Ausgabe 
30.10.1914
 
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Nr. zaa

Ter Slehenrr Anzeiger

erscheinl täglich, auüer Sonnlags. - Beilagen: oierin«! w»chen>:ich Sietze»erZ«7uiIienb!SNcr; zwemial wöchenll.iireir- bl«n (ürötn Kreis »ictzen (üen^tnq unbftreiuui); zweimal mono». £an6= wirtlchajttiche 5e ilfro ]tn tveruieved) ?lnld;li;iie: fürbte£d)ci«etlUiiqll2 Bertao.GelchäliesteNeSl SIbrefie lnrDrakmach- richten: Anzeiger Stehen. Annahme »«n Anzeigen lür b>e Taqesnuminer dir vormitiags S UI,r.

Erstes Blatt

)ayrgang

greitag, 30. Gttober 19JI

General-Anzeiger für Oberheffen

!> e » q s j r : moimtl. 75 Vi., uievtel- alnl. Mk. 2.20; durch ,lbf)p(e- u. Zweigstellen monatl 65 Ps.; durch die Post Mk.2. viertel- jährL auc-schl. Bestellq. Zeilenpreis: lokal l5Ps., a»Sw. 20 Ps. Haupt- schrislleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für den volit. Teil: Aug. Soetz; siir .Feuilleton', ,Per- nüschleL' uud.GerichtS- iaal": Karl Sleurath; iür .Stadt und Land" ;

Rotations6ru<f uni Verlag icr vrühl'jchen Univ.-Vuch. nni Stcirirudmi R. Lange. Schrifllcitung, Seschäslzstelle u. Druckerei: §ch»lstr. 7. Auze.^nie":' I^ Beck.

ver Ar!e§sau§bruch zwischen Rntzland

und der Curiei.

Deutscher Vordringen im Vesten und Osten.

<DTV. Nichtamtlich.) Petersburg, 29. Cft. Tie Petersburger Telegravlienagrntur meldet: Zwischen S' und IO 1 /* Uhr vormittags beschoß rin türkischer Kreuzer »it drei Schornsteinen den Bahnhof und dir Stadt Theodosia und beschädigte die Kathedrale, die griechische Kirche, die Speicher am Hafen und die Molen. Sin SolLat wurde getötet. Dir Filiale der Russischen Bank für auswärtigen Handel geriet in Brand. Um 10V» Uhr dampfte der Kreuzer nach Südwestrn. In Noworossijsk kam der türkische KreuzerHa midi je" an und for- derte die Stadt auf.sichzuergeben unddasTtaats- eigentum auszuliefern, im Fall der Ablelmmig die Bombardierung androhend. Der türkische .Konsul und dir Beamten wurden verhaftet. Der Kreuzer entfernte sich.

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(WTB ) G roste» Haupt quartier, 29. Oft., vormittags. fÄmfßA.) Unser Angriff südlich Nieupvrt gewinnt )1 <rnqsam an Boden. Bei Ppern sieht der Kampf imver- ändert. Westlich Sikle machten unsere Truppen gute F»rt- jschritte. Mehrere befestigte Stellungen des Feindes wurden (teitmraiten, 16 englische Offiziere und über 300 Mann tv Gefangenen gemacht, sowie «Geschütze erobert. Soglilche und franzölifche Gegenstöße wurden gberockl abgewiesen.

Firn vor der Kathedrale von Reims ausgesabeene sramSsische Batterie mit Artillerie-Beobachtern auf dem Turm der Kathedrale muhte unter Feuer genommen werden.

Fm Argvnner Walde ivnrden die Feinde aus mehreren Schützengräben geworfen und einige Maschinengewehre erbeutet.

Südwestlich Derdun wurde ein heftiger frnnzöfischer Angrtsi zurückgeschlagen. Im Gegenangriff stießen un- sere Truppen bis in die feindlichen Hauptstel- lungen durch, die sie in Besitz nahmen. Die Franzosen! erlitten starke Verluste.

Ar ah östlich der Mosel wurden alle Unternehmungen des Feindes, die an sich ziemlich bedeutungslos waren, zurückgewiesen.

Auf dem nordöstlichen Kriegsschauplatz befinden sich unsere Truvpen im fortschreitenden Angriff. In den letzten drei Wochen wurden 13500 Russen zn Gefan­gene» gemacht, 30 Geschütze und 39 Maschinen­gewehre erbeutet.

Aus dem südöstlichen Kriegsschauplatz haben sich die Verhältnisse feit gestern nicht geändert.

DaS erschütternde Drama des Weltkrieges schien kaum noch einer Steigerung seiner ungeheuren Wirkung'» salng zu sein, und dock) fdfft dir obige amtliche Meldung der Petersburger Telographeiiaizrniur wie eine weltgeschicht- Uche Katastrophe in die Ereigirrsse dieser Tage. Ls ist kein Zweifel: diese 'Aachricht bedeutet den Kriegsausbruch: di« uralte orientalische Frage, der Streit um den Besitz der Meeresstraße, die zwei Erdteile miteinander verbindet, wird mit Wasscngcivali gelöst werden. Taä orientalische Prob lein, die Frage, wer das Erbe des kranken Mannes antrcien solle, wird auch ein Zeichen des Wechsels der Zeiten durch Kanonenschüsse türlisckn-r Kriegsschiffe der Losung entgegen- geführt ;ü«ir ist aus der Petersburger Mldnng noch nicht endgültig zu schlieszen, wer eigentlich die F-nndselig'eiteni begonnen hat. dcmr Herr Sasonow wird natürlich geneigt sein, aller Welt darzutun, daß Rußland der Angegriffene sei. Aber loas bedeuten solche Acuswrlichkeiten gegen.Ler der Tatsache, das; die Zeit reif und erfüllet war, daß inan in den letzten Wochen und Tagen die (hew-ißbeit erlangt batte, es werde auch d i c weltpolitische Angelegenheit in da» große Ringen um die Macht einbezogen werdeii, die dockt cin Haupt- anlaß zuin Kampf aller gegen alle gewesen ist.

Wir dürfen über die früheren Phasen der orientalischen Frage vorläufig einmal hinweggehen und nur einen Buck darauf werfen, wie sie zu ihrer heurigen doppelsinnigen Bedeutung gekommen ist. Tenn, ob Deutschland nun Ä.lt- machtpolitik treiben wollte oder nicht es ist durch die englische Ein kreis un gspolilek auch in das or.entaliime Ticj der Wirrnisse eingeilockuen worden, und für England stand die Frage nickt mehr so wie früher, wo es auf der Wacht sein mußte, daß nickst Rußland seinen Tranni venvirllichte und durch den ungehinderten Zutritt zum Mittelmeer die englischen Interessen gefährdete.

Das neue Orientproblem, so weit das iveltbeherr- schcnde England dabei in Frage koinmt, hat 'Paul Rohr­

bach im Fahre 1912 in seinem BucheDer deutsche Gedanke in der Welt" mit folgenden Worten gekennzeichnet:

Eine moderne Armee kann ohne Schwierigkeit den Weg (von Konstantinopel) über Anatolien nach Aegvplen zu­rücklegen, und aus dieser Quelle st a m m e n Englands Schmerzen in der heutigen Orientpolitik. Aus ihr stammt seine langjährige Berhindeningspraxis in der Bagdadbalm- frage, aus ihr stammt auch das Bestreben, durch die Einbeziehuiig Arabiens, des svriichen Borlandes und der Gebiete am Euphrat und Tigris zugleich eine Deckung für Aeznvten uut> die Land- verbindung voin Nil bis zum Indus herzuiiclleii. Tie Eisenbahn­linie von Kairo bis Kalkutta bildet sür die englifckwn Zukunsts- boifnunge» das Seitenstück zu der von Kairo nach Kapstadt. Will- cocks bat den Plan ansgestellt, dieses Land viü englischem (beldc und englischer Technik ivieder zur Kultur zurückzusülnen und es mit mohammedanischen Untertanen Englands zu besiedeln."

Tie deutscb-lürkische Bagdadbahn, die vom Bos­porus durch ganz Kleinafien bis nach Bagdad lausen ivird, ist dazu bestimml, die entfernteren Reicholcile mst dem türkiickini Küslen- rcntrum in Analolien und inst Konstanrinopel zu vcrkiiuvseii. So­bald der Bau in eiwa zwei Iahrm (1911' Aleppo erreicht lmben wird, ist die Verbindung mit dem snrisckr-crrabischeii Bahnfnstriii hcrgeftellt. Damit wicrden die Dinge so weil sein, daß England, ialls es die Türkei selbst oder eine ain Bestände der Türlei mr- mülelbar interessierte dritte 'Macht aiigreift, mst der Möglichkeit eines türkischen Gegenangrifses aus Aeglzplen zu rechnen hätte,"

Daß heute, nackidem England nun einmal den Ausbruch des Weltkrieges herbeiarfüW hat, auch am Goldenen Horn der Kriegsruf ertönt, kst eine"Dell>stverständlick»tvit, die nicht lange mehr hinausgezvgert werden konnte. Und Deutsch­land hat allen Anlaß, das neue Ereignis mit voller Genugtuung zu begrüßen. Es hat auch am Goldenen Horn nicht zum Kriege gehetzt; im Gegenteil, seine Regierung hatte durch ihr Stilsverhalten während der Daliankriege manche <hesal;reii, die in dem Borgehen Eng­lands lagen, vergrößert. Durch den Balkanbund des Jahres 1912, der unter russischer Führung und englischer Untcr- srützuna zustande qelonrmeu war, wurde die Einkreisung D'wkschlands und Oesterreichs volsslündig: Rußland hatte dabei die Möglichkeit geuwnuen, beim leisesten Widerstand Wiens das Habsdurger Reich zu überrenneii, und England war in seinem Ziele glücklich, die wirtschaftlicheAusdehnungl Deutschlands nach Äwinasien ju lstntertreiben und die von Rohrbacki anqedeuteten Fährniise aus dem Wege zu räumen. Schon im Jahre 1912 iväre im Grunde für Deutschland und Oesterreich der 'Anlaß gegeben gewesen, vom Leoer zu zielen. In Wien und Berlin entschied man sich für Zurück- hältuiig, und vielleicht ist es besser, daß erst zwei Jahre später nun die große Adrechuung gekommen ist.

Tie Türkei hat sich durch englische Versprechungen und Drohungen nicht beirren laffeu und es klar erkcunit, daß Englarid und Rußland seine wahren Feinde waren. Das nette Märchen vom Status quo, englischen Ursprungs, hatte ja immer, auch im Kriege Italiens gegen die Türkei, eine so eigentümliche Entnsicklung genommen. Ter engl. Weltver­teiler, dessen Marineinftrukleure das Goldene Horn verlassen mußte, hatte die Stunpathien der Muselmanen verlöret«. Die tiirl schen Staatsnränner, die kamen mid gingen, konnten die Richtschnur britiscker Politik nicht ivieder verlieren, und erkannten die Notwendigkeit einer 'Annäherung au Deutsch­land. Wir wollen hoffen, daß die deutsche Militärmissiou unter Liman v. Sanders in der Reorganisation des türkischen Heeres Erfolge gehabt hat und daß es dem energischen und beweglichen Enver Pascha gelungen ist, die türkische Welw- >nacht zu stärken und anszrchauen. Ein ersreulicher Schritt der türkischen Regierung war es hekanntlich. als sie im kriti- jchen Augenblick unsere im Mittclmeer gefährdeten Kteuzer Goebon und Breslau durch Kauf in türkischen Besitz brack)te, und der tapfereitzoeben", inHamidje" umgetauft, hat ja jetzt wieder, vor Theodosia, einen schlagenden Beweis seiner Kriegstüchtigkeit erbracht.

Eine günstige Wendung gegenüber der Lage beim Aus­bruch des Balkankrieges im Jahrs 1912 ist auch insofern eingetrelen, als Bulgarien es abgelehnt hat, der Schritt­macher des russischen Panslawismus zu sein. Es blecht abzu­warten, ob es, im Einvernehmen mit der Türkei, jetzt oder später dazu schreiten wird, die ihm im .zweiten Balkankrieg versetzte Schlappe wieder aus der Welt zu schassen. Welche Haltung Rumänien, das in der letzten Ze<r bui seinen Sym­pathien keineswegs mehr zu Rußland neigte, cinnehinen will, darüber sind die Bücher heute ebenfalls noch ver­schlossen.

Tie in der obigen Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agentur genannte russisck>e Hafenstadt Theodosia hat etwa 30000 lriwvohner und liegt an der Südostküste der Krim, an einem Meerbusen gleichen Namens. Der Hasen ist von Osten her ofsen. Seil Odessa in einen bloßen Kriegs­hafen umgewandelt wurde, bat der Handelsverkehr in Theo- twsia zugenommen. Notoorossijsk liegt an der Nordostküste des Schwarzen Meeres.

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Die folgenschwere Nachricht vom Kriege zwischen der Türkei uno Rußland trifft uns zu einer Zeit, >oo die Aus­sichten oer deutschen Sack>c auf allen K'riegvsckünipläszen die allergünstigsten sitw. Die vorgestrige Meldung, die infolge der angekiliidigten Verstärkungen, die unsere Gegner er­halten haben sollten, etwas bedrückend gewirkt hatte, ist überholt von einer sehr eingehenden, durchiveg froh und zuversichtlich stimmenden Nackwicht aus dem Hauptquartier. Südlich von Nieuport hat der dentsckje Angriff >rn Bo­den gewonnen, und westlich von Lille wurden >6 engl. Offi­ziere u. über 300 Mann gesange» genommen, als es gelang, dort mehrere feindliche Stellungen zu besetzen. Auch auf den anderen französisck>en Kriegssck)a»plätzen geht es dem Feinde immer stärker aus den Leib, ebenso im 'Nordosten den Russen. Es wird sich also im Lager der Neitlralcn in diesen kritischen Tagen kaum jemand finden, der den Eilgländern und Rujseu aus ihren Verlegenheiten zu helfen geneigt wäre. Wir be­grüßen den Tag des Kriegsausbruckws znnschcn Türke» und Russen mit frohen Hoffnungen und gtmöben, daß nun auch eine türkische Erhebung in Aexstzpten, also gegen England, nicht mehr ausbleiben kann.

Die türkische Flotte im Schwarzen Meer.

Konstantinopel, 29. Okl. (Ctr. Frkft.) Die ganz» türkische Flotte ist gestern ins Schwarze Meer ausgelaufen.

(Franks. Ztg.)

Die Russen an der perfischen Grenze geschlagen.

DDP. W i e n , 29. Oft. Hier angelangte Nachrichten aus Koa- stantinopel melden von neuen Kämpfen zwischen russischen Truppen und aufständischen K u r d e n in der Nähe von U r m i a. Die mit den Türken und Pm'ern verbundenen Kurden sind im A n - marsch au? die Stadt.

Drangsalierung der ägyptischen Prcfie.

Kopenhagen, 29. Okt. In Aegypten vcrschlim» mert sich, wie ckus London telegraphiert wird, die Lage immer mehr. Die Presse lvird drangsaliert. Die einzige lürkisckzc Zeitung in Aegypten wurde gleichfalls verboten.

Au» Bulgarien.

Wien. 29. Okt. (WDB. Nichtamtlich) DieReichs­post" meldet aus Sofia: Der Vizepräsident der Sobranje, M o m s ch i l o w, hatte eine Unterredung mit deni Minister­präsidenten über die polilisckze Lage. Er berichtete darüber den versammelten Jvnrnalisten. Sowest die Interessen Bul­gariens in Frage kommen, ist der M.inisterpräsident mit der gegenwärtigen Lage vollkominen zufrieden. Die bul­garische Regierung hat die abschlägige Antwort Ser­biens hinsichtlich der trostlosen Zustände in Mazedonien zur Kenntnis genommen und wird sich in nächster Zeit übei die weiteren Maßnahmen llar werden. Jedenfalls ist es als erfunden zu bezeichnen, daß Oesterreich-Ungarn aus den Einmarsch Bulgariens nach Neuser- bien dränge. Oesterreich-Ungarn hat die Hilfe Bul­gariens in der serbischen Auseinandersetzung nicht nötig. Es ist stark genug, seinen Willen mit eigener Kwast durch­zusetzen. Bulgarien wird vorläufig gegen nie­mand etwas unternehmen, denn die Regierung ist davon durchdrungen, daß es mit der Sache des Vater­landes gut steht. Es wird nicht verabsäumen, zur rich­tigen Stunde seine Forderungen zu verwirklichen.

Sofia, 29. Okt. Wie die hiesigen Blätter melden, ha» die russische Regierung in einer eigenen Note Serbien emp- sohlen, der bulgarischen Regierung sür freier Durchlaß von Kriegsmaterial kleine Gebiets­abtretungen anzubieten. Eine Abschrift der betref­fenden Note ist der bulgarischen Regierung übermittelt wor­den. Bisher hat die serbische Regierung den von Rußland anemvfohlenen Schritt nicht unternommen, wohl weil an­gesichts der gespannten gegenseitigen Verhältnisse seitens Bulgarien keine Geneigtheit besteht, mit Serbien in Verhand­lungen dieser Art einzutreken.

Deutscher Sieg bei Tirmuiden.

Rotterdam. A. Okt. Einem von dem Berichterstatter des , Rotterdamsche Tid" verzeick)neten Bericht zufolge sind die gewaltig starken Schanzen der Franzosen und Engländer bei Dixmuiden am Dienstag nach­mittag genommen worden. Im zerstörten Städtchen machten die Deutschen 200 Gefangm».