Nr. 297 Zweiter Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
T>e „Siehener Zamiliendlätter" ,verden den, .Anzeiger' viermal ivöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den «reis Sichen" zwcinial wöchentlich. Di- „Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Zohrgang
retzener
General-Anzeiger für Gberhejsen
Kreitag. H8. Dezember J9N
Rot2d>>onsdr„ck und Verlag der Brühl'schen Uni^iverlitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gieße».
Schrrltle^Vung.Geschältsstellc ».Druckerei: Schul- straße7.G>'eschällsstelleu.Berlag:e-^51,Schrist- leitungi Adresse lur Trahtnachrichteiu
' Anzeiger Gießen.
Der vreikönigztag in Malmö.
Die gesamte Presse der drei skandinavischen Staaten betont, daß. der am Freitag und Samstag in Malmö stattfindenden Zusammenkunft der Könige von Schiveden, Dänemark und Norwegen eine weitgehende politische Bedeutung zntommt, und es wird darauf hingewiesen, daß eine solche Versammlung dreier skandinavischer Landes- snrsten seit der Dreikönigsbegegnnng von 1368 in Kopenhagen nichtsmehr stattgcfunden chade. Die innerskandinavische Bedeutung dieser Ereignisse liegt vor allen Dingen darin, daß die Derstimmunq, welche seit der Auflösung der schwedisch-norwegischen _ Union im Jahre 1905 Mischen den beiden Ländern bestand, damit als endgültig beseitigt gelten tarnt. Im übrigen betont die Presse aller drei Staaten einmütig, daß die Malmöer Tagung nicht etwa einen Zusammenschluß in Form einer skandinavischen „Dripel- entente" twtcheveiten soll, sonderte daß es sich bei der Konferenz, die ihren Charakter durch die Mt Wesenheit der drei Minister des Auswärtigen erhält, lediglich uni die Wahrnehmung der gemeinsamen Interessen, um die Abwehr gemeinsamer Schädigungen und Gefahren handele. So betont das dänische Regierungsblatt „Politiken", daß die Zusammenkunft keine neue Politik einleiten soll; „irgendwelche gegenseitigen Verpflichtungen bestehen nicht, wurden auch nicht von Nutzen sein." Das Stockholmer „Dagblad" lsebt hervor, daß der Kreis der gemeinsamen nordischen Interessen Murr ziemlich groß sei.'daß man aber auch die Schranken des Allseinandergehens nicht außer acht lassen dürfe, und dos der norwegischen Regierung nahestehende Blatt „Norske Jntelligensedler" bemerkt ausdrücklich, daß irgend ein politischer Zusammenschluß nicht beabsichtigt, kein Blili- tärb-ündnis oder eine andere politische Gemeinschaft erstrebt wird.
Ms offizielles Programm der Zusammenkunft ist angegeben die Betonung der „vollkommenen. Einigkeit der drei nordischen Reiche, ihre bis jetzt beobachtete Neutralitätspolitik zu bewahren", und die „Erörterung: der Mittel, wourit die Schwierigkeiten für das Wirtschaftsleben begrenzt und abgewendet werden können, die der Krieg für die drei Länder mit sich gebracht Hab'. Die Malmöer Dreikönigstagung stellt imrthtn nur ein Weilerbatten ans der Grundlage der am 21. Dezember 1912 von den drei Staaten veröffentlichten Neutralitätserklärung dar, welche folgendes besagte:
„Nachdem die dänische, die norwegische und die schwedische Regiermtg Verhandümgen eingeleitet hatten, um einheitliche, mit den im Haag Unterzeichneten Beiträgen übereinstimmende N c u - tzralitätsregeln festzusetzen, und nachdem diese Berhand- ötngat äi allen grundsätzlichen Punkten zur Einigung geführt haben, sind die drei Regierungen in richtiger Einschätzung dev Bedeutung der Tatsache, daß die so gründlich bestehende Einigkeit auch in Zukunft erhalten wird, Überringekommen, das keim der drei Rcgrcrungen an den von ihnen gutgeheißenen Regeln eine Aendcrnng vornehmen wird, ohne vorher die binden anderen Regierungen zeitig davon unterrichtet zu haben, so daß ein Meinungsaustausch über die Angelegenheit stattfinden kann."
In den zwei Jahren, die seitdem verflossen sind, hat sich die Besorgnis vor einer Gefährdung der Neutralität der drei Länder erhÄllich vermehrt, und in Schweden waren es besonders die beiden berühmten Forscher Sven Hedin und Frithjof Nansen, in Norwegen der Staatsmann Dr. Ibsen, die mit Begeisterung und Tatkraft für den „Berit eidigu n gs-S^an d inav i s m u s" eintraten. Es liegt in der Natur der Sache, daß dieser Warnruf in erster Reihe von Schweden ansginq, welches sich besonders durch den Bau der russischen Änschlußbahn atr das schwedische Bahnnetz int hohen Norden wie überhaupt durch die starken militärischen Vorbereitungen des ZarettreicheS an der schwedischen Grenze bedroht fühlte, wozu noch das Mitgefühl der Schweden fiir die ihnen stammverwandten Finnen trat. Hat doch das Zarenreich durch die Zerreißung des Spitzbergen-Vertrages mit Norwegen vom Mai 1912 gezeigt, wie rücksichtslos es über die Interessen der kleinen Staaten hinweggeht. Es ist auch noch in frischer Erinirerung, wie der König von Schweden bei der Ministerkrisis vor zehn Monaten eine Bmrernabordnung im Schlosse zu Stockholm empfing
und dabei an sie die bedetitsamen Worte richtete: „Befürch- tttngen für die Sicherheit des Landes haben Euch aus Eurem ruhigen »eint hinweggcführt in diesen Wintertagcn."
Ms Anfang August der Weltkrieg ansbrach, sahen die drei skandinavischen Staaten ^sich alsbald genötigt, gegen die schweren Schädigungen Stellung zn nehmen, welche die englische Jtücksichtslosigkeit gegen die neutrale Schiffahrt ihnen zusügtc, und ani 5. 'November erfolgte ein gemeinsamer Protest der drei Mächte. Nach dieser Richtung hin sollen offeichar in Malmö noch durchgreifendere Maßnahmen getroffen werden. Zugleich aber gelten diese Beratungen unverkennbar der gemeinsamen Abwehr des von Eng- Lland und Rußland attf die skandinavischen Länder ausgeübten Druckes, dem Dreiverband Handlangerdienste zu leisten. Dieser Druck hat sich als völlig wirkungslos erwiesen, und es ist nur natürlich, daß er einen Gegendruck erzeugt hat. In Deutschland- begrüßt man die Malmöer Zusammenkunft, da man hier nichts als die Neutralität der drei skandinavischen Reiche wünscht, mit Befriedigung! als Zeichen der wachsenden Erkenntnis, daß die Sicherheit Skandinaviens wie aller neutralen Länder durch die ränke- volle, gewalttätige Politik der Staaten des Dreiverbanoes bedroht wird.
London, 17. Dez. Zu der Dr e i k ön i gsz u s a turn enkun ft in Malmö sagt die „Times":
„Wir können die Schärfe unserer wichtigsten Waffen gegenüber dem Feind nicht stumpf machen ioegen der unvermeidlichen llnannehinlichkeiten, die ihr Gebrauch für Dritte, mit denen wir keinen Konflikt haben, hervorbringt, sondern wir müssen unsere Macht zur See ans die wirkungsvollste Weise ansüben. Wir können nicht unseren neutralen Freunden zuliebe davon absehen, unseretr Feinden die Zufuhr abzuschneiden. Es ist nichts anderes als billig, was wir von den neutralen Staaten erwarten, daß sie nämlich vollständig die Durchschlagskraft unserer Beweisgründe einsehen. Sie bekämpfen auch keineswegs dos Prinzip, das unteren Operationen zur See zugrunde liegt. Sie protestieren allein gegen di« praktische Anwendung in bestimmten Fällen oder in Gruppen von Fällen. Sie wissen, daß: wir nicht wünschen zu schaden, aber sie sagen, daß wir in einigen Fällen geschadet haben, wo es zu unseren Zwecken absolut nicht nötig war. Derartig,g Proteste gegen uns können wir nicht als tmfreundliche Handlungen betrachten. Wir sehen daher der Zusammenkunft von Malmö mit Interesse und Sympathie entgegen. Wenn die skandinavischen Könige und ihre Ratgeber uns eine Art zu arbeiten Vorschlägen können, wodurch der Schaden, den wir durch unsere Operationen zur See den Neutralen unwillkürlich! verursachen, verhindert werden kann, dann werden uns diese Vorschläge willkommen sein, wenn sie mir nicht die Wirkung unserer Waffen herabmindern.
hessische Erste Kammer.
RB. Darmstadt, 17. Dez.
Die Erste Kammer trat heute mittag um 12 Uhr zu ihren Beratungen über die Kriegsvorlagen der Regierung zusammen.
Am Regierungstische hatten die drei Minister und Staatsrat Dr. Becker Platz genommen. Es wurde sofort in die Beratung ein ge harten, nachdem Fürst Isen bu rg-Birstein namens des Ausschusses berichtet hatte, daß die Prüfung der Mandate der neu in die Kammer eingetretenen Mitglicder keine Beanstandung ergeben habe.
Ueber die Regierungsvorlage betr. die Berüstingen und Wahlen zum 37. Landtag (I^rlängerung der jetzigen Landdagsmandate bis zum Herbst 1915) berichtet kurz der Ausschußreferent Fürst zu Lein in gen, Nwrauf die Vorlage einstimMrg und unver- ändert angenommen wird. Ueber den Eiüwurf eines Gesetzes bett. die Äenderung des Finanzgesetzes für das Etatsjahr 1914, berichtet Fürst Jsenburg-Birstein. Die Vorlage wird darauf ohne Debatte angenommen, lieber die Vorlage, bett. die Bereitstellung von Mitteln zur Beschaffung von Arbeits- gelegenheit und die Gewährung von Darlehen an Gemeinden und Gemeindeverbände, berichtet immens des 'Ausschusses Fürst Isen bu r g-Mrstein, über die Vmlage, betr. die Gewährung eines Zuschusses zu den Kosten des Graph. H o f - theaters Graf Erbach-Fürstenau, über den Entwurf eines Gesetzes, betr. ein vereinfachtes Enteignungs- Verfahren zur Beschaffung von Arbeitsgelegenheit und zur Beschäftigung von Kriegsgefangenen Geh. Justizrat Dr. Klein- s ch mi d t, über das Außerkrafttreten von Vorfchrrf- ten der Städte- und La nd gern ei n deordnu n g Landgerichtspräsident Geh. Rot Dr. Hangen und über die Ge
währung von Darlehen an \@emeittbcit und Gemeindever- bände^ Fürst Isenburg -Birsteim.
Sämtliche Vorlagen tverden ohVie Debatte einstimmig ange- nommen, einschließlich des Antrags^ Leun zn der vorletzt er- wähnten Vorlage.
Tie Tagesordnung ist damit erledigt mtd staatsnnnistee Tr. v. Ewald spricht dem tzatffc denHD-ank der Negierung aus für die -Bereitwilligkeit, mit der es a!(tv Vorlagen erledigt hat. Tic Regierung erbticke in diesen cittsttmainigen Beschlüssen den festen Willen des Hancss, alle Opfer zuV bringen, die für das Groß,Herzogtum erforderlich sind, um durchzvchaltett, bis der end- gülttge Sieg erfochten ist, der uns den datierenden Frieden sichert. (Lcbh. Bravo.: \
Nachmittags 5 Uhr trat die Erste Kamtzmcr noch einmal zu einer kurzen Sitzung zusammen, tun etwaig Nückänßerungen: der Zweiten Kammer zu erledigen. X
Präsident Fürst Solms-Lich gab zu -Beuunn der großen Freude über die neuen glänzenden Siege unserer Armee im Osten Ausdruck, und das Haus brachte ein dreifaches Vhoch auf das Ostheer und seine Führer, besonders Generalieldnuarschall von Hindenbnrg aus. X
Staatsminister Tr. v. Ewald brachte dann daL Danktele- gramm des Großherzogs zur Kenntnis des Hauses, das lhier ebensolche iBegeisterung erregte wie in der Zweiten Kammes.
Ta Rückäußerungen des andent Hauses nicht vorlagchp, schlaf; der Präsident die Sitzung mit Tankesworten.
hessische Zweite Kammer.
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R.B. Da r m st a d t, 17. Dezember.
Bormittagssitzung. X
Am Regierungstische: Staatsminister Tr. «.Ewald, Finan;»- minister Tr. Braun. Minister des Innern von Hombcrgk.X Staatsräte Tr. Becker und Lorbacher, Ministerialräte Hol-' zingcr, Schliephake, Tr. Kray, Geh. Oberfinanzrat Dr, R o h d e, Geh. Legationsrat Tr. N e i d h a r t.
Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um ll l /i Uhr. Das »aus ist fast vollzählig besetzt, die Tribünen sind leer. Es wird sofort in die Tagesordnung eingetreten. Zum landständischen Mitglied zur Großh. Staatsschuldenverwaltung wird Abg. Ä e st, znnc Stellvertreter desselben Abg. M o l t h a n durch Zuruf gewählt.
Zum landständischen Kontrolleur wird der Bureaudirektor, Regierungsrat Schenk, zu dessen Stellvertreter Regierungsrat Köhler ernannt.
Die Regierungsvorlage betr. den Gesetzentwurf über die Berufungen und Wahlen zum 37. Landtag wird von der Tagesordnung abgesetzt, weil der Ausschußbericht noch nicht vorliegt.
Zur Beratung gelangt darnach die Rechecungsvorlage, betr. den Erlaß eines Gesctzes^über das Außerkrafttreten von Vorschriften der Städte - und Landgemeindeordnung. Die beiden grundlegenden Artikel des Gesetzentwurfs lautet:
Artikel I.
Während der Gültigkeüsd-aucr dieses Gesetzes tteten die Artikel 44 und 45 des Gesetzes, die Städteordimng betteffend, vom 8. Jitli 1911 und die Artikel 44 und 45 des Gesetzes, die Land- gemeindeordmmg betreffend, vom 8. Juli 1911 auß-er Kraft.
Die bei der nächsten, hiernach aufgeschobenen ordentlichen Er- gänzungswahl gewählt werdenden Stadtverordneten und Gc- meindevatsmitglieder gellen als zu dem Zeitpuulle gewählt, zu dem diese Wahl nach den Vorschriften des Artikels 44 des Gesetzes, die Städteordnnng betreffend, vom 8. Jülc 1941 und des Artikels 44 des Gesetzes, die Landgemeindeordining bettlchend, vom 8. Juli 1911 vorzunehmen gewesen wäre. Tic Gewählten tteten ihr Amt alsbald an.
Artikel ll.
Während der Gülttgkeitsdauer dieses Gesetzes erhallen in Artikel 75 Slbsatz 2 des Gesetzes, die Landgemcindeordnung betreffend, vom 8. Juli 1911 die Worte: „jedoch nicht länger als sechs ANonatc" den Zusatz: „nach erfolgter Aufhebung des gegen- wärligen Kriegszustandes".
Der Ausschuß lBerichterstattcr Abg. R ch> beantragt die unveränderte Annahme der Vorlage. Abg. Leun begründet kurz einen Abänderungsanttag bezüglich der Stelluitg der .Kontrolleure.
Ter Gesetzentwurf nnrd ohne weitere Debatte eiitent Antrag des Abg. Grünewald entsprechend erst in den einzelnen Artikeln, dann int ganzen einsckl. des Antrags Leitn angenommen.
Ter Gesetzentwurf, betr. ein vereinfachtes Entciguungsvec- fahren znr Beschaffung von Arbeitsgelegenheit und zur Besickt- tignng von Kriegsgefangenen, ivird bis zur T rncklegnng des Aus-> schußberichks zurückgestetll.
wie Moltke Weihnachten feierte.
Unter den deutschen Helden, deren Bild uns in diesen Tagett großer neuer Kämpfe besonders nahe gerückt isst steht Möltke, der geniale Schlachtenlenker, trrii an erster Stelle. Das Weihnachtsfest hatte für diesen ebenso tief frommen wie echt deutscheir Mann einen besonders ernsten Gehalt iveh- tnüttger Erinnerungen. Am Weihnachtsabend 1868 war ihm tiämlich ganz plötzlich seine geliebte Frau gestorben. „So hatte das Fest," wie er damals tiefbetrnbt schrieb, „eine ernste Dedentnng für den kurzen Lehensrest gewonnen. Der Herr hat Marie am Tage zu sich genommen, wo er das Heil der Welt verkündigt." Hatte Moltke vorher Wechnachten stets ritt engster Gemeinschaft mit seiner treue» Lebensgefährtin gefeiert, so ging er in den ersten Jahreit nach ihrem Tode dem Feste nackt Möglichkeit aus dem Wege und benrttzte die Zeit am liebsten zn Dienstreisen. Allmählich aber ttctten doch wieder die lichteren Seiten dieses schönsten Festes hervor: auch im Berliner Generalstabsgebände branntt wieder der Lichterbaum, itnd als dann seinem Neffen eine fröhliche Kinderschar heranblühte, zog Lachen und Leben in die vorher so stillen Räume eilt.
Ein Freund des Moltkeschen .Hauses, Friedrich August Dreßler, hat in seinem hübschen Erinncrnngsbuch „Moltke in seiner Häuslichkeit" die Weihnachtsfeier des Feld- marschalls ansführlich geschildert. Im großen Konferenzsaal ragte säst bis zur Hoheit Decke der nur mit Lametta behängte unc> mit zahlreichen Kerzeit geschmückte Baum, eine hervorragenb schöne Edeltanne, deren Gipfel ein silberner Stern zierte. Der Stertt toar ein Symbol des M>md- sterns, für den Moltke eine besondere Vorliebe von seiner Mutter geerbt hatte uno der in feinem Gemütsleben eine hervorragende Rolle gespielt hat. Mt den Wänden standen in langer Reihe die Tische mit den Gescheitken; der des Feldmarschalls war der größte, denn aus allen Teilen Deutschlands, ja der Welt strömten Geschenke fiir ihn zusammen. 'Nicht rrur die Stühle waren bedeckt, sondern oft stand sogar der ganze Fußboden voll. Von den Majestäten kaine» regelmäßig Geschenke mit den lterzlichsten persönlichen Schreiben. Der ölte Kaiser schenkte ihm meist große Bronzen, kostbare
Darstellungen der Siegessäule oder von Denkmälern, wie von denen des Großen Kurfürsten oder Friedrichs ^es^ Großen. Kaiserin Augusta hatte stets eine sinnige Gabe für ihreti „lieben Feldmarschall" berett und ehrte ihn znwellen auch durch ein selbstverfaßtes Gedicht. Aus allen Schichten des Volkes kamen die rührendsten Liebesbelveise. Memals fehlte die große Kiste mit Aepfelu, Nüssen und Pfefferkuchen aus seiner Vaterstadt Parchim. In Creisau wetteiferte alles vom Herrn Pfarrer bis zum jüngsten Schulkind, dem geliebten Gutsherrn etwas unter den Weihnachtsbmim zn legen. Da kamen Halsbinden und Unterjacken, warme .Hausschuhe und dicke Fausthandschuhe, gesttckte Käppchen und vor alleur eine Menge Riesenstrümpfe, die selbst für seine langen Beine zu groß waren. Auch scherzhafte Geschenke gab es stets, über die der so erustt und schweigsame Mann auf das herzlichste lachen konnte. So trat er z. B. mtt einem dickbäuchigen Bierkrug, auf d'em sein recht ähnliches Konterfei angebracht war, zu seiner Schwester und sagte, indem er auf das wohlbeleibte Gesäß deutete: „Was meinst Du!, Guste, ob ich das wohl noch mal erreichen werde'?" Oder er entdeckte eine wohlgelungene Statuette von sich, die ein Soldat der Okkupationsarmee in Sedatt kunstvoll aus Kommißbrot gefertigt hatte. Er fand die Haltung so charakteristtsch wiedergegeben, daß er dem Kommißbrotplasttker die Möglichkeit gewährte, sich zum Bildhauer anszubilden. Seine große Freude hatte der Feldmarschall an den zahllosen Briefen, in denen ihm ganz einfache Leute ihre Weihnachtswünsche darbrachten, nnl> besonders originelle Wendungen las er daraus germ unter oem Lichterbaum vor.
Der Höhepunkt des Festes war die Bescherung der Kinder und des Dienstpersonals. Der Feldmarschall wußte bei der kleinett Schar die Erwartung noch zu steigern, indem er ihnen allerlei Bedenken vorbrachte, ob der Weihnachtsmann bei der großen Wlte und bei den vielen hohen Treppen in Berlin überhaupt kommeu würde. Dann ertönte plötzlich die Glocke, die großen Flügeltüren taten sich auf, und im reichsten Lichterglanz strahlte ihnen der Lbeihnachtsbautn entgegen. Von der ander:, Seite ttaten in langer Reihe die Bediensteten herein. „Stille Nacht, heilige Nacht" erklang es
aus den großen und kleinen Kehlen, und erst nachdem das Weihnachtslied gesungen ivar, wurde jedes an seinen Tisch geführt. Der Feldmarschall blieb bei jedem stehen, bettachtete die Geschenke und unterhielt sich mit den Leuten, ani angeregtesten mit seinem originellen Kutscher August, der in der besonderen Gunst seines Herrn staird. Moltke, der ein großer Kinderfrcnnd war, war den ganzen Abend von den Kindern umgeben, mit denen er ans das schönste zu spielen verstand. Alle neuen Spleisacheu mußte er beschauen, und bald war der „Opapa" dann beschäftigt, der kleinen Asttid die Puppe ausMzichen und ins Bett zn.bringen, oder an wurde von dem „Billemami" gedrängt, ihtn den rechtett Reitsitz im Sattel seines Schaukelpferdes zu zeigen. Den Schluß der Feier bildete stets ein Abendessen, das durch ein schwedisches Nationalgericht „Reisgrützc" cingeleitet wurde. Ms Hauptgericht gab es den deutschen Weihnachtskarpfen, und den Schluß bildete eine riesenhafte Marzipantortc. Der Feldmarschall, der sonst auf sttcngc Regelmäßigkeit hielt und stets um 11 Uhr zu Bett ging, gab am Weihnachtsabend eine Stunde zu und versckMähte auch den schwedischen Punsch nicht, mit dem man das Eitde des Festes feierte.
* Der türkische Soldat und das Trinkgeld. In seinem Buche ,ßFur türkischen Kriegslagcc dmch Albanien" erwähnt Eritst Jäckh rühmend einen seinen Zng, der dem türkischen Soldaten eigen ist. Dieser verschmäht nämlich grundsätzlich das Trinkgeld, das man ihm für erwiesene Dienste anbickel. „Als ich dem vom General mir bcigegrbenen Wachtposten, der miclt durch die dunklen Sttaßcm Skniaris begleitet hat, das europäisch- übliche Tttnkgeld reichen tvill," so plaudert unser Gewährs- matttt, „steht er stramm, hält die Hände hinter jeinen Rücke» und schüttelt mit dem Kopf, „lolt bakschisch!" Nein, kein Geschenk — so in dem Tone: „Wir Wilden sind doch bessere Menschen!" — und Wägt sick> scitwätts in die Büscku:. Ick, darf gleich anfügen, daß es mir auf der ganzen Ervedition durch Albanien nie gelungen fft, bei cinein ttirkifchen Soldaten unser „Trinkgeld" anzubringen, auch nach tagelangcr Begleitung und Tiensitätigkeit nicht. Eine aufmerksame Zigarette — ja — aber nie ein bares Trinkgeld. Ein feines Zeichen säst huritautjä^r Zucht!"


