Ir. 286 Zweiter
Erscheint tagttch mit Ausnahme des Eonnlags.
Die „Gietzeser LamilieadlStter" werden dem .Anzttger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Krtttblatt ffli den llreir Sichen" zweinial wöchentlich. Die „Laxdwirlschastlichen Zeitstagen" erscheinen monatlich zweinial.
Blatt 164. Zahrgnng
Gietzener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Gberhejjen
Samstag, ö. Dezember tON
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universiläts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriitleitung.Geschästsslelle ».Druckerei: Schiil- straßel. Geschäftsstelle ».Verlaq:s-^g51,Schrist- leitung: ^^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gieße».
wie winfton Churchill nach Antwerpen tam.
Der Sonderberichterstatter der Neiv Porker World E. Alexander Powell, der auf belgischer Seite den Krieg von Anfang Mt beobachtete und dessen Schilderungen sogleich viel beachtet wurden, Hot seine bisherigen Aufsätze zu einem soeben erschienenen Buch zusammengefaßt, das den Titel „Fechtend in Flandern" fuhrt und eine sehr anschauliche lebendige Darstellung des belgischen Feldzugs liefert. Als Angehörigem einer neutralen Macht boten sich Powell zur Beobachtung sehr günstige Gelegenheiten, dtt Deutschen kamen ihm freundlich entgegen, und hervorragende Heerführer gewährten ihm Unterredungen. Trotzdem darf man bei der Lektüre des Buches nicht vergessen, daß Powell aus seiten der Belgier war und daher an alle Ereignisse mit einem einseitigen Gesichtspunkt herantritt. Gern tritt er für die Feinde Deutschs aride- ein, und es ist eine ungewollte Komik, die sich in manche seiner Berichte schleicht, wenn er die ogos^rrngen Anstrengungen und die geringen Erfolge der Verbündeten erzählt. Das Glonzstück dieser Art ist der „Einzug" Winfton Churchills in das belagerte Antwerpen; er kam im Triumph als Retter der Stadt und mußte nach kurzer Zeit als Geschlagener flüchten. Betrachtet man das klägliche Scheitern seines Unternehmens, so wird man die Schilderung seiner Ankunft am Nachmittag des 3. Oktober erst recht vnirdigen können:
„Um 1 Uhr brauste ein großer graufarbener Touremoagcn, mit britischen Marineoffiziren gefüllt, auf die Place de Meir. Dis Hornfignal der Hupe ertöme wie ein Triumphzeichen, und rasch schoß das Auto aus das Stadthaus zu. Bevor der Wagen noch richtig gehalten hatte, wurde die Tür mit hastiger Heftigkeit auf- amissen. und heraus hüpfte ein glattrasierter jungausschender Wann mtt röllichem Haar und hängenden Schultern, nicht gerade in Galauniform Memand konnte im Zweifel sein, wer das war. Es war der Right Hon. Winfton Churchill. Wie er sich so in die dichte Menge stürzte, die loie gewöhnlich um die Mitlagszeit die Bor halle des Rathauses erfüllte, loarf er feine Arme mit einer nervösen charakteristischen Geberd« in die Lusl und drängte sich ungestüm durch das Gewirr von Ofstzieren, Diplomaten, Ministern und Journalisten, die hier zusammen standen. Es war ein höchst dramatisches Auftreten und erinnerte mich lebhaft an die große Szene in den Melodramen, wo der Held plötzlich heransaust, barhäuptig, auf cineui schäumenden Renner, und die Heldin aus den Händen des Iledeltäters befreit oder die Famllienklttnodicn auS dem brennenden Elternhaus rettet oder ivas er sonst gerade für Aufgaben hat . . . Ich staiid in der Vorl>alle zusammen mit dem Bürgermeister von Antwerpen, Herrn de Bos, im Gespräch, als Mr Churchill so mi uns vorbeisauste, in einer erschrecklichen Eile, mcht rechts, nicht links blickend, sondern inimer geradeaus stürzend Ter Bürgermeister hielt ihn an, stellte sich ihm vor und sprach ihin dann seine große Angst über das Schicksal der Stadt aus. Bevor er noch geendet hatte, war Churchill berefts die Sttifcn zu den Amtszimmern emporgesprungen. „Ich denke, jetzt wird alles all right sein, Herr Bürgermeister," rief er herunter mit einer Stimme, die deutlich durch die ganze Halle gehört werden mußte. „Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, wir stnd gerade dabei, die Stadt zu retten." Daraushin ging ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung durch die Versammelten, Sie fühlten, daß ein wirklicher Seemann das Steuer ergriffen hatte. Diejenigen von uns, die mit der Lage besser vertraut waren, wurden auch etwas ruhiger, denn wir »almien es als selbstverständlich an, daß Churchill nicht eine so zuversichtliche Versicherung in aller Oesicntlichkeit gegeben haben würde, wenn nicht sehr bedeutende Verstärkungen an Mann- säwiten und Kanonen unterwegs waren Wer selbst bei dieser Annahme konnten mich die Worte dieses energischen und ungestümen jungen Mannes nicht ganz überzeugen, denn von den Fenstern meines Zimmers konnte ich auf das deutlichste die deutschen Kanonen hören, und der Schätzung nach klangen sic bedrohlich nahe und kamen immer näher."
Welch freventliche Ilnbekümmerlheit i» diesem Auftreten Churchills lag und welches Unheil dadurch auf Antwerpen herabbeschworen wurde, geht aus der einfachen Feststellung Powells hervor: „Wären nicht die Versprechungen großer Verstärkungen dein König und den: Kabinett von Churchill gegeben worden, dann wäre die belgische Regierung zweifellos nach Ostende übergesiedelt, wie es ursprünglich geplant war, und die Einwohner von Antwerpen, die dadurch auf die außerordentliche Schwere der Lage aufmerksam geworden wären, würden reichlich Zeit gesunden haben, die
Stadt in Ruhe und Ordnung und ohne große Gefahr zu verlassen." Und usic sah es mtt den englischen Verstärkungen! aus, die der Marineminister in so dramatischer Weise ange- lündigt? Poivell, der gewiß von den Engländern alles Gute sagen w.ll, schildert diese Truppen, eine Brig de Secsoldalen und 3000 brs 6000 Mann Marinereserven, folgendermaßen: „Das waren alles freundlich blickende, gesund aussehendc, nette, junge Engländer, so wie man sie überall sindet, aber für jeden, der einige militärische Erfahrung halte, war es völlig klar, daß diese Truppen, trotz der Tatsache, daß sie tapfer und mutig ünd vom besten Willen beseelt waren, kein „erstklassiges Material" darstellten. Um im Kriege zu gewinnen, gerade so >vie beim Preisringen, gehört' noch etwas mehr als Kraft und Mut; da muß auch noch Ersähe rung und Uebung dabei sein, und gerade Uebung nick Erfahrung waren die Dinge, die diesen Matrosen gänzlich fehlten."
vie winterausrüstung des russischen Soldaten.
Im Sommer trägt der russische Soldat eine leichte, dünne, iveißc Leinenblusc; im Frühling imd Herbst sieht man ihn selten ohne seinen langen llcberrock. Wenn der Winter aber mit seiner Kälte einsetzt, dann hüllt er sich in sein wärmstes und bequemstes Kleidungsstück, in seinen Schafspelz. Der englische Berichterstatter Hamilton Fhse empfing einen merkwürdigen Eindruck, als er die ersten Regimenter in ihre Winnterpelzen sah. Die behaarte Seite des Fells wird nach innen getragen, und außen erscheint die rohgegerbte Haut in einem schmutzigen Gelb. So stapscn sic daher, warm und behaglich, und sind gegen jede Kälte gerüstet. Wenn der russische Soldat seine richttgc Winterausrüstung hat, was freilich durchaus nicht bei allen der Fall ist: dann trägt er feste Schuhe, in die die Beinkleider gesteckt sind und einen „Baschlik", aus Kamelhaar, der rund um den Kopf geschlungen ist und dessen Enden auf die Schultern herunterfallen. Die Ossiziere tragen pelzbesetzte Ledertocstcn und große Mützen ans Astrachan. Tic Mützen haben mifgeschlagene Krempen, die zu dret Viertel rund herum gehn und abgeknöpft iverden können, um dann über die Ohren und über den Ilacken heruntergezogen zu werde». Während die Soldaten der westlichen Länder bei ihrer Wmterausrüstung besonders Wert aus warme Unlerwäsche legen, trägt der Russe seine dünne Unterkleidung weiter, die er im Sommer hatte., Ihm kommt cs vor allem ans schwere und wanne Oberkleidung an; von ihr envartet er die »reiste Wärme, Jeder russische Soldat soll seinen eigenen Kessel haben; manche tragen ihn beim Marsch in der Hand und trennen sich nicht von ihm, denn in dem Kessel kann er sich, gleich seinen warmen Tee machen; in ihm holt er sich seine Portton Suppe, die die Hauptnahrung für das Heer des Zaren bildet. Es ist die bekannte Kohlsuppe, die mit etwas Fleisch gekocht wird und in der Kartoffeln schwimmen., Dazu ißt er das dunkle Roggenbrot, von dem er täglich eins Ration empfängt. -Es gibt nur eine Abwechselung in diesem einförmigen Menu, und das ist die stets mtt Freuden begrüßte „Kascha", ein Gericht ans Buchweizen, das trocken gegessen wird, Ftzfe betont, daß man in England Buchweizen nur als Huhuer- fntter kenne, und denkt mtt gelindckm Lchauer an diese Speise, von der er gekostet. -Fleisch bekommt der russische r-oldat nur sehr wenig, und er entbehrt es auch nhchi sehr, da er es in Frieden szerten auch näht sehr oft m schmecken bekommt. Desto größere Sehnsucht hat er nach dem früher so reichlich genossenen Schnaps, der jetzt im ganzen Reich des Zaren verboten ist.. ,/Bekommt Ihr Wntki?" fragte der Engländer einen Soldaten. „Nein, Herr, nicht einen Tropfen," war die traurige Antwort.: „Feküt er DM!" „Oh ja, sehr. Manchmal schrett der Magen danach wie ein junges Kalbz" Auf die Frage, ivas er in den Schützengräben mache, aittwortete derselbe Krieger: „Ich summe mtt so einige Melodien vor, ganz still, so slill, daß es auch dev Mann neben mtt nicht hören kaum,"
Kriegslügen und Menschlichkeit.
Aus Nordttankreich erhält das Kopenhagener Blatt „Polittken" eine Zuschrift, die einen ganz interessanten Beitrag zur Entstehung der Kriegslügen enthält. Aus beiden Seiten geht eine Schauermär von der Unlat in dem kleinen belgischen Orte'Wälervlict um. Die Belgier erzählen sie also: als die Deutschen durch Watervliet zogen, marschierte an der Spitze ihrer Mannschaften ein betrunkener Leutnant ( ! ). Ans einer Treppe saß da eine alte Frau mit einem Kind aus ihrem Schoße. Der Leutnant zog seinen Revolver und unter dem Gelächter und dem Beifall der Soldaten (!) tötete er mit einem Schüsse Großmutter und Kind. So die belgische Version.
die man wohl ohne llcbcrtreibung — echt belgisch nennen dar!. Im Munde eines Deulschen, den der Erzähler in Holland lrai, lautete die Geschichte sehr anders: beim Durchmärsche dm Deutschen durch Watervliet saß eine alle Frau mit einem Kind ans dein Schoße aus einer Treppe. Plötzlich ertönte ein Schuß. Ein Offizier sank tol zu Boden. Da ma» den Schützen nirgends finden konnte, so ging man zu der allen Frau und hob das Kind von ihrem «choßc. Im Schoße der Alten fand sich ein Revolver. Sie wurdi aut der Stelle erschossen — Nu» ist der Berichterstatter kürzlick selbst in Watervliet getvcsen: dort suchte er den Bürgermeister aus und erkundigte sich nach dem wahren Sachverhalte Was stellte sich heraus? An der ganzen Geschichte war überhaupt kein ivahres Wort. Es war ein Watervliet nie, nieder von seiten der Deutschen, noch von seiten der Bevölkerung, ein Schuß gefallen!
Der Fall zeigt in sehr lehrreicher Weise, wie- in der heißen Luft der Kriegslridenschaiten üble Gerüchte gleichsam aus dem Nichts entstehe» Der dänische Erzähler nimmt daun auch Gelegenheit, einige andere ztzttcqsgcrüchle dieser Art zu berichtigen. So bezeichnet er es als absolut unwahr, daß deutsche Soldaten sich an belgischen Nonnen vergriffen hätten, und überhaupt erklärt er es für völlig unbercchligl, die Soldaten eines der kämpfenden Völker in Bausch ^und Bogen als „Barbaren" zu bezeichnen. Gerade an deutschen Soldaten hat er da allerlei Erfahrungen gemacht, von denen er in rechtschasicncr Weise Bericht gibt. „Ich habe in Bel gicn viele Beispiele davon gesehen, das; Landsturmsoldalcn, die selbst Familienväter sind, sich reizender kleiner Kinder angenommen und ihnen Nahrung gegeben haben. In Antwerpen sprang ein verwundeter deutscher Soldat ins Wasser und rettete ein Kind vor dem Ertrinke». I» Löwen rettete ein bayerischer Soldat mit Gcsahr seines eigenen Lebens einen alten Mann aus einem brennenden Hanse. Von Dingen dieser Art berichtet der Telegraph ttcilich nichts."
Auf der anderen Seite freuen wir uns nur, von dem Dänen zu hören, daß auch so manche Uebeltat von französischer Sette, die berichtet worden ist, keinen Glauben verdiene. Im besonderen er zählt er über die Behandlung der deutschen Gesängenen eine hübsche kleine Geschichte, die auch deutsche Leser erfreuen ivird. „Wir befinden uns hier in einem steinen Wirtshause, ein paar Meilen drin im Lande. Es ist Abend. Eine Wteilnng ermüdeter englischer Soldalcn ist mil einigen deutsche» Gefangenen, vier Manit und einem Unteroffizier, eingctrosien. Sie sind alle in das Haus gegangen, um etwas zu eiten und zu trinken zu bekommen. Drinnen in der Wirtshausstube sitzen französische Soldaten, und es kann schon sein, daß zu Anfang ein paar kränkende Worte gegen den Feind gefallen sind. Zufällig aber hal man entdeckt, daß sich aut beiden Seilen stimmbegabte Länger bcsindcn, und nun singt man drin Solo und mehrstimmig und die Gcsangenen soerden trakttcrt. Ta plötzlich — was ist das? J-a, ivahrhaftig: ein stangvolicv englischer Tenor singt „God savc lhe Queen" und ein Deutscher singt die zweitt Sttmmc dazu, »ach^ derselben Melodie, aber mit dem deutschen Texte „Heil Dir im Siegcrttanz . . ."
Wirst dies nicht, so setzt unser dänischer Gewährsmann feiner Erzählung hinzu, ein halb rührende«, halb komisches Streisticht aus die wirstichen Verhältnisse und bildet es nicht einen merk- würdigen Gegensatz zu manchen Schreckensberichten?
Art» Stadt «nd Land.
Gießen, 5. Dezember 191t.
»uf dem Felde Ser Ehre gefalle«.
(Aus Hessen und den Nachbargebieten,)
Res, Heinr. Römer, Jns.-Rgt. 116, ans Ettingshausen. — Res. Hermann Stumpf und Res. Wilh. Kühn, Jns.-Rgt. 116, aus Wetterfeld. — Musk. Moritz Bernhardt, Jns.-Rgt. 116, aus Eubach. — Res. Wilh. Oe sterling, Jns.-Rgt. 80, aus Eubach. — Res. Jakob Willershausen, Jns.-Rgt. 83, aus Ockershausen. — Ernst Vier Helle aus Schotten. — Unteroff. Louis Keil, Jns.-Rgt. 116, aus Kölzenhain. — Landwehrm. Adam Ruhmann, Jns.-Rgt. 116, aus Tarmstadt. —• Ers.-Res. Phil. Leonhardt, Jns.-Rgt. 116, aus Arheilgen. — Muss, Heinrich Osterritter, Jns.-Rgt. 168, aus Worms. — Res, Johann Sedelmayer, Pionier-Rgt. 25, aus Worms. — Lehramtsassessor Oss.-Stellv. Rudolf Schmitt, Jns.-Rgt. 168, aus Butzbach.
** Ritter des Eisernen Kreuzes: Reservegefr. Richard Lenser aus Wetzlar, Jnf.-Regt. 116. Leutn. d. R. und Kompagnieführer Leo O e h l e r (Pottinspektor in Höchst a. M.). Uffz. Rudolf Lind aus Geißnidda. Zahlmeister Fuehrer aus F-riedberg, Jnf.-Regt. 168. Veterinär Dr. Koch aus Friedberg, 5.Fußart.-Regt. Uffz. d. R. Waldeck aus Ridda, Res.-Jns.-Regt. 116. Landwehrm. Gefr. Wllh.
wie sie einander lieben.
In den nächsten Tagen erscheint im Delphin-Verlage in München ein zeitgemäßes und lehrreiches Büchlein, welches zugleich in dieser ernsten Zeit für etwas Humor sorgt. Unter dem Titel „Unsere Feinde, wie sie einander lieben" hat Tr. Werner Klette kritische Acußerungen bcrülmtter Franzosen, Engländer, Russen, Belgier und Japaner über ihre Verbündclcn in geschickter imd zuverlässiger Auswahl zusammengestelll: und wenn unsere Feinde sM heut in deni Bemühen, uns recht schleckst zu inevben, einander überbicten, so können uns die hier zuiammengcstellten klassischen Zeugnisse verbündeter Nächstenliebe — sofern dies nötig wäre -— zum Trolle dienen. O, sic kemien einander, und sie haben sM gegenscttig mcht geschont!
Noch heute sind die Worte nncrichütterlich wahr, die schon Napoleon I. über seinen Erbseurd England gesproelieii hat: „Tie Engländer lasten nützt von der Gcwvlfnheil, Nacktttckttn zu erst »den, sie zu Hause zu verbreiten und nachher in gartz Europa in Umlaut zu setzen, Sie hängen zu sehr an diesem Hilfsmittel, als daß sie es nMt nnaufhörlM gebrauchen sollten. Zwar dementieren sie eine falsche Nachttchl acht oder zehn Tage nach ihrer Veröffentlichung, aber diese acht oder zehn Tage sind verstrichen, die Tänictumg har bestände,i, und die «Gelegenheit bietet sich, eine neue Täuschung in die Welt zu setzen."
Aber schon vor Napoleon hatte Rousseau die Seele des tugendhaften Engländers erkannt. „Ick nieiß «so sagt er cm „Emile" , die Engländer verstehen es, ihre Humanität und nationale Gutmütigkeit sehr herauSzustreichcn und nennen sM „good naturcd pcoplc" -eilt gut geartetes Voll. Allein mögen sic dies ousschreien, so lmit iie können, niemand wiederholt cs." Hundert Jahre später und Gup de Man passant spricht von „diesen Barbaren" -— ober für diesmal sind es »Mt die Deutschen,, sondern die -Barbaren sind die Engländer, von deren „furchtbaren Unterhaltungem", von deren Kiilturlossghttt er in der scharfen und witzigen Skizze „Unsere Engländer" een ickllagcndes Bild entworien hat. Dafür erscheint dann nstcdernm in der englischen Literatur der Franzose regelmäßig als ein eitler Winde beutcl; Thackeray hat in seiner nüchternen Wahrhaftigkeit beiden Völkern zugleich in keinem berühmten Snobsbuche die Wahrheit g sagt, als er schrieb: „Wie oft lachen wir über die Franzosen wegen ihres .Haages zur Prahlerei und wegen ihrer nnleidliche» Eitelkeit: nick dennoch glaube ich im Grunde meiner Seele, daß der bttttsckie Snob inbezug ans Dünkel, Sclbstzu- fticdenheit und Prahlerei ans seine Art nicht seines Gleichen hat.!"
Tun min Marürnnc und John Bull beute alles, um einander
nicht an die etwas stürmische Geschichte ihrer Beziehungen zu erinnern, so leidet das neue Liebesverhältnis mit Rußland nmtz schwerer unter den Erinnerungen der Vergangenheit. „Es ist klar, daß in Rußland die Reaktion unbeschränkt herrscht. Die Regierung ist entschlossen, jeden Versuch des Volles, sich freiheitliche uttb wirtschaftlich bessere Verhältnisse zu schassrn, gewaltsam zu unterdrücken. Es ist aber unmöglM zu glauben, das; ein Voll von 150 Mstlioncir Ästenschen sich dauernd demüttg einer Auwkratie unterwirft, die sich dadurch zu erhalten sucht, daß sie das Voll mtt Alkohol vergiftet und Rassenhaß zwischen den verschiedenen Nationen mrssät, die das Reich bewohnenq Diese Autorität muß eines Tages doch fallen. Wer ist es, der diese schneidenden Wahrheiten über Väterchens Land ausgesprochen hat? Es ist der Belgttr Vandervelde, der lstut als Rund- rciscnder für die Verbündeten tätig ist. ^Dergleichen Anklagen haben die Russen ihrerseits mit nickt geringerer Abneigung beantwortet. In einem Briese Dostoiewskis vom 1. Januar 1868 heißt es über die Anstellung einer französischen Erzieherin: „Worüber soll dtt Französin mit den Kindern sprechen? Doch nur albernes dummes Zeug; afsekttert und gewaltsam wird stt ihnen ihre gemeinen, verderbten und lächerlichen imd blöden Anstandsregeln und ihre verdrehlen Begriffe über Religion und Gesellschaft beibringen." Tolstoi schrieb der Gräfin A. A. Tolstoi unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Patts: „Patts ist mir so zum Ekel geworden, daß id> bemalst verrückt geworden ioäre: und in Turgenjews Briefen finden wtt das Uttttl: ,JM möchte Dich auf etwas Außerordentliches, wahrhaft Poetisches in der englischen oder in der ttanzösischen Lttteratur Hinweisen; Aber ich kann es nicht."
So uttttlten Rußlands größte Geister über Frankreich und sttne Kultur, und so ließ sM die Reihe dieser Liebesäußarungeck noch weithin verlängern Sind doch selten Charakter und Leben eines Volkes mtt einer gerade wegen ihrer stillen Feinhett so verniltztendcn Ironie geschildert rauben, wtt dies m Octove Mirbeaus geistvollem Büchlein über seine Knrftwagenfahrt durch Belgien geschehen ist!
Aber der liebe, lleine Japaner — ihn hakten wtt sa beinahe »ergesttn! Nun, Anatole France hat ihm ins Stammbuch das charaktervolle Wvtt geschrieben: „Dtt Abneigmig der wttßen Rasse gegen die gelbe .Rasse Nt so natürlM, daß es säst eine Ungchmierlichkett ist, sie zu besiegen." Dreimal Schande darum über das Volk dieses TMtcrs, das diese Ungeheuerlichkett dennoch begangen har. Ein Engländer, der hervorragende Japanolvge B. H. Chamberlain, ist es sodann, der es als einen ttesgehenden Unterschied zwischen Japanern und Chinesen bezeichnet, daß
die Chinesen Rassenstolz besitzen, die Japaner hingegen nationale Eitelkeit. UM schließlich hat der „Mercurc de France", der mtt dem Kriegsausbruch sttn Ettcheinen hat entstellen müssen, weil in Franlrttch kein Raum mehr für eine Zcttschttst war, die den Kamps für die Wahrhttt und für die Gesittung W ihrckö ehrenvollen Ausgabe machte — dieser „Mercurc de France" har Japan also gekennzttämet: „Es ist ein gefähttülsts wid wildes Land, das bevölkert ist von kleinen ebenso verschlagenen wie energffchcn Kerlen, die ihren Haß mit einem Lächeln maskieren »M ihren DoM mtt einem Fächer. Mcht nur Frankreichs Interessen, sondern die der ganzen wttßen Raffe siM durchs Japans Ehrgeiz und Jnttigen bedroht.!"
— Ueber Luftdruckverletzungcn ohne äußere Verwundung wurden in den wissenschaftlichen Menden der Mllitärärzte der Garnison Ingolstadt interessante Mittellungen gemacht, über die in der DeuNchcn Medizinischen Wochcnschrrst bc- ttchttt wird. So sah Dr. Sllberglttt als Folge von Granatetti- schlägen in der Nähe der Bettoffenen in vettchiedenen Fällen Bln- Mnaen aus MuM imd Nase, die z. T. sogar 14 Tage uM länger nach dem Unfall ttnttaten. Als Grund für diese späteren Blutungen kommen Zerrttßung von Gesäßen in Bettacht, viellttcht aber auch Einatmung von Nitrosegasen. Von schweren Erscheinungen nervöser Natur, hervoigerufen durch eine Granatexvlosion, sprach Dr. Füimrohr. Die Kranken waren durch ttne Granatexvlosion zu Boden gewotten worden, ohne von dem Geschoß verletzt zu werden. Als Folgeettchernung waren btt dem einen Pa- ttcnteu starke Erregungszustände zurückgeblieben; er fühlte sich verfolgt, hatte Halluzinationen und gelegentlich schwere bis 15 Minuten dauernde Anfälle, in denen der Körper ganz steif war. Ein anderer Pcttient hotte ähnliche Anfälle, nnb bei beiden ist cs ganz ohne Zwttsel, daß die Ettchttnungen durch die Grauatexplosiov ausgelöst wurden. Die Krankhellsbllder dürsten der^Hystette zu- zurechnm sttn. In ttnem cmdern Falle siel einem Soldaten eine Granatt in den Nacken, ohne zu krepieren und ohne ihn zu verletzen. Bald daraus Mer ttat btt ihm Bersteisung der Halswirbelsäule ttn: der Kopf war ganz nach vorn gebeugt und das Kinn der Brust genähert. Jede Bewegung des Kopfes ist unmöglich. Eine Röntgenaufnahme ergab, daß die Wirbelsäule völlig normal toar Von Zttt zu Zttt ttrten btt dem Pattenten auch heftige Zitter ansälle am ganzen Körper für einige Minuten aus. Des wttteren wurde ttn Fall mirgttttlt, in dem ein Auge durch Luildruckvcrlctzung SchMen ettitt, tntb dann wurden mehrere Fälle von Trommelfell - letzungen bttvrochen, die durch platzeMe Granaten verursacht ivarcn.


