Kr. 30*
Zweiter Blatt
1b*. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des SannlagS.
Tie „chießener Kamtliendlitter" werden dem „Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „KrtUblatt fit den Krtit Sietzen" zweimal wöchentlich. Di- „ra»d«irtschastltch«n Seit tragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Gberhejjen
Montag. 2P. Dezember M*
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universuäis - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriltleitung.GeschältSslelle ».Druckerei: Schul- slraße7.Geschäftsstelle ».Verlag:^-SObl.Schrilt-
leitung: Adresse für Drahtnachrichten:
Anzeiger Gießen.
Ariegrbriese aus dem Osten.
Bon unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (Haberechtster Nachdruck, auch «»SzngSweise, verboten.) Durch Ostpreußen nach Mlawa.
Zu den Kämpfen in Nordpolen,
Armee-Oberkommando-Ost, den 24. Dez.
Weit über taufend Kilometer fuhr ich in einem Generalstabs» outo eine Woche lang durch Ostpreußen, Masuren und nach Bolen hinein. Ms wir absuhren, lagen die braunen regenfeuchten Felder unter dichten Nebeltüchern, als wir am Nachmittage des Weih- uachtStages über hartgefrorenem Wege zurück rmnpelten, glänzte der Schnee auf Feldern und Tannenbreilen, leuchtete über die schlafenden Dörfer und kreiselte immer von neuem von dein dau- nigen Himmel hernieder.
In den Dörfern sah man hier und dort schon Weihnachtslicht- schci» hinter den Fenstern, die uns begegnenden Kvlonneir hatten alle ihre grünen Tanncnbänmchen bereit neben ihrem Sitz, in den Dorfstvaßen gingen Soldaten beladen wie Weihnachtsmänner mit Paketen, Soldaten, die Weihnachtsbäume trugen, die noch bis zum Abend geschmückt toerden sollten. Unser Fahrer brachte den Wagen trotz der Glätte und der Rillen auf dem Wege in scharfem Tempo vorwärts, die Glocken riefen über das weite Land aus der Stadt, in der jeden von uns etwas Weihnachtliches erwartete.
Die Truppenteile, von deren vorderster Linie wir kamen, hatten fich ihren Weihnachtsabend selbst gesichert. Am 23. hatten sie die Russen, die wieder bis zu Mlawa nachgerückt waren in mächtigem Borstoß, der auch über tausend Gefangene brachte, zu- rückgeworsen. In Allenstein, Soldau, Neidenburg und Ortelsburg wird man gute Weihnachten oder doch wenigstens gute Kriegs- weihaachten gehabt haben.
*
Bor Atzen donnerten die Kanonen, als wir nach Ortelsburg lckbfohren, einen Tag und eine Nacht blieben wir in der zerschossenen Sticht, die vor ein paar Wochen die Russen zuletzt gesehen -batte, dann ging es nach Neidenburg, nach Soldau, zurück nach Neidenburg, wo uns ein Bäckermeister in Quartier nahm. Er - hatte zwei kahle Stuben übrig und drei Bettstellen mit Matratzen. Ae Ordonnanz heizte, daß der mächtige grüne Kachelofen, der in der Wand zwischen bechen Zimmern eingebaut war, summte und prustete. Trotzdem wurden wir erst nach ein paar Stunden warm.
Draußen marschierten Ersatz-Komvagnien, teilweise schon mit dem neuen flachen Jnfanteriehelm bedeckt, vorüber. Sie sollten bei dem Borstoß, der für morgen angesetzt war, zum ersten Male
Jener kommen.
bf dem Markt, der dicht voll war von masurischen Bauern- tmgm, neben den Braichruinen der Häuser, formierten sie sich, waüeten auf Befehl und zogen dann ab.
„Schatz, mein Schatz, reise nicht so weit von hier,
§n, Rosengarten will dein ich warten.
Im grünen Klee und im weißen Schnee.
Ich Heirat nicht nach Geld uitd nicht nach Gut .. .
Die russischen Kanonen von Mlawa her fingen cm, ihren Nach- mittagsspcktakrl zu inachen. Der Ton war undeutlich, die mar- sAicrcndc Mannschaft erkannte in dem leisen Grolloc mcfjt die Stimme der Schlacht. Die graue Linie bog um die Ecke auf die Straße nach Nastierken.
„Wer hat denn dieses schöne Lied erdacht?
Drei tapfere Jungen, die hab'ns g'snngen In dieser Nacht wohl auf der Wacht — wohl."
Der Gesang flog noch lange über den Marktplatz zurück, auf dem die Masuren mit vielen Bewegungen und tausend Beteuerungen ihre kleinen scheuen Pferde und stinkenden toeißen Schafspelz« verkauften.
*
Am anderen Morgen fuhren wir die gleiche Straße. Die Wasserlachen in den Wagenspuren waren leicht überfroren. Der Himmel versprach Schnee, cs war kaum Fernsicht zu erwarten. Das ganze Masuren ist voller Drahthindernisse, Ausnahmestellungen und Schützengräben, an dieser Stelle schien man iroch besonders Vorsorge getroffen zu haben, tvir fuhren an einer Anzahl Artilleriestellungen vorbei, immer wieder an Drahthindernissen, bis wir zum Stab eines Infanterieregiments kamen, das in der vordersten Linie liegen sollte. Der Oberstleutnant nahni uns sehr freundlich auf. Der Regimentsadsutant erklärte mir mi der Karte die^Lage, derweilen der Oberst mit meinem Begleiter vlauderte. Bon Soldau und Neidenburg her, also auch über die Stelle hinaus, an der wir uns befanden, würde der Vorstoß demnächst cinfetzen. Man hatte Mlawa aus dem Grunde aufgcgeben, well die Russen aus Nordpolen, aus chrer Hauptlinie also, beträchtliche neue.Kräfte hier gegen Masuren eingesetzt hatten. Inzwischen hallen sie scheinbar aber wieder Artillerie fortgeschoben, denn es wurden an dieser Stelle höchstens zwei volle Batterien festgestellt. Wenn sic tatsächlich artilleristisch nicht stark sind, dann haben wir Mlawa heute abend vielleicht schon wieder.
Inzwischen hatte sich unser Generalstabshauptmann mit dem Obersten verständigt, daß wir bis dicht zur Grenze fahren und dann dort Anschluß an die Jägerbatalllone finden könnten, die die Fühlung nril den lRussen herstellten, weil die Kavallerie, bei der übrigens auch Prinz Joachim steht, oon anderer Stelle aus Vorgehen sollte. Das einzig Bedenlliche wäre das Passieren eines Waldes, der von Kosakenpatroulllen unsicher gemacht wird, die volnischr Ortschaft danach ist wieder fest.in unserer Hand, wir haben auch Aittllcric dort. Gestern hot man eine Radfahrer- oatroullle abgeschossen. Aber da wir ein^ gutes Auto haben, beschließen wir zu-fahren, zumal eben die sonne ziemlich unvermutet den Nebel zerzaust und bald ein ausgezeichneter Fernblick sein mutz.
Wir sausen durch den Wald, den dichte Unterhölzer, starke Wachbolderbüsche. die merkwürdige Formen und Gestatten bilden, ziemlich unübersichtlich niachen. Dicht vor dem deutschen Zollhaus machen wtt Halt. Ein paar sehr liebenswürdige Ja geroin, ziere übernehmen die Führung, und wtt betreten endlich wieder russischen Boden. Ae Stallungen für die Grenzkosaken sind von Sckweineställen nicht zu unterscheiden, ein paar zerrissen« Heiligenbilder liegen zwischen dem Hansen von schmutzigem Stroh. Das russische Zollhaus ist völlig leer. Nur eine Unmenge russischer Bücher und Zolldeklarationen bedecken den Boden. Ein kleiner armseliger Tisch mll einem Küchcnstuhl stehen in einem Zincmer. , . .
„Die habe ick, mtt au-5 dem nächsten deutschen Dort M Krümpcrwagen hierher geholt," sagt der Jägcrlentnant, mit dem zusammen ich sein Quartier von gestern besichtige.
„Hier werden wir Weihnachten sein! Oder melletcht rn einem noch dreckigeren Nest!"
Wir gehen an den armseligen Hütten von Peplowck bis zu den Schützengräben der Jäger. Man kann weit in das Land hin ei »blicken. Ick, habe Nordpolen oben gesehen gegenüber der Nordgrenze von Ostpreußen, nachdem die KricgSwelle einmal über das Gouvernement Suwalki gegangen war: hier Mlawa, das mehreremale hin und her gespielt wurde, sieht noch viel trostloser aus, als die wirklich schon recht jammervolle polnische Landschaft, die ich von damals in der Erinnerung habe. Wilkin, Külanh, Wieoztina und wie die Nester heißen, bergen wirklich iveller nichts als Schmutz, wieder Schrnutz und die berühmten
kleinen Tierchen, gegen die kein Seidenhemd, keine geheimnisvollen Mixturen schützen. Nur die Gewohnheit macht sie c» ttäglich.
„Vielleicht »ringen sie Glück," nredtte der Jägeroffizier, der neben anir den Feldstecher aus den Horizont richtet Ich sehe den Nebenmann etwas mißtrauisch an. „Ich- habe übrigens zufällig keine," sagt der ruhig.
Man sieht eine russische Kavalleriepattouille hinter der nächsten Anhöhe austauchcir und hinter ein paar Stallgebäuden verschwinden. „Tie Gehöfte vor uns und der Waldrand rechts sind vermuttick, unbesetzt," sagt der Offizier und zeigt in die graugrüne Ebene, der nickt einmal der helle Wintersonncnschcin einen Schimmer Freuitdlichkett geben kann.
Wir hören das summende Geräusch eines Fliegers. ^Ehc wir den gelben Vogel erkannt haben, setzt auf der russischen Seite ein mörderisches Kleingeioehrseuer in wetten, Halbkreis ein. Aus den, Gehöft vor uns und von dem Waldrand wird so lebhaft geschossen, daß man auf ziemlich starke Besetzung schließen muß. „Na also," sagt der Jäger, „die Rekognoszierung wäre im gewissen Sinne schon erledigt, ich hätte nicht gedacht, daß so viel da vorn steckt."
Er läßt die Meldung gleich nach hinten Wetter geben. Der Flieger zieht ruhig seinen Weg über di» russischen Linien, lleber- all knallt es los. Die ganze rusftschc Front scheint sich an dem Schießen betelligen zu wollen, man kann deutlich danach die russischen Vorstellungen abschätzen. Me ich sväter erfahre, ist das Flugzeug-bei dieser Erkundigung von über 5 0 Schüssen getroffen wocken, Flugzeugführer und BeobachtungSofsizier blieben aber unverletzt.
Das russische Feuer wich mehr nach rechts heftig vom deutschen Feuer erwidert. Tie Jäger inachen sich im Schützengraben bereit. Aber das russische Schießen setzt ans, sobald die Erwiderung von rechts her kräfttger wird.
An der Scheunenwand vor den Gehöften im Bereich unserer Gewehre zeigen sich polnische Bauern, die wohl neugierig das Schießen beobachten wolle». Wir blicken gespannt in die Ebene, unsere Zeit ist bemessen, dem, der Generalstabshauptmann, dessen Auto-Gäste wir sind, hat noch dienstliche Tinge zu erledigen. Wir gehen langsam und schweren Herzens durch Pcplowek zurück. „Tie Russen werden ziemlich sicher geworfen, wenn wir angreisen," sagt ein Jägeroffizier. „Morgen ist Mlawa, die dreckige Mistsinkenhöhe, unser, man mertt's an ihrer ganzen Art, ihre „Kriegslnst" ist noch geringer als sonst."
Eben sind wir an das deutsche Zollhaus gelangt, da setzt regelmäßiges, starkes Gewchrfeuer ein. Jetzt scheinen beide Linien, die deutsche und die russische, lebhaft zu feuern. Das ist kein Bbo- postengefecht mehr. Von Soldau her donnern Kanonen. Die Offi- ziere verabschieden sich. Ais Feuer nimmt an Heftigkeit zu, der deutsche Vorstoß, dessen Resultat ja inzwischen der amtliche Draht gemeldet hat, ist begonnen worden. Am nächsten Tage ist Mlawa wieder unser.
Alle die vielen tauseich Meter Stacheldraht in Masuren werden nur dem Rost Widerstand zu leisten haben und nicht den stürmenden russischen Regimentern. Auch von Ostpreußen aus ist der Krreg wieder m,f russisches Gebiet verlegt worden.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Wölfe aus dem Schlachtfelde.
Eine packende ©aette von einem Schlachtfeld in Rußland schildert der Brief eines russischen Offiziers, den englische Blätter aus einer Rigaer Zeitung übersetzen. „Es fing an, dunkel zu werden, afs ich erwachte," so erzählt der Offizier. „Ich hatte kein Hungergefühl, obwohl ich hier bereits seit dem frühen Morgen lag, aber der Durst quälte mich unerträglich. Ich erinnerte mich genau an jede Einzelheit der Schlacht bis ziu dem Augenblick, da ich von denn Splitter einer Granate getroffen wurde, die neben mir explodierte. Wir waren vorgestürmt über das weite öde Land. Wieder hörte ich das Stöhnen der Sterbenden, sah die unter dem Feuer des Feindes zufamnienbrechdnden Gestalten. Ich hörte meine Leute brüllen, bis ihre Stimmen versanken in den, Pfeifen der Schrapnells, Ich erinnerte mich, wie ich selbst vorwärts stürzte. Was dann geschah, davon weiß ich nichts mehr. Und als ich erwachte, da lag ich da, die einzige lebende Seele auf dem verlassenen unendlichen Feld, dicht mit Toten bedeckt. Ich war verwundet, das merkte ich, aber nicht schwer, wie such nachher herausstellte, und indem ich mich auf meinen unverletzten Arm stützte, blickte ich hin über das Schlachtfeld und nach dem dunkelnden Horizont, an dem ein letztes Abendglühen verblaßte. Was noch übrig blieb vom Tag, war ein dünnes Streifchen Licht, das langsam versctffoand. Ueber mir hingen dichte dunkle Wolken, ganz niedrig, wie wenn sie mich verschlingen wollten. Ein niederdrückendes Gefühl kam über mich, mir war's, als hätten sie mich vergessen oder hätten mich absichtlich hier allein zurückgelassen. Ich schäme mich jetzt, daß ich so verzweifelt war, über es gab eine», Augenblick, da brach ich zusammen, und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich dachte daran, daß ich niemals meine Lieben lviedersehen würde, nie mehr mein Heim, nie mehr meine Kameraden. Auf meinen rechten Arm gelehnt, hob ich mich immer mehr empor, bis ich saß. Mir war etwas schwindelig, aber nicht sehr. Trotz der starken Schmerzen in meiner Schulter und des großer, Blutverlustes durch meine Wunde stellte ich mich aus die Füße, und auf meinen Säbel gestützt schleppte ich mich vorwärts, hin- und herschwankend 'wie ein Betrunkener. Ich suchte die dunklen Büsche zu erreichen, in denen sich unsere Truppen verborgen hatten, bevor die Schlacht begann. Nur ganz langsam kam ich vorwärts und mußte oft stehen blechen Endlich hatte ich die erste Gruppe von Büschen erreicht; aber da zwang mich plötzlich lähmender Schrecken, stehen zu bleiben. Aus großer Entfernung — so schien es mir wenigstens — tarn das Heulen eines einzelnen Wolfes. Es klang unaussprechlich melancholisch und furchtbar in dieser stillen Mnternacht. Ein anderer Wolf antwortete in demselben langgezogenen, widerlichen Ton, aber viel näher bei inir, und dann hörte ich ein Heulen rings um mich her, ohne Pausen, lauter und lauter cmwachsend und jeden Moment gräßlicher. Ich bin kein Feigling. Ich bin ein guter Jäger und habe viele Wölfe auf der Jagd getötet; aber was ich in dieser Nacht auf dem Schlachtfeld hörte, das sann ich niemals vergessen. Dieses wüste schrille Geheul, aas mich w-ie eine Kette umschloß, kam näher und näher, direkt ans den Mittelpunkt des Kreises los, in dem ich stand. Ich atmete kann, noch, da ich dies „Konzert d«r Hölle" hörte. Ich sah ganz klar, daß es keine Möglichkeit per Rettung für mich gab, wenn sie mich fanden. Und aus einem Mal rannte ich — >v-ic ich es fertig brachte, iveiß ick,
heute noch nicht — aus drei, vier Büsche am Rande deg Waldes zu und warf mich unter ihnen flach hin Ich war entschlossen, zu kämpfen, solang: i chkonntc. Ich hatte meinen geladenen Revolver n»d meinen Säbel. Immer näher tainen die Wölfe; ihr Geheul erfüllte die Nacht. Nun waren sie am Rande des Waldes. I» der Dunkelheit sah ich die schrecklichen Schatten zwischen den Bäumen. Bon den verschiedensten Seiten her kamen sic aus dem Walde heraus, schlossen, zu kämpfen, solange ich konnte. Ich hatte meinen und standen so einige Minuten. Tann heulte ein anderer Wolfs ganz in der Ferne; von den, Schlachtfeld her antworteten andere, und nun trottete die .Herde fort, dicht au den Büschen vorbei. Ich glaubte von jedem, er ivürdc mir an den Hals springen. Llber tcinec kümmerte sicl, um mich. Ruhig liefen sie, unendlich viele, auf das Feld, wo dsije Leichen lagen... Am andern Morgen nach SonncnaufgMig hob inan mich bewußtlos auf. Eine Kvsatcnpatrvuille hatte mich gefunden. Wenn ich wieder ins Feld tomme, wird mich die heißeste Schlacht nicht schrecke», aber sollte ich noch einmal eine solch' 'Nacht durchleben, dann würde ich, das gestehe ich frei, wahnsinnig."
vermischte».
* Der „v ie r t e" Weih n achtstag ober der „K i n d- lcstag". In siüheren Zeiten gab eS vier Weihnachtsfeiertage, und der viettc Festtag, also der 28. Dezember, hieß auch noch „das Fest der unschuldigen Kindlein". Tiefer Feiertag, an d>:n auch heute noch einige alte Bräuche erinnern, war cingeführt zur Erinnerung an den Belhlehcmitischen Kiitdernwrd. Ta die minder zu Bethlehem um des Christkindes willen sterben nmßten, hat man die Erinnerung daran mil dem Fest zur Erinnerung an die Geburt Christi verbunden. In den meisten deutschen Gegenden wird der Tag.einfach Kindlcstag genannt. Wahrscheinlich aus dem Gedanken heraus, daß an dem Tage, an dem den Kinden, vor vielen Jahrhmidetten m Bethlehem so großes Unrechts getan worden ist, die Kinder auch einmal über die Erwachsenen die Herrschaft haben können, ist der Brauch enlstan- den, das die Kleinen am Kindlcstag einmal die Großen züchtigen jkönncn. Dieser Brauch, der früher allgemein üblich war, läßt sich auch heule noch in einzelnen Gegenden Deutschlands und Oesterreichs beobachten, so tm Erzgebirge, am Harz, in Böhmen und Süddcutschland. Mit Wachholderstauden, Birkcnreiiern und Ruten stürmen die Kinder am frühen Morgen des eiindle-tages aus die Ettern, aus Verwandte und große Geschwister ein und versetzen ihnen einige Schläge. Oester ivird das Zuschlägen mit den Ruten und Reisern Pfeffern genannt, und so heißt der Kind- leStag auch Pfeffertag. Freilich wollen manche heu Ausdruck Pfeffertag noch in anderer Weise deuten. Nanrentlich in Süd- deutschland meint man, denr Ausdruck Pseffevtag eine andere Bedeutung geben zu können. Tort ziehen am KindteStag die Kinder von Hans zu Hans und rufen dabei:
Pfeffer, Nüsse, Kuchen raus,
Oder ich laß den Marder ins Hühncrhaus.
Ta daraus die Kinder gewöhnlich- Pfeffernüsse und Pfe'ferkucyeik erhalten, sei daraus der Name Pseffertag entstanden.
* Das Jahr-im Sprichwort. „Hundert Icchr ist ein großes Wort, doch sind sie gar geschwinde fort," sagt das Sprichwort. Um wie viel schneller erst vergeht ein einziges Jahr! „Ein Jahr verschwindet wie der BLY," meinen unsere Freunde, die Türken. Und dennoch, in mancher Hinsicht kann cs auch recht lang erscheinen. Es hat nämlich — wie kluge Leute beobachteten — „viele Tage und noch mehr Mahlzeiten". Eine ganze Reihe von Wahrworten gibt diese Erkenntnis in verschiedenen Fassungen wieder, wie z. B.:
„Das Jahr hat einen großen Mund,
Was die Katze nicht frißt, das frißt der Hund!" oder „Das Jahr ist immer länger als die Wurst". Bei den Russen heißt es: „Das Jghr hat einen Magen, der ist 365 Tage groß, und ein Maul, das reicht über 12 Monate." Recht langsam vergeht also, von diesem Gesichtspunkte aus, die Zeit, die unsere Erde braucht, um ihre Sonuenreise zu vollenden, tztur die guten Stunden t» diesem Zeitabschnitt, die dem Menschen so sparsam zugemessen sind, verfliegen beklagenswert schnell. Sehr treffend ineint darum der Voltsmund:
„Ist das Jahr auch noch so lang,
Der Weihnachtsabend ist immer zu kurz."
* Wenn man Polnisch kann . . , Im Dezemberhefte der „Bergstadt" erzählt Felix Janoske viel Fesselndes und sein Beobachtetes aus den Erlebnissen eines schlesischen Landsturm- mannes, der gen Warschau zog. In einer allerliebsten kleinen KriegShumoreSke schildert er da, wie es einem geheir kann, der Polnisch kann. Wir hatten, so berichtet er, einen Kameraden, der mit großem Fleiß aus einem polnisch-deutschen Svrachbuche Phrasen lernte. Er >oar imstande, richtig zu trägen, saß aber auf dem Sande, sobald eine andere Antwort^ erfolgte, als die im Buche angegebene. Eine Probe: „.haben Sic Eier? — Bitte, o Frau, geben Sie mir Eier." — „Ich habe nur drei, die will ich Ihnen schenken." — „Drei Kopeken das Stück? Zu teuer. Ich gebe fünf Kopeken für drei Eier." — ,Tlck will sie Ihnen schenken. Sie kosten nichts." — „Was? Nicht fünf Kopeken. Pcrrunie, geben Sie mir die Eier. Hier sind sechs Kopeken."
Tic Firma Gcbr. StollMerck hatte wiederum die Freude, den Kreis ihrer Jubilare, die auf eine 25jährige Tättgkeit zurückblickcn, um 18 vergrößert zu scheu, so daß jetzt die Gesamtzahl 92 umfaßt. Wie alljährlich, fand gestern die Begrüßung dieser neuen Jubilare mtter Hinzuziehung der Altjubttare im Fcstsaal des Swllwerckschcn Erholungshauses statt. Tic Feier wurde mit einer kernigen 'Ansprache des Scniorchefs, Kommerzienrat Heinrich Stollwcrck, angesichts der ernste» und doch großen Zeit eiugeleDet- woraus die Ueberreichung von Diplomen mit entiprcckienbcn nennenswerten Geldgeschenken stattfand. Ein gemeinsames Frühstück vereinigte alsdann sämtliche Jubilare. Kommerzienrat Ludwig Slollweick dankte allen Jubilare,i für ihre besondere Mitarbeit in den schweren Kriegszeilen, zumal vier Mitglieder des Vor- staudcs mtt Hunderlcu der Angestellten ins Feld gezogen. Er widerlegte das Gerücht, daß die Fabrik über kurz oder lang infolge Mangels an Robkakao an eine Beschränkung d>^S Betriebes denken müsse. Die durch den erhöhten Bedarf gelichteten, Kalaovorräte konnten in zusriedenstcllcndcr Weise ergänzt im- den, so daß die Firma lwsien dan, auch fernerhin der gesteigerten Nachfrage nach Kakaovuloer und Sckmlolade gerecht werben zu können. In Anbetracht bei: Kriegslage bat die Firma davon Abstand gciwnnnen, die alljährliche Feier im Kreise, dc-.- Geiamtpersonals zu veranstalten und bat den früher dafiir ausgeltwrie- „en Betrag aus 1000 M-k. erhöht, den sie ie zur Halste an das Rote Kreuz und an die Kriegsspende der Stadt Köln uberwies.


