m. 27? Zweites Blatt m. Jahrgang Mittwoch, 25. November IM
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „kießener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Rreisblatt für den Urei; Eiehen" zweimal wöchentlich. Die „randwirtschasllichen 3eil- sragen" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für Gberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäls - Buch- und Steiudruckerei.
R. Lange, Gießen.
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Die deutschen Siedlungen am Schwarzen Meer und im Raufasus.
2er furchtbare Weltkrieg hat wohl den meisten Reichsdeutschen erst zum Bewußtsein gebracht, welch bedeutende Außenposten unser Volkstuin zu verzeichnen hat. Als die Scharen ansgewiesencr Deutscher zu Beginn der Feindseligkeiten aus Belgien, Frankreich, England und Rußland in die alteHeimat strömten, oft jederBarmittel beraubt uird nur notdürftig bekleidet, da erfaßte ihre daheimgebliebenen Brüder und Schwestern nicht nur tiefes Mitleid mit den Mißhandelten, ein allgemeines Staunen ging durch das Reich über die Menge der Deutschen, die sich durch Klugheit und Fleiß im Westen und Osten Europas unter anderen Völkern eine achtbare Existenz geschaffen hatten. Und doch ist die Zahl der Auslanddcutschen, die deutsche Reichsangehörige geblieben, klein gegen die Massen, die fremde Staatsbürger geworden sind, ohne deshalb ihre Sprache und ihre Abstammung vergessen zu haben. In welch furchtbaren Zwiespalt mögen vor allem die Dcutschrnssen gekommen sein, die stets die besten Bürger des Zarenreiches gewesen sind. Daß sie als solche selbst heute ihre schwere Pflicht ihrem neuen ,,Vaterlandes gegenüber erfüllen werden, trotz aller Verdächtigungen und Anfeindungen der panslavistischen Kreise, ist unzweifelhaft. An ihnen scheint sich wieder einmal das Rüdiger-Schicksal so vieler deutscher Stämme zu erfüllen, die in unwandelbarer Treue zu den erkorenen fremdetl Fürsten dem Untergange entgegcngingcn. Zu diesen verloretien Außenvosten unseres Volkstums dürsten auch nach den „Mitteilungen des Vereins für das Deutschtum im Ausland" die von unserem geschlossenen Sprachgebiet räumlich so tveitab tvohnenden detilschen Siedler am Schwarzen Meer und im Kaukasus gehören. Bisher halte der Krieg auf ihr Schicksal geringeren Einfluß ausgeübt, als aus ihre in Polen und den Ostseeprovinzen beheimateten Brüder, die der russischen Regierung infolge der Nähe der deutschen Grenze besonders verdächtig sind. "Nunmehr aber, da die Türkei mit Rußland im Kampf liegt, sind sie auf einmal mitten in die Wirren hineingerissen worden. Die osmanische Flotte hat bereits mehrere russische Häsen beschosien und das osnianische.Heer ist in das Knukasnsgebiet eingerückt, ^o werden auch die blühenden deutschen Siebe» hingen im fernen Südosten von der Kriegsfurie nicht verschont bleiben.
Am Schwarzen Meer wohnen die deutschen Bauern vor allem zwischen der Donanmündung und der .Halbinsel Krim. Die lange Zeit unwirtlichen Gebiete gleichen heute, soweit der deutsche Einfluß reicht, einem gesegneten Garten. Die Einwanderung erfolgte vor etwa einem Jahrhundert. Drei deutsche Kreise können wir gegenwärtig feststellen, die die anheimelnden Namen Landau, Rastatt und Rohrbach führen. Der erste umfaßt 1335 Hofstellen mit etwa 13 000 Einwohnern. der zweite 420 .Hofstellen mit 5500, und der letzte 703 Hofstetten mit 4200 Einwohnern. Die demsche Gesamtzahl beträgt rund 23 000 Köpfe. Die meisten Ansiedler stammen aus Süddeutschland: in den letzten Jahren hat sich eine starke Auswanderung nach Amerika und Sibirien bemerkbar gemacht.
Die Deutschen im Kaukasus wurden ebenfalls vor beiläufig 100 Jahren herbeigerusen. Es waren vor allem Wiirt- temberger, bekanntlich die tätigsten und unermüdlichsten Kolonisten der Welt. Ihre Zahl beläuft sich aus 50 000 Merv- schen: im Gegensatz zu den vorwiegend katholischen Bauern am Schwarzen Meer gehören sie dem evangelischen Bekennv- nis au. Aller russischen Willkür, allen Naturgewalten und allen räuberischen Eingriffen der halbwilden Nachbarn zum Trotz, haben sich diese Volksgenossen gut deutsch und lebenskräftig erhalten. Welche Folgen aber unter den gegenwärtigen unsicheren Verhältnissen die echt russische Verfügung haben wird, wonach die Deutschen, die aus Staatsländereien sitzen, russische Bauern imter sich aufnehmen mußten, wird sich erst im Verlaufe des Krieges zeigen. Jedenfalls haben wir Ursache genug, der Zukunft dieser versprengten Volkssiedlungen mit großer Sorge entgcgcuzusehen.
oeulsch-sreundliche Aeutzerrmgen aus Griechenland.
Die Firma Heyligenstuedt u Co. in Gießen hat .aus Athen briefliche Aeußerungen einer dortigen technischen Firma (Alexander Zacharioft u. Cie.) erhalten, aus denen hervorgeht, daß in manchen hellenischen Kreisen das Deutschtum in sehr hohem Ansehen steht. Das interessante Schriftstück lautet:
Athen, den 25. Oktober 1914.
Viele unserer deutschen Freunde stellen uns regelmäßig Kriegsmeldungen, Berichte sowie Zeitungen usw. zur Verfügung, welche wir gerne zweckenisprechcno verwenden.
Es ist wirklich zu bedauern, daß die Nachrichten, welche vom Kriegsschauplatz zu uns gelange», meist den Stempel der Einseitigkeit tragen und allerlei Unwahrheiten ewhaltcn.
So lourde hierdurch auch bei uns ein Teil der Presse beeinflußt und berichtete und kommentierte über angebliche deutsche Niederlagen und deutsche Greueltaten. Es muß aber zugleich zugestanden toerden, daß auch die am ärgsten von den einseitigen Nachrichten beeinflußten Zeitungen es nicht unterlassen haben, auch Nachrichten von deutscher Seite aus, sowie die von Ihrer hiesigen Gesandtsckfast regelmäßig zur Verfügung gestellten Berichte zu veröffentlichen.
Es kann ferner behauptet werden, daß, wenn nicht andere Faktoren mitgespielt hätten, wie z. B. die freundschaftlichen bezw. sehr intimen Beziehungen Deutschlands zu unserem Erbfeinde, der Türkei, und wenn die Ueberlassunq der deutschen Kriegsschiffe „Goeben" und „Breslau" an letztere nicht hinzugekommen iväre, ivas, wenn auch von deutschem Standpunkte aus als berechtigt erscheint, bei uns aber nicht unbegründeterweise vielfach mißverstanden wurde, und zivar um so mehr, als das alles zu einer Zeit sich ereignete, wo die Türkei die dort lebenden Griechen scharenweise (bis jetzt ca. 300 000) und barfuß hinauswirst, indem sie ihr Hab und Gut ohne weiteres sich aneignet, so hätten auch die mit der grüßten Geschicklichkeit verbreiteten Lügennachrichten sicherlich keinen fruchtbaren Boden gesunden.
Es muß dennoch bemerkt werden, daß Volksdemonstrationeii oder irgend welche Kundgebungen weder zugunsten Ihrer Feinde iwch weniger zu ungunsten Deutschlands bei uns stattgefundcn ha- üen, wie letzteres ja leider in anderen Ländern der Fall gewesen ist, von denen Sie im Gegenteil fleunüschastliche Kundgebungen zu beanspruchen hätten. Wir meinen Ihr verbündetes Italien und Rumänien.
Aus alledem geht hervor, daß, wenn auch einige Ausschreitungen der Presse stattgesunden haben, letztere hauptsächlich dem Einfluß der auswärtigen Nachrichten, sowie den oben geschilderten Faktoren zuzuschreiben und. Unser Minislervräsident Venizelos jedoch bat in der ersten Kammersitzung nach dem europäischen Kriegsausbruch, indem er die Neutralität Griechenlands offiziell erklärte, jede Preffenausschreitung gehörig gebrandmarkt.
Wie aber kann die Wahrheit in ihrem Wege ausgehalten werden? Auch das meisterhafteste Lügengewebe kann nichts wie eine temporäre Haltbarkeit kxiben. Es zerfällt bald in sich und muß der edlen Wucht der Wahrheit Platz machen. So gelangen auch zu uns allmählich die wahrhe tsgctreuen Berichte über deutsche Kriegsführung und deutsche Siege, welche nichts anderes sind als die natürliche Folge des deutschen Patriotismus, Ihrer Eimgkeit und Disziplin, der idealen Organisation aller deutschen Staatseinrichtungen und Ihres systematischen, zielbewußten Wirtschaftlichkeitssinns, welche schließlich die wohlverdiente Bewunderung und Anerkennung zur Folge haben werden. Dann der Grieche, der auch vor kurzem heldenmütig gekämpft hat, ist stets ei» wahrer Bewunderer aller Tapferen.
Die patriotische, zielbewußte und systematische Arbeft zur Auf- llärung des Auslandes über die deutsche Sache, welche von dem gesamten schassenden Deutschland an den Tag gelegt wird, rust unsere Bewunderung hervor, und es drängt uns, den aufrichtigsten Wunsch auszusprechen, daß in Zukunft sowohl vom schassenden Deutschland als auch parallel von der deutschen Diplomatie mit demselben Interesse und Energie, sowie Verständnis daran gearbeitet wird, daß das Ausland über das deutsche Wesen unddie deutsche Kultur ausgellärt wird, so daß dasselbe für letztere Interesse und Liebe bekommt.
Wir sind der Ansicht, daß, wenn dies früher schon überall in dieser Weise geschehen wäre, die zu Ihren Ungunsten verbreiteten Lügennachrichten überhaupt keinen fruchtbaren Boden im Auslande gesunden hätten.
Wir wollen bestimmt hoffen, das unsere obigen Ausführungen richttg verstanden werden, denn sie rühren von einem wahren und aufrichtigen Interesse für deutsche Kultur her, für deren Verbreitung wir, wett davon entfernt, Polittk treiben zu wollen, und
nur in der festen Ueberzeugung, daß wir dadurch das gegenseitige Verständnis der beiden Völker zu deren gemeinschaftlichem Wohle fördern, von jeher eine große Rolle gespielt haben.
Wer schließlich, wie wir, das Glück gehabt hat. deutsche Kultur, gewissenhafte Arbeit und Pflichttreue jahrelang praktisch und gründlich kennen zu lernen, kann von deni innigen Wunsch beseelt sein. Möge das große deutsche Volk und seine erhabene Kulturarbeit unbeeinträchtigt aus dieser schweren und unheilvollen Krisis bervorgehen zuni Segen seines großen Vaterlands und nicht weniger zum Segen der ganzen Menschheit, was doch das höchste Ziel und die erhabendste Genugtuung einer jeden großen Nation bilden muß.
Was die in dem Schreiben angeführten Grausamkeiten und Ausweisungen durch die Türken anlangt, so nniß dazu bemerkt werden, daß sie doch wohl als Wiedervergeltungs- nraßregeln betrachtet werden müssen. Die Griechen werden in ihren neuen Gebietsteilen die türkische Bevölkerung wohl auch nicht gerade mit Glacehandschuhen «rnfassen.
Die Tätigtet und die Ausgaben der „Roten Rreuzes" in Eichen.
i.
O Gießen, 24. Nov. lieber die Zwecke und Ziele des „Roten Kreuzes" bestehen in weiten Kreisen noch Unklarheit und falsche Vorstellungen, die den Interessen dieser so überaus segensreichen Organisation nicht dienlich sein können. Nachstehende Ausführungen seien daher der Aufmerksamkeit unserer Leser ausdrücklich anempfohlen:
Die Pflege unserer verwundeten und erkrankten Truppen ist zunächst Sache des staatlichen Kriegssanitätsdienstes, welcher hrerbft durch die fleiwillige Krankenpflege wesentlich unterstützt wird. Letztere hat sich naturgemäß den staatlichen Organen zu unterstellen. Der Kviegssanitälsdienst muß. einheitlich geregelt bleiben und kann vom Staate nicht aus der Hand gegeben werden. Das Hauptgebiet der freiwilligen Krankenpflege ist das Etappen- und Heimatsgebiet, nicht ausgeschlossen und in diesem Feldzug schon stark geübt ist die Verwendung der fteiwilligen Krankenpflege im Kriegsgebiete selbst. An chrer Spitze steht der kaiserliche Kommissar und Militär-Jnspekteilr der fteiwilligen lkrankeupflege Friedrich Fürst zu Solms 'Baruth, welcher durch Delegierte im Etappen- und Äeimatsgebiet unterstützt wird. Territorial-Dele- gierter für unser Großhcrzogtum ist der G-rohh.-Hesjische Minister des Innern Herr v. Hombergk zu Bach.
Das wichttgste Organ (der fteiwilligen Krankenpflege ist das „Deutsche Rote Kreuz". Jeder Bundesstaat hit einen selbständigen Landesverein gebildet: durch Ueberciukunft vom 27. Alm. 1908 ist iirües eine Gesamtorgmttsatton der deutschen Vereine' vom Roten Kreuz geschaffen ivorden. Tic gemeinschaftlichen An-: gelegenhsiten werden durch ein Zentral-Komitee Mit dem Sitze in Berlin besorgt- Die LandrSvereine selbst gliedern sich wieder in Zweigvereine. Die Hauptaufgabe des Roten Kreuzes ist, im Kriegsfälle den militärischen Sanitätsdienst mtt allen ihm zu Gebote stehenden Kräften und Mitteln zu unterstützen.
Im Frieden fft di« Erfüllung dieser Aufgabe Vor-zubererten» insbesondere durch Gewinnung und Ausbildung fteiwilliger Pflege» kräfte für den Kriegsfall: Krankenttäger zusammeugefaßt in Sam» tätskolonnen und Krankenpfleger, Vorsorge für Gründung von Vereinslazarctten, insbesondere durch Verträge mit bereits be» stehenden Krankenhäusern. Vorbereitungen von Verband- und Er» ftischungsstationen.
Mit dem l. MobllNiachungstage, 2. August 1914, sind der Hessische Landesverein vom Roten Kreuz und der Alice-Frauen-,' Verein zu gemeinsarner Kriegstätigkrit in der Weise zusammen» getreten, daß, die Mttglieder des Zenttal-Komitees des Alice- Frauen-Vereins in den Vorstand des Landcsvereius cinaetretcn sind. Dieser Vorstand führt sür die Dauer des Krieges den Namen „Der verstärfte Vorstand des Hessischen Landesvcreiiis vom Roten Kreuz". Für Gießen besteht die gleiche Vereinigung der Zweigverbände beider genannter Vereine.
Durch Vereinbarung mit dem Herrn Oberbürgermeister ist kür Gießen die Tättgkeit d-S Roten Kreuzes aut die Sorge sür die verwundeten und im Felde stehenden Krieger selbst beschränkt worden, während die Fürsorge für ihre zurückgebliebenen Familien der städtischen Verwaltung überlassen wurde, welche zu diesem Zweck besonder« Ausschüsse für. Wohlfahrtspflege. jkmd«- fürsorg«. Lebensmittelversorgung usw. gebildet hat, nachdem seitens der Stadtverordncteiivcrsannnlung sür Familienversorgung eine Summe von 50000 Mk. bewilligt wurde, wozu noch die
Aus neuen Briefen Bismarcks.
Einen neuen tiefen Einblick in das Seelenleben Bismarcks gewähren die Briefe an Schwester und Schwager, die soeben von dem bekannten Bismarck- Forscher Horst Kohl bei der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung Theodor Weicher in Leipzig herausgegeben worden sind. Einzelne Briefe an die jüngere Schwester Malwine, mit der das ungetrübteste und innigste Verhältnis Bismarck bis znm Lebensende verband, waren schon früher veröffentlicht worden und warfen ein Helles Licht auf die Kniephofer Zeit, aus die Jahre, die der Bruder als Bundesgesandter in Frankfurt und als Botschafter in Petersburg verlebte. Nun aber ist die ganze Reihe der Btiesfe, die Bismarck an dso Schwester und an den Schwager Oskar von Arnim, einen alten Jugendfreund, geschrieben, dem deutschen Volke zugänglich gemacht wurden Und ihm damit eine neue Offenbarung geschenkt von dem einzigartigen Reichtum an Größe und Kraft, an Gemüt und Humor, die in dem Geist des eisernen Kanzlers ruhten. Die ganze überwältigende Skala warmer Herzenstöne, die in diesen den Briesen an Frau nüd Kinder sich ebenbürtig an die Seite stellenden Ergüssen angeschlagen ist, geht von der köstlichen Anmut des leichten Plauderers bis zu der schwer errungenen Lebensweisheit des großen Denkers, von der knapen schlagenden Charakteristik historischer Persönlichkeiten bis zu der Weltweite politischer Ausblicke, von der stürmischen Heiterkeit des „tollen Junkers" über die liebende Wärme des guten Ehemannes und Vaters' bis zur düsteru Wehmut des um die Zukunst seines Volkes besorgten Greises. Wie schlicht persönlich und doch mit dem Ewigkeitsblick des Genies berichtet er von den großen Ereignissen seines Lebens. So wenn er der Schwester seine Verlobung nritteift:
„Es ist dock» sehr angenehm, verlobt zu sein: ick sehe seitdem mit ganz anderen Augen in die Wett, langweile mich nicht mehr und habe wieder Lust und Mut zu leben. Fe wehr und je ruhiger ick mich in die Idee einleb«, desto deutlicher ivird mir, dar ah einen verständigen und erneu glücklirtwn schritt getan habe, und meine Hoffnung ist. daß mich diese Ueberzeugung nie »erlassen ivird. Jetzt, nun ich nahe an das Heiraten komme, 'eufftet mir recht ein, wie sehr ernsthaft dies Geschäft ist, und
wie ich Gott zu danken habe, daß er den blinden Eifer, mit dem ich — heiraten wollte, unschädlich machte. Wir waren in keiner Weise, nach Gemüt, Bildung und Gewohnheiten für einander geeignet, und ich würde die vorübergehende Annehmlichkeit, eine hübsche Frau zu haben, mit langjähriger Unbeftiedigtheit. im besten Falle mir Langewelle, möglicherweise mit Krieg und Exzeß bezahlt haben."
Das Hinscheiden der Frau von Blankenburg, durch die er seine Braut kennen lernte, stellt ihm die Macht des Todes zmn ersten Male so recht vor Augen.
„Es ist eigentlich das erstemal," fthreibt er am 18. November 1846, „daß ich jemand durch den Tod verliere, der mir nahe stand, und dessen Schecken eine große und unerwartete Lück in meinen Lebenskreis reißt. Der Verlust der Eltern steht in einer andern Kategorie: er ist nach dem Lauft der Natur vorau^usehn, und der Verkehr zwischen Kind und Ettern pflegt nicht so innig und das Bedürfnis desselben, aus Sette der Kinder wenigstens, nicht so lebhaft zu sein, daß wir bei ihrem 'Tode nicht eher Mitleid und Wehmut als heftigen Schmerz, über den eigenen Verlust, empfänden. Mir wenigstens war dies Grfülst der Leere, dieser Gedanke, eine mir teuer und notweickig gewordene Person, dereir ich sehr wenig habe, nie wiederzusehn urck zu hören, dies war nur so neu, daß ich mich noch nicht damit vertrant machen kann und mir das ganze Ereignis nach nicht den Eindruck der Wirklichkeit macht. 'Beneidenswert ist mir dft Zuversicht der Verwandten, mit der sie dftsen Tod als kaum etwas andres wie eine Voamsrerse betrachten, der ein fröhliches Wiedersehen über kurz oder lang folgen muß."
Stets gibt er auch in diesen Briefen seine ganze ungeschminkte Persönlichkeit, wie er es in einer Betrachtung über das Briefschreiben verlangt.
„Wenn man in einem wvhlunterhaltenen urck für beide Telle stets behaglichen Briefwechsel bleiben will, so darf man sich nicht ans den Fuß setzen, jedesnml eine Art von geistigem «sonntags- rock znm Briesschreibcn anzuziehen: ich meine, daß man sich geniert, einander gewöhnliche, unbedeutende Sachen, alltägliche Briese zu schreiben Wenn man sich lieb hat. wir es von uns beiden doch arrznnehmen ist, so ist es ein Vergnügen, überhaupt nur in Verbindung zu sein. Ist man geistig angeregt, so schreibt man einen witzigen, ist man niedergeschlagen, einen sentimentalen Brief: hat man den Magen verdorben, hnvochender, und hat man gelaud- wirtschaftet, wie ich heut, trocken und kurz."
So erzählt er hier in kurzen Ausschnitten von seimfm Ergehen, und das ungeheure Werk seiner Lebensarbeit blickt
nur ab und z!u in die Familienidplle hinein, bis dem Mcmft der Tat mit den wachsenden Jahren die Gedanken mehr in die Erinnerung zurückschweifen. Ein wundervoller Erinue- rungsbrief ist der vom 28. Oktober 1863 zur Silberhochzeit der Sc^vester:
„Ich hätte Dich so gern als Großmutter imd SUberbrauk im Staate gesehn, und Dir das Zeugnis gegeben, daß Du di« voizeftigefi Ehren des Alters trägst wie unsre Rosen den heuttgen Oktoberschnee, sie sehn nur umso frischer unter chm aus. Ich hätte so gern !mit Dir Oscars Brautsahrt in rtuiephos (und Naumnb, Antonie und Schönhausen und alle toten Hochzeitsgäste mit Dir beredet und ganz abgetragene -Betrachtungen über traumhafte Flüchtigkeit des .Lebens mit Dir neu ausgeklügelt. Man verzichtet so spät ans die Illusion, daß das Leben nun bald ansangcn soll, und hält sich so lange bei der Vorbereitung ans, daß es solcher Meilensteine von 25 Jahren bedarf, um sich durch den Rückblick klar zu machen, wie lang die znrückgelegte Strecke ist. und wie viele gute und schilechft Stationen man passiett hat. Ist es ein Beweis unsrer Ungenügsamkett oder der Dankbarkett unseres Erinnerungsvermögens, oder ist es nur mein Fehler, daß mir die gegenwärtige Station immer unbehaglicher erscheint als alle früheren, und daß man nickst aufhört, rastlos vorwärts zu treiben, in Hoffnung auf eine bessere?"
So dränigit es ihn unaufhörlich weiter aus seiner Bahn zur Erfüllung seiner weltbewegenden Aufgaben. Liber die Tragik, die auf dem Uvgrunld seiner Seele lauert wie bei jedem ganz Großen, tritt bei dem Mtgrworbrwen mehr und mehr hervor. Unendlich wehmütig und doch mannhaft klingt der Brief an die Schwester nach dem DodeseinerFrau: „Was Mir blieb, war Johanna, der Verkehr mit ibr, die täglich^ Frage ihres Behagens, die Betättgnng der Dankbarkeit, mit der ich aus 48 Jahre zurückblicke. llnü beut alles öde und leer: das Gefühl ist ungerecht, aber I osn aot be!p it. Ich schelte mich uickankbar gegen so vftl Liebe und Anerkennung, imc nur im Volke über Verdienst geworden ist: ich habe mich 4 Jahre hindurch darüber gefreut, well sie sich auch freute, wenn auch mtt Zorn gegen meine Gegner, hoch nick niedrig Heut aber ist müh diese Kohle in mft verglttnmt, lwffenttick, nirt.t für iinmer, falls mtt (Sott noch Leben besännt, aber die drei Wochen, die gestern verlaufen waren, haben über das Gefühl der Verödung noch kein GraS wack»sen lasfttt. -Verzech, mein ohloegerher,. daß ich mzch ausllage; ans noch lange nicht... <"


