Erträgnisse einet fortlaufenden uni ergebensreiche Liebesgaben sanrmlnng kommen. Ucber diejeS Gebiet der Kriegsfürsorge mutz an andrer Stelle berichtet werden, da sie nicht in den Rahmen der Tätigkeit des „Roten Kreuzes" fällt. Letzterem ist laut Protokoll vom 13. 8. 14. speziell zugewiesen:
Die Fürsorge und Pflege Verwundeter, die Verband- und Er- frischungssration, Arbeiten sür im Felde Stehende, Korrespondenz Verwundeter, Einrichtung von Pflegekursen zwecks Ausbildung von Pflegern und .Helferinnen.
Die Pflege der Verwundeten ist zunächst, wie bereits oben aus- 'gcsührl, Sache der Militär-Sanitätsbehörde. Von den Truppcn- mrd Hauptverbandsplätzen, welche noch in der Nähe des Gefechts liegen, kommen die Verwundeten in die nicht allzu weit abliegenden Feldlazarette, insoweit sie marschsähig sind, werden sie alsbald der Etapvenbehorde zugeführt. In den Feldlazaretten, weiche in der Regel 200 Verwundete fassen, werden die dorthin verbrachten Verwundeten solange behandelt, bis ibr Zustand eine Weiterbeförderung gestattet. Tiefe erfolgt aus die Eisenbahn: durch La'arettzüge, Hilfslazarettzüge und Krankenzüge, auf welche unten noch weiter einzugehen ist.
Tie Ilnterbringun, insbesondere Verteilung der Vcrnmn- deten in Heimatsgebiete aui die zur Verfügung stehenden Lazarette ist reine Sache der Militärsanitätsbehörde, welche zu diesem Zwecke zunächst von ihr selbst eingeriästete, sogenannte Reseroe- läzarette zur Verfügung Hot. Dazu kommen die vom Roten Kckeuz bereitgestellten V e r e i n s lazarette. Auch diesen werden die Verwundeten durch die Militär-Sanitätsbehörde, in der Regel durch den Chefarzt der Reserve-Lazarette überwiesen.
Tie Reserve-Lazarette sind hiernach rein militätische Einrichtungen, auf welche das „Rote Kreuz" keinerlei Einfluß hat, für die es aber auch keinerlei Verantwortung trägt. Tie gesamte Ausstattung ist ^ache der Militärverwaltung. Tie Leitung des Hessischen Landes Vereins hat in einem Schreiben vom 18. August ausdrücklich: darauf hingewiesen, das, die Ausstattung der militärischen Reserve-Lazarette durch Schenkungen seitens des Roten Kreuzes nicht zu unterstützen sei. Fehle es dort, so komme dies daher, dost die Anschaffungen meist erst im Mobilmachnngssalle stattfänden, das Geld dafür sei da und brauche nur an der zuständigen Stelle eingefordert zu werden: Aufwendungen des „Roten Kreuzes" feien daher hier absolut unnötig und bedeuteten eine falsche Verwendung seiner Mittel. Müsse das „Rote Kreuz" m dieser Richtung Vorlagen machen, so habe sie die Mililäroerwal- rung zu ersetzen. Eine unentgeltliche Lieferung von Materialien an Reserve-Lazarette finde mir insoweit statt, als dem „Roten Kreuz" Liebesgaben zugingen, von denen es dann einen Teu selbstverständlich, auch den Reserve-Lazaretten znwenden solle.
Das „Rote Kreuz" kann und darf sich hiernach in keiner Weise in die Ausstattung »nd die Verwaltting der militärischen Reserve- Lazarette eimnffchen, es darf seine Mittel nicht einmal zu deren etatsmäßigen Einrichtung hergeben. Wohl aber darf und soll es die Lage der Verwundeteni, welche dort müergebracht sind, nach Kräften bessern Helsen, namentlich aus Gebieten, die der Etat del Militär-Lazarette nicht vvrsieht. Es ist erfreulich, das; dem „Roten Kreuz" aus Stadt und Land fortgesetzt reiche Liebesgaben zn- sließen, die aus die einzelnen Larzarette vierteilt werden können. Nahrungsmittel wie Kraut, Kartosieln, Obst, Marmeladen u,w. ermöglichen es dann, dem Speisezettel der Lazarettküchen Abwechslung und Zutaten zuzuführen, die der Etat nicht bieteir kann. Wer auch Genustmittel, wie Zigarren, Schokolade nsio., Kleidnnqs- stücke, insbesondere Unisormen, Mäntel, Leibwäsche, Schulz, sind den Verwundeten erwünscht: es dürfen auch Zivilmäntel sein, die sie bei der jetzt beginnenden kalten Witterung recht gut gebrauchen können. Liegestühle. Kissen, Bettunterlagen, Spreusäckchen, warme Decken, werden ebenfalls dankbar angenommen, namentlich aber auch kräftige Stöcke. Unterhaltnngssviele: Dambrett, Schach »sw. finden freudige Aufnahme. Auch fehlt es den Verwundeten oft an guten Hosenträgern, da die ihrigen häufig stark abgenutzt sind. Ailf diesen und ähnlichen Gebieten ist dem Publikum reichliche Gelegenheit geboten, die Lage der Verwundeten durch Vermittelung des Roten Kreuzes, an welches man geeignete Gegenstände abzugeben bittet, zu verbessern. Größere Sendungen, insbesondere von Kartoffeln, Obst, Gemüse nsw, werden möglichst vorher angekündigt, damü für geeignete Lagerung Vorsorge getroffen werden kann. Zeitungen, Zeitschriften, Bücher usw. bieten den Verwundeten ebenfalls angenehme Unterhaltung, wenn auch die Landes-Univerfität dankenswerterweise brrects für eine Verwundeten - B ü Ä e r e t gesorgt hat. Es besteht für letztere eine besondere Ordnung. Die Bestände der Bücherei sind in so viele Einzelbüchereien zerlegt, wie Lazarette vorhanden sind. Tie Einzelbüchereien werden unter Beigabe eines Katalogs den einzelnen Lazaretten zngewiesen; in bestimmten Zwischenräumen wird ein Austausch zwischen diesen vorgeiwmmen. An ansteckende Kranke werden jedoch nicht diese, sondern andere nur furjlebegie Drucksachen ausgegeben, ohne daß ein Austausch stattsindet. Helfer und Helserinnrn der Bücherei tragen zu bestimmten Zeiten in den einzelnen Lazaretten für die Ausgabe der Bücher Sorge, je nach den Bedürfnissen und Wünschen der Verwundeten und Kranken.
Die in Gießen eingerichteten Reserve-Lazarette habm einen Bestand von etwa 1200 Betten.
Zum Reserve-Lazarett I gehören: das Garnison-Lazarett, das Lazarett in Steins Garten, das Lazarett im Katholischen Bereinsbmise, das Lazarett im Katholischen Sckwrsternhause, das Lazarett rm Evangelischen Schwesternhause, das Lazarett tu der Turnlzalle (Oswaldsgarten), das Lazarett im Kaufmännischen VereinShanse.
Zum Reserve-Lazarett II >. die Lazarette i» der Alten Klinik,
Siechen-Anstatt,
Heil- und Pflege-Anstalt.
Alle diese militärischen Lazarette unterstehen der Oberaufsicht des Chefarztes, Oberstabsarztes Tr, Siegelt, für den Dienst in den einzelnen Lazaretten sind besondere Aerzte eingestellt.
Neben diese militärischen Reserve-Lazarette treten die vom „Roten Kreuz" bereu gestellten Vereins lazarette. Sie befinden sich ausschließlich in den UnioersitälsNiniken; aus Grund eines bereits zu Frieüenszeiten zwischen dem Vorstand des Hessischen Landcsoereins vom „Roten Kreuz" einerseits und dem Ver- waltungsansschuß der Großh Landesnniversltät Gießen andererseits durch Vermittlung des hiesigen Zweigvereins vom Roten .»kreuz abgeschlossenen Vertrags. Das Verhältnis des Vereins zu diesen Lazaretten ist mithin seiner inneren Natur nach ein wesentlich anderes wie dasjenige zu den Reserve-Lazaretten. Als Vereins- lazarette kommen vertragsmäßig zunächst nur in Betracht:
a) die chirurgische Klinik mit 5 Betten für Offiziere und 100 Belten sür Mannschaften und Nnterosfiziere:
b) die medizinische .Klinik mit 5, bezw. 50 Betten;
c) die Augenklinik mit 5, brzw. 30 Betten.
Unter tunlichster Brrücksichttgnng ihrer Spezialgebiete nötögen- sallS aber auch allgemein.
Jim Lause des Krieges ist die Zahl der Betten in dies«, Kliniken erhöht worden.
ad a) auf 10+120 = 130; ad bsaus 15+100 = 115; ad c) auf 8+40 = 48.
Angegliedert würden noch bie Klinik für Hautkrankheiten mit 9+45=54; die Ohrenklinik mit 5+30 = 35; die Frauenklinik mit 20; dic Pshchiatrische Klinik mit 20, zunächst für psychisch und nervös Erkrankte.
Diese Bettenzahl hat sich noch ständig erhöht »nd zeitweise die Zahl 600 fast erreicht, unterliegt aber Schwankungen, die die Kliniken ihren Frrednisaufgaben ebenfalls gerecht werden müssen.
Tie Kliniken bleiben nach A 2 des Vertrags unter der bisherigen Leitung, jedoch mit der Maßgabe, daß die in Bettacht kommenden Vorschriften der Kriegs- und Friedenssanttätsordnung Anwendung zu finden haben. Die Mobilmachungscmweisung vom 8 August 1914 bestimmt, daß die Drreinslazarette unttr der Obernüst echt des stellvertretenden Korpsarztes stehen. Die gesundbeits- poltzeiluhe Aniiicht übt der Chefarzt der Reserve Lazarette Gießen
ans, welcher auch für die Handhabung der Manneszucht und kür Beachtung der Übrigen militärdienstlichen Rücksichten sorgt. Für Geschäfts-Rechnungsführung, polizeiliche Aussicht wird ein ihr unterstellter Unteroffizier kommandiert.
Tie Ueberweisnng der Verwundeten und der Kranken in die Bereinslazarette erfolgt durch die Militärbehörde, in der Regel durch) den Chefarzt. Das Wholen der »kranken ist Sache des Vereinslazarettes, es wird durch die örtliche Krankenbeförderungs- Abteilung besorgt. Für die Transporte ist von Herrn Kommerzienrat Heichelheim in Gießen ein geschlossenes, 4 Verwundete ausnehmendes Sanitätsanlomobil gestiftet worden.
Nach § 12 der Mobilmachungsanweisung werden seitens deS Zweigvereins Gießen vom Roten Kreuz für jede Klinik zwei Personen bestimmt, denen die Fürsorge sür das Vereinslazarett besonders übertragen ist. Dieses Amt ist Herren der Universität und 3 Damen anverlrant worden. Sie haben insbesondere Wünsche für das Wohl der Verwundeten zwischen Lazarett und Rotem Kreuz zu vermitteln, namentlich solche, welche die Kliniken nicht zu be- sriedigen haben. Die Leistungen der letzteren sind nämlich in § 3 des Vertrags festgelegt.
Sie übernehmen die gesamte Lagerung einschl. Leibwäsche, Krankenbekleidnngsstücke, Pflege, Verköstigung und ärztliche Behandlung, die Stellung der erforderlichen Arzneien, Berbands-- mittel, ärztlicher Instrumente, Geräte, sowie die Reinigung und Instandhaltung der Wäsche. Hiersür wird seitens des RotenKrenzes pro Kops sür Offiziere 5 Mk. vergütet, für Unteroffiziere und Mannschaften 2,50 Mk. Tie betreffenden Beträge sind aber nur sogenannte durchlaufende Rechnnngsvosten, d. h. sie werden seitens des Roten Kreuzes nicht tatsächlich vergütet, sie belasten nur dessen Rechnung, bleiben aber bis znm Kriegsende offen, wo sie dann direkt durch die Heeresleitung beglichen werden. Auch die Leistungen der Bereinslazaretie beschränken sich hiernach auf das gerade Notwendige und ist einer Liebestättgkeit seitens des Vereins noch weiter Spielraum gegeben. 8 13 der Mobilmachungsanweisung weist denn auch den Verein ausdrücklid, daraus hin, den Bereinslazaretten aus den eingehenden sreiwilligen Liebesgaben Mittel zuzustellen. Dies ist bereits in größerem Maßstabe geschehen. Wgesehen von der oben erwähnten Zuteilung von Natural-Licbesgaben, die an Vereins- und Reservelazarette erfolgt, ist insbesondere für endete bereits ans den dem Verein zngegangenen Geldspenden ein größerer Geldbetrag ausgenommen worden für Gegenstände, welche die Lazarette an sich nicht zu stellen haben, wie Spreusäckchen, Kranken- apparate, Röntgenröhren, Krücken n. dergl. 'Aber auch für ca, 100 Betten einschließlich Bettwerk wurde gesorgt, um die Aufnahmefähigkeit der Bereinslazarette zu stesgerit.
Möge das Publikum wetterhin durch reichliche Spenden an Geld und ^Naturalien das Los unserer verwundeten Krieger erleichtern helfen. Viele tinserer Gießener Bürger haben dies auch dadurch zu tun versucht, daß sie Räume ihrer Wohnungen als Genesungsheime zur Verfügung stellten, die Militärbehörde hat jedoch von diesen als Gesinnungsbeweis gewiß erfreulichen Air- erbicmngen noch keinen Gebrauch gemacht. Tic Verwundeten, welche wieder .soweit hergestellt sind, vollenden chre Genesung mich gern bei ihren Angehörigen in der Heimat. Durch» Darbietungen imserer Freilichtbühne wurden die verwundeten Krieger mehrmals ersrent, wobei Kuchen, Zigarren usw. verabreicht wnr- den. Veranstaltungen im Freien sind jetzt nicht mehr möglich», jedoch haben die Verwundeten in unserem schönen Theater, dessen Spielzeit am l. November wieder begonnen hat, freien Zutritt.
An» Stadt «nd Land.
Gießen, 25. November 1914.
Die dritte Gießener Licbcsfahrt.
Ueber die Mitte ds. Mts. erfolgte Verbringung von Liebesgaben zum Infanterie-Regiment 116 und Reserve- Jnsanterie-Regiment 116 wird uns folgender Bericht zur Veröffentlichung übermittelt:
Nachdem durch) die wohlgelnngene 2. Gießener Liebesgabenfahrt dem akttven und Landwehr-Regiment 116 die Liebesgaben in kürzester Zeit unmittelbar in dir Feldstellungen zugeführt werden konnten, waren Stadtverwaltung, die Zweigvereine vom Roten Kreuz und der Verein ehemaliger 116er bemüht, in gleicher Weise auch dem Reserve-Regiment 116 eine größere Sendung zu übermitteln, an der sich diesmal auch der israelitische Frauenverein beteiligte. Da das Linien- Regiment den Wunsch nach Zigarren, Tabak und Eßwaren hatte verlantbaren lassen, entschloß man sich, beide Sendungen zu vereinigen und einem am 4. November abgehenden Truppentransport anzuschließen, nachdem das hiesige Ersatz-Bataillon in entgegenkommendster Weise für Stellung des Waggons Sorge getragen hatte. Obgleich sür die Sammeltättgkeit nur eine verhältnismäßig kurze Zeit zur Verfügung stand, liefen die Spenden doch so zahlreich ein, daß der zur Verfügung gestellte Eisenbahn-Waggon kaum ausreichte, sämtliche Gaben anszunehmen. Im letzten Ängenblick erschien der Wgang der Sendung noch gefährdet, weil die wiederum beabsichttgte Mitführung von K r a s t w a g e n zur Beförderung der Gaben von der letzten Bahnstation bis zur Truppe nichtmehrzugelassen wurde. Man entschloß sich aber trotzdem zur Mfahrt, nachdem die Begleiter des Transvortes, die Herren Medizinalrat Dr. Bötticher, Bürgermeistereisekretär M o s i g bmd Dr. H. Schneider erklärt hatten, alles aufbieten zu wollen, um mit Hllfe von Gespannen die Sendungen an die Truppen zu bringen.
Am 4. November vormittags 10 Uhr pünktlich ging der etwa 580 junge Krieger mit sich führende Transportzug in der Richtung Betzdorf—Köln—Aachen nach der Weftgrenze ab, überall von der Bevölkerung mit großer Begeisterung begrüßt. Eine besonders herzliche und begeisterte Aufnahme wurde den Truppen bei einem längeren Aufenthalt in Köln bereitet, wo man längere Zeit die Tätigkeit der den Horizont absuchenden Scheinwerfer beobachten konnte. Um 3 Uhr nachts wurde bei Herbesthal unter unbeschreiblichem Jubel der jungen Krieger die belgische Grenze überschritten und um 6 Uhr morgens Lüttich erreicht. In verhältnismäßig rascher Fahrt aus den von unseren braven Landsturmleuten bewachten und von unseren Eisenbabn-Regimentern vorzüglich wieder in Stand gesetzten belgischen Bahnsttecken gelangte der Zug nach der Festung N . . ., die vollständig in einen befestigten deutschen Platz verwandelt worden ist. Die Weiters ehrt ging immer an der mit landschaftlichen Reizen so reich ausgestattetcn Maas entlang, die in zahlreichen Bartten an den schönen deutschen Rhein erinnert und den Fahrtteilnehmern mit ihren oit steil zum Fluß absallenden mäch- ttgen Gesteinsqrtippen unvergeßlich bleiben wird. Die zerstörten Ortschaften und gesprengten Maasbrücken bildeten einen schauerlichschönen Gegensatz zu dem sonst so friedlichen Landschastsbild. Am 5. November vormittags gegen 5 Uhr überschritten wir die französische Grenze und erreichten gegen 6 Ubr M . . ., wo die Spuren der Schlachten in unmittelbarer Nähe des Bahnkörpers deutlich erkennbar waren. Die metertiefen Granatlöcber, die zerschossenen Häuser und Befesti-nmgswerke, die niedergelegten Waldungen, gesprengten Drahtverhaue, Eisenbahnschiene,, usw. erregten das lebhafteste Interesse der Mitsahrenden. Von hier aus war die Fahrt mehrfach durch längere Aufenthalte unterbrochen, so daß der Zug erst am 6, November nachmittags gegen 6 llhr über Qu. .... mtb H.... in N ... . eintras. Hier wurden die Trnp^ pen zum letztenmal in der Kriegsvervflegnngskückie verpflegt und verbrachten die Nacht bis znm Abrücken am nächsten Morgen im Zug. Da eine Weiterbeförderung des Licbesgaben-Waggons mtt der Bahn infolge der Nähe des Artillerieseuers nicht möglich war, wurde er hier abgehängt und an die Verladestelle überführt.
Kaum in N. angekommen, mußte leider einer der Transport- begleiter die niederschmetternde Kunde von dem Heldentod seines Sohnes ersahren, was auch die übrigen Fahrtteilnehmer sür die ganze Fahrt traurig stimmte und aujs schmerzlichste berührte. Im übrigen fanden wir in N. sehr gastliche Ausnahme beim Feldlazarett Nr. 9, in dem mehrere Gießener Herren tätig sind und die in kameradschaftlichster Weise für uns sorgten. Es gelang uns schon am nächsten Morgen, mit dem Regimentskommando, das in F. lag, Fühlung zu erhalten. Miv großer Bereitwilligkeit sandte dieses sofort mehrere Wagen an unsere Bahnstation, die gegen 4 llhr eintrafen, so daß bereits um 5 llhr die sür das aktive Regiment bestimmten Gaben verladen waren. Es ivnrde sofort zur Wsahrt zur Truppe ausgchrochni. Ueber dic Schlacht-
leider von R. mit weit ausgedehnten Toldatengrähern die Kolon- nenstraßen entlang, kam man gegen 8 Uhr in dem znm größten Test zerstörten F. an, wo das Regiment nntergebracht war. Die Gaben wurden in das Quartier des RegimentSstabes gebracht, wo sie mtt srendigster Taittbarkeit in Empfang genommen wurden. Ter Stab sorgte so'ort sür Bewachung und planmäßige Verteilung der Gaben. Tie Transportbegleiter verbrachten etwa eine Stunde in sreundlichem Beisammensein bei den noch an» wesenden Ossizieren. Hiera»' konnten sie die aus den Schützengräben zurück lehrenden Mannschaiien tompagnbeweise und einzeln begrüßen Viele Grüße an die Heimat wurden uns hier aujgelragen und mancher herzliche Händedruck Üusgetauscht. Man sah es namentlich den jungen Freiwilligen an, welche Freude ein be- ianiiles Gesicht aus der Heimat bei ibnen hervorries und gerade diese Stunden in tiefster Nackit (nur vereinzelt von Stallaternen spärlich erleuchtet) haben sich allen Fahrtteilnehmern unauslöschlich eingeprägt.
.Kurz vor Mitternacht erfolgte die Rücksahrt in einem kleinen Einivünncrwagcn nach N. durch die gespenstisch und unheimlich wirkenden, meist verlassenen Ortschaften und Gehöfte. Aus bestimmten Gründen führte unser Wagen kein Licht, was einen Zusammenstoß mit einem in fdmcllfter Fahrt befindlichen Kraftwagen zur Folge hatte. Glücklicherweise kamen die Fahrtteil- nehmer mit dem Schrecken davon. Nach einer kurzen Unterbrechung und Umslesgen in einen anderem Wagen in R. errckichten wir gegen 2 Uhr wieder unser gastlick»es Quartier in N.
Ter erste Teil der Ausgabe war hiermit gelöst und es siel den Begleitern nunmehr die weil schwierigere Aufgabe zu, den größten Teil des Transportes an das Reserve-Regiment 116 heranzuiühren. Leider mußten sie dabei aus die unterstützende Mitarbeit eines FalnttleilnehmerS verzichten, da dieser ans die oben«- erwähnte Todesnachricht am anderen Morgen die Heimreise an- ttat. Nach vielen schwierigen Verhandlungen mit der Eisenbah-n- verwaltung gelang es, den Liebesgabenwaggon nördlich in der Richtung nach L. zu dirigieren, in dessen Rälu» nach aus Gießen erhaltenen persönlichen Mitteilungen das Reserve-Regiment 116 sich befinden sollte. Die Fahrt nach dort war) sehr beschwerlich und nmständlicki, da sie mir im Güterwagen aus «trvh und unter Fortfall jeglicher Verpflegung zurückgelegt werden mußte. Auf jeder größeren Station mußten die Transpvrtbeglei- ter sich persönlich um die Weiterbeförderung des Waggons bemühen. Die Fahrt ging über B., wo wir infolge eines längeren unfreiwilligen Aufenthalts die Freude hatten, einen großen Teil des Gießener Landsturms begrüßen zu können. Dasselbe war auf der Wettersahrt nach L. der Fall. Infolge von Betriebsstörungen konnte L. erst anr Wend des 10. November erreicht werden. Bei der Ankunft dort war die KomNuindantur bereits geschlossen, so daß eine nähere Anskunst nicht m»7w zu c ich alten' war und nichts anderes übrig blieb, als Privatguartiere in der Stadt zu beziehen, die uns durch einen Wachthabenden bereitwilligst angewiesen wurden. Unter Inanspruchnahme französischer Polizisten wurde in später Nacht durch die zum Teil völlig znsam- mengeschossenen Stadtteile unser Quartier ausgesucht. Ununterbrochener schwerer Geschützdonner in der Richtung der Nordküste erinnerte uns an die Nähe der ungeheuren Schlachtsrmtt. Die infolge der Strapazen bei den Traiisportbegleüern l^roorgernsmeMiwigkeit und Abspanming übenvog alle Besorgnisse vor etwaigen seindlichen Handlungsweisen der Bevölkerung, insbesondere der uns nicht gerade freundlich empfangenen Onartierwirte. Die nächsten Tage waren ausgesüllt mit unendlich schwierigen Verhandlungen mit den verschiedensten Instanzen über Wetterführung unseres Waggons, nachdem bei dem Armeeoberkommando der Standort des Regiments ernlittelt war. Endlich gelang es, am 13. November mittags L.... mit einem Munctivnszug zu verlassen und unter:
gefährlichen und außerordentlich schiviertgen Umständen C......
zu erreichen. Aus der Wettersahrt nach hicr hatte sich der Geschützdonner infolge der Annäherung an die Feuerlinie ms unheimliche verstärkt und am Wend konnte man die fliegenden Geschosse in ihrer Bahn verfolgen. Bald mußte man sich cm die mächtigen Detonationen der feuernden Batterien gewöhnen. Zahlreiche Mnni- tionskolonnen, Verwundeten-Transporte, Patrouillen usw. zeigten
die Annäherung an die Schlacht. C...... lag vollständig im
Dunkeln, war von Militär überflillt, und zunächst konnte uns niemand über den Wseulhalt unseres Regiments Wffchluß geben. Nach langem Suchen und Umhereilen in dem verschiedenen Straßen- zügen gelang es uns schließlich, zunächst den Stab des ersten Bataillons und dann den Regiments stab in ihren Quartieren zu finden. Das Regiment war erst am selben Tage nach längerem Aufenthalt in den Schützengräben und nach verschiedenen
Sturmangriffen in C......eingerückt und sah einem Ruhetag
entgegen.
Der Zeitpunkt des Eintreffens nnseres Transportes war
infolgedessen so günstig, als nur denkbar. Da keinerlei Quartiere mehr vorhanden waren, mußte die Nacht auf der Wache verbracht werden, die kaum ein notdürftiges Strohlager zu bieten vermochte. Schon in der Frühe des 14. November konnte mit der Ausladung der Gaben begonnen werden. Sie wurden auf Gepäck- und Lebensmittelwagen übernommen und auch hier zunächst in das Quartier des Regimentsstabes verbracht. Während des Ausladens steigerte sich das schwere Wtilleriefener erheblich. Das Abfenern der in der Nähe des Ortes anfgeslellten schweren — über den Ort hinweg-
K 'jen — Projektile und das Einschlagen der seindlichen Ge- in kurzer Entfernung stellte die Fahrtteilnehmer mitten in den Schlachtenlärm hinein. Zu alledem erschienen über dem Bahnhof noch zwei feindliche Flieger, die durch Schrapnell-, Maschinen- und Jnfanleriegewehrseuer aufs heftigste beschossen wurden. Erst nach Erscheinen eines deutschen Fliegers zogen sie es vor, sich zu entfernen. Nachmittags gegen 3 Uhr war die Ausladung beendet. Bei unserer Rückkehr znm Stabe war die Verteilung der Gaben an die Truppen bereits im vollen Gange. Hier konnten wir den Dank der über die Gaben — namentlich warmen Unter zeuge — hocherfreuten Offiziere und Mannschaften entgegennehmen. Tie Freude war um so größer, weil nach Wssage des Regimentskommandeurs bisher nur einige wenige Liebesgaben beim Reserve-Regiment 116 cm getroffen waren und die meisten Postpakete es gleichfalls noch nicht erreicht hatten. Namentlich die mitgebrachten Eßwaren (Brot, Wurst und Schokolade) fanden bei den Truppen großen Anklang, nicht minder die Zigarren, Tabak nsw. Nach Taschenlampen und Ersatzbatterien war eure besonders starke Nachfrage. Allenthalben wurde rühmendes Erstaunen über den Wert und großen Umfang der Sendung geäußert. Mehrere S tunden konnten wir dann nach hier mit den Angehörigen des Regiments zusammensein, ihnen ans der Heimat erzählen und Grüße von und nach der Heimat cwstanschen. Für die Rücksahrt nach L.... stellte das Regiment uns in liebenswürdiger Weise einen geschlossenen Arztwagen zur Verffignng, der »ns nach gefährlicher Fahrt (zweimalige Beschießung durch Unbekannte)
gegen 9 Uhr nach unseren Quartieren in L---- brachte. Der
folgende Tag war ein wohlverdienter Rasttag für die Fahrtteilnehmer, der zu einer Besichtigung von L.... verwendet wurde. Am 16, November wurde über V......und Br.....die Heim
reise angetreten. Trotzdem auch diese infolge mancherlei Verkehrs- schwierig keilen recht beschwerlich war, ließ die Befriedigung über die glückliche Wlieferung des Transports bei den Fahrtterlnehmern einen Unmut nicht aufkommen. Waren doch die Gaben an ihren Bestimmungsort gelangt und hatten den von den Spendern beab- sichttgten Zweck, unsere braven 116 er zu erfreuen und zu erfrischen, in vollkommenstem Maße erfüllt.
•• Etadttheater. Ans dem Theaterblirea» schreibt man
»ns: Leider ist Herr Hostchausvieler B o h n s e, der in der heutigen Feft- »nd Wobltäligkeits-Borslellimg den Wallenstein spielen sollte, plötzlich ernstlich erkroiilt, io daß er lein Gastspiel absagen mußte. Tie Bemühungen der Bühnciilcitung, Erlaß von auswärts zu beichaste», scheiterten, da weder das SchauspiclhanS Frankinrt, noch die Hofthealer Diesdaden, Darmstadt, Mannheim, Karlsruhe, Lannover re. keinen Vertreter des Wallcnstein Irei hatten. Die Roste wird^nun von Herrn Paul Sciiudert gegeben, Ver sie bereits am Stadlthealer in Crinrt geswcll hat Dadurch, daß Herr Schubert auch hier die sämtlich«» sorgsältiqen Proben inilgemacht hat, verbürgt seine Mitwirkun» in, gewiffe» Sinne eine abgerundetere Darstellung als das Auftreten eines Gastes, der erst am Nachmitlag des Spiellager hier hätte cintresfen könne».


