Ausgabe 
27.10.1914
 
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D. 252

Zwettes Blatt

m. Zayrgang

bet o«nulaa.

^emflleabCitttr »erben ixm ,Änjri(|et' viermal wöchentlich beigelegt, dar Kreil»i«K fär öe. Km« «ietzea" zweimal «ächenilcch. Die .F«»»»irrschafMch« Sei,- frageerseheinen «aaocktch zweimal.

Gietzeim Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vienrrag, 11. smcwer w*

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jche» Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- ftrape 7, Expedition und Verlag: feS§>51. Redaktion: s^s IIS. Tel.-Adr.:AnzeigerGieben.

Krupensfis Trick.

Kaum hatte der italienische Ministerpräsident Salon« )W »ach dem Tode San Gtzulianos erklärt, daß an tu* ßaötofitai Italiens nicht zu rütteln sei. da deckt die Diplo­matie unserer l^egner ein Planchen aus, das sich in der bis­herigen Sammlung unverschämter Tricks sehen lassen kann. Die Sache ist folgende: Krupenski, der Botschafter des Zaren in Rom, macht der italienischen Regierung das Angebot, die in russischer Gefangenschaft befindlichen Oesterreicker italie­nischer Rasse an Italien auszuliesern. So ein Anerbieten must natürlich im Biedermannston gemacht werden Es muß klingen wie: Wir überreichen dir hiermit ein hübsches Geschenk. Diese gefangenen Oesterreicher sind doch in Wahr­heit Italiener Sie bereichern eure Bevölkerung, und cs ist ganz selbstverständlich, daß ihr sie sesthaliet und nicht nach

Oesterreich zurückkehren laßt----Diesesselbstverständlich"

ist natürlich Bed-iitgung. Der ganzen Schiebung ßiegt natür- ti/f) nur der eine Sinn und Z,r«k zugrunde, einen glühen­den Brand ins Pulverfaß der italienischen Neutralität zu werfen. Die geschenkten Oesterreicher alias Italiener haben nichts anderes zu tun, als Oel ins Feuer der irrcdcntistischen Bewegung zu gießen. Die italienisch sprechenden Lesterreichcr sollen ihre Freunde in Obcritalien dazu entflammen, die in Oesterreichschmachtenden Brüder" zu befreien.

Der Plan ist wirklich ganz reizend zurechtgelcgt. Die Verbündeten spekulieren gar nicht so schlecht. ststän erinnert sich wohl noch der blutigen Zusammenstöße und Straßen- kämpfe in Triest drei Adonai« vor Ausbruch des Krieges. Tetegeutlich der Maifeier veranstalteten damals die Slo- Bxntn an der Adria Kundgebungen. Von italienischer Seite Js«trb< behauptet, die österreichische Regierung habe sie be­günstigt, und darob entstand in ganz Norditalien, wo die Jrrcdenta so starke Stützpunkte besitzt, große Erregung. Auf dem Markusplatz in Venedig verbrannten italienische Stur Lenten unter dem brüllenden Beifall der Menge eine öster­reichische Fahne. Es war ein elementarer Ausdruck von Volks- teidenschaften, die sich in naiv brutaler Weise Lust machten. Seit jenen Tagen, da nach dem Berliner .Kongresse Menotti Garibaldi in öffentlicher Versammlung zu Rom die Besetzung Triests und Tricnts sordcrte, hat die Jrredenla auf ihre For­derungen nicht verzichtet. Seit über drei Jahrzehnten bemüht sich Minister um Minister, die Stimmen zum Schweigen zu Dringen, die eine Einverleibung italienischer Sprachgebiete Oesterreichs mit dem Königreich Italien fordert. Man hat diese Stimmen nur zeitweilig dämpfen können und sie nie­mals verstummen gemacht- Das Schlagwort vomunerlösten Italien" :>e herrscht heute noch alle .Kopie, es ist ein Gedanke, der sich gelegentlich auch in verzweifelten und verbrecherischen Taten entladen hat. Attentate und hochverräterische Umtriebe werden fast in jedem Jahve ausgedeckt. Wer das österreichische Küstenland kennt, der weiß, daß die Bevölkerung vou Gradv bis Pola aus chrer Liebe zu Italien nur sehr wenig Hehl macht. Agenten kommen über die Grenze und helfeu die Stim­mung zu verstärken. Hüben und drüben werden Spione ab- grsaßt, die die Geheimnisse der Besestigungswerkr auszu- spähen trachten. Und wie man vor dem Kriege von einem bewaffneten Frieden sprach, io war in jener Gegend immer scherzweise von einer bewaffneten Freundschaft die Rede. In dieses gc'ährlickie Problem soll nun während des Krieges von neuem ein Funke geworfen werden, indem man italienisch sprcckzende und fühlende Oesterreichcr gleich trnppenweisc nach Italien wirst und dort in gewissen Bevölkerungskreisen die österreichisch feindliche Stimmung zu Hellen Flammen auf­lodern läßt. Ist einmal Obcritalien ordentlich in Brand, so kann die Regierung in Rom nach der Ansicht und Absicht der Verbündeten die Zügel nicht mehr halten. Die italienische

Snintz?ätzliche§ zu einer neuen deutschen Mode.

Von Paula Messer-Platz, Gießen.

Mancher wird es nicht verstehen, ja es als Zeichen von Oberflächlichkeit ansehen, daß in diesen ernsten Tagen, die von .Kampf und Not und Tod erfüllt sind, über Mode ge­sprochen wird: daß in führenden Tageszeitungen sogar mehr als sonst darüber gesprochen wird. OKwiß, manche Ratschläge nnd Aufrufe sind wertlos und einseitig. Wenn hier verlangt wird, die Frau möge sich nur schwarz und düster kleideif, dort, sie möge nur in Hellen Farben erscheinen, so ist dazu zu sagen, daß jede die Kleidung tragen foOC, die sie eben hat. Auch überlasse man ruhig jeder Einzelnen. >r»ie sie den gar nicht leick)ten Zwiespalt zwischen Sparen und Arbeit­geben für ihre Perlon und ihre Kleidung löst. Wann je, so bat uns der Opfermut unseres ganzen Volkes berechtigt, bei jedem Einzelnen diesen Willen zum Rechttun voraus­zusetzen

Gerade dieser Wille, sich vom Geiste des Ganzen tragen zu lassen, ist es aber auch, der in den Erwägungen über Mode zum Ausdruck kommt. .Denn plötzlich haben wir alle unser deutsches Herz entdeckt, plötzlich fühlen wir, daß Deutsch'ein nicht eine Nebensache ist tvie etwa blond sein, sondern etwas Wesentliches, das tief in Geist und Gemüt sitzt. Und auch hier ist's wie überall: Das neue Erlebnis will sich mrswirken im Sichtbaren. Anck, im Aeußeren wollen wir deutsch sein und frei, unseren Geschmack, unsere Gedanken, unsere Eigenart in der Kleidung zur Geltung M dringen. London und be­sonders Paris waren bis jePt der Wallfahrtsort deutscher Schneider und Schneiderinnen, die meist wahllos Gutes und Schlechtes zurückbrachten. Zu leugnen, daß Gutes dabei war, wäre ungerecht, wenn auch nicht uirterftlcht werden kannz was davon ein französisch getauftes Kind deutscher und Wiener Werkstätten war.

Nun, für die Zukunft und für die Zukunft allein darf heute von Mode gesprochen werden wollen wir Deutsche auch hier den Schrill von der Autorität zur Freiheit wagen. Aber die Schlußfolgerung, als ob damit alles Bisherige verworfen werden müßte, wäre falsch, 'Noch immer ist das Schaffcmvollen ohne Tradition, ohne Zusammenhang, das Erfinden nach eineni Programm fehlgeschlagen. Erst werde man sich bewußt, was an den ftemden Kleidern undeutsch ist und schon ist der llebergang zur neuen Mode gesundem Deutsch das ist das Streben nach Sachlichkeit. Wahrheit, .Gründlichkeit, Unterordnung unter das Ganze. Warum also empfinden wir z, B. Stöckelschuhe als undeutsche Mode? >Weil der Schuch dazu da ist, ba£ Gehen zp erleichtern, nicht

Neutralität bricht zusammen und dielateinische Tochter" geht reumütig ins Lager unserer Feinde über.

So verwünscht gescheit Krupenskis Trick auch ausge­klügelt sein mag. er i>t in seiner Zudringlichkeit dockt so herz­lich dumm, daß die Regierung in Rom sofort das versteckte Gift erkannt hat. Mit diplomatischer Liebenswürdigkeit er- llärtc Herr Salandva dem Boten Rußlands, daß er zwar die in dem Angebot des Zaren offenbarte Gesinnung dank­bar ancrfetrne", daß aber die Rechtsfrage, die das Airgebot auftoerse, gründlich geprüft werden muffe. Entgegen stän­den einstweilen die Pflichten der Neutralität und Gründe, di« aus italienischen Gesetzen beruhen. Auf itrüstein schem Boden habe jeder Fremde, der nichts verbrochen habe, das Recht, zu gehen, wohin er wolle. Die italienische Regie- rung könne also die geschenkten Oesterrricher nicht zurück» halten (Rußland hat sich daß eben altes etwas ruffisch ge­dacht). Was aber die P,lichten der Neutralität anbelange, so will Salandva den russischen Antrag einem diplomatischen Schiedsgericht, bestehend aus fünfzehn hockzgestelften Italienern, unterbreiten^ Das fft sehr llug und vorsichtig von dem Ministerpräsidenten Italiens. Durch die Tätigkeit des Schiedsgerichts wird Zeit gewonnen irnv wir dürfen ihm diese scheinbar ausweichend« Behandlung nicht übelnelmien. Italien hat es nicht leicht. Und das Danaergeschenk der Russen wird es sich doch hüten anzunehmen.

Berlin, 26. Okt. (WTB. Nichtamtlich.) Ein Züricher Telegramm der »M Z. a. M." meldet aus Mailand über das russische Angebot betr. die österreichischen Gefangenen fta- lienisckter 'Nationolttät: Der Präsidem des Ausschusses, der das russische Angebot prüfen soll, ist Salandva selbst, so daß fein Votum wahrscheinlich den Ausschlag geben wird. Die italie­nischen Blätter sind mit wenigen Ausnahmen der Ansicht, daß das russisckw Angebot in seiner jetzrgen Formulierung nicht au nebmbar ist Ein Vertreter desCorriere della Seva" batte mit dem russischen Botschafter Kcupenski eine Unterredmig. Dieser erklärte, das Angebot des Zaren bedeute »st>ic offizielle Aner­kennung von seüen Rußlands, daß die von österreichischen Unter­tanen ialientischer Nationalität bewohnten Orte italienische Ge­biete sind. DerCorriere della Sera" sieht das Angebot als sehr gef ährlickt an und schließt:Gott behüte uns vor unsereit Fveunden!"

ttriegrbriese <nt$ dem westen.

Bon unserm Kriegsberichterstatter, fldrbercchtigtrr Nachdruck, auch ausMgsweise, verbaten.)

Vom Schützengraben mW seinem Humor.

Großes Hauptquartier, 21. Okt.

Neben den neuen Mitteln, die der europäische Krieg von 1914 pgn erstenmale in den Dienst des Bölkerringens gestellt hat, den aus Meil eu e ntft rimng nrit einem ernzigen Geschoß die feindlichen Festen vernichtenden schweren Geschützen, der iedes Geheimnis einer neuen Stellung stüort erkundenden Fllegerauf- klär ung und der ausgedehnten Verwendung des Kraftwagens mi Ncuhricküeu- und Etappendienste. neben allen diesen Errungen­schaften der Wissenschaft nnd Technik, sn denen als jüngste noch die drahtlose Tckegrarchü und die lenkbaren Luftschiffe kommen, hat eines der Westen Kricgcknrfttel eine gantz neue Bedeutung gewonnen: der Schützengraben. Die Aufgabe und Wirkung der lüngsten Kriegsmitdel ist vor dem Kriege hinlänglich und in breitesten Kreisen erörtert worden. Alles, was Flieger und Zep­peline leisten würden, haben die Dichter der Zukunftsromane uns ieit einigen Jahren io anschaulich geschildert, daß der gegenwär­tigen skriegsberichterstattung nichts übrig bleibt, als diese pro­phetischen Darstellungen su bestätigen und dein Seherblicke des Poeten Bewunderung zu sollen. grausame Prosa des ewigen Schützengrabens dagegen hat dre volkstümliche Vorstellung von modernen Kriege wenig beschäftigt. 'Desto mehr haben mit ihr und den ganz neuen taktischen Ausgaben, die sich hier darbieten mußten, die berufenen militärischen Fachmänner gerechnet, welche nun das Krio^bild ei n getcvffe n sehen, das sich für ihr Auge

zu erschweren. llni> so mit allen unsinnigen Kleidungs- formen, die ohne Schönheit sind, well ihnen die Zweckmäßig­keit fehlt. Was uns eine deutsche Bcru- und Möbclkunjst er­ringen ließ» das wird auch Ruhllftne für eine deutsche Klei­dung geben, bei der Schneidertechniker, Vdediziner und Künstler mitzuraten und zu taten haben werden. Mit dem Grundsatz: das ist unbrauchbar und häßlich, wsil es vom Ausland kommt, schassen wir so wenig eine deutsche Mode wie nrit der früheren Ansicht: das ist schöst well es vom Ausland kommt. Ein tieferes Warum muß dahinter stehen, soll nicht der Wunsch nach einer deutschen Mode auch in Zukunft ohne Dauer und Erfüllung bleiben. Die deutsche Frau muß wieder lernen, ihre Kleidung als Ausfluß ihrer Persönlichkeit zu betrachten, die eben geistig und körperlich verschieden ist von der der Französin oder Engländerin. Daß der geistigen Eigenart wie der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Trägerin gedacht werde,'das sei der Fort­schritt einer deuffchen Mode. Körperliche Bewegungsfreiheit fördert auf die Dauer auch die geistige, und diese ist es jas die im Grunde unser Voll heute verteidigt. Die Mode der Zukunft wird zeigen muffen, wie weit Deutschsein uns Frauen nicht Phrase, sondern innerstes Erlebnis ge­worden ist.

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Eine preußisch russische Bette.

Es darf jetzt an eine Wette erinnert werden, die vor etwa achtzig Jahren abgeschlossen wurde, zur Seit des be­rühmten Lagers von Kalisch im September 183o, als preu­ßische nnd russische Truppen vereinigt unter ihrem Herrscher Friedrich Wilhelm III. und seinem Schwiegersohn Kaiser Nckolaus manövrierten. Bei der Kaiserlichen Tafel tauchte die Frage auf, ob eine preußische reitende oder eine Kosaken- batterie schneller wäre. Diese Frage führte» wie in der Geschichte der preußischen Garde-Artillerie von Hauptmann Beutner erzählt wird» zu einer Werte der beiden befreun­deten und so nahe verwandten Monarchen. Es wurde be­schlossen» daß die beiderseitigen Batterien nebeneinander eine Strecke von 2600 Schritt zurücklegen, dann abprvtzen und feuern sollten. Welche Batterie den ersten Schuß adgäbe, oie sollte Siegerin sein. Am folgenden Tage wurde die Wette ausgefochlen, und zwar so, daß den betreffenden Batterien erst unmittelbar vorder Kenntnis gegeben wurde. Der König von Preußen wählte die von der 2. reitendst Gcrchekompaguie besetzte Batterie des Kapitäns Perle zum Austrag der Wette. Perle erklärte seinen Leuten den Auf­trag und erhielt die mutige Autivort:Verlassen Sie sich daraus» Herr Haupttnau«, die Keckks kriege» wär untert'

bereits aus den Erfahrungen des ruffisch-lLpanischen und des Bolkankriegcs entwickelte.

^lus der offenen Feldschlackst der ungeheuren Fronten, mft der das Völlerringcu int Westen ein setzte und bei der dre Zu- sammenstöße zu zahlreich und für das Gcsanrtergebnis dennoch so sehr Episode waren, das, die Geschichtsiclmubinig den meisten Gesccksten erst später ihren Namen unrd gedm können, hat lick» in wenigen jkriegswockicn die endlose Linie der Schützengräben herausgcbilbet, welckre in säst irmmterlnockienem Zuge von der 9!ordsee bis zum Fuße der Mpen reickrt. Zwischen zwei Schützen­gräben, in deren jedem Millümenbeerc eingograbrn liegen, wird die Entickreidmig unr das Sckncksal Enropis anSgetragen. Seit inehr als vier Wochen geht, iveim man sich die Ereignffse in büdlickxr Vereinfachung vorstellt, das Feuer von ScküU'engraben zu 'Schützengraben. Seit mehr als vier Wocknm ^dröhnen von beiden Seiten nmmterbrockien die Geschütze bei Tag imd bei Nackst, bäniig so andauernd, daß man bicr vom Haiiptauartier aus ihr beständiges Dröhnen imd Donnern Nne eine fortwährende, nnabgeriffene, eintönige Melodie vcrnmnnt. Etnia so, wie das Rumpeln eines ichwereii Lastwagens aus einer hohlen Brücke, oder ivic das Rattern eines Eisenbahuznges durch einen Timncl, so hört man sttmdcnlang, wenn das Nebclwetter den Klang ein wenig abdämpft, das Todeslied der schwerni Geschütze hernber- ballen Es begleitet unS, wenn wir über Feld wandern, cs läßt leise die Fenster zittern, wem, war bei Tisch sitzen, es pvckst in die Ohren, toemi wir nach durcharbeitetem Tage den Schlaf suchen Und schliesslich, so unglaublich das klingt, ist man daran eben so gcivöhnl ivic an das Fallen der Eiästln und Kastmiien, die draußen inr Park bei iedein Windstoß wie ein Aagellchancr aus das dürre Hcrbstlaub llatscheii. Man bat das immittelbare Bewußtsein, daß jeder Hall dieses iminerwährenden (beschütz- donners jngeiidliche, tapfere Menschen aus der Liste der Leben­den streickst, zwar selbstveiständlich nickst verloren, aber man lernt, dieses Empfinden in das Unterbewusstsein zil verbannen, wo jetzt so vieles mit starkem Willen gebanitt nnd zur einstweiligen Ruhe bescktworcn liegt: Das Ciedäckstnis der vielen gefallimen prächtigen Menschen, die uns liebe Freunde waren, die Sorge um die anderen, die Angehörigen und Freunde, die draußen vor dem Femd stehen, das Mitgefilhl mit den Hinterbliebenen nnd denen, die zu Hause notleiden, weil die Ernährer ins Feld gezogen sind. All das darf »ns jetzt nicht übermannen, all das ruht mit eisernen Willensllommern gefesselt bis zu dem Tage, wo die Waffe» schweigen werden.

Das ist etwas Wnnderlick»es, Wunderbares in des iNenschen Art, daß er cs vermag, durch die Zauberkraft starken Enffchknffes die gigantische Mackst der in solchen Zeiten auf llm cinstürimmdeil Eilebnisse und Eindrücke zu übenvältigen und ihnen zu gebieten, daß sie riilfcii, bis es Zeit sein wird zur Totenllagc imd zugleich zur Siegesfrelide. Ms hätten sich alle hier draußen im Felde das Wort gegeben, so hilft einer dein andeni über die schtvere Zeit hinweg Und dankbar ivird jeder begrüßt, dem die groß e Kimst gegeben ist, die übrigen mft echtein Hmnor zii stärken. Ein gutes, aus dm Stunde geborenes Scherzwort läuft wie eine Parole durch das ganze Lager. Es weht mft Wrnbessckmelle von Armee zu Armee, dir ganze Front entlang nnd nwhin man kommt, lacht es ans den Augen der Kämpfer. Es wäre nicht an­gebracht, diesen wahren, aus den blntbenäßten Schlachtseldern er­wachsenen Humor schon jetzt zu sammeln und nach der Heimat zu berichten, weil er, seiner Umwelt entrifferr, doch leicht ein en falschen Begriff vom Ernste der Stimmung unserer Truppen geben-nntc und weil man hier draußen den Eindruck hat, daß so wie so in der Lermat sich noch imm er in Theatersingsangs, Witzblättern nnd Nlkpostkarten ein Geist brett macht, der schleckst nnd häßlich zu dieser Kriegsmonate blutiger Bitterkeft paßt. Hier draußen, wo jede Minute Glieder irnb Leben kostet, hier ha t der Kriegshumvr seine heilige, aufricktcnde Berechtignrig. 2lber wenn wir hören, daß zu Hanse in den gesicherten Gehegen der Tan- tiemcpiantagen dieselben bernssmäßrgen Witzlinge sich in feld­graue Begeisterung stürzen, die noch vor nnmigen Worben in giftigen Rcvne-Eouplets den deutsck«n MlitarismnS verhöhnt haben, darm fragen wft uns doch voll tieser Beschämung, ob urrser Volk diese Schlacken lemals los werben wird, wenn ihm selbst die Feuerreinigimg dieses Krieges nicht Wst.

Meine Absicht kann es also nicht sein, in diesem Aiigenblicke eine unsterbliche Kiste von Kriegswitzen auszupacken, wie sic in der

Das Zeichen wurde gegeben und die Preußen und Russen setzten sich in Bewegung. Die Batterien mutzten quer über die Beete von Aeckern fahren. Da die Beete in Polen nur 3 Fuß breit sind, so ist das Fahren darauf sehr unbeguem. Pferde nrüssen» um in schneller Gangart gleichmäßig zu ziehen» gut eingeübt sein, was wohl die Russen, nicht aber die Preußen waren. Während nun erstere gleich rm Karriere losfuhren» lieh Perle erst antraben und, als die Pferde alle nn gleichmäßigen Zuge waren, Galopp und Marsch-Marsch blasen. Er überholte die Russen bald, protzte am Ziel! ab nnd chatte schon einmal durchgefeuert» ehe der erste Schuh der Kosäkenbatterie ftel. Von allen Seilen wurde er beglück­wünscht. Abends stand die siegreiche Batterie beim Appell, als der russische Artilleriegeneral Sumarokow erschien, um nochmals seine Anerkennung auszusprechen. Da trat der Trompeter Porth vor und sagte zu Sumarokow:Aber, Exzellenz» wie haben Sie sich nnt den Preußen einlassen können! Da muffen Sie ja immer unterliegen!" Sprach­loses Erstaunen, von dem sich zuerst der General Sumarokow fatzte. Er sagte:Freilich, wenn ein solcher Geist in der Truppe herrscht» daß selbst der Trompeter davon beseelt fft, so muß sie natürlich auch Außerordentliches leisten können." Dann gab er Porth fünf Dukaten und sagte:Hier, mein Sohn, nimm dies für dein stolzes Wort!" Aber auch von preußischer Seite blieb der Lohn für Dorth nicht aus: er erhielt drei Tage Arrest für unerlaubtes Sprechen vor der Front. Der Preis der von König Friedrich Wilhelm ge­wonnenen Wette bestand in einer russischen Batterie von 8V-Psündigen sogenannten Einhörnern (langen Haubitzen) nebst 68 prächtigen Pftrden. Die Einhörner, die lange mft zu den Paraden geführt wurden, kamen später ins Zeughaus.

Sorgt für gute Gedenklbikder unserer gefallenen Helden. Die Vereinigmig bildender Künst­ler in Berlin bittet uns um Aufnahme folgender Zeilen: Kunst und Geschichte dienen »cm Vnteckandc, indem s» di« großen Ereignisse fcsthalten. Nicht jedem Einzelnen kormen offciil- liche DenkmÄer errichtet werden, aber in den »ranrucen, den Ahnen- galerien, den öffentlichen Gebäuden sollen solche durch gute Bckd- nisse für spätere Zeiten geschaffen werden. Es wird 'Ausgabe der einzelnen Künscker-Vereimgmigen >cm, d«s aus Anlaß des Krieges zu mäßigen Preisen zu veranlaen Zunächst null die Bereinigung bildender Künstler IJuryfrecc Kunsychan Berlin)" versuchen zwischen Publikum nnd Künstlern in dieser Richtung zu vermitteln, imd erbittet Anfragen, auch von außerhalb, imter Angabe und Einsendung des zu Gebote stehenden Materials (Photo­graphien usw.) an ihre Geschäftsstelle Berlin» Wzchmannstraßc 18. Nähere Auskunft erfolgt alsdann.