Nr. 289 Zweiter
(Evfrtjeinl täglich mit Ausnahme des Soinilags.
„Gießener Zamiliendlätter" werden dem
„Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „»reirdlatl für den »reis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „candwirtschastlichen Seil sragen" ericheinen monatlich zweimal.
Blatt Jahrgang
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Mittwoch, 9. Dezember l9l4
Rotattotisdntck und Verlag der Br ü Hütchen Universiläts - Buch- und Steiudruckerci,
R. Lange, Gießen.
Schrütlcituug,Geschäftsstelle ».Druckerei: Schulstraße 7. Geschaitsstelle u.Perlaq: ^851,Schrift- leitung: ^^112. Adresse stir Drahtnachrichten: 'Anzeiger Gießen.
Umschwung in der deutsch-feindlichen 5timmung Amerika;.
I» der letzten Zeit haben sich die Anzeichen gemehrt, daß die deutschfeindliche Stimmung der Amerikaner all mählnli in ein ruhigeres Fahrwasser gekommen ist, soweit sic nicht, freilich nur vereinzelt, ins Gegenteil umgcschlagen sein mag. Tie Schädigung des aineritanischen Handels durch England, die anmaßende Untersuchung von Dampfern durch britische Kriegsschiffe hatte bekanntlich zu lebhaften Pro testen geführt, die von Sir Edward Kren damit beschwichtigt wurden, das: sortcrn amerikanische Schisse nicht mehr untersucht werden sollen, werni sie eine behördliche Beschenn gnnq mit sich fuhren, daß sie keine Kontrebande für den Feind an Bord haben. Aber ein Rest von Ndißbehagen ist doch geblieben, und auch der stärkste amerikanische Magen hat ein Gefühl der Leere bekommen, nachdem die unglaubliche Liigenflut, die nach Ausbruch des Krieges von London her die Bereinigten Staaten überzogen lMtte, in den Tat ifatfteit größtenteils versickert ist. Deutschland ist doch noch nicht vertilgt, der Kaiser und seine L>öhwe leben noch, und trotz der unzähligen Siege, die England und seine Berbün beten errungen haben wollen, stehen 'Deutschlands Kämpfer mit steten Erfolgen in Feindesland!
Ani Anfang ninß, bei dem Fehlen zuverlässiger 'Nachrichten, das Leben für unsere deutschen Landsleute in Amerika aber geradezu qualvoll gewesen sein; noch gegen Ende Oktober hatten die deutschfeindlichen Treiber Oberwasser, und ein ansflihrlichcr Brief einer in New Bork lebenden deutschen Frau an eine Gießener Freundin (datiert vom 25. Oktober) gibt uns in diese Stimmungen einen ausgezeichneten Einblick, besonders da die Schreiberin von einer shmpathischen deutschen Vaterlandsliebe beseelt ist und ihrem Briefe auch höchst interessante Zeitungsausschnitte und Proben der dortigen Agitation beigefügt hat. Unsere Landsleute „drüben" haben sich mannhaft aufgerasft und mit einem Kampfe hegen die Lügner und Unechte Englands eingesetzt, der unserer großen Sache wahrhaft würdig ist. Die unter englischem Einfluß stehenden Zeitungen haben cS nicht mehr fo einfach und leicht, feit ein „deutsch-arneriia- nischer Berteidiguiigsausscltuß" schneidig und erfolgreich die Gegenwaffe führt. Die erwähnte Schreiberin stellt zwar fest, daß diese im englischen Solde stehenden Blätter noch immer wahrheitsgemäße Darlegungen zuriickiveisen mit der Be rufung auf die „strick neutralich", während sie doch vor Verunglimpfungen der deutsche Sache nicht zurückschrecken — aber langsain scheint es doch besser zu tverden. Ein besonderes Verdienst um die Aufklärung erwirbt sich Hermann R i d d e r, der Herausgeber der New Parker „Deutschen Staatszeitung", der nach den Proben, die uns vorliegen, sehr mannhaft und geschickt vorgehl und den Feldzug gegen Lüge uitd Heuchelei gut organisiert. Wir geben zu nächst einige Stellen aus dem Briefe der erwähnten deutschen ^rau wieder. Sie schreibt u. a.:
Wre stolz bin ich, Deutsche zu sein — wie gvoß steht Deutschland da — aber oh — welch schwere Zeit sür unser armes Vaterland ! — Was ich, und wohl alle Deutschen hier, beim Ausbruch des Krieges durckgemacht, davon .könnt Ihr Euch draußen gar keine Vorstellung machen. — Ich wußte doch nicht, daß das alles Lügen waren, was die englischen ZeiMngen brachten — da war ober amit kein gutes Wort für Deutschland, nirgends — und erst den Kaiser, wie die Blätter mit dem umgingen, ist einfach iricht zu besä reiben. — Wenn ich alles das iah und las, standen mir oft die Haare zu Berge. Es erhob sich dann auch bald ein
SMrm der Entrüstung nnter den hiesigen Deutschen, und besonders der hier erscheinenden deutschen Staatszeitung und ihrem Herausgeber, Herniann Ridder, gebührt Dank für die energische Art und Waise, wie sie gegen die Hetzereien und Lügen der englischen Press« austraten; — denn von einer amerikanischen Presse kann man eigentlich nicht spreckten, da die meisten Zeitungen sich in englischem Besitz befinden. „The Times" z. B. — ihr Besitzer auf den gut deutschen Namen Adolf Ochs hörend — rühmt sich ein Engländer zu sein und ihre Artikel sind besonders russen- freundlich. — „The Tribüne" gehörte dem verstorbenen amerikanischen Gesandten in London, Whitlaw Keid, und ist jetzt im Besitz seines Sohnes — den Deutschenhaß solltest du sehen — aber dieser Haß ist noch gar nichts im Vergleich zum „Herold" und „Telegram" — besonders dem letzteren. Beide erscheinen im selben Verlag — Herold morgens und Telegram nachmittags und iverden allgenrein als die besten Zeitungen 'hier ericbeinendenl angesehen. Der Eigentümer ist ein Mr. Benett, der sich ichon seit etwa 30 Jahren in Paris aushält — von hier flüchten mußte sozusagen ob feines „moralischen" Lebenswandels (in Paris ist er da ja an der rechten Stelle): man braucht sich deshalb nicht zu wundern über die schrecklichen Lügen, welche diese zwei Zeitungen drucken. — Alle halbe Stunde gcht das „Telegram" neue Auflagen heraus mit jedesmal größeren „Headlines" von derttschen Niederlagen — das Telegram läßt nämlich die Deutschen niemals siegen — und die Dämmen werden nicht alle und laufen die Zeitung inriwer lvteder! Zuerst dachte ich oft — nein, solche Schande, das ist ja „msulttng the American intelligence", das Zeug zu drucken, denn niemand kann doch sowas glauben! — aber ich bin längst zu der Ueberzeugung gekommen, und andere mit mir that there is no „üllelligence", oder die Amerikaner würden protestieren gegen das Futter, das chnm da alle halbe Stunde arisgettscht wird. — Jetzt bin ich abgehärtet — aber im Anfang gab es mir jedesmal einen Stich ins Herz, wenn ich eine deck Ueberschriften sah. — Ich werde Dir mal ein paar Ausgaben schicken, damit Ihr mal selbst sehen könnt. — Ich lese gar keine englischen Blätter mehr — halle mir noch die Staatszeitung und so macken es viele andere. Man kann nichts glauben, was in den englischen Zeittingen steht, jede Zeitung druckt das, was sie gerne sehen möchte und da alle Blätter von der Associated Preß versorgt werben — Und diese auch nur von England versorgt zu werden scheint — da kannst Du Dir denken, was gedruckt wird. — Hier erscheinen seit Ausbruch des Krieges verschiedene von Deutschen l erausgegcbcne Zeitschriften in Englisch, um auch dem nur englisch lesenden Publikum die Wahrheit zu bringen, und es ist großartig, wie diese Leute alle arbeiten und sich für Deutschlands gerechte Sacke verwenden — aber es ist schwere Ärberl, glaube mir! Die Lügensaat zu Anfang war zu gut gesät, sie ist aufgegangen und es hält schwer, sie niederzutreten, — Nun sind ja so viele Amerikaner zurückgekommen, und mit welchem Eifer nehmen sie sich der detttschen Sache >an und berichten die Wahrheit und können nicht genug Rühmenswertes über die Deutschen sagen — rant denkst Du, das ist ja jetzt gut, jetzt müssen die Llimerikaner doch sehen, wie sie belogen worden sind — aber nein, denn die Wahrheit dringt nicht zu ihnen, di« englischen Blätter drucken derartige Berichte einfach nicht — ntan liest sie nur in den deutschen Zeittingen! — Und das nennen sie hier „Neutral" — solche Heuchelei! Ich schicke Dir auch ein paar Cartoons und Ausschnitte, um ©ir zu zeigen, wie die Deutschen hier kämpfen gegen diese Lügen, und ick lege Dir auch mal eineir Brief bei, den ich erhielt als Antwort aus ineine Anstage, ob und wo die Rede John Burns, des englischen Arbeiterführers, in Englisch erschienen — an der Antwort kannst Du am besten sehen, wie die Sachen hier liegen — es ist traurig, aber wahr. Dieser Brief kommt von dem „German-American Literary Defence Committee", der Name sagt schon genug — wie schlimm muß es stehen, wenn es nötig wstd, eine derartige Gesellschaft ins Leben zu rufen! — Diese Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Arttkel zu drucken und zu vettesten, welche die englischen Zeitungen absolut nicht bringen wollen, wie z. B. „The Truth abont Germany" — dann auch Professor Bürgeßs Arttkel über „The present Crisis in Europe", welche zu dlusbruch des Krieges
crscknencn. Wir unterstützen natürlich alle diese Urtternehmungen und Helsen soviel wir köirnen — aber ach wie wenig ist es, was ivir von hier tun können
Wie schlimni erging es all den armen Reservisten, welche auf den ersten Ruf ztt den Waisen ihre Stellungen aujgaben und hierherkamen, um hinüber zu fahren. Als dann keine deutschen Schisse mehr gingen, waren alle hier gestrandet, arbeitslos — es war schrecklich — z„ Tausenden wurden sie in deutschen Kirchen gespeist, alle Berttnc sammelten uird kochten: jetzt sind fast alle wieder versorgt und in Stellungen — alles hat mllgeholsen.
Für wenigstens zwei Wochen oder gar drei beschästtgte sich die hiesige anglo-amerikanische Presse imr mit General v. Kluck. Jeden Tag etwas anderes — umzingelt — geschlagen, verwundet
— auf der Flucht — im Netz, imö zu gitterletzt — ohne Erröten brachten alle Blätter seinen Sieg — und so ist es immer! — Ten Kaiser sowie alle seine Söhne der Reihe nach Itaben sie schon gesangen genommen, venvundet, sterben lassen, begraben — und auf einmal sind alle wieder lebendig ohne Aus - llärnng, wie sich dies Wunder vollzogen. Jetzt glaubt doch keines mehr an alle die Märchen. Am schlimmsten treibt es Mr. Hearst
— der Herausgeber der richtigen gelben Presse, „Rew-Pork Ameri ran" morgens und „Evening Journal" abends — dabei hat er auch ein Deutsches Journal. In jeder Zeitung druckt er, ivas er denkt, die Leser möchtett gern sehen. — In seiner englischen Ausgabe läßt er die Altics die Germans verhauen —- und in der deuttcken verhauen die Deutschen die Verbündeten — alles am selben Tage Unter dem Titel: „Heiß oder Kalt" hat nun die „Staatszeitung" eine Zeitlang Mr. Hearst's Methoden ins Lächerliche gezogen und dem lesenden Publikum die Augen geöffiiet. So muß beständig gekämpft werden.
Der in dem Schreiben erwähnte Aussatz von Prof. John W. B u r g e ß liegt uns in dein Abdruck der „New Porter Staatszeitung" vor. Burgeß, ein Anglo-Amerikaner, war der erste Inhaber des Roosevelt-Lehrstuhls an der Berliner Universität (1906—1007); er hat an deutschen Hochschulen studiert und 10 Jahre unter uns gelebt, und da er dem amerikanischen Publikum in seinen Darlegungen sehr anschaulich von seinen persönlichen Eindrücken erzählt, die er in einen sachlichen historischen Rückblick einflicht, so sind seine Worte sicherlich von der allergrößten Wirkung ge- tvesen. Er berichtet u. a. von zwei Begegnungen, die er in Wilhelmshöhe mit dem Kaiser und seinem Gefolge gehabt hat: 1905, als die Marokko-Krise eine ernste Spannung zwischen Berlin ttnd London hervorgerufen hatte, und 1907, als König Eduard eine kurze Zusammenkunft mit seinein Neffen hatte. Burgeß ist außerordentlich sachlich und objektiv, aber mit desto größerer Klarheit deckt er die großen, auf den Krieg hintreibenden Bewegungen aus, die in der Politik König Eduards und seiner Nachfolger wahrnehmbar sind: das allflawische Programm Rußlands, der Revanchegedanke Frankreichs und die kommerzielle Eifersucht Englands. Zuletzt streift er auch die wahren Zusammenhänge in den Ereignissen ans dem Balkan und warnt seine Landsleute vor der englischen und russisttzen Weltherrschaft, wotfin- avgen ein Triumph Deutschlands und Oesterreichs nichts bringen würde, was Amerika etwa zu fürchten haben könnte.
Wie einem langen, sehr interessanten Bericht der „New Parker Staatszeitung" zu entnehmen ist, hatte das Deutschtum einen großen Erfolg zu verzeichnen, als eine Massenversammlung der „Bereinigten Irisch-amerikanischen Gesellschaften" in New Port Deutsche und Irländer zusammen- führte. Irische Redner bekundeten dabei ihre Stzinpathie für Deutschland und ihren Widerwillen gegen England, das der „einzige aktive Feind der Bereinigten Staaten seit ihrer Gründung" gewesen sei. In der Riesenversammlung wurde die „Wacht ant Rhein" gesungen, und die irischen Freiheitskämpfer wurden beglückwünscht.
Gieszencr Stadttheater.
Als ich noch im Flügelklride. . .
Ein iröblicktes Spiel von K e h m und F r e h s e e.
' Im Stadttheater ging es gestern abend ausgelassen zu. Die «Heiterkeit schlug nicht Wellen, sondern Wogen und ließ auf ein 'paar Stunden alle grauen Gedanken so weit hinter sich, daß mancher Mühe gehabt ltaben muß, das seelische Gleichgewicht wieder am die Zellverhältnisse einzustellen. Dieser Tatsache gegenüber sollte das Gewissen eine strenge 'Miene aussctzen und anstandshalber eine Weile räsomtteren. Aber wenn inan ihnt mit einem solchen Ueberreichtum von frohester Daseinsbejahung und strahlend- lstem, liebenswürdigstem, unschuldigstem Humor entgegentritt, muß pickt das Gewisien eben enttvafinet erklären und wobl oder übel in ine allgemeine Heiterkeit einsttminen.
Daß die Nacbbarschait zwischen einem Töchtervensionat ttnd dem Heim einer akademischen Verbindung schon manche Verlobung zustande gebracht hat, ist nnbestttttene Tatsache. Ebenso unbestritten ist es aber auch, daß nockt itte zwei Schwankautorcn vor Ke hm und Frehfee aus einer solchen Nachbarschaft ein solches Reservoir von sprudelndem, übermüttgem Lustspiclstoff gemacht haben Aus dem Umwege durch Löcher in der .decke, durchs Fenster, über zerbrochene Teppichstangen, Semesterantriltskneipe, Geburtstagsfeier und Dienstboteiriwt finden sich am Schlüsse eines tollen Und dock nie unmotivierten Durckeinanders drei Paar Zunger und ein Paar älterer Herzen. Sie ans ihren Sckleick- und Seiten- i wegen zu begleiten, kann im Ernste nickt verlangt werden, ist - mit Worten auch kaum möglich Gesagt soll nur sein, daß die beiden j Dichter — wir wollen die Schöpfer solch lachenden, echten Frohsinns ruhig einmal Dichter nennen — die deutsche Buhne um ein Werkchen bereichett haben, das unsi die so löblich begotmene Be- lfrrürng von französischer Schwankvaprika mit noch leichterem Herzen ttagen helfen wird. Man geizt nicht nach dem Ruhm, eine literattsche Tat vollbracht zu haben: aber wenn es richtig ist, daß die heitere 'Muse sich am graziösesten bewegt, wenn ihr die Korsage der Logik fehlt, dann haben ihr Kehm und Frehsee ein Kleid geschneidert, in dem sie mit Fug und Recht die Frage wagen kann: Nicht wahr, ich bin doch elin lieber, lustiger Kerl? Eine Unmenge von Situattonskomik, ein spritziger, tändelnder, mit sicher Erlauschtem kokettierender, nie abgeschmackter, stets auf dem Qui vive hallender Dialog, eine gute Dosis neuer und eine noch bessere geschickt ausgemachter und angebrachter alter Bühnenschlager und ein Quentchen von Allheidelberg-Sentimentalttät seligen Gedenkens — all diese Kunstgttfse handhaben die beiden 'Auwren mit einer virtuosen Gewandtheit und vor allem mit nie fehlendem Geschmack. Und gerade aus letzterer Tugend möchten wir ihnen einen Kranz winden. Lorbeer bcansvruchen sie nicht: aber far
bige, lachende Blumen behagen ihnen auch besser.
Die gestrige Slufsührung des „Fröhlichen Spiels" fand von Aniang bis zu Ende eiw Gegenliebe beim Publikum, die sich in guter Laune und freigebigem Händcrühren nicht genug tun konnte. Sie verdiente aber auch die überaus freundliche Aufnahme restlos. Der Natur der Sache nach war der Ruhm des Abends die ureigenste Angelegenheit der iveiblichen Mitglieder uuscres Stadtlheaters, die gestern abend, zuni überwiegenden Teil im „Flügelkleide" und kurzen Röckchen Backsischchens Leiden und Freuden mil all
den Eigenschaften interpretietterr, die dieser Spezies so oft die Beiworte „herzig" und „allerliebst" einträgt. Namentlich Hansi Martini ging in ihrer Rolle als enfant terrible der Pension Gutbier voll Drolligkeit und übermütigem Svrühteusellemperament förmlich auf. Mit Feuereifer und reizender Natürlichkeit sekundierten ihr Philim Wengerdt, Ktttv Sonntag-Blume, Wimri Fischer, Marta Schild und Liest H a i n b u ch. Else Jüngling als Küchendragoner nahm auf das Lachvermögen der Zuschauer nicht die geringste Rücksicht und August F r e n z c l als Pensionsvorsteherin gab, in Maske und Spiel ausgezeichnet, ebenfalls stets das Sttchwort zu lauter Heiterkeit. Die männlichen Rollen waren gleichfalls samt und sonders in guten Händen und ihre Träger dienten dem Tun und Treiben derer „im Flügellleide" als wirkungsvolle Folie. An dein Rhenanen-Trio von Ferdinand Steinhofer, Ludwig Grosser und HansG rosser-Braun konnten nicht nur die Insassen des Töchterheimes, sondern auch die Zuschauer ihre helle Freude haben.
Sicherlich wird die entzückende Neuhell, deren Hotte Leitung und elegante Ausstattung Walter Dworkotvski gutzuschreiben ist, dem Stadttheater noch manchen Besucher zuführcn; Stück und Aufführung rechtserttgen es bestens. -a-
hanr Thoma und Adolf Oberländer wider die Vermischung der deutschen Ärmst.
Der Maler Monnne Nissen, der sich auch als Kunstsrhrift- steller vielfach betätigt hat, erörtert in einer soeben bei Herder in Freiburg erscheinenden kleinen Schrift „Der Krieg und die deutsche .Kunst", die er den „kunstliebenden 'Deutschen beider Kaiserreiche" widmet, die Gefahr der Entartung, die der deutschen Kunst durch den Pariser Einfluß droht, und er ruft hiergegen die deutschen Künstler dazu auf, sich auf ihr eigenes "Volkstum! und dessen Wesen zu besinnen. So manchen bedeutenden Eideshelser rust Nissen für seine Anschauungen aus, und neben die Schatten der Toten tteten auch Künstler der Gegenwart mit lebendigem Worte. Vor allem sind es die Erklärungen von Hans Thoma und von Adolf Oberländer, die Interesse beanspruchen. Meister Thoma schreibt:
„Schüler von mir sind inl Paris gewesen und voll Weisheit dorther zurückgekehrt: sie mühenredlich ab, das neue Prinzip der Farbenzertrümmerung rnit ihrem deutschen Gemüt, in dem immer noch der Funke einfacher Größe schlummert. in Ein- llang zn bringen Nackte Körper hat einer gemalt, die mittels zenttmetergroßer Flecke und Striche hergestellt waren: roter Zinnober, grüner Zinrwber, Blau. Ich Unwissender ivnßte nicht, was dazu sagen, und vermutete, daß es den Gipfel der „Phan- tasiekunst" bedeute und daß dies Papagerenmenschen mll bunten Federn sein sollten, die man ja gerade so gut machen darf, wie Zentauren, Darvven, Faune, Sirenen und dergleichen Fa- belgettcr. Daß dies aber die höchst«, weil neueste Weisheit in der Malerei sei, ersuhr ich mit Staunen! Daß die Netzhaut dies alles wieder vereinigen soll, sagte man mir auch — aber meine Netzhaut versagte. Es ist geradezu ttaurig, wie ganz talentvolle Leute
I vor solcher Würdigkeit allen künsllerischen Halt verlieren. Ncber | Manet, Monet, Degas, Munch durfte man ja gar nicht mehr mucksen, wenn man nicht als Barbar gelten wollte, und die spitzfindigsten unserer Künslgelehtten gingen aus den Leim. Spitzfindigkeit findet Spitzfindigkeit! Was ist darüber Unsinn geschrieben worden! Man war versucht, zu glauben, es habe bisher in der Welt noch keine Kunst gegeben, bis das Momentane in der Mü- lerei erfunden worden. . . .
Es streift ja schon an das Komische, wenn es nicht gar traurig >väre, daß es in Deutschland fast als ein Wagnis erscheint, ivcnn man Dürer Führer in der Kimst nennt — diese doch so selbstverständliche Sache. Woher kommt es nur, daß den Malern Dürer nicht ein solcher Grundstelli ist, ivic es Bick den Musikern ist? Welche Einflüsse find es denn, die den Deutschen das Allerdeut scheste imnrer wieder verhüllen, auf die Seite schieben? . . . Der Sinn sür den deutschen Huinov ist sowieso fast erloschen — bösartiger Witz und gütige Entrüstung ist an seine Stelle getteten in der Oessentlichkeit, d. h., es ist alles brutal geworden. ... Es ist schon wichtig, dafür zu sorgen, daß das deutsch« Gemütslcben. was doch auf einer besonderen Jnnigkell beruht, nicht schamlos Nnrd. Wir Deuttche könnten dadurch tiefer fallen nrbezug aut Moralität als unsere leichtlebigeren Nachbarn. — Unklare Künstler koche fühlen sich tgeniert und meinen, daß ihnen die Frchheit genommen werden könnte . . ich aber befiirwotte nur die deutsche
Würde des ehrbaren Menschen, der jetzt bald >ed«r geistige Fex und Hampelmann mll seiner Nacktheit ins Gesicht springen will: als ob das was wäre, als ob das Kitlwrsortschritt und Freiheit bedeutete. Ich wlll nur das erhalten wissen, was unserer Väter Sitte und was deutsches Hausrecht ist."
Der Sinn für Humvr ist fast erloschen — so tkcat bca greife Thoma. Zu den werttaen, die ihn noch kraftvoll und ersieulich vertreten, zählt M»olf Oberländer, aus den „Fliegenden Blättern" jedem Deutschen behaglich vertraut. Und Oberländer urteilt über dre Fnternationalisierung der deutschen Kunst wicht minder hart, als Hans Thoma.
„Ter allzuviele internationale Vermehr — so schreibt er — ist besonders für den Teuttchen, der immer aus dem lausenden bleiben zu müssen glaubt lwic ein Maschinenbauer), geradezu Verhängnis- voll geworden. In der schönen Zeit des gelben Postwagens konnte der Kiinstler die rechte nrlltlere Linie wohl finden, wenn er in sein Inneres ging — aber nick« in der Zell des Blitzzuges, der mit dämonischer Schnelligkell jede Mode von einem Ende der Welt zum andern trägt. Das fürchterliche Durcheinander einer nroder- nen internationalen Kimstausstellung regt mich so auf und drückt mich nieder, daß ich seit! Jahren gar keinen Beiucki mehr wage Der wahren .Kunst dient nick» das wissenschaftlich optische Gesetz, sondern die warme seelische Anschauung als Richtschnur. Das ist kein Kunstwerk, wo nichts damit dargestellt ist! „Es gibt keine Menschen, es gibt nur Flecken!" Dieser allen Ernstes von einem großen Modernen ausgestellte Satz embält die ganze Seclcnlosig fett der modernen Richtunstz dieser eiskalten Kitnstrcitcrei. . . Wenn die Kub mehr tut als drcinschauen, so nennt man das schon „Aiiekdotcnmalcrei"! Ein Hhvermoderner stößt sich sogar an der ttcsslichen Charakteristik eines Tizianischen Porträts, weit ihn diese in Brttachtung der schönen Farbe irrlliert — ackl die Awek


