Nr. 28f
Swetter Blatt
Effcheinl täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tic „Lietzener.samikletiblättkt" werden dem
»Anzeiger^ viermal wöchentlich beigclegt, das „ittellblatt ffir d«i Kreis Siegen" zweimal wöchentlich. Sie „Qmdwirtjchaftlichea Zett- si«g«»" erscheinen monatlich zweiinal.
>ü-s. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberheßen
VoMerrtag, 3. Dezember
Rotationsdruck uni» Verlag der Brühlffcheu UniversuätS »Buch- und Stemövitcfcrci. R. Lange, Gießen.
2christlettung,GeschältSsIcllc ».Druckerei: Schulstraße?. Geschäitsstclle u. Verlag: e-«»wl,Schtiil- leituug: &Ss>112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Die Sperrung des ZuezkanaK, der Handel und Amerika.
Die Xiirfei hat erklärt, fie werde den Suezkanal offen halten. Das ist aber sicher nicht dahin zu verstehen, daß die Handelsschiffe auch unserer Feinde ungehindert diese Straße wecken benutzen dürfen. Für sic wird der Kanal gesperrt lein, zumal England, solange es hier herrschte, den Konstan- trnopeler Vertrag von 1888, der die Freiheit des Verkehrs im wertesten Umfange gewährleistete, gröblichst verletzt hat. Die Wirkung dieser teilweisen Sperre auf die militärische und politische Lage des Dreiverbandes liegt klar zutage. Man denke nur daran, daß Indien und Japan infolge der notwendig gewordenen Kapsahrt um 24 Tagereisen weiter von Mitteleuropa abgerülkt sind!
Mcht minder verhängnisvoll aber wird die Sperre auf Landet und Verkehr wirken: zu ungunsten Englands und .auch Frankreichs, zugunsten der Neutralen, nanientlich der Vereinigten Staaten von Amerika. Tenn von London aus ist der sceweg nach Bombay über Suez 8100 Kilometer, ums Kap der Guten Hoffnung aber 5950 .'Kilometer lang. Für die Fahrt von Le Havre aus sind die entsprechenden Iahten 2824 und 5800, für Marseille 2374 und 56.50, so daß der Unterschied hier 3276 Kilometer beträgt. Da nun der italienischen, holländischen und amerikanischen Sllffffahrt der Suezweg offen bleibt, jo liegen fortan die Häfen dieser Länder näher bei Ostindien als die englischen und die fratt- zöfischen. Beträgt doch der Weg von Neuhork.nach Bombay iiber Suez nur 3761 Kilometer, von tten Orleans nur 3724 Kilometer.
Den Engländern wird angesichts dieser Lage schon nichts anderes übrig bleiben, als fortan den ihnen verhaßten Panama kanal zu benutzen. Bisher kam diese Straße für sie höchstens für den Verkehr nach Neu-Seeland in Betracht. Denn der Weg von. Plymouth nach LSellington auf 'Neu-Seelans über Panama ist «nva 1000 Seemeilen kürzer als der über Suez. Jetzt aber nnro sich für den gesamten« Verkehr nach Australien der Weg über Panama mehr als der Kopweg empfehlen. Und selbst für den ostindischen Verkehr wird der Panamawcg mit dem Kapwege in Konkurrenz treten,
Diese Verschiebung der Seewege aber wird dem amerikanischen Handel und weiterhin dem anrerikanisclien Imperialismus in luchstem Grade zustatten kommen. Denn der Weg durch den Panamakanal nach dem ganzen Gebiete des Großen Ozeans ist natürlich für die Häfen der Uirion viel kürzer als ffir die Englands. So ist der Parmmaweg von Neuyork nach Melbourne 10 016 Seemeilen, von Plymouth 1257.5 Seemeilen lang. Uno während bisher Plymouth auf dem Suezwege den Häfen von Manila, Singapur, Hongkong und Schanghai um 1500 bis etwa 3000 Seemeilen näher lag als Neuyork auf dem Panamwvege, ist jetzt Neuyork in allen diesen Fällen der weitaus nähere Hafen.
Jetzt wtck affo das eintreten, was viele NativnvWkon»- men bereits voraussahen, als ffir England der Suezweg noch offen stand Schon damals wucke darauf hinqewiesen, daß der Panamakanal ffir Suez ein gefährlicher Nebenbuhler sein lverde — tvegen der holten Abgaben bei der Durchfahrt durch Pen suezkanal und weil der Panamatanal auch von Segelschiffen benutzt werden kann. Tatsächlich ist ja auch bereits vom 1. Januar 1013 ab die Gebühr für die Durchfahrt durch den Suezkanal von 7'/. Franken auf 6*/, für die Tonne ermäßigt worden — mit Rücksicht auf die Eröffnung des Panamakauals.
Infolge der Schließung des Suezkanctls füt den englischen Handel wiro sch aff» die für die Union durch den Pananiakanai ohnehin schon günstiger gewordene Lage noch unendlich verbessern. Die Ausnutzung der bisher nur mäßig erschlossenen Naturschätze der südamerikanischen Staaten auf der pazifischen Sette wird der Union uneingeschränkt zugute kommen. Die Hebung der Produktivität dieser Staaten wird
das Werk der Union sein. Aber auch in China und Japan sowie in den Beziehungen zu Australien wird die Union England inaner mehr verdrängen.
Englands Hoffnung, seinen Handel durch den Krieg auf- zusrischen, hat bereits getrogen. Die Besetzung des Suez- lanals durch die Türken vcckirbt die Rechnung völlig.
Lriegrbriese aur dem Osten.
Bon unserem zum Oflheere entsandten Kriegsberichterstatter
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszngsweise, verboten.)
.Kämpfe auf dem Eis der Seenplatte.
.......den 29. November.
Unser Auto hält vor dem Schloß, das den Offizieren eines größeren gemischten Verbandes als Quartier dien«. Ein paar Kompagnien liegen auch dort. Wir sthresten durch die mächtige Eingangshalle, gehen die alten knarrenden Eichenstnsen hinauf nach dem Borrauni zum ersten Stock. Im Voroeigehen sehe ich auf die Bilder im Treppenhause, die Grafen und Gräfinnen, die einmal Über diese Stuien gestiegen sind niit leichten und schweren Schritten durch mancherlei Zeiten des gräflichen Hauses. Ein kleines Bildchen halte ich, ohne es zn wissen, in den Augen. Eine junge Komtesse mit seltsam lächelndem Blick, einem leicht geöffneten schmalen Mund und einer schier leichtsinnigen Art das weiße Spitzenhemü zu tragen.
Oben ist ernfthajte Begrsißung. Wir werden dem Führer der Abteilung vorgeftelU. Rittmeister v. N. und die anderen Herren, die eben mit dem Frühstück fettig sind. ES ist 8 Uhr srüh. Der Diebel quillt, Itric wir sprechen, langsam cnrpor und die flattrigen Vorhänge vor den hohen «chloßseiifiern geben wie von unsichtbaren Händen nach oben gezogen die Aussicht in das weiße Winterland frei. Wir ivärmen uns ein wenig auf, legen die schweren Pelze und die paar Pfund Wolle, die lvir an uns toben, beiseite und machen uns inarschfcrlig. Oberleutnant K. wird nnS die Bescsttgungcn am User zeigen und vett'pricht nnS außerdem, daß wir die Russen diesmal von Angesicht zu Angesicht sehen würden. „Unsere Vorposten stehen sich drüben am Wald auf 80 Mtter gegenüber. Des Morgens begrüßt man sich. Ein paar Leute haben neulich auf Bitten der Russen Tabak hingrlegt und dafür einen Pack russischen Tee bekomme». Die Vorpostenschießcrei hat hier keinen Zweck. Sie werden das Gelände ja gleich sehen."
Vor den: Portal draußen locrdcn Karabiner verteüt, und wtt setzen uns in Marsch. Die mächtigen alten Eichen des« Schloß- varlcs sind weiß betupft, zuweilen Wirst der leichte Mud eine! Schneelast stäubend auf den Weg, der so glatt ist, daß ich jetzt schon bedauere, meine Knie nicht wattiert zu l>abcn. Es ist nurl der Ton von grau und weiß in der Parklandschajt, und ein hellgrauer Himmel, der neuen Schnee verspricht, wölbt sich darüber. Trotzdem ist der Weg von zauberhafter Schönheit, der Schnee flimmert, sltrtt und Mdet auf den breiten WiesenflLchen leuchtende Wellen und Hügel und spannt über alles Berwahrwste und Unansehnliche einen hlllen Schein.
Um wärmer zn werden, schreiten wir, soweit es die Glätte erlaubt, tüchttg aus. Die Wiese dehnt sich plötzlich mellenfi«ett und' wird sehr glatt. Wir sind am Rarcde des Sees. Drüben, wo die dünnen Erlenbestände wieder ansaiigen. stehen die Russen. Dev schmale Landungssteg ist mit Sandsäckcu gedeckt. Hinter dem Ufer» schllf steht eine ivunderschöne Schilsvilla für den starken Posten.
Ich gehr auf den kleineren Steg hinan-. Eine schmale Fahrrinne jülffl mub rechts in die Mitte des >SaeS, die noch nicht zngesroren ist. Ranch steigt da ans. Hinter einer Insel hervor damvsl ein kleines Schiss, dös aus dem Heck eine merkwürdige Sache zu stehen hat. „S. M. S. Schiff Ba r b a r a", sagt Oberleutnant K. „Unser Kriegsschiff. Es hat eine rnhnttcicho Ber- gangcnhett hinter sich von den erstem Kämpfen adc den Masuri- schen Seen an. Jetzt bricht es EiS und die Ängrissslnst der Russen. Es wick gleich anfangen zn funken."
Da blitzt es auch schon am Heck der .Barbara" ans imd es dröhnt mit zehnsachem Widerhall von dem Ufer zurück. Dia schweren Battetten zur Rechten und tvetter zur Linken beginnen auch zu feuern. Das Ziel, eine Ziegelei am andern Ufer, ist aber von hier nickst zu erkennen.
Die kleinen Inseln vor uns sind seit ein paar Tagen wieder in unserer Hand. Als die Russen sie mit stärkeren Kräftoi nahmen, mußte der Posten sie noch mit Kähnen verlassen. Jetzt sind ein paar Stellen, an denen das Eis bis hinüber trägt. Im Gänsemarsch setzen nur uns in Bewegung. Der Weg von vorhin war rauh gegen die Glätte dieser Strecke. An ein paar Streifen ist Spiegeleis.
Durch die llare Eisdecke sieht mau wie durch dunkelgrünes Glas mii den Grund des SeeS. Tie Wasservflanzen stehen mit herzförmigen Blättern «regen die gläserne Mauer, au manchen Stellen ist ein Blättcrherz in die Eisschicht mit eingefroren, vlerade als ich die eisige Herrlichkeit still betrachte, beginnt hinter dem Gedöst auf der kleinen Insel, die ii1, jetzt fast erreicht dato, das gleickch mäßige Hämmern eines Maschinengewehres. Ich folge den anderen rasch nach und bin mit ein paar Schritten auf der Insel. Ein kleines Baucriilums, das der Bauer noch benwhnt, ein paar kümmerliche Ställe, in denen die Schweine grunzen, .Holzstapel und Ackergeräte heben sich mis dem weißen Sckmee. Aus Ziegetsteinen ist eine Brustwehr her gestellt. Man beherrscht die Eisfläche von hier bis zum anderen User. Maschinengewehre sind in Bereitschaft, lieber das Eis binwcg kann man aus der anderen Seite überschnelle! Schilshüttcn erkennmi. Sie gehen spitz »ach oben zu lvir die Jn- dianerzelie, die wir ims als Kinder bauten. Es sind die Vor- postenhütten der Russen. Augenblicklich sind sie aber nickst besetzt, aus der nahen Entfernung von kaum 2000 Meter könnte man sie von hier wie nn Sieb durchlöchern, da der Blick ffci ist. Mit dem Glas sehe ich deutlich am Waldrand dahinter eben eine schmale Kette russischer Infanterie bervorkommett. _ Sie mache» Halt. Das deutsche Maschinengewehr scheint sie besckwffen zu habe». „Im Falle eines Angriffs bitte den bezeichneten Rückweg zn benutzen". sagt der Oberleutnant, tllber die Russen denken an gar keinen Angriff, der am Tage über die glänzend weiße Fläche ancki sehr starke Opfer kosten müßte. Sie setzen sich am Waldrand nieder, der größere Teil »rcschloindet Ivieder, durch den dunklen Schleier der Erlenstämmc gedeckt.
Von hier aus kann ick, das Ziel unserer Batterie und den braven „Barbara" erkennen. Ter holst Schornstein der Ziegelei ragt über den Baumfpitzen hervor. Rechts davon ist ein Dorf, tu denr ein russiscksts Bataillon liegt. Im ganzen scheint man zwei Regimenter gegenüber fttlsrellen zu könne», die aber «veiler rückwärts im Quartier liege». Das Bataillon ist vorgesckiobeu. Ta lodern in dem Torf die Flammen auf, in so weiter Ansdehmm» glüht es über der weißen Landschaft, daß «vir ini Zweifel sind, ob das die Wirkung unserer.Artillerie ist, oder ob «die Russen das Torf selbst an gezündet loben, weil sic abziehen wollen, Heute mittag wird unsere Jnianrerie vorstoßeir, um die Lage jeslznstellen, Bis dahin hat die Artillerie den Borswß auf jeden Fall genügend, vorbereitet. Sie sästeßt rn regelmäßigen Abständen nach deck russischen Steilung«»« hinüber. -
Tie Russen scheinen keine Geschütze in Position gebracht Ml haben. Das gefantt« schwierige Gelände, dirs mir beherttchen, wücke es ihnen auch scluver erlauben. Ihre Battttien sseuern nach Lötzttl und Angerburg. Wenn ?ie_ das Feuer von oner Stelle sehr verlängeni, können sie d«m See bis zur Mitte etwa uock, erttichcu. Nack, rürigcr Zeit erscheinen auck, ein paar weiße Schrapncllwölkckstn in der Nähe der Stelle, wo die „Barbara" seuerl- Ae »veißen russischen Geschühlvolken schernmi den Oberleutnant an etwas zu erinnern. Er geht an die Bauernkate, llopff an das Fenster und nift drei Mann von der Wachmannschaft mit Name» heraus. Dann geht er an die Rückwand, die Schutz vor dem Wind bittet. Aus der Lasche nimmt or zwei lleine Pakttchcn in Seidenpapier und wickelt vorsichtig «arsö Drei Eiserne Kreuze. In der andern Hülle sind die Bänder. Die Lento treten an. Zwei Landwehttn'änncr rnrd ein: Reservist. Sie wissen, um loas es sich handelt. Ihre mageren Gesichter sind ein wenig verüben. Der Oberleutnant hält ihnen eine kurze Rede. „Kinder, weil Ihr neulich die Patrouille so gut gemacht habt, wegen Lhck, wegen Bialla. , . Ich hoffe, daß Ihr weiterhin so brav Eure Pflicht tut*.."
Tie Batterie feuert in diesem Augenblick Salvenseaer, daß die lleine Kate leffe ztttett. Die Leute sieben stramm. Der Oberleutnant und Kompagnieches zieht das Band mtt dem Kreuz darart durch das Knopsloch der Wassenröcke und steckt es dann fest. Es hängt natürlich viel zu lang herunter. Da geht unser Führer, der uns diesmal hierher gebracht bat, der famose Hauptmann W., Kommandeur des toaftwagenparkS der Armee, lstran und befestigt icdem einzelnen kunstgerecht das Bändchen. Er guält sich redlich ab. Die Ausgezeichneten sehen ans die eifrigen Finger, aber sie rühren sich nicht, zu helfen. Ihre Augen haben cimn Ausdruck, als blickten sie in wette Fernen.
Da ist der Hauptrnann fettig. Er gr«ttnliett mtt kräfsigem Händedruck „Schreiben wir Mutlern, was?" In dem Gesicht des Mannes zuckt es jetzt. Er drückt die Hand wie mtt einem Schraubstock. „Japoll, Herr Hauptmann!" Der Reservist, ettl junger sorscher Kerl, „strahlt wittn Weihnachtsbaum", wir der Unteroffizier im Hint«-rgrnnd feststellt. Der Kompagnieches gratuliert auch jedem einzelnen. Sic sind jetzt schon freier in ihren Be-
Ueue Briefe aus Gottstied Uellers Malertagen.
Einen tiefen Edrblick in die Entlvicklung des jurrgen Gottfried Keller, besonders über seine Münchener Zeit, da er noch als Maler den rechten Wsg für ferne Begabung zn finden hoffte, geivähren die Briefe an seinen Freund und Malevgcnosscn Joh. Sal. Hegt, die Einil Ermatinger im neuesten Heft der Deutschen Rundschau veröffentlicht. Das KKünchcner Künftlerleben, Mir es der eigenwillige Schweizer bald in eifriger Ackert, bald in nachdentlichem Müßiggangs stets aber um die Gefkrltung seiner Persönlichkeit ringend, ffchrte, zieht ttr bunten Bildern an uns vorüber. Geldsorgen fehlen nie, aber dafür ist lustige Gesellschaft da. Schwieriger wt'cken die Verhältnisse, als schließlich die offizielle Unterstützung mifhört.
„Du wirst vielleicht nvcimn peclnöicn Zustand begreiflich finden," schretttt Keller am 4j Februar 1841 in echten, Galgenhumor an den Freund, „wum ich Dir imlde. daß ick, von .Hause die vergnügliche Nachricht erhallen habe, daß ich nichts mehr zu erivatten hätte, indem das hochzulebende Oberwaisenamt es für unnötig erachtet habe, daß ich länger Geld brauchen soll: ich könne jetzt schon etwas getont haben intb dergl. Meine Mutter jchncb cs mir mtt denc grvßtru Kummer und bat mich, nach Hause zu kommen, wo ick, btt ihr schon lcden könne, hingegen in München könnte sie mich mit dem ihr Zugemessenen nicht erhalten. Solch Nachrichten haben Mick», sehr belulttgt, denn üb bin «ganz plesiicrltch auf den crond gesetzt und frei wie der Vogel in den Lüften, ober vielmehr vogelfrei. Jetzt heißt'S in die Hände «wsvuckt und geichnt: die Zeit der (Zeiämung eines Vogels auf dem Rand eines Freßtrögchns! und Zwttfchgen- knchen ist vorbei und es ist erschienen die Zeit der Wagnerischen Würste mittags oder auch rrur abends. Ich ackerte wie ein Neger in einer Zit cker lflaittage intb das gerne,"
Keller ist nun wvhl oder übel sehr fleißig, und ergötzlich schildert er in einem Schreiben vom 23. 2Ipril 1841 sein Tageiverk und seinen Kampf gegen den Müßiggang:
„Ich male setzt von morgens sieben llhr bis abends sieben Uhr rwit wenig Unterbrechung und mtt großem Getmß. Ich habe gesunden, daß der Hund und alle Entbehrungen wett erträglicher, ia gar nicht zu beachten sind, wenn mait nur «rrbertek. Vor nwiner Staffele' vergesse ich alles, und wenn ich abends wieder ein gutes Stück meiner ücrmwmb beschmiert habe, io niache ich mtt meiner Gttarrc einen so tollen Lärm, als ob ick zehn Kw- pannen zn Nlittag gespttst hätte anstatt der Hundemahlzeit. Wenn nur der Teufel des Müßiggangs nicht wieder nt mich fährt: aber tch will ihm schon dos Loch vermachen; ich lasse ums Verrecken
nicht „ach; jedtti Abend, wenn ich ins Bett gehe, schwöre ich heimlich bei meiner Ehre, morgen srüh ouffusiehen und .zu schanzen, dos muß natürlich gehalten werden, mid sitze ich daun nur einmal an der Arbett, so harre ich schon aus. Daß man all« zwei Stund etwa die Nase in ein Buch steckt, kcmn nach meiner Meinung durchaus nichts schaden, eher nützen; indem man das 'Bild «oieder weit besser übersieht, wenn cs eine halbe Stunde aus dem Gesichte war,."
Mit einer gew-iffen Selbstironie erzählt er von seinen ersten ausgestellten Bildern: ,zBor Mei Wochen habe i ch zgtm erstenmal zwei Aquarellen ausgestellt; doch wurden sie nicht gekauft, well noch kein Schiedsgericht gewählt ist. Indessen soll ein Herr um meine Wreffe gefragt haben; das Luder ist aber nicht gekommen. Du wirst wissen wollen, ivas man dä^u gesagt hat? Ich weiß nicht! Wer mit mir davon sprach, schmeichelte mir sehr, aber auf das kann man nicht gehen. Einige haben mir gesagt, sie hätten's auch von andern rühmen hören." Aber auch spätere Versuche, beim Ausstellen etwas M verkaufen, schlagen fehl. In einem großen Klagckries vom 10. Aprll schildert er dem Freunde sein ganzes Elend :
„Schon habe ich dreimal was ausgestellt, Konrplimente darüber eingesammelt, aber noch nie eine von lenen vermaledeiten An- kaussnunrmern cm meinen Bildchen entdeckt. Dabtt kann meuie licke Mte mir nichts mehr schicken, ohne äußettste Emschränknng. und um ihr allen Kummer zu ett'varen, schreibe ich ganz fidel nach Hause, als ob ich in größten Floribus lebte, indes ich ganz gemütlich ans dem räudigsten und schäbigsten Hunde relle, den es jemals gegeben hat. Meinen Bekannten sage ich immer, ich erwattc noch Geld von Hause, sonst hätten sie wahttchemlich vermöge ihrer glänzenden Generosttitt mtt längst nicht mehr gepmnpt und ich wäre also schon längst krepiert. Du siehst also, daß ich dtt Sache zicinsich leicht ausnehne: ich lebe, «tne der elendeste Windbeutel, in den Tag hinein, und setze meine Hoffnung immer aus die nächste Arbett, die fertig wttd, doch immer vergeblich. Dies du: Schattenseite memer gegenwärtigen Lage, die Lichtseite befiel# lediglich darin, daß üb mtt selbst sage: „Mut, Kellevchen, du hust dich ein wenig unbesonneuerweise ins Lcken hinousgeworsen. bfft ins Pech geraten; aber es wird schon wieder anders kommen: tue immer dein Möglichstes, mtb du wirst auch wieder hevausgezogen werden, andere haben auch das nämliche Los gehabt, die jetzt der verdammten Hure von Glück im Schoß sitzen, und es dient vielleicht zur größeren Würze deines spätcr«m Lebens, einst sagen zn können, das und das habe üb bnrchgemacht, und ich tobe oft lange Zeit nur Disteln und senkende Kcktenblumen statt Roscm und Listen gepslücllz
Tos einzige, was mtt Angst macht, ist die Firrcht, ein gememes, untätiges wid verdorbenes Subjekt zu werden, und ich neun mich ungeheuer anstrengen, tot dem immerwährenden Peche dies zu verhüten; und mir durch gute Lektüre habe ich mich bisher noch solid erhalten,"
Keller kehrte als ein „Sckffffbttncfiiqer" mrcki Zürich zurück; aber hier entdeckte er seinen wahren Beruf und wurde zum Dichter. „Mich betreffend bin ich immer noch im altem Wogen und Treiben intb Vegetieren," schreibt er Hegt am 28. September 1845, „und mein einziges Trachten ist, meinen ersten Band Gedichte Msammenzttbrrngen, was mit einem «schlage «all meine Verhältnisse ändern wird. Alles Bisherige war nur sicher vockereitend und ich werde mit jedem Tttgg strenger und einsichtiger gegen mich selbst, um nichts zu übereilen." Und er bekennt von seinen ersten erschienenen! ,Z!lebeSlttderw': „Sie haben auch anderwärts so ziemlich gefallen und das beweist mir, daß ich eine gute Phantasie habe, denn es ist das meiste erdichtet, also wenig Wahres« daran. Zwar als ich sie machte, glatllite ich selbst, sie wären so ziemlich erlebt; denn diese Jugendliebe oder erste Licke war allerdings vorhanden; es ist aber eine ferne, unbestimmte und vecklaßte Geschichte, ein verblichenes Bild..."
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— T as Theatergeschäft int Kriege Die deutscheir und österreichischen Theater haben trotz der sch«vierigen, durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse znm großen Teil ihre Psottcn geöffnet und iv'elen, obwobl Aussichten «nn Gewinn toi der ntzigen Lage nicht bestehen. Wie sich die sinantziellc Lage der Bühnen n«m« mehr gestaltet hat, das eröttett, hauptsächlich an dem typisiheu Beispill der Berliner Theaterverhaltnisse, der bekannte Fachmann in allen Thvattrmiantzsrrtgen TL. Max Epstein in einem interessanten Aufsatz der „Schaubühne". Besonders schlecht sind die Thatterdttektoren daran, die sehr I»ohe Mieten zu zahlen haben oder, wenn sie Eigentümer ihrer Theater sind, große Syvothekenzinsen. So muß Max Reinhackt als Eigentümer settier Theattr alle Hyvo- thekenlasten selbst tragen, nmhrend die Direktoren, die nur Meter sind, von den Eigentümern tottächtliche Mietsnachlässe verlangt und eckalten toben. Tie Höbe der Nachlässe ist je nach dem Inhalt des Verttaa-'s und nach der Sicherheit des Direktors verschicken ausaeiallen. Wo ein sehr reicher Mann Pächter ist. >mc beim Theater tos Westens, muß er die volle Mete weiter zahlen Das ist «wer auch der einzige Fall in Berlin: sonst haben die Direktoren von den Eigeiüümern im allgemeinen eine Herabsetzung der Mett um etwa ein Drittel erhallen, das Deutsche Künstler' theater, das sich schon vor dem Kriege nicht gut rentiertt >


