die meisten Mitglieder der Garde nationale wohnten bei ihren Familien. Aber, mit den Aeu- lahrsdriefen hatte es seine Richtigkeit, die kamen nicht nach Paris hinein. Was aber in Wirklichkeit noch mehr entbehrt wurde, als die Briete, das war der Festbraten, aus den selbst der "Aermite an diesem einen Tag im Jahr ein Recht zu haben glaubt. Lrotz des gerade zu Ende des Jahres überhand nehmenden Hnndcdiebftahls war es doch leicht ersichtlich, daß die M 30 000 geschlachteten Hunde bei zivei Millionen Einwolmcrn nicht ausreichen würden. Tic Regierung beschloß also, der^sleischnot anders abzuhclfen, und zwar in großem und originellem Stil. Sie ließ nämlich am 20. u.c- zember die beiden Elefanten,Castor" undPollux", ans dem Jardin d'acelimatatton mit Sprengkugeln töten. Ter Metzger s.c- loos kaufte sic für 27 000 Franken und, ha«, sicher bei der "-tus- l'chlachtung ein gutes Geschält gemacht. DaßCastor" undPollux" ihre Namen nicht umsonst trugen, zeigt das Gewicht ihrer Herzen, i:i denen viel Freundschaft Platz hatte, dasCastors" wog '- i und Pollux'" 32 Pfund. Filet und Rüssel, Iv,irden mit 40 Franken das Pfund verkauft. Tie Füße das Pfund zu 20 Franken. L»e übrigen Stücke je nach der Güte des Fleisches zu 8 bis 3b ^ranken. Auch Elcsantenblutwurst gab es zu 8 Frauken das Pfund. aas war der Festbratcn der Pariser am Neujahrsmorgen 4871.

*

Deutsche medizinische Gesellschaften im Felde. Tie Wissenschaft ruht auch im Kriege nicht.o baden sich zum gegenseitigen Meinungsaustausch der im Felde gemachten Erfahrungen in Fciitdesland eine Reihe Gesellschaften ^deutfchcr Mediziner gebildet, die in regelmäßigen Zwischenräumen simrugen abkalten und teilweise ihre Verhandlungen mich im Truck crlchernen lassen. Bemerkenswert ist, das; an diesen Sitzungen vielfack^ auch belgische und französische Acrzte leilnehmeti, woraus die .«nter- ationalität der medizinischen Forschung von neuem erhellt. In amnr hat sich, wie dieKlinisch-Therapeutische Wocheufchrltt'

P i u^s X. weniger beachtet, als das in friedlichen Zeitläuften der Fall gewesen wäre, zumal am gleichen Tage der erste große «ieg in offener Feldschlacht gegen die Franzosen errungen wurde. Tie Armee des Kronprinzen von Bayern warf zwischen Metz und den Vogesen die intt starken Kräslen in Lothringen vordrrn- genden Franzosen aus der ganzen Linie. Viele Tausende von Gefangenen und zahlreich« Geschütze wurden dem Feind abge­nommen und am selben Tage wurden bei Gumbinnen die vor- dringenden Russen angegriffen, geschlagen und zurückgedrängt. 8000 Russen wurden gcjangen.

Am 24. August fiel die zweite belgisch« Festung Namur: jetzt erst erfuhr man von unserer gewaltigen artilleristischen Uebcrlegenhctt und von den schnell so populär gewordenen gro­ßen 42-Ztm.-Haubitzen. An demselben Tage errangen die Oester- reicher bei Krasnik ihren ersten großen Sieg über die Russen. Am 26. August wurde die Festung L o n g w v an der sranzösisch- belgischen Grenze genommen. Große siegreiche Schlachten im Westen brachte Uns der 27. August. Tie Engländer wurden bei Maubcuge geschlagen; eine große französisch-belgische Armee von etwa 8 Korps wurde gleichfalls vollständig geschlagen und verfolgt. Ein Ausfall der Belgier ans Antwerpen wurde zurück geschlagen: das Elsaß, wo im Lause des Monats August um die Stadt Mülhausen wiederholt heiß gestritten worden war, war bis auf die äußersten Grenzgebiete vom Feinde wieder ge­räumt. Und nicht minder großen Jubel rief die Nachricht von der Bernichtting des russischen .Heeres im südlichen ^Ostpreußen hervor, wo der General oon Hindenburg in der Schlacht bei Tanncnberg und Ortelsburg über 90000 Russen gefangen nahm. Weitere Siegesnach richten aus dem Westen kamen am letzten Augusttage; sämtliche Westarmeen gingen siegreich vor und schlugen am 1. September aufs neue etwa zehn französische Armeekorps zwischen Reims und Verdun. Das unaufhaltsame Vorbringen der deutschen Truppen nötigte am 2. September die ffranzösiche Regierung zur Flucht von Paris nach Bordeaux. Am 3. September wurde der Erzbischof oon Bologna,, Kardinal della Chiesa zum Papst gewählt.

In den nächsten Tagen tourde die Festung Maubeuge mit 40000 Gefangenen genommen; an der Marne kam es gegen Ende der l. Scptembcrwoche zu einer neuen großen Feldschlacht, in der die Franzosen unter großer Bravour ihre gesamten Kräfte einsetzten, zu denen aus Südfrankreich in Eilmärschen noch neue große Verstärkungen herangezogen worden waren. Angesichts der Uebermacht verschanzte sich die deutsche Armee in schon vorher vorbereiteten testen Feldstellungen an der Aisue. Zur gleichen Zeit wurde von der .hindenburgschen Armee in Ostpreußen auch das zwecke russische .Heer an den Masurischen Seen ver­nichtend geschlagen. Ostpreußen war vom Feinde, der dort furcht­bar gehaust hatte, fvieder frei.

Die Zeichnung auf die groß« Kriegsanleihe ging im September mck ungeahntem Erfolge vor sich; 4s» Milliarden stellte das deutsche Volk dem Vaterland« zur Verfügung. Am 22. September darchte das UnterseebootII. 3", geführt von Kapitänleutnant Weddigeir, bei Hock van Holland die drer englischen PanzerireuzerAboukir",.Hogue" undCressy, zum Sinken. Während sich in Frankreich langwierige einzelne Posi- tionskämpsc entwickelten, begann die deutsche Armee Anfang Ok­tober die Belagerung von Antwcrven, das afn 9. Oltobrr zur Uebcrgabe gezwungen wurde. Am A07"Oklober starb König Karol von Rumänien; ein anderer Freund Deutschlands, der italienische Minister des Aenßeren, San Giuliano, starb am 16. Oktober zu Rom.

Tie von Antwerpen in südwestlicher Richtung der geflüch- ieten belgischen Armee gefolgten deutschen Truppen kamen in der zweiten Oftobeihälftc am Dserkanal in Westflandern in schwere und langwierige Kämpfe mck den dort stehenden Fran­zosen, Engländern und Belgiern. In den letzten Ottobertagett mußten die deutsch-österreichischen Truppen in Polen vor neuen Russischen Kräften answeichen; der Rückzug vollzog sich ohne Schwierigkeit. Am 28. Oftober wurde im .tzochverratsprozeß zu Sarajewo das Urteil gefällt, wobei sieben Angcftagte zum Tode, zehn andere zu schwerem Kerker von drei bis zu zwanzig Jahren verurteilt wurden. Am 34. Oktober bombardierten tür­kische Kriegsschiffe Odessa und Sebastopol: zu Beginn des Mo­nats November kam es zwischen der Türkei sowie England und Rußland zum Kriegsausbruch. Großen Jubel, erweckte am 6. November die Nachricht von unserer siegreickien Seeschlacht an der chileni s ch e n K ü st e.

mittcilt, eine deutsch-belgische Acrztevereinigung unter Leitung des Garnisonarztes Professor Schilling (Berlin» gebildet, deren Sitzungen von duvckfschniltlich 30 Teilnehmern besucht sind. Für diejenigen belgischen Aerztc, die den in deutscher Sprache ge­führten Verhandlungen nicht folgen können, wirkt ein belgischer Militärarzt, der in Deutschland ftudiert hat, als Dolmetscher. Im nordsranzösilchen Städtchen Peronne versammelte der beratende Chirurg des I. bayerischen Armeekorps, Exzellenz von Angerer (Münchens, die Aerzte seines und eines benachbarten Korps zu einer Sitzung, an der unter anderen der frühere Direktor der Berliner Charite, Obergeneralarzt Scheche, die Professoren Enderlen (Würz- burgl und Wilms (Heidelberg) tecknahmen. Für die Aerzte der 5. Armee hat Obergeneralarzt oon .Hecker allwöchentlich Zu- sammenküftste ins Leben gerusen und die in und um Lille weilen­den Aerzte treffen sich jeden Mittwoch zum Austausch ihrer Er­fahrungen unter dem Vorsitz von Obergeneralarzt Reh (Münchens im Krankenhaus St. Sauveur. Tic Sanitätsoffiziere des 9. Armee­korps und der Etappcninsvektion tagen unter dem Vorsitz des Ge­neralarztes Witte in Chaunn; auf ihren Zusammenkünften sprachen u. a. Professor Müller Rostocks und der Hamburger Chirurg Kümmel

D i e englischen Universitäten im Krieg.Tie englischen Universitäten" schreibt dieDaily News"haben die Verpflichtung, zu beweisen, daß sie ein wesentlicher Bestandteil der Nation sind." Dennoch zeigt sich, verglichen mit den deutschen .Hochschulen, ihr viel geringerer Anteil Mi diesem Kriege. Oxford und Cambridge haben etwa je 1500 Skudentcn in Waffen; in geringerer Zahl sind die schottischen Studenten zu den Fahnenl geeilt; Edinburg zum Beisoiel, die größte der vier Universitäten Schottlands, schickte 600 junge Leute auf den Kontinent. Einige Professoren und Verwaltungsbeamtc baden berecks in Flandern den Tod gefunden. Ter Rektor der Universität Werdern, der Orientalist George Adam Smith, hat sich durch seine begcisterten Ansprachen an seckre Schüler berühmt gemacht. Als eine ziem­liche Last werden die Emigranten aus den verbündeten Staaten empfunden; so sind Oxford und Cambridge voll von belgischen und französischen Studenten, die geztvungcn sind, in England chre Studien sortzusetzen. In Cambridge hatte man ursprünglich daran gedacht, die gesamte Universität Löwen, Lehrer und Sckfüler, in die bestehende Kvrporalion auizunehmen ein Vorschlag, der aber nicht ausgeführt wurde. Doch sind augenblicklich dort immer­hin sieben Löwcner Professoren, zwei aus Gent und einer ausj Lille, die mit ihren belgischen und französischen Schülern ein« phckosophische, eine juristische und eine technische Fakultät ge­bildet haben. ^,.

-eine seltene Verwundung bnrrft Flieger- b - schieß » » g Kat der im Felde stebeude Dr. Marcus beob- achlct, wie er i» der Deutschen Medizinischen Wocheuschrick mil» teilt. .Eine Vorposte»kompaa«»e unseres Bataillons", so erzählt er, »rastete i» Stellung seuseils eines Bergqipiels. «ege» Jukanierie- teuer jeder Wahrschemlichkeit nach gedeckt. Ein Flieger erschien

Unsere neue Offensive in Russisch-Polen begann am 14. No­vember mit dem Siege über ein russisches Armeekorps bei A l o c- l a w e c. Während in Frankreich und Flandern Ereignisse oon ausschlaggebender Bedeutung iwch nicht wieder vorkamen, enl- wickelten sich im Laufe des Monats November und zu "Anfang Dezember die Kämpfe in Polen zu den größten Schlachten, die die Weltgeschichte gesehen bat. Am 6. Dezember ivurde Lodz von unseren Truppen erobert; tags darauf wurde über die russischen Riesenheere ein entscheidender Tieg errungen und der Feind auf der ganzen Linie in Polen »und Galizien oon den Verbündeten zum Rüchzuge gezwungen. Am 8. Dezember unter­lag bei den Falklandsinseln unser Auslandsgejchfoaücr der gewaltigen englischf«n Uebermacht.

Wenn auch am Jahresschlüsse in diesem gewaltigsten Kampte, den die Menschheit je gesehen bat, eine cndgAttge Entscheidung noch aui keinem Kriegsschanplatz gefallen ist, jo tritt Deutsch­land doch; im Verein mit seinem Bundesgenossen in der sicheren Zuversicht in das neue Jahr ein, daß.-ldieses ihm den Sieg über alle seine Feinde bringen wird.

Uriegzbriese au§ dem Osten.

Bon unserem zum Ostheere erttsaudten Kriegsberichterstatt« (Unberechttgter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Durch Ostvreuhen nach Mlawa.

Bildet, Stiinuiungen und Begebeuheiteu.

(Schluß.)

Ar m ee-O b e r k o mm a ndv 8, 25. Dez.

Neidenburg und Sol da».

Das Markttcben war in Neidenburg ebenso lebhaft wie in Ortelsburg. Tie Frauen trugen den Kopl in den großen farbigen Umsch-Iagetüchern, die Männer gingen in schweren schmutzigen Bauerupclzcn. In Ortelsburg war Wagen auf Wagen mit den kleinen unglaublich scheuen masurischen Pferden davor zur Dampf« mühle gefahren, hier schien man mehr aui Pserdekaus zu gehen. Tie Fuhrwerke standen durcheinander und nebeneinander, und wenn es gegangen wäre, hätten die Masuren sie auch übereinander gestellt. Ich beobachtete, wie ein Pserdegespann das Heu des Voidcrwagens ratzekahl leer sraß Es war sehr charaftcristtsch, was der Besitzer der Pferde dem Besitzer des Heues achselzuckend erklärte, als er seelenrubig rechts und links ansahrend aus der "Wagenburg abzog:Pies ziecze. Pan jedzie", das .Hündchen bellt, wenn der Herr fährt.

Ter Mann, der so mck «inem Svrichioort als Abzahlung bedacht war, sagte mir auf polnisch und deutsch und außierdcm in einem Idiom, daß. ickf nicht seststeilcn konnte, daß das absahrendc Brü­derchen ein swinia, ein Schwein iväre und ivotltc darauf mir, seinemwoyn" Lnkelchen, ein Pferd verkaufen, von dem er wieder in drei bis vier Idiomen behauptete, daß er es damals nacktder Schlacht" (die Schlacht ist immer Tannenbergi gekauft und nun ausgesütterl habe. Es sei ursprünglich ei» Gencral- pferd gewesen. Ich verzichtete aber aut die Besichtigung des Pferdes von Samfonoff oder Marios der Mann hätte sonst noch schließlich bchauotet, daß es das berühintc, dem General Unter dem Leibe erschossene geweseu wäre, das man :meitet lebendig gefüttert hätte und ging zu der alten schönen Or- dcnsbrug hinaus, die Neidenburg *ut Tartarcnzeit erfolgreich verteidigt hat.

Das Schloß ist 'eines der äftcsten Burgen Ostpreußens, es muß schon in der Mitte des 13. Jahrhunocrts cntüandcn sein. Neben den mächtigen Stcinkugeln, die nach alter Belagcrungs- kunst die mächtigen roten Ziegclmauern nicht durchbrechen konn­ten .und die man eingemauert hat. so daß sic zur Hälfte heraus- ragen, hat die neueste russische Granate in das Maucriverk gc- bisfen und sic hat an den unteren Wandtcilen auch nicht in das Lchtoßinnere dringen können. Oben, wo die Mauern schwäckfer sind, wurden sie glatt durchschlagen natürlich, und «s t nun das große Granatloch dicht neben einer der vielen Stcin- ftigeln aus den atten Eiseiikartaunen.

Das Schloß ist jetzt Amtsgericht und Gefängnis und die schönen, gotischen Spitzdecken sehen auf langweilige Schreibstuben und staubige Protokollbücher. Als beim Llugrisf der Russen die ersten Granaten zündeten, versvrack man ein paar schweren Jungen, die iwck in den Zellen ivaren, die Freiheit, ivemi sie

tn den Lüften, der bei seinem Kreisen in mäßiger Höbe als deulicher zlvei'elire! eckcnnbar war. So nuterblieb auch das Konnnaudo: ..Flieqerdeckuuq", das >onst die Manuschast zu tajebeu, Pe>sck»>'iubeu in llnlerüändeu, Büschen ulw. veranlaßt. In de» Friedeci der beobachicnd umberktehenden Leute tönte plötzlich der Rus cl«ies Infanteristen: »Ich bin getroffen" und gtcichzeilia stürzte der Blau» zu Boden. Zunächst hielten dies alle Uniüehcnden sür clnen schlechle» Scherz: de»» der Platz Ivar köchsieus einer Arlilleric- feuerivirkung ansgesetzt und keine Sour einer Telouation war ge­bärt worden. Jndesie», der Gestürzte vcriärble sich und verstarb trotz aller Bemüliungen im Verläufe weniger Minuten. Man ent­kleidete den Toten, aber erst »ach längereni Suche» eutbeefte mau ganz oben aui der Schulter eine minimale Ei»schußöff««uuq." Daß der Flieger o»4 Versehen mit cincni Geschoß den Mau» gelötel babe, ist unmöglich. So bl.ibt nur die eine Lösung der Frage, daß durch eine» außerordentlichen Zukall ein gegen den Flieger gerichtetes seindliche? Jn'auleriegeschoß von oben berunlersiel und dabei mit aroßer Kraft in d«e Schulter des Soldaten ef«iqedr«uigcu ist. Aui dem Geschoßroege in der Längsrichtung des Körpers waren grobe Organzeireißunge» und Ge!äbverletz»ngcn fall un­vermeidlich, die den rasche» Tod berbeiücbrlen. Es dürfte also auch, ivemi ein deutscher Flieger tibcc der Feuerlücke erscheint, für die Soldaten Vorsicht geboten sei».

W i e viel Wein wird au! der Erde erzeugt? Vroleffor Marescalchi, der Voeutzende der Gesells « alt italiemscher Weinbauern, Hot aui Kr,«nd der jüngsten ««alUlif.be«! . niffellungen berechnet, daß die Weinerzeuquug eer Well oon 009 bis 1914 ein« erhebliche Vermehrung eruibren hat. Während sie sich nämlich «nt Jahre 1909 auf 158 Millionen Öektoliler belief, ist sie jetzt oder ivar sic vielmehr vor dem Kriegsansbruche ans 184 Millionen z» beziffein. Von die>er Weinerzengnng cmfänt natürlich auf das alte Eurooa der vauptieil, da hier nicht weniger als 160 »00 (MH, Hektoliter erzeugt werden. ES «olgt Änierika mit 13*/, Millionen Hektolitern und alsdann Hfitta, das 8,8 Millionen hervotbrmgt. Tie Weiiierzengung von Asien und Ozeanien in ganz mibede» e>«d; sie belälckt sich nur aui 300000 uud 250 000 Hektoliter Unter den euroväischen Wemländeru marschiert. >vie bekauuf, Frankreich au der Spitze. Seine geicguele«« iLesilde bringen 60 Mlüom'u Hekto­liter hervor, doch siebt Italien mit 55 Mflkioue» nicht «veil hinter Frankreich zurück. Tie Weinerzengnng von Spanien belän t sich auf 16, die von Portugal ans 7. die von Ungarn auf 6, die von Oeslerreich an! 4 , die von Rußland a»f 3)c, die von Deut chland aul 2 %, die von Bulgarien und Griechenland auf fc 2 Millionen. Am Schluffe der Liste der europäischen Wemländer «leben Rumänien, die Tsiikei, di« Schweiz und Serben. Das »i.btiasie We»>- erzeuaungsland in Alrika in Algier, das 8 Million«» l'(fiolit*t bervorbriugt, und in Amerika liebt Ehile an der Spitze, w, 7 "Millionen Hektoliter erzeugt iverdcn, ivälireud die Vereinigte,, Slaalen bisher nur 2 Alillioueu Hektoliter We>n hcrvorbrtnge».

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