Ausgabe 
23.10.1914
 
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»6-». Jahrgang

Nr. 240

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Erstes Blast

Zreitag. 25. Moder i?»

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Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Unio.-Suctß und Zteindruckcrei R. Lange. Zchristlcitung, Geschästrstelle u. Druckerei: §chulstr. 7. Anzeigeni"":' H^Beck

General-Anzeiger für Oderhessen

Andauernde Kämpfe in weslslandern. 5iegessahrten der Emden". Eine Tagung der preußischen Landtags.

Großes Hauptquartier, 22. C!t., vormittags. (25«. 1 X£Ö. Amtlich. . Die Käinpfe am Bier-Kanal dauern noch sort. Elf «nglcschc Kriegsschiff« uMerstützlen die scind-! lichc Artiftette. Oestlich von Dixmuiden tvurdc der Feind > zurückgeworfcn: allch in der Richtung Bstcrn drangen unsere Truppen erfolgreich vor.

Die Kämpfe nvrdtvcsilich vtcd westlich Lille waren sehr er­bittert. Der Feind wich aber auf der ganzen Front langsam zurück.

deftige Angriff« au? der Richtung To ul gegen die Höhen südlich Thiauconrt mutten unter schwersten Verlusten für die Franzosen zurückgeworfen.

Es ist cinwandftel sestgesrellt, das; der englische Admiral, der das Geschwader vor Ostende befehligte, nur mit Mühe von der Absicht, Ostende zu beschießen, durch die belgische Behörde obgebracht wurde.

Auf dem nordöstlichen Kriegsschauplatz folgen Teile un­serer Truppen dem weichenden 'Gegner in Richtung Ossowiec, Mehrere hilndert Gefangene und Maschinengetvelge fielen in unsere Hände. Bei Warschau und in Polen wurde gestern nach dem unentschiedenen Ringen der letzten Tage nicht gekämpft. Tie Verhältnisse befinden sich dort ncxl) in der Entwicklung.

* * *

Ungewöhnliche Anforderungen werden jetzt auch an die in der Heimat Zurückgebliebenen gestellt, und wer wollte es befremdlich finden, daß mangels dos gewohnten Rückhaltes an einen, cng gefügten regelmäßigen Gang der Ereignisse, nrancktz' an selbständige Fassung nicht gewöhnte Herzen mit- tmler die Richtung verlieren? Ter Krieg ist ein großer Er­zieher nickst nur in der Welt der praktische» Handlungen: alles erhebt er zum Ungemeinen". Tagelang tobt in West­flandern die große Schlackst, von der auswärtige Beobachter sagen, daß sie die größte sei, die jemals gesehen worden sei. Und dennoch müssen wir in der Heimat harren, geduldig unseren, Tagelverk nachgehen und das übrige Gott über­lassen Wie ein erfrischender Sturmwind bläst es in die dumpfe Atmosphäre der lastenden und nüchternen Geschäfte­macher, denen keine großen Erlebnisse vor der Seele lagen, die kein Gottvertrauen kannten und doch Menschen einer hohen Kultur genannt sein wollten. Jetzt lernen wir Geduld und die in großem Zuge wirkende Zeit erkennen. Tie be­vorstehenden großen Eleschicke, die wir gemeinsam emp­fangen sollen, stärken unser Volksgefühl und erheben uns zu sicherer Gelassenheit und Hoffensfreude. Wir spüren das Fortwirken der gründlichen Vorbereitungen unserer .Heeres­leitung und des Heldenmutes unserer Soldaten. Groß und herrlich sind auch diese Meldungen mis dem deutsckwu Haupt- guarticr, die uns eine vollständige Entscheidung noch nicht Mitteilen können.

Im Mittelpunkt unseres Interesses steht heute die Kriegssitzung des preußischen Landtags, wobei beide Häu- ler in gleicher Weise durch einsfimmige Annahme der von der Regierung vorgelegten Forderungen ihre einmütige vaterländische Gesinnung an den Tag gelegt haben. Ter Kredit von anderthalb Milliarden wurde anstandslos be­willigt. Der alte preußische Spruch: mit Gott für König und Vaterland könnte als Lcitniotiv über den beiden Sitzun­gen Schweben. Daß von Abgeordneten Vertrauen in höherein Maße gefordert wird als selbsttätige Entschlüsse und Kritik, war in unseren Zeilen ungewohnt. An die Gesinnung aber werden in diesen Tagen die größtes Ansprüche gestellt; sie, die überall die gleiche sein soll, muß der Prüfstein für unser deutsches Volk sein. Bewundernd stcht scboit das »veite Ausland vor dem Sck)afien und Wal­ten des deutschen Lolksgeistes, der sich in diesen Zeiten Bahit ins Freie gebrochen hat. Noch muß vieles getan wer­den, noch müssen Anforderungen an die Gesi n n u n g auch derer gestellt iverden, die das deutsche Volk mit den zum Leben nötigen materiellen Güstern versorgen sollen. Was der Staat zu tun imstande ist, hat uns das Beispiel Preu­ßens gezeigt. Es fordert zur Nacheiferung heraus. Ter Ruf nach staatlichen Notstandsarbeiien muß auch iin Groß­herzogtum Hessen gehört werden. Es ist eine Prüfung not­wendig, wie weit und an welchen Stellen auch der hessische Staat jetzt helfend eingreifen kann. Der in unserer Zeitung schon erschienene Vorschlag, den Külturplan für den Vogels­berg zu verwirklichen, wäre vielleicht zum Teil ausführbar. Nokstandsarbciten, das müßte auch die Losung für die Städte sein und nicht zuletzt auch für Private. Ter Aufruf, der vom Oberbürgermeister der Stadt Gießen an die Frauen­welt gerichtet worden ist, verdient die allergrößte Berück­sichtigung. Es liegt darin auch wicdernin ein Appell an die Gesinnung des Volkes. Wer jetzt nicht volkswirt­schaftlich denkt, tver jetzt kein Gesicht zeigt für die Leiden und Bedürfnisse ärmerer, unglücklicher Volksgenossen, der verdient nicht den deutschen Namen. Alle Maßregeln, die der Staat oder die Mttitärgewalt ergreifen, um den Markt und das Geschäftsleben zu regeln, können nur zum Teil wirksam sein, wenn ihnen nicht die Gesinnung, das Ver­ständnis aller Beteiligten entgegenkommr. Die Frage nach Schuld und Sühne ist heute in vielen Fällen ausgeschaltct. Aber eine spätere Zeit wird Richter sein, und wir alle werden dereinst Rechenschaft darüber oblegen müssen, ob

wir in dieser größten Zeit unseres Vaterlandes unsere volle Pflicht erfüllt haben!

Reue Taten derEmden".

London, 22. Oft. (WTB. Nichtamtlich.) Der Agent von Llonds in Colombo telegraphiert an die Admiralität; Ter deutsche KreuzerEmden" hat die brstischen DampferC h i l k a", Troilus",Ben mehr",Elan Grant" und den für Tasmanien bestimmten BaggerP o n r a b b e l" versenkt und den TampfcrOxford" gekapert.

Tic Flucht der Ganges Flotte vor derEmden".

Rom, 22. Okt. Ein Brief derTribuna" aus Kalkutta meldet: Es lvar Mitte September, als das englische Gc- chwader a» der Gangesmündung ahnungslos im Golf von Bengalen kreuzte. Als dieEmden" sich zur ersolgrcickzen Jagd aus die Engländer anschickte, bemerkte im gleichen Augenblick der nach Kalkutta fahrende italienische Dampfer Löredano" die im Hinterhalt liegendeEmdew", n,ü>, um dem aus Kallntta herankommenden italienischen Dampfer Dandolo" llngelegenheiten zu ersparen, warnte er letzteren durch Flaggensignale und riet ihm schleimigst den Dirs zu ändern. Tie englische Flottille bemerkte bieie Signale, ent­zifferte sie und brachte sich durch schnelle Flucht in Sicher­heit.

Die Schlachten in Wcstflandern.

Amsterdam, 22. Okt. (WTB. Nichtamtlich)Tele- graas2 meldet aus Sluis vom 21. Oktober: In der letzten Woche besetzten 40 000 Deutsche die Stadt Rousselaer, in Westflandern: sie wurden darauf zur Verstärkung nach Nienport und Tstxmuidcn gesckstckt. Sie ließen nur IM Mann zilrück. Am Morgen ».men vo« Apcrn 200 franzö­sische Dragoner, die nach einem langwierigen Ges«ht die Deutschen ans Rousselaer vertrieben. LlbendS kamen von Bpern einige tausend Franzosen, besetzten die Stadt, stellten Kanonen in den benachbarten Gehöften auf und errichteten nachts Barrikade» in den Straßen und auf dem Markt. Sie steflten die Maschinengelvehre in den Türen, in den Eck- hänsern und hinter den landesüblicheu hohen Briefkästen ans. Am Montag früh kamen deutsche Truppen von Brügge und Gent und steklten ihre Kanonen in Hoogleden, Ardöye und Dseahet auf. Sie hatten gute Stellungen, be­sonders in Hoogleden, da das Dorf ans einem Hügel achtzig Meter höher als die 5 Kilometer entfernte Stadt liegt. Bald fanden Vorposlengesechte am Kanal statt. Tie Fran­zosen eröffneten ein Artifleriefener. Die Deutschen beschossen die Stadt. Teufiche Infanterie rückte vor und nahm Deckung bei de» Wagen der Rangierstation Beveren und Rousselaer. Tie Franzoien schossen die Wagen über den Haufen, aber es gelang den Deutschen in die Stadt einzurücken. Es ent­stand ein wütendes Strahengefecht; die Franzosen inußteit zurnckweichen, aber in guter Ordnung mit allen Kanonen. Sie gingen nur bis Lst-Oficuwterke zurück, fünf Kilometer von der Stadt. Die Deutschen besetzten Rousselaer und bräunten eine ganze Straße ab, um eine Fenerlinie für ihre Artillerie zu erhalten. Am Dienstag früh wurde der Kampf erneuert: die Engländer kamen den Franzosen zu Hilfe. Den ganzen Tag wurde heftig gekämpft.

Ter letzte amtliche französische Bericht.

Paris, 22. £ft. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird gemeldet: Von der Nordsee bis La Bassee auf der Front Nieuport-Tixmuiden-d)pern-Warneton-La Bassöe wurden während des Tages heftige Schlachten geliefert. Den letzten Nachrichten zufolge behaupteten sich die Ver­bündeten überall. Aus dem Zentrum und von dem rech­ten Flügel ist nichts zu melden.

Unsere Zeppeline.

Am st e r d a m, 22. Okt. (WTB. 0Nichtamtlich.!Nieuivs van den Tag" melden von gestern aus Maastricht: Zwei Zeppeline flogen heute über Lüttich in der Richtung Antwerpen.

Ter erste Transport verwundeter Indier.

London, 22. Ott. (WTB. Nichtamtlich.) Nach Blät­termeldungen wird im Laufe dieser Wachender erste Transport verwundeter indischer Soldaten in England erwartet. Nach dem ursprünglichen Plan sollten die Verwundeten und Kranken über Marseille nach Aegypten geschickt werden: man entschloß sich aber zu der kürzeren Reise nach England.

Belgische Zeitungen in London.

London, 22. Ott. (WTB. Nicht ärmlich) Das früher in Antwerpen erschienene BlattMetropole" er­scheint von heute ab in französischer Sprache als Beiblatt des LondonerStandard".

London, 22. Olt. (WTB. Nichtamtlich.) Die ,Ln- dcvcndcnce Belge", die gestern zum ersten Male in London erschienen ist, veröffentlicht eine Zuschritt des Premier­ministers Asqnith, in der er dem Blatte Erfolg wünscht und die .Hoffnung ausspricht, daß das Blatt wieder in Brüssel und Ostende erscheinen und daß das tapfere belgische Volk, durch die Waffen der Verbündeten in den Besitz des

Landes gesetzt, bald wieder in vollem (Keims, der Freiheit' sich befinden werbe, für die es so glänzende Opfer gedruckst habe.

Ein englischerSieg".

L o n d o n, 22. Ott. (WTB. Nichtamtlich.)Daily Tele­graph" meldet: £'03 bcutjd)c Sanitätsschisf p he l i o" wurde gestern von den: englischen KreuzerHarmonth" ein­gebracht; seine fnnkentelegraphische Anlage wurde ihm abgenommen. (Dazu gehört fxeilici> nicht viel. Die Red.)

Blockade der Nordsee für die neutrale Schiffahrt?

London, 22. Cft. (WTB. Nichtamtlich.) Der Mtt» arbeiter derTimes" für Marineangelegenlieiten beschäl- tigt sich mit der Frage der Blockade der ganzen, Nordsee für die neutrale Schiffahrt. Er geht dabei von dem SHicksal des KreuzersHawke" und an­derer englischer Schiffe, die beim Nachtdienst in der Norb- fcc, der hauptsächlich zur Ueberwachung von Handelsschif­fen diente, verloren gingen. Dabei fühtt der Verfasser Erklärungen einer Anzahl von Völkerrechtslehrern an, die alle darüber einig seien, daß die kriegführenden Mächte berechfigt sind, Gewässer, die am Schauplatz der Kriegs- operationen liegen, für die neutrale Schiffahrt vollständig zu schließen. Der Verfasser tritt sodann für die Blockade des ganzen östlichen Teiles der Nordsee von Calais bis zur norwegischen Küste ein. Alle Schiffe auf der Fahrt nach neutralen Häfen müßten sich an bestimntten Stellen der norwegischen Küste und im irischen Kanal sam­meln, Ivo sie untersucht werden würden, und von loo sie unter Schutz nördlich um Schottland herum wetterfahren könnten. Gleichzeitig müßte alle Schleppfischerei und alle Fischerei mit Treibgarn verboten werden. Die Schließung der Nordsee durch eine Sperre von den Shetlmidiuseln bis zur norwegischen Küste, so daß nur die itorwegisck)e« Westhäfen und ein schmaler Einlauf ins Skagerrak srei- blicben, würde es leicht machen, Handelsschiffe zu über­wachen, ohne dabei in dem gleichen Maße wie jetzt (be­fahr zu laufen. Die neutralen Länder würden einem sol­chen Schritt gegenüber kaum Schwierigkeiten machen und sicherlich anerkennen, daß die Verantwortung hierfür letz­ten Endes nicht England zugeschobcn werden könnte.

Ein englischer Uebergriff gegenüber Amerika.

Washington, 22. Okt. (WTB. Nichtamtlich.) Die Presse erörtert lebhaft die Beschlagnahme des Standard- Oil-SchiffesBrindilla" durch einen britischen Kreuzer. Die New Dorker ZeitungAmerican" spricht von der Wahrscheinlichkeit eines heftigen Protestes. Me Washingtoner Post" schreibt:

Die neutrale Schiffahrt der Unionstaaten, die Ladungen der neutralen Slaalcn übermittelt, ist »ach den: Völkerrecht ein Pecht der Neutralen und von der Unlcrsuckmng und Beschlagnahme befreit. Da die Unwnstaaten mit allen Nattonen Freundsci-ast Hallen, würde man Geduld üben, ivenn fremde Kriegsschiffe versehentlich ameri­kanische Rechte beeinträchtigten. Aber wir können nicht dulden, >venn irgend eine Nation das Recht beansprucht, Schisse mit Cargo- sür nenlralc Häsen ohne Verbindung mit den kriegführenden Natio­nen z» belästigen, durchsuchen und zu beschlagnahmen.

Tie Türkei und England.

London, 22. Okt. (WTB. Nichtamtlich.) Das Reuter- sche Bureau meldet ans Kon stan ti n opeI vom 19. Oft; Auf die britische Vorstellung über fortgesetzte Anwesen­heit deutscher Mannschaften ans türkischen Kriegsschiffen hat die Pforte endgültig erwidert, daß dies erne tznnere Angelegenheit sei.

Tie englisch-japanische Freundschaft.

London, 22. Ott. (WTB. Nichtamtlich.) (Reuter.) Marineminister Churchill richtete ein in herzlichen Aus­drücken gehaltenes Telegramm cm ben japanischen Marineminister, in dem er seine Wertschätzung für die Energie ausdrückte, mit der die verbündete Flotte die Sache der Verbündeten stütze. In dem Antworttelegramm sprach der japanische Marincminister die tiefe Genugtuung über die vollkommene Harmonie aus, die zwischen den Flot­ten der Verbündeten herrsche. Hieraus ginge hervor, daß beide das gleiche Ziel verfolgten, das beide bald erreichen würdsen.

Das Vorgehen Japans.

Wien, 22. Ott, (WTB, Nichtanttlich) Zu der Be­setzung der deutschen Inselgruppen in Ozeanien schreibt dieNeue Fr. Pr.":

Als die ersten deutschen Südseeinseln von den Japanem be­setzt wurden, verkündigte man in Tokio, die Besitzergreifung sei mir aus militärischen Gründen und nur, vorübergehend erfolgt. Eine nunmehr veröffentlichte Erklärung lägt aber die Zukunst der Besitzsragen völlig üu Dunkeln, Tie Beietzung der drei Jnscl- gruvven ttchtet sich in erster Lrnie gar nicht gegen Deutschland, sondem gegen die Vereinigten Staaten und Australien und damit gegen England. Darin liegt das Tragikomische an dem btttisch- iavanischen Bündnis, daß es selb» in einem Falle, da England | Nutzen daraus zu ziehen hoffe, seine Spitze gegen dieses selbst ttchtet.