Ausgabe 
22.10.1914
 
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Lr. 2^8 Zweites

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

DieSiehener Zamülendläller" werden dem .Anzeiger^ »iermal wöchentlich beigelegt, das Kreftblatt für den Kreis Kietzen" zweimal wöchentlich. DieLaildwirllihsstlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Slatt 164- Zahrgang

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General-Anzeiger für Gberhessen

Donnerstag. 27. Moder

Rotationsdruck und Verlag der Brüht'scheu Universiläts - Buch- und Steindrnckcrei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schril- straße 7. Expedition und Verlag: fcS»51. Redaktion: Tel.-Adr.:i!lnzcigerGieben.

England und Antwerpen.

Als England gegen Ende des Siebenjährigen Krieges sein Bündnis mit Preußen brach und vertragswidrig Frieden mit Frankreich schloß, sagte Friedrich der Große:Bündnisse mit England schlagen stets zum Verderben derer ans. die sich chm anvertrauen." Belgien hat die Wahrest dieses Aus­spruchs auf das bitterste am eigenen Leben erfahren müssen. Für d»e englische Schissahr! war Antwerpen der wichtigste Platz des europäischen Festlandes. Nach keinem Hafen hatte sie auch »nr annähernd einen so großen Verkehr aus;»wciscn. Im Jahre 1913 liefen in Antwerpen Schisse mit über 14 Millionen Tonnengehalt ein, davon 6,2 Millionen Ton­nen unter englischer und 4,5 Millionen unter deutscher Flagge. Aus politischen und seestrategischen Gründen suchte Englaich mit allen Mitteln zu verhindern, daß Antwerpen in die Hände einer starken Macht kam. Als die französische Re­publik Ende 1792 das heutige Belgien eroberte, ihr Küsten­gebiet vergrößerte, die Schelde öffnete und neue Ausgangs- däsen erivarb, erklärte Englands das bis dahin in der Revo­lution einen Vorteil für seinen Handel erblickt hatte, an Frankreich den Krieg.

Schon der ältere Pitt pflegt« zu sagen, daß England seine letzte Guinee daran wenden müsse, um zu verhindern, daß Frankreich in den Besitz der Niederlande käme. An der Seliechc sollte ein Mttelvunkt handelspolitischer und mari­timer Macht nicht entstehen. Aus AntwerpenVlissinge» richteten die Engläicher größte Aufmerksamkeit. Am 31. De­zember 1792 erklärte der jüngere Pitt im Parlament: Nie werde die englische Regierung ein gleichgültiger Zuschauer sein, wenn Frankreich sich nnttelüar oder unmittelbar zum Beherrscher der Niederlande »rache oder sich zum allgemeinen Schiedsrichter über das Recht und die Freiheiten Europas auswürsc. Bald sprach man in London niit Abscheu von der unmoralischen Revolution", um sich den Anschein zu geben, als ob man für Ideale und nicht für Interessen emtretec Nrcht die Hinrichtung des Königs," sagt Max Lenz, .son­dern die Eroberung Belgiens trieb England in den Krieg." England trat in die erste Koalition «in, wurde der treibende Geist auch aller späteren Bündnisse gegen Frankreich und hielt sie durch das goldene Band seiner HilsHgcldcr zusamt men. Nach dem Ausbruch der Brüsseler Revolution von 1830 und nach der Unabhängigkeitserklärung Belgiens war die englische Politik bemüht, den französischen Einfluß in Bel­gien nicht aufkommen zu lassen. England versagte seine Be­stätigung der Wahl eines Sohnes des Königs Ludwig Phi­lipp znm Murg von Belgien, beteiligte sich an der Pazifizie­rung des Landes und drang auf baldigste Zurückziehung der französischen Truppe« aus Belgien.

Die Eroberung Antwerpens ist nicht der erste, aber der schärfste Schlag, den England bisher in seinem Feldzug gegen Deutschland erlitten hat. Englands Ohnmacht zu Lande rückte wieder eitnual in ein helles Licht. Das gewaltige Weltreich vnt seiner angeblich unbestreitbaren Oberseeherrschaft war »icht imstande, die Verteidigung Antwerpens wirksam zu unterstützen und den Fall der für England so wichtigen Hafen- sestnng zu verhindern. Schließlich nötigten die Engländer den belgischen Kommandanten, das Bombardement über die Stadt ergehen zu lasse», nur damit die englischen Hilfstrup- pen einen Vorsprung erlangten, um rechtzeitig flüchten zu können. Es ist ein alter englischer Grundsatz, nichts hcraus- zugebrn, was mit Blut und Eisen gewonnen wurde. Dieser Grundsatz verdient Nachachtung.

London, 21. Okt. tWTB. Nichtamtlich.) Der militärische Mitarbeiter derTimes" spricht die Ansicht aus, daß der Ent­satz Antwerpens ausfübrbar gewesen wäre und er nicht an einem Fehler von englischer Seite gescheitert sei, sondern an einer derjenigen Enttäuschungen, die in der Leitung der Operationen der Koalitionsmächte nur zu häufig rinträtcn. Wenn 40 000 bis 50000 Verbündete von außerhalb in der Lage gewesen wären, die Belagerer ctwa aus der Linie Gcnt-Mccheln anzugreifen, so hätte man einen großen Erfolg erwarten können. Wenn die Ex­

pedition gebilligt worden sei, habe Churchill ossenbar mit voller Zustimmung seiner Kollegen gehandelt, und diese nncderuin mit der Zustimmung der Verbündeten.Wir waren bereit," fährt der Schreiber des Artikels jort,an der Operation Icilzunchmcii, und wir versügtcn über die notwendigen Truppen. Wenn die anderen uns im letzten Augenblick nicht helfen konnten, so behänden un- zwcisclhait gute Gründe dafür. Es mit höheren Interessen un­vereinbar, daß die Verbündeten von einander Rechenschaft verlan­gen. Wenn Kitchener oder Churchill im Parlament oder ander­wärts ausgcsordert iverdcn, das Fiasko von Antwerven zu erklären, »o können sie mit vollem Recht jede weitere Erklärung verweigern.

Vas Lrgeb lir der englischen Herrschaft in Indien.

Der indische Revolutionsausschuß der Hindostani in S. Francisco verbreitet, wie die Mitteilungen des Vereins fiir das Deutschtum im Ausland melden, einen Aufruf, der dieerfolgreiche Kulturtätigkcit der für unterdrückte Völker so »vorm cintretenden Engländer" in 14 Punkten zuscrinmen- faßi. Der Aufruf lautet:

1. Die Engländer ziehen jedes Jahr 167 Millionen Dollars aus Indien nach England. Dadurch iverdcn die Hindvstant so arm, daß ihr Einkommen täglich nur 2/i Zent beträgt.

2. Tic Grundsteuer beträgt über 65 vom Hundert

3. Be» einer Bevölkerung von 240 Millionen Menschen be­tragen die Ausgaben

sür Erziehungswesen $ 25 000000

für Gesundhellspvlizei $ 6000000

dagegen für das Heer $ 97 000 000

4. Unter der britischen Herrschaft haben die Hungersnöte stets zugenonimen. In den letzten zch-n Jahren sind zwanzig Millionen Männer, Frauen und Kinder verhungert.

5. Infolge von Pest sind in den letzten scchszehn Jahren acht Millionen Menschen gestorben. Die Stcrblichkeitszilser hat sich in den letzten dreißig Jahren von 24 aus 34 vom Tausend erhöht.

6. Es werden Mittel ausgetoendet, Uneinigkeit und Unordnung in den eingeborenen Staaten zu fördern und den britischen Ein­fluß dort zu erhöhen.

7. Engländer »verdcn sür dir Ernwrdung von Hindus und die Entehrung von Hindusrauen nicht bestraft.

o. Mit dem den Hindus und Attihammedaneru abgeiwmmcncn Geld »»erden die christlichen Missionare unterstützt.

9. Fortgesetzt iverdcn Anstrengungen gemacht, um Feindschaft zwischen den Hindus und den Mohammedanern zu crxcgen.

10. Die Kunst und das Kunstgewerbe Indiens fittb zum Besten Englands zugrunde gerichtet morde»».

11. Mft indischem Geld und »mter Uufvrpseruug von Hindus als Soldaten find China, Afghanistan, Birma, Aegypten und Persien bekämpft und teilweise uirterjocht wordeu.

12. Die Bevölkerung Indiens beträgt in dm Euzgcborencw- staoten 70, in den britischen Gebieten 240 Millwncn.

13 . Die britischen Truppen in Indien setzen sich aus 79 614 englischen Offizieren unb Soldaten, sowie 38948 Freiwillig ei» zusammen.

14. Seit der Revolution twn 1857 sind über fünfzig Jahre vergangen Eine andere ist jetzt dringend nötig.

Die zwette Gietzener Liebesgabensahrt.

Gieß en, 21. Okt.

Wie »rir in Nr. 245 desGieß. Anz." mittrilten, ist cs ge­lungen, auch den zweiten Li eb es gabent ran s po rt sür die 116er an seinen Bestimmungsort zu bringen. Ueber die stttcr- essantc Geschichte dieser Fahrt geht uns von den daran beteiligt Getvesenen der nachstehende Bericht zu:

Tie Verbringung der von der Stadt Gießen, den Zweigvereinen vom Roten Kreuz Gießen und vom Verein eheinaliger 116er zu Gießen gesammelten Liebesgaben sollte ursprünglich mittels Kraft­wagen dircft erfolgen. Nachdem sich aber dieser Besörder»mg kaum zu beseitigende Schwierigkeiten gegen üb er gestellt hatten, »inirde unter Mitwirkung des Herrn Majors Stephan ermöglicht, von zuständiger Stelle dir Genehmigung znm Anschluß an den Militärtransport und die vorgeschriebcnen Fahrt­ausweise zu erhalten. Zur Besörderrmg der zahlreich eingegangenen Liebesgaben wurden ein gedeckter Eisenbahnwaggon und zur Be­förderung der 4 Kraftwagen 4 «»eitere Waggons zur Verfügung gestellt. In liebenswürdiger Weise hatten Mftglicder des Ober- hessmischcn Auwrnvbilklubs, die Herren: Geh. Kommerzienrat Dr.

Gail (Führer: I. Gcnnö, Begseiler: Haurat Steinbach). f)ahn- lechniler O. Graes (Begleiter: Kaufmann Riä«rd Wallenfels), Frau Kvmmerzieiirat Th. H c >> l i g e n st a c d t Wittve »Fahrer: W. Wehn, Begleiter: Bürgcrmeistcrcisekrctär Mosig), Direktor Stoltc (Begleiter: Stadtverordneter Dr. Ebel) ihre .ittastwagen zur Verfügung gestellt.

Am 8. Oktober abends 7,34 Uhr ging der aus 120 Achsen bc- stcbendc Militärzug, der rund 1400 Mann Ersatzlruppru sür verschiedene Truppenteile mit sich führte, ,n Gießen ab, begleite» von herzlichen Ülbschiedsgrüßcn einer unzähligen Zuschauermeilgc. Bereits in Wetzlar imube Halt gemacht, um die Truppen zu ver­pflegen. Am 9. Oktober gegen 5 Uhr morgens erreichten wir Troisdorf, »vv die Truppen niit »oarmeiii Kaffee versorg» »vurdcn. Die Fahrt ging über Köln, Düren, Aachen und erreichte gegen 12 Uhr mittags Herbesthal a» der belgischen Grenze. Etwa ein Kilometer vor dem Hauptbahnhofe machte der Zug Halt, und wir lagen hier inmitten zahlreicher Militärtransporlzüge .fest bis 6,20 Uhr abends. Um 6,30 Uhr fuhren nur über die belgische Grenze und erblickten bald die schrecklichen Verwüstungen des Krieges. Durch Zurufe der au der Bahnlinie ausgestellten deutschen Land- sturinposlcn erfuhren wir den Fall von Antwerpen. Nach der An­kunft in B. ging es mit ctioa 15 Kilometer Geschtoindigkeit in süd­licher Richtung weiter. Gegen 7 Uhr nwrgens mußte die Fahrt kurz hinter der Station T. infolge Sperrung der Strecke bis nach­mittags 3,30 Uhr unterbrochen »verden. Hier »ourde »um erstenmal im Freien abgckocht, wobei sich ein lebhaftes milftärisck>es Treiben entwickelte. An dieser Stelle hatten drei Tage vorher 8 0 bel­gische Soldaten die aus Fahrrädern gilt bctoasstltt und mit Sprengstoff versclien heranrückten versucht, den vor imö liegen­den Tunnel zu sprengen. Durch die Wachsamkeit un­serer braven Landsturmlcute wurde dieser Plan ver­eitelt. Ein zufällig die Stelle durchfahrender Militärtransportzug war von den Posten angehalten morden u»tb mft Hilfe diesmf Truppen wurden die Belgier in die Flucht geschlagen, wobei 5 getötet und mehrere verwundet wurden. 80 Fahrräder und etwa 2 Zentner Tvnamit wurden erbeutet. Nachmittags gegen l Uhr erblickten wir hier den ersten deutschen Flieger an den schwarzen Kreuzen unter den Tragsläckwu deutlich erkennbar. Gegen 4 Uhr »achnnttags wurde die Folpl über B. fortgesetzt und abends 6,30 Ulp M. erreicht. Hier wurden die Truppen verpflegt. Nach ein- stllndigcm Ausentbalt ging die Fahrt in der Richtung V. wefter. Aus per ganzen Fahrt mußten die Lichter des Zuges gelöscht bleiben.

Am 11. Oktober morgens gegen 8 Uhr wurde vor der Statton B. auf freiem Felde unter Einleitung des LiedesEine sestc Burg ist unser Gott!" Feldgvttesdienst abgchalten, der sür alle Teilnehmer und auch für uns unvergeßlich bleiben wird. Ucbcr C. erreichten wir Sonntag nacht St. Qu. gegen Uhr, wo toiedcrum die Truppen verpflegt wurden. Nach einer bitterkalten Nacht er­reichten wir am 12. Oktober morgens gegen,8 Uhr die Station M. Nachdem in den mnliegrnden Ortschaften gegen Ausdrusch von Zigarren Fleisch, Kartoffeln,usw. beschafft worden waren, wurde hier im Freien abgckocht. Die von Herrn Direftvr S t o l t a zu­bereitete Kartoffelsuppe mundete den Teilnehmern der Fahrt aus­gezeichnet. Hier hörten wir bereits den ersten Geschützdonner vom rechte» Flügel: zahlreiche deutsche Militärflieger über kreuzten die Bahnlinie. Ueber T.-F. erreichten wir gegen 4 Uhr nachmittags! N. Mangels einer Rampe konnten unsere Wagen hier nicht aus- geladen werden. Daraus wurden wir nach H. zurückbesördett. In­zwischen waren unsere Freiwilligen nach ihrem Bestimmungsort« abmarschiert.

Wir entschlossen uns, noch am selben Abend die Kraft­wagen zu beladen und brache»: gegen 10 Uhr zur Fahrt nach der Front aus. Es war eine stockftnstere Nacht, die Lampen unserer Wagen mußten im Sicherheitsintereffe gelöscht wer­den. Nur unter ungeheuren Schwierigkeiten war es möglich, durch die zerstörten und verlassenen Ortschaften den rechten Weg zu fin­den. Die Wege waren sehr schlecht, durch eingeschlagene Granate» vielfach zerstört, rechts und links durch ausgeworsnie Schützcngräbeit und Unterstände eingeengt. Alle Teilnehmer waren darauf gefaßt, jeden Augenblick vom Feinde beschossen zu werden. Mit einem Gefühle wirllichcr Erleichterung erreichten wir gegen Mitternacht den angeblichen Aufenthaltsort des Divisionsstabes unseres Regi­ments. Nach zahlreichen Erkundigungen bei den Wachtposten er­fuhren wir zu unserer größten Freude, daß das ganze aktive Regiment 116 sich in F... befand, und am nächsten Tag einen Ruhetag hatte. Wir nahmen infolgchessen da­von Abstand, die Führer von unserer Ankunst zu verständigen, entschlossen uns vielmehr, den Morgen abzuwarten. Da in dem völlig zerstörten Orte Quartiere sür uns nicht vorhanden tvaren und in den zerschossenen Gehöften die Truppen ruhten, verbrachten

Vas Nlima in Salizlen.

Witterirnqseinftiisse haben im Kriege von jeher eine große, oft eine entscheidende Rolle gespielt. Hier nur ganz kurz ein paar Beispiele: Casars Heer geriet bei Dtzrrho- ckximn in eine sehr üble Lage, weil Stürm« auf der Adrra lange Zeit hindurch die Nachführimg von Verstärkungen unmöglich machten: die spanisch« Armada wurde mehr durch Wind und Wetter als durch die englischen Schiffe vernichtet; der Große Kurfürst hotte die Schweden nicht bis hinter die Mauern von Riga jagen können, wenn ihm nicht strenger Frost erlaubt hätte, sein ganzes Heer in Schlitten über das gefrorene ttzurische Haff zu führen: ein besonders grimmiger Winter bewirkte die Auslösung der großen Armee Napo­leons auf den weiten Schneegesilden Rußlands, und die Schlacht an der Katzbach hätte sich nie zu einer so vernich­tenden Niederlage ausgewachsen, wenn nicht die schlesischen Gebirgsflüsse durch unausgesetzte Regengüsse zu reißenden Strömen angeschwollen waren.

Heute, im Zeitalter der NMionenHeere, mit ihren lan­gen und empsindlickrn Etappenstraßcn, der Lnftscistffe und Flugzeuge ist die Bedeutung der Wetterkunde für die Kriegs­führung noch größer geworden, und deshalb unterhält jede neuzeitliche Heeresleitung auch einen sorgfältig geführten Wetterdienst und hat geschulte Fachmänner für diesen in ihren Stäben. Unter den gcgenwärttgen Verhältnissen drängt sich namentlich auch die Frage aus, ob es möglich sein wird, einen aussichtsreichen Winterfeldzug auf der Ostfront gegen R u ßlan d zu führen. Dort liegt die Haupt- entscheidüng jetzt in Galizien und den angrenzenden russi- schen Gouvernements von Südpolen, Wolhnnien und Po- dolien, und es dürfte daher intereffieren, etivas über das dorttge Klima zu erfahren. Da ist zunächst festzuhalten, daß von allen österreichischen Kronländern Galizien das weitaus strengste Klima hat. Es ist ein ausgesprochenes Festlands­klima mit heißen, aber kurzen Sonmiern, rauhen und stür­mischen Herbsten, langen und harten Wintern, späten und launischen FrühÄngon. Beträgt doch die mittlere Jahres- temperatur in Lemberg nur 7,5°, in Krltnica gar nur öP°. Wichtig ist ferner, daß das Land keinen Schutz gegen die rauhen Nord- und Nordoscwinde hat, die es oft mit furchtbarer Gewalt durchtoben und erst am langgestreckten und hochragenden Walle der Karpathen sich brechen. Im

Winter steigern sie sich oft zu furchtbaren, eisigen Schnee- sttirmen, die den menschlichen Verkehr aufs äußerste er­schweren. Bistveilen setzen solch« Schneestürme schon sehr frühzeitig ein, so machten sie sich auch heuer schon bei der Wiederaufnahme der österreichischen Offensive störend gel­tend. Andererseits bietet gerade der Winter für die Be­wegung großer Heereskörper mancherlei Vorteile, nament­lich bei trockenem Frostwetter. Denn dann backt der er­müdende Mahlsand zusammen und wird hart, sonst unzu­gängliche Sümpfe und Gewässer erhalten eine feste Decke und sind leicht überschreitbar. Freilich müßten unsere Trup­pen für einen solchen Winterßeldzug, der sie bei siegreichem Fortschreiten bis zu Rußlands reichsten Kornkammern füh­ren könnte, erst noch besonders ausgerüstet werden gegen die grirmnige Kälte des galizisch-podolischen Winters. Da bietet ihnen der ruthenisckM Bauer das beste Beispiel, der sich in einen einfachen Schafpetz hüllt, die Wollseite nach innen, die nur oberflächlich abgeschabte Hautseite nach außen. Schön sieht ja ein solcher Pelz nickst gerade aus, aber warm hält er und mollig ists in ihm, solange er noch nicht von Ungeziefer winmrelt. Für die Füße ist eine Umwicklung mit Papier, wie sie von den dorttgrn Jägern schon lange geübt wiro, der beste Kälteschutz. Das unent­behrlichste Gepäck, Munition und reichliche Proviantvor­räte müßten auf leichten Schlitten mitgefühvt werden, die die Mannschaften selbst zu ziehen hätten, auf denen sie da­für aber auch ihre Tornister miwerstauen könnten.

.Kulturbund Deutscher Gelehrten und Künstler,

Berlin, 21. Ost. Unter diesem Namen hat sich stn Anschluß an die Bestrebungen, die denProtest an die Kulturwelt" gezeitigt haben, eine große Anzahl hervorragender Vertreter der Wissen- tcbast und Kunst vereinigt, um durch dauernde Verbindung mit Berufsgenossen und Freunden im neutralen Ausland den spstematisch ausgeftreuten Lügen und Verhetzungen unserer Feinde entgegcnzutteten. Jener Protest, der in zehn Smachen übersetzt worden ist und in tausenden von Briefen seinen Weg in die neutralen Länder gesunden hat, ist, wie viele Rückäußerungeil beweisen, nicht ohne ausstärmde und umstimmende Wirkung ge­blieben. Nun kommt es daraus an, diese Wirkung zu erhalten und zu vertiefen, indem unsere IntellekMellen ihren Kollegen ihre Hilfe behuss Feststellung der Wahrheit zur Versügung halten und ihnen Anregung und guten Rat bieten. Darauf wird besonders Bedacht genommen werden, daß dies in einer Weise geschieh, die

von überredender Zudringlichkeit ebenso weit entfernt ist, wie von zlcichgülttqem Gewährenlassen. Daß durch gutgemeinte, aber ver­stimmend wirkende Belehrmigsversuche bereits viel gesündigt wor­den ist, steht außer allem Zweisrl. Hier bessernd einzugreisen, ist die Ausgabe desKulturbundes", der sich bereits zu einer sesten Organisation ausgewachsen hat und Mftglicder aller deutschen Unrversftäten und Akademien in sich schließt.

Die Geschäftsstelle des Kulturbundes bestndet sich in dein Gebäude der Akademie der Wissenschaften Berlin NW. 7, Unter den Linden 38. Den Vorsitz führt der Anawm der Berliner Universität Proseslvr Waldever. DemGeschästsführenden Aus­schuß" gehören neben dem Vorsitzenden an: Wilhelm o. Bode, Lud­wig Fulda, Ernst o. Ihne, Prof. Max Liebermann, Prof. Franz v. Liszt, Prof. Ludwig Manzcl, Prof. Adolf Mrethe, Pro» Max Planck, Tr. Georg Reickc, Pros. Gustav Rüthc, Hermann Sudcr- mann, Prof. August o. Hvffermann. In den.Satzungen wird als Zweck angeführt, Lr die Vertreter von Kunst und Wissenschaft des neutralen Auslandes unwahre Gerüchte über das Verhalten Teutsclz- lands richtig zu stellen und die von unseren Kriegsgegnern be­gangenen Verletzungen des Völkerrechts und der Meuschlickzkeit zu beleuchten.

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Berlin, 21. Okt. (WTW) Nichtamtlich.) Ter Vor­stand des Verbandes deutscher Bühnenschrift- steller erläßt sollende Erklärung:

Die Zeitungen melden, die stanzösische Genoffenschoft dra- mvtischer Autoren und Komponisten habe beschlossen, deutschen Komponisten und Schriftstellern kein Honorar mehr auszu­zahlen. Unter der Voraussetzung, daß diese Nachricht sich bestättgt, ermatten wir von den deutschen Bühnen und Theatecver- legern, daß sie auch ihrerseits keine Hoiwrarzahlungen mehr an stanzösffche Autoren leisten, solange bis jener Beschluß der Ge­nossenschaft wieder aufgehoben wird.

Der Borstand des Verband^ deutscher Bühnenschrrststeller: Max Dreher, Ludwig Fulda.

Berlin, 21. Okt. (Prrv.^el.) Der ,Lok-Anz." mel­det aus Berlin: Der Graphiker Jsmael Gentz, Sohn des Orientmalers Wilhelm Gentz, ist im Alter von 54 Jahren gestorben. Das Museum von Antwerpen bewahrt von ihm zehn Bleisttftporträts bekannter Persönlichkeiten auf. Auch mehrere deutsche Museen enthalten graphische Arbeiten von ihm.

Stuttgart, 21. Okt. (WTB.) Der Liederkomponist Ludwig Wallbach, Ehrenmitglied des Stuttgatter Hof- theaters, ist im Mter von 82 Jahren gestortb-e n.