das Feuer der Geschütze der „Undaunted" uird der „Arc- thusa" in die Flucht treiben. Die beiden Schiffe bliebe:: drei Stunden vor der feindlichen Küste, ohne daß sie durch gewöhnliche Kriegsschiffe belästigt wurden. Sie nahmen dann ungehindert drei von den sieben Fliegern mit ihre:: Flug- nraschinen wieder an Bord; drei andere wurden später durch englische Unterseeboote zurückgebracht, die die Maschinen aus dem Wasser aufnahmcn. Ein Flieger, der augenscheinlich verwundet war, wurde 8 Meilen von Helgoland ohne Maschine beobachtet, man weiß nicht, was aus ihn: geworden ist. Der durch die englischen Flieger an- gcrichtele Schaden konnte nicht untersucht werden, aber ihre Bomben wurden auf Punkte geworfen, die militärische Bedeutung habe::.
Die Admiralität teilt ferner mit, daß die Deutschen Angriffe mit zwei Zeppelinen, drei Hydroplanen und versckffedencn Unterseebooten unternahmen. Alle deutschen Bomben verfehlten ihr Ziel, — heißt es in den: englischen Bericht.
Berlin, 29. Dez. lieber den Angriff der englischen Schisse aus die deutsche Bucht ergeht sich die „Times" in Großsprechereien, daß das Ergebnis des Kampfes zwar nock: nicht bekannt sei, daß aber ocr moralische Erfolg auf jeden Fall groß sei. — Der „Bert. Lokalanz." meint dazu: Tie „Times" mag sich beruhigen. Wenn sic mit dem Ergebnis des englischen Vorstoßes nach Euxhaven zufrieden ist, so bewundern wir ihre Bescheidenheit.
Die englischen Versicherungsprämien gegen deutsche Vorstöße.
London, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Die Versicherungsprämien bei Lloyds gegen deutsche Vor - st ö ß e an der O st k ü st e steigen. Von Harwich nordwärts werden 55, von Harwich bis Dover 55 und von Dover um die Südküste 15 Prozent gefordert. Zahlreiche Policen sind abgeschlossen worden.
Der Schaden von Whitbh.
Zürich, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Die Züricher Zeitung" bringt einen ausführlichen Bericht des Wochenblattes von Whitby vom 18. Dezember, wonach der den Ruinen der historischen Abtei zugefügte Schaden ganz geringfügig ist. Es sei bemerkenswert, daß der Erste Offizier der Küstenwache gerichtlich aussagte, seiner Ansicht nach seien sämtliche Schüsse auf die Signal- und Wachlstation gerichtet gewesen. Wenn einige Schüsse zu weit rechts gingen, so müsse dieser Umstand einzig dem Schwanken der Schisse zugeschricbcn werden.
Die Minengefahr an der englifchcn Küste.
London, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Ter niederländische Dampfer „Leersum" aus Rolterdan: stieß am Samstag zwischen Scarboroug h und Filsh auf eine Mine und sank. Zwei Mann der Besatzung werden vermißt. Siebzehn wurden in Scarborongh gelandet.
Znr Abwehr deutscher Angriffe gegen England.
London, 28. Dez. (Ctr. Frkf.) In der „Daily Mail" wird angeregt, die Städte der Ostküste Englands sollten auf ihre Kosten Unterseeboote zur Abwehr deutscher Vorstöße beschaffen.
* . *
Ein neuer Angriff auf die Dardanellen?
Basel, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Wie die „Basler Nachrichten" melden, ist das verbündete Geschwader vor den Dardanellen neuerdings ver- st ä r k t worden und besteht jetzt aus vierzig Wimpeln, darunter 15 Dreadnoughts und anderen Schlachtschiffen. Es wird ein entscheidender Angriff erwartet. Das französische Schlachtschiff „Wafdeck Rousseau" ist, mit den: Kommandierenden General an Bord, in Saloniki cingetroffen.
Das Seegefecht im Schwarzen Meere.
Konstantinopel, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Nach glaubwürdigen Mitteilungen hat das Seegefecht, von dem die amtliche Mitteilung sprach, bei Z u n g u l d a k stattgefunden. Es heißt, daß die Russen durch die Versenkung von Schiffen den Zugang zun: Hase:: von Zun- guldak, der Kohlcnstation ist, versperren wollten, aber dank der Tapferkeit der osmanischen Flotte gelang der Versuch nicht. Man ist hier voll Bewunderung über die Tapferkeit und Geschicklichkeit der Offiziere und Mann
schaften des osmanischm Kriegsschiffs, das allein imstande war, den Kainpf mit einer so zahlreichen russischen Flotte auszunehmen und die Minenleger „O l e g" und „A t h o s", zwei große, der russischen Freiwilligenflotte angehörige Schiffe, zum Sinken bringen konnte. Die amtliche Mitteilung rief in ganz Stainbul große Freude hervor, zumal sic nach den falschen Gerüchten kam, die in diesen Tagen absichtlich verbreitet waren, um die Bevölkerung zu entmutigen.
Der Zar-
Petersburg, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Der Zar ist bei der Armee eingetroffen.
Ein miiselmanisch-israclitisches VerbrüderungSfcst.
Konstantinopcl, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Jerusalemer Blätter berichten über ein muselmanisch- israelitisches Verbrüderungsfest in dieserStadt, an dem Vertreter der angesehensten arabischen Familien und hervorragender israelitischer Gelehrter teilnahmen. Es wurden auch Ansprachen in hebräischer Sprache gehalten.
Rumänien und Bulgarien.
Wien, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Das „Acht-Uhr- Blatt" meldet aus Bukarest: Nach übereinstimmenden Meldungen mehrerer Morgenblätter finden zwischen B u k a r e st und Sofia diplomatische Unterhandlungen statt, welche die Begegnung der Herrscher beider Länder auf rumänischem Gebiete bezwecken.
Bulgarische Erbitterung über Serbien.
Wien, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Das „Acht-Uhr- Blatt" meldet aus Sofia: Die serbische Antwortnote, wonach in der Donau zwischen Prahova und Rasova Minen gelegt seien, so daß die bulgarischen Dampfer nicht passieren könnten, rief in hiesigen diplomatischen Kreisen und im Publikum große Erregung und Unzufriedenheit hervor. Die bulgarische Presse protestiert gegen das Legen von Minen im internationalen Donaustrom und fordert die Regierung auf, als Antwort auf die serbische Herausforderung, die freie Fahrt auf der Donau zu schließen und zu diesem Zwecke die Donauuser bis zum Morawafluß militärisch zu besetzen.
Ein ägyptisch-rumänischer Handelsvertrag.
Genf, 28. Dez. (Ctr. Frkft.) Zwischen Aegypten und Rumänien jntb, wie der „Tcmps" meldet, Unterhandlungen wegen eines neuen Handelsvertrages angeknüpft worden, dessen Bedingungen durch, die ägyptische Regierung bereits sestgelegt und gutgeheißen worden seien. Der neue Vertrag soll Rumänien auf die Basis der meistbegünstigten Nation stellen.
Ans Aegypten.
Rotterdam, 29. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Der „Nieuwc Rotterdamsche Courant" meldet aus London vom 28. Dez.: „Daily Telegraph" erfährt aus Aegypten, daß der britische Ober- kommifsar Mac Mahon bei einem Interview mü einen, Korrespondenten des arabstchen Blattes „Al Mokattan gesagt habe, daß, obwohl das Protekwrat einige kleine Aenderungen mit sich bringen werde, keine radikalen Reformen geplant seien. Man strebe vor allen, nach einer schneller und kräftiger arbeitenden Verwaltung. Die Kapitulationen müßten schließlich automatisch verschwinden. Es wäre jedoch unverständig, voreilige Veränderungen einzusührcn, che man wisse, was die Folge davon sein würde. Man müsse erst herausfinden, wie die Kapitulationen am besten ersetzt werden könnten, da man die internationalen JMeressen im Auge behalten müsse.
* äs *
Sturmfzenen im japanischen Parlament.
Basel, 28. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Nach einer Meldung aus T o k i o ist es im japanischen Parlament vor der Auflösung zu stürmischen Szenen gekommen. Die Verteidiger der Jnsclpolitik gerieten sogar in ein Handgemenge mit den Kontincntalpolitikern. Der Deputierte Schilbawa, ein früherer Minister, wurde so zwischen die Bänke gepreßt, daß er schwere innere Verletzungen erlitt.
Eine internationale Konferenz aller neutralen
Staaten?
New shork, 28. Dez. (WT.B. Nichtamtlich.) Die „New ?)ork Times" meldet: Die Regierung von Venezuela hat der Leitung der panamerikanischen Vereinigung den Vorschlag unterbreitet, eine internationale Konferenz aller neutralen Staaten einzuberufen, um über eine Revision der Bestimmungen betr. die Rechte der Neutralen in Kriegszeitcn zu beraten. 4
Ein deutscher Angriff auf Angola.
Berlin, 29. Dez. (ctr. Bln.) Aus Mailand wir gemeldet: Aus Lissabon wird neuerdings berichtet, da 2 000 deutsche Reiter bei Nulila die Grenze dc Kolonie Angola überschritten und Nnlila angegriffen ln den. Ter portugiesische Oberst O c a d o s zog sich dar», in strategisch bessere Stellungen zurück.
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Gießen, 29. Dezember 1914, Je 11 '
AuS unserem EinquartierungSburcan. ^
Enge u:id bescheiden, wie alle Räume in unserer Bürget.. $ meistern, ist auch das Zimmer, in welchen, die Arbeiten sür t>, 1 ,
Einquartierung und die F a m il ien u n te r st ü tzmn! klw von drei Beamten besorgt werdeir Dabei ist der Verkehr a P dieser Stelle der Verwaltung ziemlich bedeutend, und häusig i ijr ji an Vormittagen der Betrieb auf den, Flur vor dieseut Raun L« so stark, daß die aus Einlaß harrenden Mensche::, meistens Frans ■ „ wie eine bewegte Woge hin und her schwankst, so daß der Be, kehr zu den benachbarten Venvaltungsräumci: behindert ist. rl » Es ist interessant zu hören, mit welchen Anliegen das Pubti^nck kum zu den BcaiMen konmit. Eine Dame beklagt sich, daß ma " * ihr bisher imr immer einen Mann ins Quartier gelegt l>at, sjhlädi ist ans zioei Mann eingerichtet und wünscht, wenn sie scho Mint einmal Einquartierung bekommt, daß auch der Platz ansgcnutz I)A wird. Das Auge des Beamten strahlt förnllich über diesen Opse, I'* mut, freu eidlichst sagte er zu, den Wunsch sür die Folge zu er f hi» füllen. Eine ältere Witwe beklagt sich, daß sie seit Monate chgc ohne Einquartierm:g geblieben sei: sie habe immer an Studente j, :1
vermietet gehabt, und damit sei es jetzt nichts. Sie könne ei: großes Zimmer mit drei guten Betten enrrichten, und die Leut
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sollten es gut bei ihr haben, denn ihr verstorbener Mann s, tv « ja auch ein aller Soldat gewesen. Die Adresse der Petemin wir sofort niedergcschriebcn und gleich nach Neujahr soll die Frrv fed’“ die gewünschten drei Leute erhältst. Ein Offizier wünscht um finicn quartiert zu werden, er wohnt jetzt in her Nähe dc Kaserne, möchte aber mehr ins Innere der Stadl. Ihm wird höflich bedeutet, daß eine llmquartierung nur auf Antra Mg seines Truppenteils vorgenommen werden kann. Dann kommt ein ( ce] Reihe von Quartiergcbern, welche sich darüber beklagen, daß si ^ bereits über 4 Wochen Einquartierung haben und dieselbe do: v ' auch einmal wieder los sein wollen. Jeder erllärt, es bandst sich um ruhige, anständige Landstnrmleute. aber bei dem unbeßümn ten Dienst, den diese Leute haben, sei es sehr schwierig, sich mi dem Essen einzurichts:, bcsmrders mittags wisse man niemals, imur der Mann eigentlich aus dem Dienst komme. — Diesen Klage gegenüber Ivird der Trost gespendet, daß ln: Januar die Land stnrmlentc eine Umoarticrnng zu erwarten Hab«:. ,Zch bi: ein großer Soldatenfreund," so führte sich ein wohlbeleibter Her mit gutmütigem Gesicht ein, „glauben sie nicht etwa, daß ich mü >vcgen der Einquartiernngslast beklagen will, aber ich habe jctz die beiden Leute über 8 Wochen, und ich sehe doch, es gibt Bürg« die wenig oder gar keine Einquartierung bekommen. Wie gesagt, ic will mich d:irchlu:s nicht drücken, aber es ist doch esn bißchen die sür meine Frau. Ich möchte srenndlichst bitten, mir die Leute doö abzünehmen. Wenn ich dann später wieder an die Reihe komme nun, dam: will ich mich gar nicht sträuben, wieder Soldaten z: beherbergen, wenn auch unser behagliches Leben in der Famllie da Jputg durch etwas beeinträchtigt wird." Dem Herrn wird klar gemacht daß ihm seine beiden Landstürmcr vor 4 Wochen, wo diese um guartiert iverden sollten, auf scins: eigenen Wunsch belassen wur den, u:ü> daß er sich min nicht beklagen dürfe über die ungerecht Behandlung. „Nun ja doch," so rechtfertigte sich der Mann, „di Leute wollten doch nicht fort, und baten mich, sic zu behalten und da kann nrau doch nicht anders, und wenn es jetzt nicht z: wachs: ist, so tvill ich die Leute ganz gern :wch tveiter behalten.'
Ein aitbercr Bürger wünscht seinen Landsturmmann gegen Be Zahlung auszuquarticrcn, er tvürde ganz gern auf das Quartier gcld, das er bekommt, eine Kleinigkeit drauf legen. JA diesen Fall wird der Bescheid erteilt, daß die Stadt sich mü der Ber mlltlnng^solckwr Quartiere nicht befasse, daß aber jeder Gastwirt:> unserer Stadt gegen entsprechende Bezahlung gern Gäste anfnlmmt Vereinzelt kommt es vor, daß sich die Quartiergcber über un angcniessenes Betragen ihrer Einquartierung beklagen. In einen solchen Fall werden die Kläger an den betreffenden Trupventci gewiesn:. In Fällen, wo in einer Famllie die Umauartierim: zwingende Gründe hat, z. B. wo eine Erkrankung vorliegt, wüi stets geholfen, aber mit Scheingründen oder Gründe» der Be auemlichkeit ist bei den in diesen Dingen orientterten Beamte: nichts zu erreichen. Alan stellt sich mit Recht auf den Standpunkt daß cs eine Ehrenpflicht unserer Bevölkerung ist, der Hauscigcn turnet sowohl wie der Mieter, die Eiuauarticruugslast nicht nm zu ichcrnehmcn, sondern auch die Männer, welche im Dienste de: Vaterlandes ihre Pflicht tun müssen, gut und angemessen zu ver pilcgen. Allerdings sagt sich mancher, soweit es nur irgend angeht könne die Militärbehörde i» der Diensteintellung etwas entgegen kommender sein, damit die Mittagspausen pünktlich zu bestimmlcr Zeiten cingehalten werden, denn es ist sür eine Hausfrau nickst: ärgerlicher, als wenn das schmackhaft zubercitctc warme Essen au ds: (tzast warten muß. Aber auch diese Ncinc Unzuträglichkeit mus eben in Kauf genommen werden.
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„Aschenputtel".
Betrachtungen zur KindcranffUyrung im Stadttheater.
Gieß,», 89. Dezember.
Es ist etwas Eigenes um unsere alten Volksmärchen. Dem Inhalte nach sind sic tiefgründig wie die Seele des Volkes, der Form nach schlicht, groß »nd typisch: sie haben die Poesie unberührter Natur, sic sind kristallhell »nd wahr wie die Seele des Kindes. Die Brüder Grimm haben cs verstanden, dem Volke die alten Märchen abzulauschsr und sie in ihrer Eigsiart, die sich im Verlause von Jahrhunderten — vielleicht von Jahrtausenden heraus- gebildet hat, sür uns zu sammeln.
Ein Künstler mit dem seinen Verstehen und der Kinderseele eines Schwind hat uns manche dieser trauten, alten Märchen im Bilde verkörpert. Nicht jeder vermag das. Es geht damit ungefähr sv wie mit den Darstcilungen nach den biblischen Erzählungen. Ein Tors wird »ns in der Beziehung »ic werden können, >vas Schnorr von Earolsfeld sür uns wurde. Und doch bat Tors viel Poesie, großes Können und eine leidenschaftliche Liebe zur Natur. ?lber man lege neben die Toresche Bibel die einfachen Bllder Schnorrs mit ihrer strengen Zeichnung und ihrer ttefen, feinsinnigen Ansiossutiq, oder man nehme Sckstoind mit seinen herzbewegenden Fresken auf der Wartburg, mit seinen herrlichen Märchcnblldern in der Sckwckgaleric, mit seiner „schönen Melusine" oder seinen „Sieben Raben", so fühlt man, wo der echte Bökksdon getroffen, wo aus der Seele des Volkes heraus gestaltet ist.
Schwind liebte nicht nur die Märchen — er e rieb tc sie —, ihm waren im Gebirge Rübezahl und sonstige Berggeister und Kobolde leibhaftig begegnet. Er glaubte an die Wunder, die er schil- derte, waren sie ihm doch sllgegengeblüht von Jugend an auf ajlsr Wegen und Stegs: seines Lebens im lustigen „Malepartus" der Heimatstadt sowohl als am Starnberger See und im bayrischen Hochlatche.
Kinderglaube und eigenes Erleben der Märchenherrlichkeit sind vielleicht vor allen Dingen nöttg, um sie in ihrem ganzen, unvergänglichen Zauber, in ihrem zarten Dust und ihrer unberührten Schönheit zu erhalten. Und wen, der echte Märchensinn auf seiner Wanderung durchs Lckwn treu bleibt, der besitzt darin einen Talisman, der ihn feit gegen alles Derbe und Gemeine. Darum sollten wir alles hm, lim unser» Kindern den seinen Sinn sür irnljere schönsten Volksmärchen zu erhalten oder zu erschließen
AehnlicheS empfandsi wohl auch die vielen Menschen, die sich am Sonntage mit ihren Kindern im Theater eingefundcn hatten,
um den Kleinen durch die Darstellung von „Aschenputtel" eine besondere Feststeude zu bereiten.
Und wenn man nach dem herzlichen Lachen urteilen kann, das von Zeit zu Zeit das Haus durchschallte, so war cs vollständig gelungen, die Kindcrherzen zu erfreuen. Am ungetrübtesten war die Freude vielleicht bei allen solchen Kindern, welchen das Grimmsche Märchen noch nicht durch häufiges Erzählen ans Herz gewachsen war. Tenn wer wirklich in aller Naiostät „sein Aschenputtel" zu sehen erwartete, mochte zunächst bitter enttäuscht sein, bis dies neue Aschenputtel — eine sehr freie, höchst phanlasiereichc Variation über das alte liebe Motiv: so eine Art von Märchen-Potpourri — die Vorstellung der einfachen, ergreifenden Volksdichtung verdrängte. Für die anfängliche Enttäuschung zeugten die verschiedensten offenherzigen und z. T. höchst originellen Acußerungen der in meiner Nahe sitzenden Kinder. Aber ihnen wurde auf der Bühne so vielerlei geboten, daß sie ja nicht frohe überinütigc Kinder hätten sein müssen, wenn sie nicht endlich in das vergnügte Lachen der übrigen eingestimlnt hätten. Was gab cs da aber auch alles auf der Bühne zu sehen: Zunächst eine keifende, sich zankende Famllie, die nach der grotesken Seite hin jedem Kasperle als Gegenstück zu „des Teufels Großmutter" Ehre gemacht hätte. Dann ein Hostnarschall, der aus irgend einer lustigen Posse entsprungen war: ein König Kakudn, der ein naher Verwandter von Thomas Mannas „Königliche Hoheit" sein mochte: ein allerliebstes Stück, dem Shakespeares „Win- termärchcn" nicht unbekannt zu sein schien — eine Pate reich. Zauberin in einem Zauberschloß mit Ratten, Mäusen, Zaubcr- stammc und Spiegel und so vielen Zauberkünsten, daß sie jedes Kinderherz begeistern mußte — in Aschenbuttcls Küche tanzende Heinzelmännchen und tanzendes Kochgeschirr. —•
Schließlich der Hofball mit dem närrischen König, den: karikierten Hofgesinde, dem ewig seufzenden, ahnungsvollen Prinzen, dem Hofnarren und allem Zrchehör — dem sich regelrecht entwickelnden steinen Liebesroman zwischen dem Prinzen und Aschenbuttel, der durch ds: gläsernen Pantoffel und das Aufsinden seiner rechtmäßigen Besitzerin den würdigen Abschluß fand. Endlich das Schlußtableau: Der Prinz und Aschcnbuttel eine Treppe cmpor- steigend, bei der zu beiden Seiten sich Engel gelagert haben.
Ein kleines etwa lljährigcs Mädchen fragte mich: „Ist das nun die Hochzeit?" und als ich meinte „wahrscheinlich!" sagte sie nach- denllich: „Sind denn bei einer Hochzeit immer Engel dabei?" lind ich antwortete: „Freilich, immer, nur sieht man ste nicht immer," war sie zustiedcn.
Als aber nun aut der Bühne der Prinz Aschcnbuttel, der närrische König Uttd sein närrisches Hofgesinde, die böse Stief
mutter uich die widerlichen Stiefschwestern das Lied qnstimmten „Stille Nacht, Heilige Nacht", da fragte das lleine Mädchen ganj verwutchert: „Tu, das ist ja ein Weilpurchtslied: singen sic da« für Aschcnbuttel oder gehört das zur Hochzeit?" Ich erwidert! nichts. Als ick aber meine Schritte heimwätts lenste durch der schimmerrchen, stillm Winterabend und dabei loie so oft unsere: tapferen Krieger da draußen gedachte, die täglich ihr Leben aus« Spiel setzen, um deutschem Wesen nnd deutscher Art das Recht voller Entwickelung zu sichern, da stieg cs in mir au! heiß und voll heiligen Zorns: Mein Gott, hilf, daß >oir unr all des vergossenen Blutes würdig zeigen, Hits, daß wir austäumyn mit all dem Unechten, Undeutschen, Falschen, das in unser innere« Leben gedrungen ist. Gieb uns den Mut und den cisenien Willen alle erbärmliche Effekthascherei, alles Sensationelle von uns zu tun, laß uns auch darin wieder deutsch werden bis ins iniwrstc Mark.
Erlöse unsere tüchtigen Künstler von dem Fluche für ben Nervenkitzel eines gedankenlosen, sensationslüsternen Publikums schassen zu ruüsscn. Und erlöse unser deutsches hochgemutes Voll von dem Elende, statt edler Atzung ein künstliches Ragout vorgesctzt zu bekommen.
Laß uns alle, Publisttm und Künstler, in Ehrfurcht uns beugen vor de» Werken unserer Großen, vor ihrer göttlichen Wahrhaftigkeit, vor ihrer Schlichtheit, ihrer Tiefe und ihrer Größe. Laß aus den: furchtbaren Erleben dieser gewaltigsten aller Zeiten unsere Seele geläutert hervorgrhen, so daß sie sich völlig wieder eins sühlr mll der Seele unseres Volkes.
Und wird uns dies zuteil, da werden wieder alle Brunnen des Lebens uns rauschst, da werds: nur Hatch in Hand mit unfern Kindeni ins gelobte Land der göttlichen Wunder Vordringen, da wird die versunkene Herrlichkeit uralter Märchsuveisheit nni er stehen —, da werden unsere lieben deutschen Künstler wieder zu Propheten werden, die :ms Sinn u:ch Seele erheben, indem sie für uns aus dem Wuudcrborn alles Geschehens schöpfen und uns den tiefsten Sinn des Lebens deuten.
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Berlin, 29. 'Dez. lieber neue Auseprabungcn in Pompeji wird dsn „Berl. Tagbl." gemeldet: Mehrere unvergleichlich schöne Villen mit wohl erhaltenen Oberstock und Treppe» seien gesunden worden. Tic Gemächer hätten herrlich dekorierte Marinorwänbc, Mosaikbvdcn, Marmortischc, bc« malte Decken und Schränke, semer vollständig erhaltene Betten.
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