Nr. 216 Zweiter Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag?.
Die „Eießener Lamilienblätter" werden dem »Anzeiger* viermal ivöchentlich beigelegt, das „Nreirblatt für den Nrcir Sieben" zweimal wöchentlich. Die „tandwirtschaftlichen Seitsragen" erscheinen monatlich zweimal.
Ibis. Jahrgang
General-Anzeiger für Oberhesjen
Dienstag, 2 \. November
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen llnivcrsiiäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Dießen.
Schriltleit»ng,Geschäit»stelle «.Druckerei: Schul- straße 7. Geschäilsstclle ».BcrlaglS^öl.Schrist- leitung: r-E1I2. Adresse liir Trahtnachrichtein Anzeiger Gieße».
Die vedeutung des Eisenbeton im Kriege.
Die Tatsache, daß. unseren 42-Zentimeter-Mörsern kein modernes Fort mclxr Widerstand leisten karur, lenkt die Aus- mcrksamkeit aus eine grundlegende Aenderrnvg in der Mate- rialverwenduug für Fortshauten. Ter Eisenbeton soll sich bei den belgischen Forts schlecht bewährt haben und man vertritt die Aufsassung, daß dieses Material tvohl in Zukunft für derartige Zwecke unverwendbar sein werde. Wlein cs ist zu berücksichtigen, daß es sich bei den belgischen Forts um den viel schlechteren belgischen Stampsbeton gehandelt hat, in den die Pcrnzcrtürme eingebaut waren. Die geringe Widerstandskraft der Forts ist aus die Verwendung belgischen Zements zurückzuführeu, der weit schlechter in Qualität ist als deutscher Drehofen-Zement. Sicher ist, daß in guten Zementbeton auch Granaten aus schweran Mörsern nicht tief eindringen. Nach Schießversuchen dringt das Geschoß aus einer 30-Zentimeter-Haubitze etwa 50 Zentimeter tief in Zementbeton ein. Dann aber erfolgt durch einen Bodenzünder mit Verzögerung erst die Explosion, die alles auseinanderreißt. Schwerere Kaliber, derenKonstruktion technisch übrigens gar keine Schwierigkeiten bietet, werden noch größere Wirtungen erzielen. Das Schiffsgeschütz von 38,1 Zentimeter durchschlägt auf 12 Kilometer Entfernung eine gehärtete Nickclstahlplatte von 45 Zentinietcr Stärke glatt. Tie 42-Zentimeter-Geschosse mit einem Gewicht von 20 Zentner haben natürlich eine noch größere Wirkung; ihre Sprengladung allein beträgt 3 Zentner. Dagegen können natürlich weder Stampsbelondecken noch Eisenbeton- decken als bombensicher angesehen werden.
Zur Erzielung einer größeren Widerstandskraft wird nun von einem Fachmann auf dein Gebiete des Eisenbetons die Auslagerung oder Einbetonierung von mehreren Stahlplatten mit Zwischenschichten aus Stampfbeton an der Oberfläche empfohlen. Die Explosion der Granate wird dann die eigentliche Betonkonstruktion gar nicht treffen. Mehrere Treffer an derselben Stelle tönnen natürlich auch daun verhängnisvoll werden. Jedenfalls eignet sich Eisenbeton besser als Stampfbeton, da er infolge der Eisenciulagc ioiderstands- fähiger gegen Truck und Zugspannungen ist. Die Deckschichten können bei größerer Sicherheit auch schwächer gehalten ioerden und die Fortsbauten leichter dein Gelände angepaßt werden. Die zurzeit im .Festnngsban verwendete Eisen- betonkoirstruktion kann nach Ansicht voii Fachleuten dadurch verstärkt werden, daß die durchgehende Armierung mit Netzen auS Monieretsen an der Oberfläche eine weitere Auf- vder Einlagerung von prosilierten Schienen oder Stahlplatten erhält, wodurch eine hohe Widerstandskraft erzielt wird. ’ , i
Um die Aufstellung unserer schweren Mörser zu verhindern, bedienen sich die Franzosen weit vorgeschobener Behelfsbefestignnge» noch vor ihren großen Festungen im Argonner Waid. Auch in den Kämpfen im Norden Frankreichs spielen die Behelfsbefestigungen eine große Rolle, indem sie von beiden Seiten in geschickter kunstvoller Weise ausgeführt, die Entscheidungen tu den Feidschlachten solange lstnausschicben. Für derartige halbpermanente Äriegs- bautcn, die in der Zukunft noch eine größere Bedeutung gewinnen werden, eröffnet sich dcni Eisenbeton ein großes Verwendungsgebiet. Tenn hier tönnen Platten, Ballen und Röhren aus Eisenbeton, iveil sic schon vorher in Friedenszeiten in großen Mengen hcrgesteilt werden können, eine ganze Reihe von Kvnstrultioiicn liefern, die gegenüber dem Gewehrfeuer und den leichteren Feldgeschützen genügenden Widerstand bieten. Unsere Angriffsmittcl, das zeigt dieser Krieg, sind auf eine von feindlicher Seite kaum erreichte Stufe technischer Vollkommenheit gebracht i vor den, denen die feindlichen Verteidignngsmittel nicht geivachsen zu sein scheinen. Inwieweit unsere Berteidigungsnrittel in den modernen Fortsbauten mit den Angriffsmitteln gleichen Schritt gehalten haben, konnte erfreulicherweise bisher durch eine Probe aufs Exempel nicht erwiesen ioerden. Der Feind ist noch nicht in die Lage gekoimnen, eine deutsche Festung an- zngreiftn und wird es hoffentlich auch nicht, sollten unsere nwdernen Fortsbauten aber in dem oben angedenteten
Sinne noch nicht allen Anforderungen entsprechen, so dürfen wir die Ueberzeugung haben, daß unsere verantwortlichen Stellen nicht zögern werden, sich alte Fortschritte der Technik unverzüglich zunutze zu mackxen.
AU5 dem Reiche.
Dir Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffel».
Berlin, 23. Nov. (WTB. Amtlich.) Der Bundes- rat legte in seiner heutigen Sitzung die Höchstpreise für Kartofselproduzenten fest. Das Reich ist mit Rücksicht auf die Verschiedenheit der Produktionskosten in vier Preisbezirke geteilt worden. Der erste Bezirk umfaßt etwa die Gebiete östlich der Elbe, der zweite Bezirk die Provinz Sachsen, das Königreich Sachsen und Thüringen, der dritte Bezirk erstreckt sich auf die nordwestdeutschen Gebiete mit ihrer großen Schweinezucht, und der Westen und Süden des Reichs fallt in den inerten Bezirk. Di« Preise für die besten Speisekartoffcln, wie Daber, Imperator, Magnum Bonum und Uptodate sind um 26 Pfennig für den Zentner höher gesetzt worden als für die übrigen Speisekartoffeln. Die Landeszentral-Behörde kann noch andere Sorten bester Speisekartoffeln in diese erste Gruppe Hineinsetzen. Die Höchstpreis« sind für Speisekartoffeln der besten Sorten im Osten 3,75 Mk., in Mitteldeutschland 2,85 Mk., in Nordwestdeutschland 2,95 Akk., in West- und Süddeutschland 3,05 Mk. für den Zentner. Für die nicht herausgehobenen Sorten sind die Preise entsprechend: 2,50 Mark, 2,60 Mk., 2,70 Mk. und 2,80 Alk. für den Zentner. Die Festsetzung von Höchstpreisen für Futter- und Fabrikkartoffeln befindet sich in Vorbereitung. Die Verordnung über die Höchstpreise für S p e i s e k a r t o f f e l n tritt am 2 8. November 1914 in Kraft.
Abänderung des W e i n g e s e tz e s. In seiner letzten Sitzung hat der Bundesrat Abänderungen der von ihm erlassenen Ansführungsbestimmnngen zum Weingesetz beschlossen. Damit findet eine im Reichstag an die Regierung gerichtete Anregung chrc Erfüllung. Es handelt sich um die Verwendung von O b st s ä f t e n bei der Herstellung des Haustrunkes. Gegenwärtig ist die Verwendung von Obstsäften für den Haustrnnk nach den vom Dundesrat erlassenen Vorschriften nicht statthaft. In den Kreisen besonders der süddeutschen Weingutsbesitzer war aber seit längerer Zeit der Wunsch hervorgetreten, cs möge zu einer besseren Verwertung geringer Weine für den Haustrunk ein Verschnitt init Obstsäften zugelassen werden. Im Frühjahr dieses Jahres sind die am Weinbau beteiligten Bundesregierungen um eine Begutachtung der angeregten Abänderung ersucht worden. Da keinerlei Bedenken dagegen erhoben wurden, hat der Dundesrat jetzt seine Ansführungsbestimmnngen dahin abgeändert, daß die Verwendung von Obstsäften für den Haustrnnk zugelassen ist. Ferner ist aus den Kreisen der Weingntsbesitzer eine Abänderung des Weingesetzes beantragt, die mit den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen im Zusammenhänge steht. Der diesjährige Herbst hat als Folge der ungünstigen Witterung in vielen Gegenden einen Wein ergeben, der bei Anwendung der im Weingesetz erlassenen Bestimmungen über die Zuckerung schwer verwertbar sein wird. Es kommt hinzu, daß auch der Mangel an geeigneten Arbeitskräften die Weinprodnzenten in eine schwierige Lage versetzt hat. Deswegen besteht bei ihnen der Wunsch, es möge unter Berücksichtigung oer besonderen Verhältnisse dieses Jahres durch Abänderung des Weingesetzes eine Erleichterung in Bezug auf die Zuckerung gewährt werden. Bereits haben Beratungen der zuständigen Stellen mit Vertretern der Weinproduzenten und des Weinhandels stattgeftmden. Zn welchem Ergebnis die Erwägnn- gen führen werden, läßt sich, so schreibt die „Frkf. Ztg.", vorläufig noch nicht übersehen.
Berlin, 23. Nov. (WDB. Amtlich.) Der Bundesrat hat eine Verordnung erlassen, nach der jeder, der es unternimmt, Reichs.geldmünzen zu einem ihren Nennwert
über st eigen den Preise zu erwerben, zu veräußern oder solche Geschäfte über sie zu vermitteln, mit Gefängnis bis zu einem Jahre und zugleich mit einer Geldstrafe bis zu 5000 Mark bestraft ivird. Ebenso soll bestraft werden, wer zum Abschluß oder zur Vermittelung solcher Geschäfte cmf- sordert oder sich dazu erbietet. Gleichzeitig ist auf Einziehung der Münzen zu erkenneir, die zu der Straftat gebraucht oder bestimmt waren.
An» Heften.
rb. Tarmstadt, 23. Nov. Der hessische Land- t a g ist vom Großherzog zu einer außerordentlichen Tagung, der 36., auf Mittwoch, 16. Dezember, einberusen worden. Wie schon früher bemerkt, handelt es sich nur um eine kurze Tagung von zwei bis drei Sitzungen, in denen die Regelung finanzieller Fragen, vor allcift die Art der Beschaffung bereits in den Vorjahren bewilligter Staatsmittel, in verfassungsmäßiger Weise erfolgen soll.
An» Sta-t und €an$»
Gießen, 24. November 1914.
** Vom Arbeitsmarkt, lieber die Lage des Arbeitsmarktes in Hessen, Hessen-Nassau und Waldeck im Oktober berichtet der Mitteldeutsche Arbeitsnachweis v e r b a n d: Der Monat Oktober brachte eine weitere Besserung des Arbeitsmarktes. Eine eigentliche Arbeitslosigkeit herrschte nur noch in einigen Speziakbernsen, ins- besondere im graphischen Gewerbe, in einigen Sparten der Metallindustrie (Bijouterie, Goldarbeiter) und bei den Kellnern und Köchen. Verhältnismäßig groß war die Zahl der arbeitslosen Schlosser, Mechaniker, Maschinenarbeiter und Hitfsarbeiter. In einigen Berufszweigen herrschte insbesondere infolge der Aufträge der Heeresverwaltung Mangel an Arbeitskräften. Starte Nachfrage herrschte nach Schmieden, Kupferschmieden, Drehern, Fräsern, Sattlern, Militärschneidern, Schuhmachern, Erdarbeitern und jungen Anslausern. Charakteristisch für die Arbeitsmarktlage ist der infolge der Bedarfsverschiebung notwendig gewordene llebergang in andere Berufe. In allen Städten fanden zahlreiche Einstellungen bei der Eisenbahnverwaltung, bet der Straßenbahn, bei Kanalarbeiten, bei Erdarbei- tcn aller 'Art statt. Eine Entlastung des Arbeitsmarktes wurde für unser Verbandsgebiet ferner herbeigeführt durch eine Reihe größerer Aufträge für auswärts. In einer Farb- warenfabrik, bei dem Bahnban Dillenburg^-Weidenan und in einem Stahlwerk in Lothringen konnten rund 500 Ar» beitslosc untergebracht werden. Auch zurzeit liegen größere Aufträge nach.auswärts vor, zu deiren bereits etwa 400 Arbeitslose in unserem Verbandsgebiet gemeldet sind. Die Schwierigkeit der Vermittlung liegt neben der Unsicherheit der Eiirbernfung des Landsturms zurzeit daran, daß teilweise zu niedrige Löhne gezahlt werden, Bedingungen wegen des Alters gestellt werden und bei auswärtigen Aufträgen daran, daß die Mehrzahl der Leute verheiratet ist. Durch Verhandlungen im einzelnen, durch Fahrgeldgewährung, gelang es in vielen Fällen, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden. Bon größeren Arbeiten umerhalb des Verbunds» gebietes, die insbesondere dem Lande zukommen, sind zu erwähnen der Brückenbau bei Rübesheim a .Rh., wo zurzeit noch 500 Leute beschäftigt sind, ferner der Bau der Talsperre irr Hemfurt bet Bad Wildnngen, der Bahnban Dillenbnrg— Weidenau und die Bahnhofsnmbcmten in Nied bei Frankfurt a. M. und in Alzev. Die von vielen Slädtcn eingerichteten Notstandsarbeiten wurden verhältnismäßig wenig in Anspruch genommen. Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Arbeitskräften war naturgemäß im Oktober sehr rege. Nach den Beobachtungen der größeren Arbeits- Vermittlungsstellen ist ein Mangel an dauerndem landwirtschaftlichem Personal, insbesondere an Knechten, zu befürchten. Der Mangel an geeignetem Hauspersonal macht sich immer fühlbarer, da der Zuzug vom Lande fast vollständig fehlt, andernteils stellen die Herrschaften vielfach erhöhte Ansprüche zu schlechteren Lohnbedingungen. Mädchen mit Kochkenntnissen können immer untergebracht werden. Be
rk un st, Lviftcnscbast mtfc Cebett.
— Eilte neue Lösung d e s K l c i st - P r o b l e m s. Das tragische Schicksal des größten Prenßenbichters, Hch. v. Kleists, der die Befreiung und Größe seines Vaterlandes in künstlerhchen Ewigkeitswerten ahnend, aber nicht milertcben durste, ergreift uns heute, da sein „Prinz von Homburg" imd seine ,D>errnanns- schlacht" vielfach ausgesührt, stine Schöpfungen mit neuer Begeisterung gelesen werden, mit besonderer Gewalt. Trotz der estrigen Forschung der letzten Jahrzehnte liegt über manchen Einzel- hcstcn dieses Schicksals noch immer ein geheimnisvolles Dunkel, und die Aufhellung einzelner Episoden, wie der vielumstrittenen Würzburger Reise, die folgerichtige Verknüpfung seiner Erlebnisse, die uirs den verzweifelten Schritt des Selbstmordes erklären, ist noch immer nicht ganz gelungen. Deshalb bleibt der Phantasie in der Darstellung seines Lebens noch Tür und Tor geöffnet, und wie die Dichtung so gern sein Ringen poetisch ausdeukete, so hat sich auch die Wissenschaft immer wieder in neuen Vermutungen et» schöpft. In dieser Hypothcsenwelt bedeutet aber wohl doch einen Höhepunkt ungewollter Komik ein vor kurzem erschienenes Büchlein, aus das der vortreffliche Kleist-Kenner Pros. Georg Minde-Ponet in einem Aussatz des literarischen Echo warnend hinweist. Die Schrift „Heinrich von Kleists Geheimnis" von Richard Finger bietet eine ganz neue Lösung des Kleist-Problems, indem sic alle Tragik aus seinem Stottern herlestet. Zn den „großen Stotterern" der Weltgeschichte, zu Moses, Cervantes, Tago und Rousseau, die alle durch diesen Sprachfehler zu einer melancholischen gedrückten Stimniung gekommen sein sollen, gesellt sich nun Kleist, dessen „schwere Zunge" als erwiesen angenommen wird. Sein Sprachfehler werde durch indirekte lleberlieserungen bestätigt, so durch Dahlmanns Bericht, er habe dem Dichter häufig aus seinen Werken oorlesen müssen, weil Kleist „bei seiner bedeckten Stimme und seiner Hast leicht ins Stocken geriet", und durch Wielands Erzählungen von Kleists „seltsamer Art der Zerstreuung, wenn man mit ihm sprach", von seiner Gewohnheit, „oft bei Tisch, als wäre er ganz allein, zwischen den Zähnen zu murmeln", von dem „augenblicklichen Abbrechen eines Vortrages, angeblich, weil eine seiner Zuhürerinnen unaufmerksam war". Der Dichter komme in seinen Werken immer wieder selbst auf sein Svrachlkiden zurück, so in den Worten des Jeronimus: „Ich kann mich nicht entschuldigen. Mir lohmt's die Zung', die Worte wollen, wie verschlagene Kinder, nicht ans Licht," in Frau Martbes Worten! „Wenn ich gleich was Erkleckliches nicht auftmng’, Ge
strenger Herr, so glaubt, ich bitt euch sehr, daß mir der Schlag bloß jetzt die Zunge lähmte", oder in Penthesileas Ausruf: „Laß dir vom Wetterstrahl die Zunge lösen, verwünschter Redner, eh' du wieder sprichst! Hört' ich doch einen Sandblock just so gern, endlosen Falls, bald hier bald dort anschmetternd, dem klafterhohen Felsenriff entvölkern." In dem tiefsinnigen Aufsatz über das Marionettentheater, in dem man mit Recht wichtige Grundgedanken der Kleistschen Weltanschauung gefunden, erkennt der Verfasser, was allerdings noch keinem vor ihm gelungen, „eine richtige Beschreibung des geistigen Stotterlechens und eine geistvolle Erklärung des Fluches^ welcher insofern nach Kleist aus dem Stotterer liegt". Ja, das Stottern wird sogar zu einem Hauptpunkt in dem ergreifenden Bekenntnisdrama „Robert Guiskard" erhoben, denn das hier dramatisch dargestelltc Lechen Aeists soll nichts anderes sein als ein Sprachlechen, „welches Kleist als Pest empfand und unter der Maske der Pest dramatisch schilderte". Der Unterricht bei Kerndörsser in Leipzig ist danach natürlich ein Versuch Kleists, seinen Sprachfehler zu heilen, und auch die geheimnisvolle Reise nach Würzburg ist diesem Zweck gewidmet. Das Stottern soll des Dichters Hang zur Einsamkeit befördert und einer Versöhnung^ mit dem Schicksal im Wege gestanden haben. Auch an seinem Selbstmord wäre es nicht ohne Schuld, und deshalb tötete er sich durch einen Schuß in den Mund, „in den zuckenden Mund mit der manchmal so schweren Zunge, welche der Quell war seiner Leiden und seiner Werke".
— Der Zeitungsvertrieb an den Fürstenhöfen des 16.Jahrhunderts. Tie Zeitung ist lieute der tägliche Nachrichtenbringer, der uns gerade in diesen aufgeregten Krisgs- zeiten besonders unentbehrlich ist. Auf „Flügeln der Druckerschwärze" trägt sie die Telegramme in wenigen Stunden überall hin. Wie anders war es damit zu einer Zeit bestellt, da man noch nicht die Erfindung GutenbergS in den Dienst des Nachrichtenwesens gestellt hatte. Einen anschaulichen Einblick in diese Zeck der geschriebenen Zeitungen rm 16. Jahrhundert gewähren uns einige Bemerkungen, die Dr. Ernst Gonsentius bei Gelegenheck einer Kritik in der „Deutschen Lckeraturzeitnng" macht. Der Gelehrte, der ein vorzüglicher Kenner der Frühepvche dm: deutschen Zeitungen ist, sieht in diesen geschriebenen Zeitungen des 16. Jahrhunderts eine interessante Vorstufe der ersten gedruckten Wvchen-- zeckungen. Dabei ist besonders eigenartig, daß der Vertrieb dieser Blätter von den Fürstenhösen ansging, die direkte Sammelpunkte für Zeitungen aus aller Welt loaven. Ein Zeitungsversand des sächsischen Hofes läßt sich aus dem Jahre 1568 aktenmäßig belegen.
mag aber schon viel früher bestanden haben. Am 20. Oktober 1568 schrieb der Kurfürst August von Sachsen von Dresden aus an den brandenbnrgischcn Kurfürsten Joachim II: „Wir übersenden E. L. auch hirbey sreundtlich Zehttungen, Daraus E. L. zuvernehmen, daß der Prinz zur Oranien nhunmehr über die Maaß gerucket, Unnd wie er dem feinde düc de Alba den Kopfs bieten wollenn, Der- selbige feldtslücktigk worden ist. So uberschickenn wir E. L. auch ferner andere Zehttungen», welchcrmaßenn der Königk zu Franck» reich einen Gesandten» beim Herzogen» zu Beyermi gchabtt, und was derselbigc aldo geworben» uund zur Anttlvortt erlanget, Daraus E. L. auch allerley zuvernebmenn." Mit einem solchen Begleitschreiben schickte der sächsische Kurfürst Nachrichten, die bei ihm eingingen, sofort an seinen brandenburgischen Vetter nach Berlin. Eilt solcher fortdauernder Austausch geichricbener Zeitungen fand im 16. Jahrhundert zwischen den ver>chiedenen Höfen statt. Die Boten gingen und kamen mit dicken Briefen, in dencir sic Ncuigkeilcmi aus deutschen Städten, aus Genf und Basel, «us Rom und Venedig, ja auch ans Polen und Schweden brachten. Anscheinend wurde dabei kein bestimmter Versand innegehalten. Sobald die Nachrichten am Hos cintrafen, wurden sic ihrem ganzen Umfange nach sofort abge- schrieben und weckergesandt, oder cs wurde auch ein Auszug her- gestellt, wobei also ein Redakteur in Tätigkeck treten mußte, und der „Extrakt" dann Wecker befördert. Bei der schleunigen Weitergabe benutzte man jede sich bietende Möglichkeck, oder wenn gerade keine Gelegenheit zur Uebersendung da war. wurden auch besondere Boten eingestellt. Ms Beispiel einer solchen geschriebenen Zeitung bietet Consenlius einige Auszüge aus Berichten, die 1587 nach Dresden gelangten, dort abgeschriebcn und an den Iwandenbur- gischen Kurfürsten weitergegeben wurden: „Aus Antorsf deir 19. De- cembris Anno 87. Von England soll man Aviso haben, der König von Schotten, habe gegen Engelland ein einsall getban, daßweaen dieselbe Königin ihn denn den Millort de Gree mit biß in 30 000 man nach Schotland abgefertiget, Resistentiam zu thun, würd auch presumirt, der König von Schotten habe auch auss verwüste Absart, und hilf der Spanischen Armada sich verlassen, und zu savor wider Engelland movirt, den grund mag man mit Ersten briefsen aufs Engelland vornehmen." „Aus Cöln vom 24. Deeembris. Gestern morgens unlängst vor dem tag hat Martin Schenck mit dem Graffeit von Moers sampt 2000 man zu Roß und fuß die stad Bon über- saNen. und durch zcrsprengnng so viel volcks hineingebrachl, ehe man zur Gegen tvehr greifscn können, das cr Dgrr der Ska» blieben . .


