Ausgabe 
9.11.1914
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 263 Zweites

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

TieSiehener Zamllienblätter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Dierandwirtschastlichen öeit-

sragen" erscheinen monatlich zweimal.

Blatt 164. Jahrgang

General-Anzeiger für Gberhefsrn

Montag, y. November »M

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. La»ge, Gießen.

Schriltleitnng.Geschättsstelle ».Druckerei: Schnl- straße 7. Geschäitsslelle u.Verlag:s®5l,Schrisl- leilung: es® 112. Adresse sür Drahtnachrichten: Anzeiger Gieße».

Nriegsbriefe aus dem Westen.

Bon uitfernt Kriegsberichterstatter.

Unberechtigter Nachdruck, auch ausxugsweise, verboten.)

Auf der Lokomotive durch Feindesland.

Großes Hauptquartier, 5. Nov.

Wir sollten morgens von unserem Pressealmrtier auS eine längere Autofahrt mrtreten. Mit einem seltsamen harten Däm­mern zog der Wagen an.Ich wette mit Euch, ivas Ihr wollt, daß wir mit dieser Maschine mitten unterwegs liegen bleiben," sagte sofort unser Kollege Oertel, der nn Privatleben ein Krasttvagen- sackpnann von Ruf in seiner Industrie äst. Und er hatte recht. Wir waren noch, keine Sttmde unterwegs, als das Hämmern im Getriebe immer verzweifelter wnrdc und der Wagen schließf- lick anhielt. Zweimal, dreimal rückte er noch hilflos an: dann lagen lvir endgültig fest.

Glücklicherweise stieß uns das nicht ini exponierten Kriegs­gebiete zu, sondern in ollupttrtem Lande, das schon seit meh­reren Wochen fest in unseren Händen ist. Sogleich eilten cruige Soldaten von einer in der Nähe haltenden Kolonne herber, um «ns Düse zu leisten. Sie mußten sich daraus beschränken, den unbrauchbar gewordenen Wagen beiseite zu schieben, um die Straße sür die fortwährend durchziehenden Truppen freizumachcn.

Nun war guter Rat teuer. Wir konnten vielleicht mit einer der Kolonnen weiter fahren, um unserem Bestimmungsorte näher :zu kommen. Aber inzwischen war der Vortrag, zii den: wir cin- geiaden waren, längst vorder. Ter begleitende Herr vom frei­willigen Automobilkorps eilte noch dem benachbarten, m deitt- schem Betriebe befindlichen Bahnhose, um nach einem Ersatz- krastnagen zu telephonieren. Dort wurde ihm gesagt, daß in wenigen Minuten ein Lokomotivcnzug durchkvmmeu werde, der just »och unserem Reiseziel snhr. Das Auto wurde also schnell entladen und gleich daraus bestiegen wir, je z-wer nnd zwei, > eine der Lokoniiotiven des durch den Bahnhvssbcamten zum Stehen | gebrachten Zuges.

Seit fast drei Monaten zum ersteirmal« wieder aus dem I Schieneirweg! Drüben raucht eine von der deutschen Militär- I Verwaltung wieder in Gang gebrachte französische Fabrik, Und I uns entgegen braust ein anderer Zug, dessen tveißer Dampf I sich in einer langen, zerjließendcn Schlange in der stlllen Herbst- I tust weithin abzcickmct.

Wir fahren durch ein Bachtal. Das klare, ruhige Band des I Wassers kooimt uns bald nahe, bald weicht es in großen Krüm­mungen vor uns aus, dem Gebirge zu, dessen bunte Hänge den Horizont säumen. Weiße Schäserlvötklein, im stumpsen Graublau der hohen HimMclswölbung sorglos verstreut, kommen bis an den Uservand, um sich neugierig im tiefen Bachspiegel zu be­schauen. Bläßhülmer und Tauchenten rudern aus dm Schilsbänken und drehen die Köpschen nach dem über die Brücken dröhnenden Eisenbahnzuge, dessen Wiederkehr sie so lauge vermißt haben.

Durch alte Parks windet sich der Bahndamm. In den Holder­büschen locken Meisen und Kleiber, Goldhähnchen läuten im schwar­zen Fichtendickicht, ein Zaunkönig schilt mit hochgerccktcm Sterz im Hagebuchmzaun, im Wipsel einer uraltm Robinie singt ein | Bogel, dm ich nicht erkennen kann, ein sehnsüchtiges Hochzetts- I lied: nach der Melodie loürde ich ihn für aiue Grasmlücke oder! I einen Laubvogel halten. Aber wir sind im' Anfang November, das kann doch kaum möglich sein? Und doch war am Allerseelenabend die Landstraße vor unserem Quartter mit Glühwürmern besät, so daß ich zu träumm glaubte, bis ich einige von den grünphosphv- reszierendcn Käjcrchen in der.Hand gesammelt hatte.

Noch halten die Bäume ihr in Pracht abstcrbendes Laub. Eine helle klingende Sinfonie in Gelb und Rot. Wie halbreife Zitrone» vrangm die Kugclgipsel des Ahorn, lmchtend goldig die Edel- kastanim, lederbraun die mächtigen Eichm, fröstelnd und bleich der heimatlose einsame Ginko, jene hier so oft angepslanzte blättcr- tragende chinesische Konifere. Und nur die Wetten am Userrand sind noch grün und wartm, bis sie der erste Frost zur Wintcrruhe gewaltsam zwingt. Ganz hoch an der Hiurmelskuppcl rudert eine Kette wilder Gänse in dreieckiger Reiseordnung nach Süden.

Wie eine ausschäummde Brandung von hellem Blut über­schwemmt der wUde Wein eine Burgmauer, die ihre» Fuß trotzig bis an die Gleise der Bahn setzt. Sie wurde gebrochen, als Kardinal Richelim die widerspenstigen Feudalherren dieser Gegend unter das Zepter des allerchristlichsteu Königs zwang. Durch eine Bresche

hat man freien Einblick in den romantischen Gartm mit seinen bröckeligen Marmorblldern.Gärten, die überm Gestein, in däm­mernden Lauben verwildern." Eichendorsf, deutsche, sehnsüchtige Romantik. Und romantisch-sehnsüchtig klingt in dieser Umgebung, wo niemand ihren banalen Text keimt, die Weise derLiebcS- laube", die ein schwäbischer Landsturmmann von der Eisenbahn­bewachung seinem eine alte Nummer des Heimatblättchens lesen­den Kameraden voispielt.Denn in meiner Liebeslaube träumt es sich so süß". Man glaub! die ntlasbcschuhten Füßchen der Mar­quisen graziös im Takte über die mosigcn Terrassen huschen zu sehen. Meilenweit scheint sich der Park mit seinen Geheimnissen zu dehnen. Fern blinken einmal die hohen schnialeu Fenster des Schlosses durch das Geäst. Dort drinnen, in den weißen Sälen, mögen die Schäferinnen Watteaus und Bouchers weltentrückt die lächelnden Reigen einer versunkenen Schöuheitswclt tanze» und in Mondscheinnächten von den Balkonen ängstlich und leichtsinnig in das fremde Kriegsgclümmcl lauschen, dessen Hall von Westen her ferne herüberllingt.

Ganz sacht fährt unser Zug, denn wir sind in Feindesland nnd bei aller scharfen Bewachung des Bahnkörpers ist Vorsicht geboten. Aber man könnte denken, er führe so leise, um das träumende Land nicht zu wecken, um es nicht zum Bewußtsein der furchtbaren Zeit kommen zu lassen. Große Grasgärten zeigen, daß wir mls eitlem Dorfe nähern. An den Zweigen der Bäume hängen in schwerer Last die rotbäckigen Acpsel, die stark duftenden Quitten. Nieniand ist da, der sie erntet. In den Koppeln, deren Zäune nickergebrochcn sind, hat sich das Rindvieh in riesigen Herden ge­sammelt, aber niemand hütet es. Im ganzen Dorf ist kein Mensch zu sehen außer der deutschen Wache, die das Balmwärterhaus mit der Reichsfahne und den schwäbischen'und bayrischen Fahnen ge­ziert hat.

Von Zeit zu Zeit fahren wir durch einen Bahnhof: deutsche Beamte grüßen uitt> melden unsere Durchfahrt nach der nächsten Station. Die Signalapparate sind schon wieder ganz vorzüglich im Gange. Sauber gemalte Tafeln enthalten den Fahrplan und die Entfernungen nach den nächsten Stationen.

Ach, das ist ein Kreuz mit den französischen Kohlen. Lauter Dreckzeug. So was siich wir aus deutschen Eisenbahnen nicht ge­wohnt," seufzt der Heizer, der unermüdlich das hungrige Feuer­loch der Maschine mit kommißbrotgroßen Briketts stopft. Ter Lo­komotivführer stimmt ihm bei.Aber die Maschine ist mit," sagt er, wie ein Pferdekenner seinen jüngsten Kauf loben würde.Sie müssen nämlich wissen, das ist nicht meine Maschine und auch nicht mein Heizer. Der Heizer ist aus Oberschlesien und ich bin aus Aachen, und die Maschine kennen wir beide erst feite heute morgen. Meine gute Lokomotive fährt eben bei Antwerpen in Belgien und wohin ich mit dieser Maschine fahren werde, das höre ich erst beute abeich. Die Hauptsache ist, daß ich draußen bin und dem Vaterlande im Kriege diene. Ich bin genommen worden und alle Kollegen in meiner Direktion beneiden mich, denn in unserer Di­rektion haben sich sämtliche Beamte für das Kriegsgebiet gemeldet: da ist es schon eine Auszeichnung, lvenn einer genommen wird."

Auf einmal biegt die Landstraße, die wir hinter der Hügel­kette gelassen haben, mit einer großen Kehre über den flachen Hang> nach dem Tale hin, der Eisenbahn zu, neben der sie nun meilen­weit dahinläust. lind so weit wir sehen können, ist alles mit vor­wärtsziehenden Truppen bedeckt. Ein Kavallerieregiment hinter dem anderen, mobile Truppen und Troß. Lustig weben die Fähnlein im Wiird, scharf blitzen die Lanzen in der Mittagssonne. Man hört Marschlieder und fröhlich rufen uns unsere tapferen Jungen gute Reisewünsche nach. Mancher trägt einen Verband, denn sie kommen aus heißen Kämpfen zurück. Wir erkennen bald, daß eine ganze Brigade unterwegs ist. Ihre Arbeit auf einem Teile des Kriegs- theatcrs ist vollbracht, nun soll sie heute nach einem anderen Kampf­gebiete rücken.Wer nicht kennt den deutschen Reitersmann, der soll ihn lernen kennen!" singen sie.

Nun fährt unser Zug ganz langsam durch eine Weiche. Wir sind an einer Strecke angelangt, welche von den Franzosen zerstört, von unseren Eisenbabntruppen wiederhergestellt worden ist. Da muß man die beiden Beamten sehen, wie sic die sachgeniäßcn An­lagen auf dieser ihnen ganz neuen Strecke bewundern. Ich.hätte sie nie für so beredt gehalten. Man sieht, wie sie mit ganzer Seele bei ihrem Berufe sind. Die malerischen Kricgsbildcr, an denen sie sich mit uns bisher gefreut haben, verblassen vor dem Interesse, das ihnen diegroßartigen" Weichen und Signalanlagen bieten. Die ganze Eiscnbahngeographie des Deutschen Reiches wird zum sachverständigen Vergleich mit de» Neuanlagen herangezogcn. Wir

machen sie aus ein prächsiges Jägerregiment zu Pferde aufmerksam, dessen schlanker Trab jeden Maler begeistern müßte. Doch sie hören nicht mehr.Da scheu Sie hin, wie die Klarve die Hügel­senkung abschueidet! Das können Sie nur zwischen Erfurt und Würzburg so schön Wiedersehen. Dabei ist diese Bahnlinie in fünf Tagen gebaut. Donnerwetter, sind wir Eisenbahner doch Kerle!"

Sie haben ganz recht. So mttß cs sein. Jeder muß seine» Beruf verstehen und in ihm dem Vaterlande dienen. Und deshalb hat cS mir so gefallen, daß die beiden Eisenbahner vor Witter Signalmasten, Kurven und Weichen nichts anderes mehr alsBahn- danim und Fahrroute gesehen haben.

Da ivaren wir auch schon am Ziel. Mitten durch gespaltene Häuser fuhren wir geradeivegs in einen deutschen Kriegsbahnhof, ein. Unb als wir gerade hielten, kamen die übrigen Autos unserer Kolonne an. Wir hatten nichts versäumt und waren durch die Panne, die segensreiche, zu einer unvergeßlichen Fahrt auf der Lokomotive durch Feindesland gekommen.

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

Kriegsbmfe aus dem Osten.

Bon unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, mich auszugsweise, verboten.) Bildcrrcihe.

Armee-Oberkommando Ost, ü. Nov.

Die R u s s e n st r a ß e.

Tie kleine Stadt, in der ich sür einige Zeit in Quartier lag, hat einen Weg zur Bahn, der ungefähr dreimal so lang ist, als er zu sein brauchte. So oft ich von einer Fahrt zurücklehrte» ärgerte ick» mich, daß die müden Pferde noch di.cscn Rieseuumwcg einen steilen Berg dazu hinauf muhen mußten. Ein neuer Weg lvor begonnen worden, aber für Wagen und Pferd unpassierbar, er führte über ein Schnttseld. Bor ein paar Tagen sah ich ein paar hundert Russen, die dort eifrig arbeiteten. Ein paar Pio­niere schwangen auch ihre Aexte.

Gestern snhr mein Bursche einen merkwürdigen Weg zum Bahnhof. Ich schreie:Halt!" Er lacht nur. Man hatte über den kieimm Fluß eine neue Wagcnbrücke gebaut mit mubermr Bohlenbeleg und festem Geländer. Hohe weiße Psäslc mit'Quer- ballen sollten als Laterncnhalter dienen. Tann war vielleicht einen Kllometer lang eine tadellose Straße von einandergcsügtcn Bohlen und Kies bis zimi Bahnhof gebaut worden. An der einen Seite waren weiße Holzpfciler nnd Abzugsgräben und alle zehn Meter ein Laternenpsahl. Der Weg zum Bahnbof war um zwei Drittel verkürzt: Die Einwohner freuten sich über ihre.neue Straße.

Nun hat Ihnen der Krieg doch was Gutes gebracht." sagte ich zu einer alten Frau, die den Kops über die Herrlichkeit schüttelte.

Aber ja es ist vorläufig aber das Einzige!" meinte sie,

Es wird noch Nachkommen!"

Sie glaubte mir sogar.

Meldung.

Wir saßen bei Tisch. Man sprach von der Balkanfrage. Der General war sehr interessiert und erzählte von seinen Erinnerungen. Es wurde später: das Gespräch kam auf 'König Milan, es gab Stellen, da die ganze Tafelrunde vor sich hin lächelte. Gerade in diesem Augenblick kommt ein Ordonnanz und meldet: Hauptmann N. von den Pionieren eben gefallen. Einen Augenblick stille. Ich fühle es, als ob eine fremde, eiskalte Hand mich airrührtc. Dev General sieht einen Augenblick in sein Glas. Er winkt der Ordon­nanz ab.Tüchtiger Kerl", sagt er halblaut vor sich hin. Er wendet den Blick hoch:Ja, also Milan, die dollste Geschichte war doch ..

Die fremde Hand löst sich von meinem Herzen. Nach zehn Minuten lächele ich wie alle anderen.

Es scheint mir mehr als eine Episode diese Meldung, die ja täglich kommt. Ter Tod wird Gast, er sitzt an jedem Tische hier und man lächelt dabei, Bekannte.stören ja nicht. Wenn cs anders wäre, könnte niemand den Feldzug durchhalten.

Das Taschentuch.

Ein Feldartillerielcutnant zeigt mir ein schmutziges Taschen­tuch. Es scheint russisch zu sein. Das ist die Geschichte des Tuches, die es mir erzählte:Wir machten Patroullle. Gräßliches Wetter. Regen und kühl. Leicht anziehen muß man sich auch. Ich fragte, wer mit will: zwei Freiwillige meldeten sich. Junge Studenten,

Gieszener Stadttheater.

Wir die Alten sungen ____

Lustspiel von KarlNiemann.

Wenn die Alten vor ungefähr zweihundert Jahren wirllich so vergnüglich gesungen und die Jungen so amüsant gezwitschert haben, wie man es gestern abend im Stadttheater hören lonnle, dann hat man zu des alten Dessauers Zetten recht zufrieden leben können. Schwiegerväter, denen an der eigenen Reputation gerade so viel mehr gelegen ist, als es zum Glück ihrer Töchter entbehrlich scheint, hat es zu allen Zeiten gegeben: was es aber nicht inimer gab, ist die ehrstiftcnde Fürsorge der Landesmutter, und die hat Karl Niemann mit einer Menge von historischem Drum und Dran, liebgewordenen Reminiszenzen aus der pudcrdustendcn, zopfschwcn- kenden Rumpelkammer aus der Zeit des Alten Fritz und einem er­heblichen Aufwand von harmloser, aber nach Umsang und Wirkung richtig ein geschätzter Sensimentalität sentiraents sagt Her res Vater so stilgerecht zu einem Lustspiel verarbeitet, das zwar keine literarischen Ambitionen zu Paten gehabt hat, aber einen Theaterabend ganz unterhaltsam ausiüllen kann.

Dem hiesigen Thcvterpublikum ist die lustige Gescksichtsoer- drchung nicht fremd: schon im vorigen Jahre konnte das an­sprechende Werk mehrfach des Erfolges und Beifalls sicher sein, und eine Inhaltsangabe erschiene dcslwlb eigentlich überilüsiig, nenn inan sie nickst mit ein paar kurzen Worten erschöpfen könnte. Seis also drum: Ter schlachtengewohnle alte Dessaner kommt, des Regierend ungewohnt, mit seinen landesväterlichen Pflichten und seinem Drausgehertum allzu oft in Konflikt, als daß es seinen Untertanen unter ihin behaglich werden könnte: zwischen seinenr im Grunde rein goldenen Herzen und seinen dienernden LandcSkindern aber spielt Anneliese, seine wachere .Her­zogin aus dem Bürgerstandc, die feinsinnige, allverstehende Mitt­lerin und lenkt die Geschicke der Einzelnen so gut wie die des kleinen Reiches, während der Fürst vom Lachssang oder unter dem Rasiermesser seine lauten, aber kerneckstcn Direktiven gibt. So ists zu ersehn aus dem Beispiel, um das das Lustspiel sich dreht: Erbprinz Gustav und Sophie, des Viertelsmeisters Herre holdseliges Töchterlein, werden trotz aller Polterworte und Spczialinteressen der beidersettigen Schwiegerväter Dank Anneliesens Herzcnsdivlomatie ein Paar: Wie die Alten sungen. Nebenher geht noch allerhand liebenswürdiges nnd untekhalten- dcs Beiwerk: Die minder schwierige Liebesaffäre von Sophiens Schwesterlein mit dem Regimentsslldschcr, die Bürgermeisterwahl in der siebentausend Seelen zählenden Residenz, die mit einem lachenden nnd einem weinenden Auge getanen Blicke in die pulver- dampfende, schnrrtklirrende Vergangenheit des alten Dessauers und i» die Zeit seiner romantischen LiÄe zu der Bürgerstochter, vor­der heut die Soldaten präsentieren, und was dergleichen lohnende Zulatrn mehr sind. Mles in allem ist die dramatisierte Lebens­weisheit von den singenden Alte» ein bühnenwirksames, wcckcrcs

Spiel, dessen teils kerniger, teils unschuldiger, von allen Seiten­sprüngen freier Humor es wohl verdient, auch in jetzigen Zette» mit Freude genossen zu werden.

Die Aufführung am gestrigen Abend fand ein überaus bei- fallssrohcs Publikum, unter dem sich namentlich unsere Feldgrauen durch eine dankbare Heiterkeit hervortaten. Paul Schubert als der alte Dessaner hatte Augenblicke von treffendster Wirkung nament­lich in der künstlerisch und technisch am höchsten zu bewertenden Szene, wo Anneliese dem unter dem Schermcsser vor Ungeduld zap­pelnden fürstlichen Gatten ihre chestistendcn Pläne unvermerktein- zuflößen" versteht, und wo dann aus der rauhen Hülle des alten Kriegers das menschliche, reiche Gefühlsleben aus Augenblicke in seiner wahren Gestalt zum Durchbruch kommt. Ein wenig mehr Flüssigkeit im Spiel uich Vertiefung nach der eine Fülle psycho­logischer Möglichkettcn bietenden Seite der Rolle hin wären dem Gesamtbilde allerdings stellenweise zustatten gekommen. Auguste F r e n z e l bot eine ausgezeichnete Leistung als seinsinuige, kluge Fürstin mit lächelndem Verstehn für die am eigenen Herzen er­fahrenen Liebesnöte der jungen Gcneratton. Walter D w o r - kowski, dessen Regie Leben und Farbe hotte, gab den starr- halsigen und doch so tveichherzigen Viertelsmeister Herre mit an­sprechenden, glaubwürdigen Tönen, bei denen wir allerdings ab und zu das allzu stacke Mitschwingen der Heldenvatersatte zu ver­nehmen glaubten. Als seine betten Töchter konnten Maria Schild und Hansi Martini manchen Heiterkeitserfolg buchen und durch natürliches Anfassen der vom Dichter mit viel Anmut und Schelmerei ausgestatteten Rollen recht gefallen. Else Jüngling als Hökerin Hanne sächselte mit Bravour und fand ein stets lachbereitcs Audito­rium, und Ludw. Grosser war als Herres Vater von zwingender Komik, zumal er den Titel des Stückes wörtlich dahin variierte, daß er als Neunzigjähriger sang, wo andere sprechen. Den hin­sichtlich der Wahl seiner Zukünftigen in des Vaters Spurvn wandelitten Prinzen gab Ferdinand Steinhofer als lieben, goldenen Jungen im Wertherstil. Mit einigen geringfügigen Ausnahmen konnten auch die übrigen zahlreichen Darsteller ein Gesamtlob beanspruchen und sich mit den Genannten in den lachenden Beifall des Abends teilen. -a-

*

Neue vismarckgespräche.

Im Septemberhefte der bekannten ZeitschriftThe North American Review" hat der englische Mater Sir William Blake R i ch m o n d Gespräche mit Bismarrk veröffentlicht. Der Künstler wellte im November und Dezember 1887 in Friedrichsruh, um Bismarck zu malen, und er hat die täg­lichen Gespräche Bismarcks, deren Zeuge und Teilnehmer er damals wurde, jeden Abend, und zwar möglichst im Wort- I laute, niedergcschrieben. Dr. v. Langermann hat sich durch I die Uebersetzung dieser neuen Bismarckgespräche, die im

nächsten Hefte der von G. Clcinow herausgegebciienGrcnz-- boten" erscheint, ein Verdienst erworben. Denn wenn schon alle Aelißerungen Bismarcks für Uns vmr hohem Werte und Interesse sind, so ist dies um so mehr der Fall, wenn cs sich, wie bei diesen Gesprächen, um Aeußernngen über Dinge und Personen von Bedeutung handelt. Fa, viele seiner kurzen Sätze haben unter den gegenwürtgien Verhältnissen geradezu aktuelle Bedeutung. So die Worte, die er im Anschlüsse an eine Unterhaltung auf dem Gebiete der Kunst aussprach.

Deutschland ist jetzt," so sagte der Fürst,ein Kaiserreich und muß gegen mögliche Angrisse durch die eine oder die andere Macht oder gar beide Mächte, die eine östlich, die andere westlich von uns, geschützt werden. Sie (Richnwird) müssen daran denken, daß der nächste Krieg zwischen Frankreich und Deutschland dem einen die Vernichtung bringen wird. Wir liegen zwischen zwei Feuerlinien. Frankreich ist unser bitterer Feind und Rußland traue ich nicht. Friede kann weit unchrenhastcr, als Krieg sein. Wir müssen sür diesen gerüstet sein."

Indem Bismarck auf die Veranlassung des Gespräches zurückkam, fügte er nock) hinzu:Deshalb kann ich auch der Förderung der Fricdenskünfte nicht soviel Ausmcrtsamkcit widmen, wie ich möchte. Doch halte ich sie für durchaus nötig für die höchste Entwickelung einer Nation als Ganzes."

Bon besonders aktuellem Interesse sind dcum Bismarcks Aeußerungen über den Karlamentarismus.Warum," so fragte er Richmond,hoben die Engländer keinen ständigen Kriegsminister, der nicht mit jedem Ministerium wechsell?" und fuhr daran anschließend fort:

Alle Dinge in England scheinen durch Amateure, und nicht durch Spezialisten, geregelt zu sein, die mit jedem Regierungs­wechsel ihre Obliegenheiten von neuem lernen müssen. Tic parla­mentarische Regierungssorm ist eine ausgezeichnete, lvenn alles gut geht, der Krieg aber ist ein ernstes Ding. Mcs, was sich organisatorisch auf ihn bezieht, kann nur durch einen erfahre­nen ulip dauernd an der Spitze steheittcn Man» befriedigend ge- handhabt werden, nicht aber durch das Hin- und Hcrströmen der Meinungen. Die ganze Leitung^der Mstung muß unter einer ständigen und verantwortlichen Spitze ruhen, die imr mit dem Finger aus den Knopf drückt und augenblicklich alles in Schwin­

gung versetzt."

Indem der Mrst auf die russischen Pläne rm Osten über- ging, sagte er zuversichtlich:

Rußlands Slbsichten geben zum Persischen Golf. Es will Persien annekttercn, doch glaube ich nicht, daß Indien als Ganzes, Mohammchaner oder Hindus, die russische Herrschajt der cnqlisckie» vorzichcir lverden. Wenn sie cs aber tun, so liegt der Fehler an England, welches urckliigerweise Indien die Preßfreiheit gegeben hat. Ich lveiß, wie gejahrvvll dies Experiment ist und wie Mer».