Nr. 306
Zweiter Blatt
164. Zahrgang
Evfcfjeinl »glich mit Ausnahme des Sonntags.
T>e „Siehener ZamillendlSNer" werden dem .Anzeiger' viermal wöchenllich beigelegt, das „Kreisblatt fflr den Krtis Sietzen" zweimal
wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Sett- sragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Mittwoch. 30. Dezember 1914
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'sche» Universitäls - Buch- und Steiudruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriltleitung.Gcschäitsstelle «.Druckerei: Schul- straße?. Geschäftsstelle u.Vertag:^E5I,Schrfft- leitung: «E112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gieße».
Cecil Rhode; Testament.
Bor einiger Zeit war viel vom „Testament Peters oes Großen" die Rede, in dem der Russcnzar die Richtlinien für die russische Eroberungspolitik in Europa für seine Nachfolger auf dem Throne sestgelegt haben soll. Dieses legendäre Dokument, das die rücksichtslose Eroberungssucht Rußlands mit barbarischer Offenheit enthüllt, ist seinerzeit auch veröffentlicht ivorden, und es sind daran lveitgehende Folgerungen geknüpft worden. Trotzdem bestreiten die Geschichtsforscher die Echtheit dieses Testaments, das mit grellem Lichtstrahl in die dunklen Geheiingänge der russischen Politik seit Hunderten von Jahren bis auf den heutigen Tag hineinleuchtet. Bon Rußland konnte die Existenz eines derartigen Schriftstückes, das die Handlungen der russischen Staatsmänner auch in unserer Zeit bestimmt haben sollte, immerhin nicht überraschen. Daß aber auch in Englmrd ei» ganz ähnliches, ängstlich geheim- gehaltenes Dokunrent existieren soll, war bis jetzt wohl nur wenigen Eingeweihten bekannt' und hätte man bei dem nüchternen Charakter der Engländer laum fiir möglich gehalten. Und doch scheint es der Fall zu sein, wenn man den Enthüllungen Glauben schenken soll, die jetzt in der in New Port erscheinenden deutsch-amcritanischcn Zeitschrift „The Vital Jssue" gemacht werden, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, in Amerika die Wahrheit über den Weltkrieg zu verbreiten. Es handelt sich dabei ryn nichts weniger, als rrm ein Testament des berühmten englischen Kolon i al-Er ob c r er s Cecil Rhode s. Rhodes, der „Kaiser von Südafrika", wie er von seinen Landsleuten genannt wurde, ist bekanntlich der Totengräber der Freiheit der Burenrepubliken gewesen. Ter Traum seines abenteuerlichen und von unerhörten Erfolgen gekrönten Lebens war die Vereinigung von ganz Südafrika unter englischer Herrschaft. Er hat die Erfüllung seiner Lebenssehnsucht erlebt. Aber es scheint, daß dieser Mann noch kühnere Träume geträumt hat, die er auch noch nach seinem Tode wenigstens von anderen verwirklichen lassen wollte.
Von diesen ungeheuren Plänen wird jetzt der Schleier gelüftet. Bekanntlich mar es Rhodes schon als verhältnismäßig junger Mann gelungen, ein ungeheures Vermögen in den südafrikanischen Gold- und Tiamantfeldern zu erwerben. Er war ursprünglich aus Gesundheitsrücksichten nach Afrika gekommen und litt an einem hartnäckigen Herzübel. Im August des Jahres 1877 erlitt er einen schiveren Anfall seines Leidens, und um diese Zeit machte er sein erstes Testanient, das vom 19. September 1877 datiert ist. In diesen! Testanient bestellt er zum Verwalter seines Vermögen-? den Lord Carnarvon, der damals Staatssekretär für die Kolonien war. Es heißt dann in dem Testament weiter: Ich lxünsche, daß mein Vermögen dazu verwandt werde, einen Ge hei mb und zu gründen, dessen Ziel cs sein soll, die britische Herrschaft in der ganzen Welt auszudehnen. Die Auswanderung aus dem Vereinigten Königreich und die Kolonisation aller Länder, in denen durch Energie, Arbeit und Unternehmungslust bleibende Werte geschaffen tverüen können, durch britische Untertanen sollen gefördert werden. Besonders ins Auge zu fassen ist die Änsiedlung von Engländern auf dem ganzen afrikanischen Kontinent, im heiligen Laich, in den Tälern des Euphrat, auf den Inseln von Chpern und Candia, auf dem ganzen südamerikanischen Kontinent und jenen Inseln des Stillen Ozean-s, die noch nicht im englischen Besitz sind, iin ma- laischen Archipel und an den Küsten von China und Japan.
Ein weiteres Ziel ist die endliche Zurückgewinnung der Vereinigten Staaten von Amerika als ein fester Bestandteil des britischen Reiches, die starke Zusammenfassung aller britischen Kolonien und endlich die Gründung einer so großen Macht, daß Kriege in Zukunft unmöglich sein werden und die wahren Interessen der Menschheit gefördert werden können.
Wie steht-es um die Echtheit dieses Testamentes, das von einer angesehenen deutsch-amerikanischen Zeitschrift veröffentlicht wird, zu deren Mitarbeitern der frühere Staatssekretär Dernburg zählt? So abenteuerlich das Schriftstück auch erscheint, ganz von der Hand zu weisen ist die Möglichkeit seiner Existenz nicht, beim es spiegelt allzu deutlich den Größenwahn von Cecil Ükhodes und dcs eng- lichen Volkes wider. Tie Weltreiche, die Alexander dem Großen, Cäsar oder Napoleon vorschwebtcn, waren klein und gering im Vergleich zu dem Reiche, das der Eroberer von Südafrika gründen wollte! Aber was diese großen Männer mit Gewalt zu erreichen suchten, will der Engländer durch heimliche Machenschaften, durch die Gründung eines Geheimbundes vollbringen. Sein Plan ist ganz charakteristisch für die Art, in der das britische Weltreich in der Tat zustande gekommen ist: ohne Waffengewalt, allein durch hinterlistige und versteckte diplomatische Künste. Man kann jedenfalls verstehen, daß die Existenz diese-? Testamentes streng geheim gehalten werden sollte, und besonders in Amerika dürfte seine Veröffentlichung keinen geringen Eindruck mache».
wie die „Nürnberg" ein Nabe! zerschnitt.
Die Zerstörung des wichtigen englischen Kabels von Fanning Island durch die „Nürnberg" hat höchst unliebsames Aufsehen bei unseren Feinden erregt. Wie das Schiff diese wichtige Tat vollbrachte, das schildert anschaulich der Brief eines aus der Fanning.-Jnsel wohnenden Engländers an seine Mutter in Australien: „Die Deutschen sind gekommen und wieder gegangen, und wir sind alle noch lebendig und wohlauf. An Stelle aller der furchtbaren Gerüchte, die herumschwirrten, hier ein Bericht über das Erscheinen der „Nürnberg". Die Deutschen kamen am 7. September. Ich hatte Nachtdienst, und so um ö Uhr morgens wurde gemeldet, daß ein großer Dampfer herannahte. Wir gingen nach der Küste, sahen aber nichts. Zlls ich um- 6 Uhr wieder herunterging, kam ich gerade zurecht, um einen großen Dampfer mit drei Schornsteinen hrannahen zu sehen. Es war schon ziemlich hell. Ter Oberaufseher, zwei Ingenieure, der Koch und ein Arbeiter waren mit mir zusammen die einzigen, die sich an der Küste befanden. Als das Schiff auf wenige hundert Meter herangekommen war, sahen wir, daß es voll war von bewaffneten Matrosen und daß ein Maschinengewehr ausgestellt war. Im Nu hatte der Dampfer Boote ausgcsetzt, bewaffnete Männer sprangen ans Land, Gewehre waren auf uns gerichtet, urch ein Offizier sagte: „Hände hoch, Sie siich meine Gefangenen." Das alles vollzog sich im Handumdrehen, so daß wir gar nicht zur Besinnung kamen. In wenigen Minuten war die Maschine unbrauchbar gemacht und eine Kette von Soldaten um alle Gebäude gestellt. Tie Schlafenden, die noch in den Betten lagen, wurden durch das Krachen der Akkumulatoren aufgeweckt und lamen heraus, um zu sehen, was los sei. Das erste, was sie sahen, waren Gewehre, und zugleich kam der Ruf „Hände hoch". Wir befanden uns alle an der Küste, von den Deutschen umgeben, und es dauerte nicht sechs Minuten, bis wir alle Gefangene waren. Dann waren die
Aexte geschäftig bei der Arbeit, und in wenigen Sekunden war das Bureau für drahtlose Telegraphie, waren die Batterien eine ivirre und wüste Masse. Nun hatte auch ein anderes Boot gelandet, und man gestattete uns, ein wenig auf und ab zu spazieren, obwohl das am Strand aufgestellte Maschinengewehr gerade keinen angenehmen Anblick bot. Das nächste, was sie taten, war die Sprengung des Maschinenraumes. Zunächst tvar die Maschine zuin Stehen gebracht worden, indein man hineinfeuerte; nun wurden wir davor gewarnt, näher heranzugehen, und dann erfolgten zwei furchtbare Explosionen. Das Dach und die Wände krachten und stürzten ein, und die Maschine war für immer zerschinettcrt. Ich glaube, daß sie Schießbaumwolle verwendeten. Tic Küstenenden der Kabelanlagc wurden auf dieselbe Weise behandelt; zwei riesige Säulen von Wasser, Sand, Fischen, Korallen usw. flogen 80—90 Fuß in die Höhe, und nachdem das ausgeführt war, war's mit dem Kabel zu Ende. Die Flaggenstange wurde herunter- geholt und in kleine Stücke zersägt. Unterdessen hatten wir eine neue Aufregung. Plötzlich war Rauch zu sehen, und ein kleiner hübscher Dampfer erschien, den wir für ein harmloses Handelsschiff hielten. Es war aber ein Kohlcnschisf, das den deutschen Dampfer begleitete und nun das Kübel im Meer an verschiedenen Stellen aussuchtc und durchschnitt. Um 3 Uhr kam noch ein anderes Boot und bat um alle vergrabenen Instrumente, Gewehre und Munition. Was tvir da hergeben mußten, waren 9—10 Kisten mit Instrumenten, 20 alte Flinten und 20 000 Stück Munition, Nachdem sie noch alle Pläne und Papiere der Verwaltung sorgfältig eingepackt hatten, empfahl sich die Landungsabtcilung. und die Boote kehrten zurück. Tann lichteten beide Schiffe die Anker und fuhren nach Westen. Was uns bei diesem Abenteuer den größten Eindruck machte, das war die reißende Schnelligleit, mit der sich alles abspielte. Es schien unS nur Sekunden zu dauern, bis swir völlig abgeschnitten waren. Uns war allen recht unbehaglich zu Mute, aber sie waren sehr freundlich und entsetzlich hö>lich. „Möchten Sie nicht so liebenswürdig sein und mir eine Axt geben?" so lautete z. B. die Aufforderung, als sic die Flaggenstange Niederhalten. Als zwei Aexte die cttva -10000 Mark kostenden Vergrößerungsgläser zerschmetterten, sagte ein Matrose entschuldigend: „Es tut mir leid, meine Herren, aber das ist der Krieg." Wir plauderten mit chnen und sie rauchten unsere Zigaretten. Sic äußerten alle den brennenden Wunsch, mit japanischen Schiffen zusammenzutrcffen. Nun sind wir von der Außenwelt abgcschnitten und gucken trübselig durch die Ferngläser, ob uns nicht jemand lsilft. Heute nacht dachte ich schon, cs iväre das Licht eines Schiffes, aber dann war es bloß ein Stern..."
Die Anfänge des „Llsenbahnkrieges".
Einen „Elsenbahnsieg" hat ein italienischer Militärsachverständiger den großen Erfolg des Feldmarschall Hindenburg in Polen genannt, und als einen „Eisenbahnkrieg" bezcickmpt man vielfach die mit unübertrefflicher Verwendung der Schienenwege durchgesührtcn Operarionen der verbüildcten Heere auf dem östlichen Kriegsschauplatz. So ist durcki die Eisenbahn eine ganz neue Form der Strategie hecausgeführt ivorden, die erst jetzt rein entwickelt wird, deren Anfänge aber schon gleich in die ersten Zeilen des Tampsrosses fallen. Bereits 188b, also bevor noch die Eisenbahn bei uns cingeführt wurde, hat M o l t k e in einer kleinen Schrift aus die hervorragende militärische Bedeutung des neuen Verkehrsmittel hingewiesen, und so ist er ergent- lich der Vater des heute so großartig ausgebildeten Eisenbahn- kirieges. Der erste militärische Transport aus der
Giefzener Ktadtthcater.
Der Schlagbaum.
Volkslustspicl von Heinrich Lee.
Ein Konjunkturskück? Geschrieben mit der Absicht, in Patriotismus zu machen und sich durch zeitgemäße Erinnerungen eine geneigte Zuhörerschaft zu sichern? Schwerlich, denn die Zeit, m der die deuffchc Einhcitsidee iwch in unichuldigen weißen Windeln lag und die Zollvcreinsentwicklung schüchtern als ihre Amme fungierte, ist für unser Durchschnittsgeschichtsempfinden mangels äußerer Höhepunkte nachgerade zu verstaubt geworden, als daß man in normalen Zeiten in Hunrastimnmng versetzt würde, wenn man an sie erinnert wird. Gleichwohl kommt es Hemrrch ~ e e zugute, daß das Pnbliknm gerade jetzt bereitwillig zustimmt, wenn in irgend einer Form vaterländische Betrachtungen nngestcllt wer-
den. , , . ..
Sieht man von einigen kleineren Anachronismen ab, dann rft der Stofs folgender: Im Jahre 1833 fallen nach langen parla- mcntarischen Kämpfen und Auseinandersetzungen in den beteiligten Handels- und Jndustriekreisen in deutschen Landen eine Reihe drückender Zollfesseln. Mitten im Widerstreit der Meinungen stehn der Berliner Garnfabrikant Lüdecke und sein Schwiegersohn in spe Tutzinger, der eine ^zäh ur den
begrenzten Anschauungen vom Nutzen des Schlagbaumcs und des kleinlichen Zollschutzes wurzelnd, der andere voll von politischem Idealismus mit dem Bilde eines einigen All- deuischlands im Herzen, beide Hitzküpse und Starrhaltc. wenn es sich um die politischen Fragen der Zeit handelt. Der Alte unternimmt es, den König mü einer Petition der Berliner Kaufmann- schait von deni vermeintlichetr Schaden eines Freihandelsvertrage!, mit Sachsen zu überzeugen, und fordert die Unterschrift des Zungen. Der will an seiner Ueberzeugung nicht zum Verräter werden, per- weigert bie Hergabe seines Namens und geht so der fchwregervater- lichen Snmpathien und konscqucntcrweise des Anspruchs auf die Braut verlustig. Um den Bruch wieder zu l>erlei,. begeht der klutor eine Ungeheuerlichkeit: der Sckumegersohn unterschlagt dm bett- rion, überzeugt ben grotlenden -Schwiegervater, der mzwnchen lerne politischen Anschauungen vöUig revidiert und umgekrempett hat, damit von seiner Loyalität. und in der -Loilvestcrnacht I , in der allenthalben die Schlagbäume sinken, sinken si» auch die getrennten Liebenden eiligst in die Arme, um ia den Moment mmt zu verpassen, da die Glocke stimmungsvoll zwolsc schlagt Ta dieser Stoss zu cineul Lustspiel an und sur sich niml die nötigen Qualitäten besitzt, führen eine Reihe nicht
eben neu erdachter Personen einen ziemlich tnrz-
weiliqcn, mit allerhand bekannten und alteren Zerlinm Vorortspäßen begleiteten Tanz um ihn aus, der naturgemäß mit dem Ganzen in einem äußerst lockeren Zusammenhang steht vs ist nun eiiiinal nicht anders: Ein bleibender Eindruck wird nur durch einen ivirklichen Inhalt hcrvorgebracht: und wenn dreier so wie hier — von den patriotisckien Kraitstelle» abgesehen — da-- Publikum lühl bis an-? Herz hinan läßt, da ist die Reparatur die,», Schadens durch Einzelheiten, Stichwörter und Lieblingswendmigen der feit literarisch betrachtet, immerhin eine mißliche ^ame. Rein^Iheatratisch stellt sich der Endeffekt so dar, daß man über der -Geschicklichkeit, mit der Lee die Palette mit verschwcnderischeni Lokalkolorit handhabt, und dem reichlich verweiideten L-prceivaffer-
duft immer wieder vergißt, daß es doch eigentlich um den Schlagbaum und nicht um eine Anzahl mehr oder weniger ulkiger Liebes- und Verlobungsgeschichten geht. Was aber für den Grad der Unterhaltung nur von Vorteil ist.
Gespielt wurde die Neuheit mit Sorgfalt und Eifer. Einzelne Unsicherheiten in der.Zügelführung der Handlung müssen zu Lasten des Autors gehen. Direktor Steingoetter trat mit seiner Regie das Milieu des vormärzlichen Berliner Kleinbürgertums ausgezeichnet: in eine Prügclszene brachte er eine geradezu beängstigende Natürlichkeit, wie überhaupt das Tempo sich namentlich auch hinsichtlich der Zwischenakte an ein lobenswertes Allegro hielt. In die mittelalterlichen Burgverließmauern des zweiten Aktes konnte man sich allerdings leichter Kettenklirren und Zähneknirschen als die Lüdeckcsche Schreibstube hineindenken. Hans Grosscr-Braun dürste für die frische Art, wie er den gemüt- und temperamentvollen Tutzinger, den Feind jedes Partikularismus in Staat und Familie, anfaßte, die erste Anerkennung verdienen. In seinen Widerpart Lüdecke wußte sich Rudolf G o l l am besten zu finden, -venn der Alte gemütlich wurde: wenn mau ihm sein für den Spezial- und Hausgebrauch eingerichtetes politisches Glaubensbekenntnis weniger gern glaubte, so möchten wir den Grund dafür vornehmlich in der wenig glücklichen Behandlung dieser Figur durch den Autor suchen. Viel Heiterkeit erregten dagegen Auguste Freuzel als Frau Lüdecke, Hansi Martini als Dienstmädchen Dörthe und Hermann Stichel als Eckensteher Nowak, dem im Lattenfritze- Slil Franz Bochum als Markthelser Pietsch ein würdiges Gegenstück war. Marta Schild gab die Tochter des Lüdecke- scken Ehepaars mit der gewohnten Innigkeit. Ludwig Grosser als scharwenzelnder Handlungsdiener hatte die Lacher zwar stets für sich ; wir glauben aber, daß es mehr im Sinuc des Stückes liegt, wenn die Figur weniger aus den Possenreißer hinaus- gejpiett, als vielmehr im Geist Hausffcher Satire als glückliche Parodie Claurenschcn lächerlich-prätentiösen Acstethentums auf- gesaßt wird.
Das Publikunl hielt mit Beifall angesichts der wackeren Leistung des Abends nicht zurück und spenimte namentlich dankbare Anerkennung, als sich am Ende des Stückes unter dem Klang der Punschqläser nach einer Apostrophierung des Vaterlandes durch den Patrioten Tutzinger der Konflikt zwischen den bis dahin feindlichen Lagern in Wohlgefallen auslöste. -a-
Line Londoner „Theater-Sensation".
Die hochgradige Geistesverwirrung, die jetzt aus so vielen Aeußerungen der englischen Öffentlichkeit zu uns spricht, hinterläßt nicht nur in der Presse, sondern auch in der Literatur ihr» deutlichen Spuren, und die gcardezu kindischen Machwerke, zu denen sich selbst die besten Schriftsteller des englischen Volkes hinreißcn lassen, werden einmal in ruhigeren Zeiten als bleibende Denkr mäler dieser geistigen Erkrankung des englischen Publikums dem Kulturhistorikcr wertvoll sein. Den Höhepunkt in der grotesken Verkennung der wirklichen Verhältnisse, in dem willenlosen Nachstammeln gewisser Schlagwortc, mit denen man die öffentliche Meinung Englands umuebelt, erhalten wir nun in deni einaktigen Kricgsstück des bekannten englischen Dramatikers Sir James M. Barric, das den deutschen Titel „Der Tag"
führt und zum erstenmal kurz vor Weihnachten im Coliseum auf- gesührt wurde. Es ist eine Traumszene, in der „ein Kaiser" die Hauptrolle, spielt. Daß dieser Kaiser der deutsche Kaiser ist. darüber blecht keinen Augenblick im Zweifel, wer den vollen Wortlaut dieser ungewollten Burleske liest, der im Daily Telegraph veröffentlicht wird. Zu dem Kaiser, der „auf einem barten Stuhl in Gedanken sitzt", kommen der Kanzler und ein 'Adjutant und wollen ihn zur Unterzeichnung eines Papiers zwingen, durch das „das Vaterland in Krieg mit Frankreich imd Rußland versetzt ist." Der Kaiser ist unentschlossen, aber der Kanzler versichert ihn, daß er England nicht zu fürchten brauche; das sei nur noch „ein über- mästcter Bauch von Land, ohne rotes Blut in ihm, sondern gefüllt mit einer dicken gelben Flüssigkeit. Englands Rolle in der Welt ist ausgespielt, „ich war", seine Grabschrisl." Trotzdem zögert der Kaiser noch immer und befiehlt den Beiden, sich zu entfernst und sich später seinen Bescheid zu holen.' Allein gelassen, enthüllt er nun seine Gedanken, von denen die begeisterten Kritiker meinen, sie enthüllten die Seele des Kaisers.
Folgendes eine Probe dieser Enthüllungen, die in ihrem Schwulst jeden Herodes Marlowes und der anderen Vorläufer Shakespeares „überhrrodessen": „Rotes Blut kocht in meineir Adern, die ganze Welt ist mein eigen. Ich höre Tmisende örm Nachtigallen. Ich könnte alle Elefanten in Hindostan essen urid mir die Zähne mit dem Turm des Straßburger Münster stochern." Praktischer sind dann seine weiteren Gedankengänge. „Selbst eines Herrschers Leben ist nur ein Tag, uub in diesem Tage steht nur einmal die Sonne ini Zenith. Ties ist mein Zenilh. Tie ganza Welt dreht sich um mich in dieser Nacht." Er wird Napoleon in den Schatten stellen. „Paris in drei Wochen, sagen wir vier, um jede falsche Berechnung auszuschließen. Riißland auf der aiidern Seite in sechs, und dann ist er da — der Tag!" Von Calais geht's über den Kanal, die englische Flotte wird zerstört, Großbritannien erobert. „Ich will dem eroberten England ein paar Äugeln zuzn Spielen lassen, damit kein Ausstand entsteht. Daun schneide ich Amerika in große Stücke für meine Kolonisten, denn nun beherrsche ich die Meere. Diktator der Welt! Herrscher über alles! Gott im Himmel. Ich auf Erden — wir zwei! (Er runzelt drohend seine Brauen): Und dann sind da noch die Zeppeline! Ich werde unterzeichnen." Nachdem er sich zu diesem Entschluß durchgerungcn hat. erscheint dem Kaiser der „Geist der Kultur, eine edle Frauengestalt in weißen Kleidern". Dieser Geist führt sich als ein besonderer Freund der Deutschen ein uud bittet ben Kaiser, seine Pläne hübsch sein zu lassen. Und siehe da! Seine Warnungen scheinen auch Erfolg zu haben. Als der Kanzler und der Adjutant wieder herein- kommen, zerreißt der Kaiser das Papier, worauf sich die beideit „ärgerlich, aber ehrerbietig" zurückzieheu. „Die Entscheidung lag bei mir," triumphiert der Kaiser, „und ich sagte, es soll Frieden sein. Das sei mein Zenilh!"
Aber damit ist das Stück noch lange nicht zu Ende. Er schläft wieder ein, er hört die Kanonen donnern lind die Granaten pseiseu; er sieht in einer Vision die völlig zerstörte Kathedrale von Reims, und nun ist auch der „Geist der Kultur" wieder da und weckt ihn aut. Der Geist mahnt ihn an die Wirklichkeit; seine friedliche Absicht war nur Traum; er hat de» Krieg erklärt, und England, das er degeneriert und machtlos glaubte, inacht ihin am meisten zu schassen. „Gott kann cs nicht zutaffcn, daß mein Deutschland ganz vernichtet wird!" ruft der Kaiser aus, und der Geist der


