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Nr. 2 \Z Ävettes Blatt 164. Jahrgang

Erscheint tcktztich mit Ausnahme de« Sonntag?.

DieSiehenrr FamilienbiäNer" reesben b«m .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Xreirölatt für den Kreis «letzen" zwennal wöchentlich. DieLanbwirlichastiichev öeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhejjen

Mittwoch, 2!. Moder M4

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Universitäls - Buch- und Sieiudruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Sckul- straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion: sqK 112. Tel.-Adr.:Anze>gerGicßei>.

Die Vorlagen für den preußischen Landtag.

Berlin, 20. Okt. (WTB. Nichtamtlich.) Dem prrnffffchen

Landtage wird ein Gesetzentwurf vorgclegt werden, durch Le« die Staatsrezierimg einen vorläufigen Kredit zur Deck»«« teils der naturgemäß durch den ,krieg hervorgeiusene« Msfälle der den Staatsernnahinen, teils der besonderen Kriogs- ausqabcn im Interesse der Bevölkerung erbittet. Der Text des Gesetzes schließt an das Etatsqesetz für 1914 an, durch welches der Finanzmnnster zur vorübergebenü.-n Berstärknng des Be­triedsfonds der Generalstaatskassc durch die Ausgabe von Scha tz- anweisungcn bis 100 Millionen Mark ermächtigt wird, und sieht eine Erhöhung dieser «unrme bis zur Höhe von 1500 Millionen bor. Für die Hilfsaktion zugunsten Ostpreußens und einzelner geschädigter Teile Westprenffcnö allern sollen Geld­mittel bis 400 Million«« Mark berertgebnlten werden. Unter den <ursqe»äbltrn Ausgabegrnvoen such von besonderem Interesse die Fürsorge für die staatlichen Lohnangestellten. Bei der Einberufung der vom Staate in dauerndem Bertragsverhältnis tmgenommeiicn Personen zum Heeresdienst erhallen die Familien «eben einer nach den Reichsgesetzen zu gewährenden Reichsmindest- Mterstützung in Anlehnung an die Voraussetzungen dieser Gesetze fortlaufende Beihilsen, die nach dem Arbeitsverdienste bemessen wer­den Für die Beamten stich, falls sie durch die Räumung ihrer ivtandocle usw. Unkosten haben, entsprechende Beihilsen vorgesehen.

In Bezug aus N ot sta n dSa rl> eit e n zur Veruiiicherung der Ächeitslosigkeit ist insbesondere aus dem Gebiet der Eisenbabu- «erwaltnng eioe uneingeschränkte Fortsetzung und die Inangriff­nahme neuer Bauarbeiteir angeordiret worden, bei denen Arbeits­lose und Kriegsgefangene nützliche Verwendung finden könnten, sso Hochwasterregulierurrgen an der Elbe und der Oder, Verbesserung lder Oder-Wasserstraße, Ausbau des Plauen-Kanals und besonders -die Herstellung des Lippc-Seitckanals. Unter erheblicher Herstär- -kung der Aufwendungen gegenüber dem bisher genehmigten Ent­warf für die landwirtschaftliche Verwaltung ist zur Verstärkung der Erzeugung vou Lcbcnsniitteln für Menschen und Vieh angeordnct mordcu, daß die Kultivierung von Hoch- und Niedc- rungSniooren, namcntlich in den Provinzen Hannover und SchteSusigsiHotstein beschleunigt und in den großen Niederungs- moorqeinoteu, besonders in den Provinzen Brandenburg und Pom­mern, die zur Kultivierung erforderlichen Einrichtungen mit der größten Beschleunigung dnrchgcsührt werden, so daß bereits im kommende-! Jahre Erträge zu erhoffen sind.

Einen wesentlichen Teil der Begründung nehnien die Maß­nahmen für die Versorgung de» Laiches mir Nahrungsmit­teln, die Vcrnichrung der vorhandenen Nah-rungS- und Futter- -mrttel und die Erhaltung des B i c h b e st a n d e S in Anspruch. >Es wird ersichtlich, in welch erheblichen- Umfange der Staat auf diesem Gebiete in Tätigkeit getreten ist. Für die westlichen Anf- marschgebicte, für dir Industriegebiete des Westens und für die sFestungsgemeinden ist die Beschaffung von Lebensmitteln teils durch eigenen Ein- und Verkauf für Rechnung des Staates oder durch den Staat selbst, teils durch Urbernahmc des ganzen oder teil­weisen Risikos beim Ein- und Verkauf, teils durch itznvähriing von Kredit, Vorsorge getroffen worden. Bei der Knavvhcst der Futter­mittel und der Möglichkeit, die vorhandenen Broigetrechevvrrätc, durch Mitverwcnduug von Kartoffelnirhl zu verlängern, ist die Förderung der Karwffclschnitzel und Rübenblättertrvcknimg von Staats wegen an geordnet worden, indem die Kredite zur Weitrr- »abe an die Genossenschaften und die Landwirte, die sich zur Her­stellung oder Erweiterung ihrer Trvcknungsanlagen verpflichten, zur Verfügung gestellt wurden. Außerdem sind Tarifermaßigunqcn für die Zufuhr von Rvhkartvffeln und der Vertrieb von Trocken- karwffeln bewilligt worden Nachdem der Bundrsrat das vor­zeitige Schlachten von nicht schlachtreifem Vieh verboten hatte, war es erforderlich, dir Mästlmg solchen Viehs durch Kreditge­währung an die LandwirtschastSkammern zu fördern, welche den Kredit zu Vorschüssen an die Master verwenden sollen. Der Mangel an Zugtieren hch den Staat ferner genötigt, im Interesse der Feldbestellung die Verwendung von Motorpslügen mit Geldmitteln zu unterstützen. Es ist ein Kredit zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellt, der an die Kreise, die Landwirtschaitslammrrn, die Land­wirte, Genossenschaften und Mvwrpstugstrmen westergegeben wer­ben kann.

Als bedeutungsvollste Aktion erscheint am Schluffe der Be­gründung die Hilfsaktion für Ostpreußen. Die Ersatz­leistung durch das Reich bestimmt sich gemäß § 35 des Kriegs« leistnngsgesetzes vom 13. Juli 1873 nach einem zu erlassenden Reichsgesetze. Aber schon vor diesem durch das Kriegsleistungsgesctz in Aussicht gestellten Eintreten des Reiches, wenn auch vorbehaltlich der Erstattung der ausgewendeten Mittel durch das Reich, wird eine soiort imd selbständig einzuleitend« umfangreiche Hilisaktion notwendig, die eine unabweisbare Pflicht des vreußischen Staates äst. Es bandelt sich dabei darum, die Flüchtlinge, so lange sie an der Rückkehr nach der Heimat gehindert sind, mst Unterkunft und Unterhalt zu versorgen, die Zurückkehrenden und die trotz der rus­sischen Invasion Zurückgebliebenen vor weiterem Elend, das die Folge des Mangels an Unterkommen und Nahrungsmitteln sein nchrde, zu schützen, ihnen zu Helsen, sowie ihren gestörten oder ver­nichteten Haus- und Nahrungsstand wieder herzustellen und ins­besondere der Landwirtschaft und dem Gewerbe die Fortsetzung oder

die Wiedereiirrichtnng der Betriebe, soweit jeweilig erforderlich, zu ermöglichen.

Endlich wird mitgeteilt, daß zur Linderung der durch den Krieg herbergkiührttn Kredstsehwierigkeiten berests eine Kreditbank für Ostpreußen gegründet worden ist. an der sich der Staat mst den, doppelten Betrag der aus der Provinz sließendcn Ein­lagen beteiligt hat, und daß zur Unterstützung ostpreußischer .hvvothekruschuldner bei Bezahlung ihrer Zinsen gleichfalls eine wirtschaftliche Organisation in Aussicht genommeit ist.

Die Schlußsätze der Begründung lauten: Welche Beträge insgesamt zum WiederausbaA Ostpreußens und der mitbetroffenen Teile WestpreußrnS ausznwendcn sein werden, ist zurzeit noch nicht zu überleben. Für die vorläufigen, vorbehaltlich der späteren Schad­loshaltung im vollen Umsangc, erfolgenden Leistungen des Staates werden Beträge bis zu 400 Millionen Mark bereit - gehalten werden müssen. Der durch Gesctzenttvurf erbetene Schatz- anweisungskredit ist dementsprechend bemessen.

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Die Landffäitde des Grotzherchgtums Hessen

werden, wie dieFranks. Ztg." erfahren haben will, in der zweiten Hälfte des November zu einer kurzen Tagung zusammengerusen, um verschiedene Maßnahmen auf dem Ge­biete der Arbeitsbeschaffung in der allgemeinen Fürsorge in Notfällen zu beraten und die dafür erforderlichen Kredite be­reit zu stellen. Di« Zweite Kammer, die in diesem Herbst« durch Neuwahlen zur Hälfte erneuert werden sollte, ist zwar geschlossen, aber da nach dem neuen Wahlgesetz das Mandat der ausscheidenden Kammermitglieder ausdrücklich bis zur Neuwahl Geltung hat, so will man während der Dauer des Krieges von Neuwahlen absehen und den bestehenden Landtag einfach weiter amtieren lassen. __

Die Vorteile eines Mnterfel-zuqes in Russland.

Die Russen suchen ihre stark enttäuschten Verbündeter« danrit über ihren eiligen Rückzug zu trösten, daß sie den Winter als die Zeit für ihre Sieg« bezeichnen, und diese Zukunstshosfnnngen finden guten Glauben, weil das tra­gische Schicksal dergroßen Armee" Napoleons in Ruß­lands Schnee- und Eisfeldern allen noch lebendig vor der Seele steht. Wer diese Auffassung von der Unmöglichkeit eines siegreichen Vordringens während der kalten Jahres­zeit im Zarenreich ist von hervorragenden Militärschrift­stellern mit guten Gründen bekämpft worden. Ja, die An­sicht hat sich mehr und mehr Bahn gcbrcxheu, daß »im, bei -der modernen Kriegführung gerade int Winter dein nordischen Koloß" am besten zu Leibe ge-hen kann. Wir sehen jetzt bei jeder Schlacht, welch große Bedeutung die Schanzen und Schützengraben haben, wie sie dem Vertei­diger Gelegenhest geben, ein« günstige, vom Angreifer nirr sehr schwer zu erobernde Stellung ernzunehmen. Die Russen haben bisher ihre Erfolge hauptsächlich durch die Ausfüh­rung solcher De festigung6cmlagen im freien Felde errungen. Wenn nun durch die Kälte die oberen Bodenschichten ge- srieren und die harte Erde dem Spaten den zähesten Wider­stand entgegensetzt, dann sind die Erdarbeiten außerordent­lich erschwert, und dem Russen, der durch die jahrhunderte­lange Tradition aus die Defensive hingewiescn ist und auch jetzt wieder zu dem bewährtenMittel Kutusosvs" gegen Napoleon seine Zuflucht genommen hat, wird sein wich­tigstes Verteidigungsmittel genommen. Dem Angreifer aber bietet sich der Vorteil, dctß, er nun nicht mehr mit jenemfünften Clement" zu kämpfen hat, das Napoleon in Rußland fand, näml-ick> mit dem Schmutz. Die schlechten Landwege sind zugedeckt von der glatten weiten Schneedecke und lassen sich spielend mit Schlitten überwinden; die ge­waltigen Flüsse, die den Hauptschutz der russischen Te- fensivlinien bilden, sind für die Angreifer keine furcht­baren Hindernisse mehr, sondern die Eisdecke bietet die beste Brücke, auf der man hinüberkonrmen kann.

Der Gedanke, daß ein Winterfeldzitg die bequemste Art des Angriffes gegen Rußland darstelle, ist bereits von einem genialen Feldherrn der Vergangenheit, von Karl XII. von Schweden, in die Wirtlichkeit umgcsctzt worden. Karl wartete zu seinem Vorstoß gegen das .Heer des Zaren im Jahre 1707 geradezu das Eintreten des streng­sten Winters ab. Erst nachdem die Flüsse und Sümpfe in Polen zugefroren waren, ging er am 29. Dezember über die Weichsel und drang rasch bis Wilna vor, um die russi­schen Streitkräste einzuholen Die Feinde aber zogen sich zurück, und so blieb dieser mit den besten Aussichten be­gonnene Winterseldzug ohne Ergebnis, weil Karl die von ihm ersehnte Gelegenheit, die Russen zu schlagen, nicht erlangen konnte.

Auch Napoleon hat 1806 bei seinem Winterfeldzug, der durch Ostpreußen bis Warschau führte, auf die Vor­

teile der kalten Jahreszeit gerechnet. Wer die Witterung war gegen ihn: der Dezcinber 1806 war ein frostfreicst Monat, urid die Wege blieben aufgeweicht und ungangbar wie im Herbst. Die Franzosen wären gelungen, sich in Polen einzuquartieren, und Napoleon mußte "Frostwetter abwarten. Als dieses am 1. Februar eintrat, machte er sich den Umstand sofort zunutze und befahl den entscheidenden Vorinarsch, der dann sehr bald, schon ani 8. Februar, zu der blutigen Schlacht bei Preußisch-Eylcru führte. Für Karl XII. sowohl als für Napoleon war also das Eintreten der Winterkälte ein günstiges Moment, das sie strategisch ans - nutzten. Und auch bei dem Rückzug Napoleons im Jahre 1812 ist es nicht die Kälte gewesen-, die in erster Linie b% großen Verluste des französischen Heeres verschuldete. Karl Blechtreu hat in seinem Werk über den russischen Feldzug von 1812 hervorgehobcn, daß der Zug nach Moskau in der heißen Jahreszeit viel größere Opfer forderte und daß Na­poleon 200000 Mann auf dem siegreichen Hinmarsch verlor, während der winterliche Rückzug 100 000 Mann kostete. Auch die russischen Soldaten hatten schwer unter der ungewöhnlichen Kälte zu leiden, und das Glatteis störte sie nicht minder als die Franzosen. Der Hauptgrund für die französische Niederlage war der, daß die Truppen nur die Hälfte von der vermeintlick)en Rdenge Pulver besaßen und daß das Verpflegungsioesen vollständig versagte. Die russischen Fröste können nach Blechtreus Ansicht einer -Armee nur dann gefährlich iverden, wenn die Versorgung mit Nahrung und Munition nicht gut geregelt ist.

Reue Schlachtenerfolge der Ocsterreichcr.

(WTB. Nichtamtlich.) Wien, 20. Okt. Aintlich wird verlautbart: 19.Okt. mittags. In der Schlacht östlich Chyrow und Przemnsl hat uns der gestrige Tag neuerdings große Erfolge gebracht. Besonders erbittert war der Kampf beiMiztznie c. Die Höhe von M a g i e r o >o, die bisher in den Händen des Feindes war und unserem Vor­dringen bedeutende Schwierigkeiten bereitete, wurde nach mächtiger Artillerievorbereitung am Nachmittag von unseren Truppen genommen. Mrdlich von Miztmiec kam unser An­griff bis aus Sturmdistauz an den Gegner heran und östlich Przcmtisl bis in die Höhe von Medhka. Am südlichen Schlachtslngel ivurden die namentlich gegen die Höhe» süd- ivestlich Starv-Sambor gerichteten, auch nachts fortgesetzten Angriffe der Russen abgeschlagen. In Strhj- und Snnca-Talc sind unsere Truppen kämpfend in weiterem Bordriu- g e n begriffen. Auch am S a n wurde gestern an .mehreren: Punkten gekämpft. Ein nach Einbruch der Dunkelheit ein-, gesetzter Angriff aus uirsere bei Jaroslau auf das Ostuser des Flusses übergesetzten Kräfte ist vollständig gesckseitert. In Russisch-Polen schlug die vereinigte deutsche und öster­reichisch-ungarische Kavallerie einen großen feindlichen Ka- valleriekörper, der westlich von Warschau vorzudringen ver­suchte, über Sochattschew zurück. Der Stellvertreter des EhesS des Generalstabes: v. Höfer, Generalmajor.

(WTB.) Wien, 20. Okt. Der Berichterstatter d»- Reichspost" schildert das Totenseld vor Przemysl folgender­maßen:

Es ist ungeheuer, wie viele tote Russen vor Prze- mhsl qelalsen worden sind. Ich sah dort Maffcngräber

von riesiger Ausdehnung. Trotzdem liegen noch Tausende von un­geborgenen Leichen auf den, Feldern. Weithin ist Tod und Ver­nichtung gesät, soweit wir sahen. Wir haben geschanzt, was wie konnten, aber für Tausende von Armen gäbe es dort noch Arbeit, um die breiten Spuren des tausendfachen Todes zu verwischen. Tie Stürme der Russen waren schon vor den ersten Verhauen vor Przempsl zusammengebrochen. Achtmal setzten sie neuerlich zum Angriffe an, aber achtmal erstarb der Sturm in vernichtendem Feuer, das sie empiing. Auf den, Felde sanden wir weithin im Umkreise Llbzcichen des 127. russischen Jnsanterie-Regiments, da­zu Grunde gegangen ist. Uebereinsttmmend melden die Bericht­erstatter, daß die Russen jeden Versuch der Verteidiger, die rus­sischen Leichen aus dem Festungsglacis zu begraben, durch hefttges Schrapnellseuer verbinderten, augenscheinlich, um eine Verpestung der Luft herbeizuführen und beit Ausenthalt in der Festung hier­durch unmöglich zu machen.

Aur dem Reiche.

T eutschvölkischeBlätt« r". Wie uns mitgeteilt wird, erscheinen die bisherigenTeutichsozialen Blätter", Hamburg, vom 17. Okt. ab mtter deui NamenTcutschvölkischeBlätteck^ Eine Acndcrung des Inhaltes oder der Richtung des Blattes ist damit nicht verbunden Die Führung des neuen Namens ist nur die natürliche Folge des Zusanimenschlusses der Teutschsozialen Partei und der deutschen Rezormpartei zur Deutschvylkischen Partei.

vttder aus dem deutschen Antwerpen.

Eine Woche, nachdem die deutschen Heere Antwerpen, die stolze Festung an der Schilde, zu Fall gebracht hatten, ist eui holländiscker Kriegsberichterstatter von der holländischen Grenze aus, bis zu der er fahlen konnte, zu Fuß nach Antwerpen ge- wandeN. WaS er auf bem Wege iinunttetbar vor der Stadt sowie in Antwerven selbst gesehen und beobachtet hat, schildert er nun in eine«! längeren Aufsätze imMgemeen Handclshiad' (Amster­dams, und feine MlSNrhrungen mögen eine Ergäntzung zu den bisherigen Berichten 'bieten. Die Wege, die noch eine Woche ttüher sausende von Flüchüingen bedeckten, waren nach seiner Schilderung so gut wie verlassen: man sieht zwar ein paar hundert Leute, die nach Anüverpe« zurückkeirren, aber was be­deutet das gegen die vielen Taufende von Flüchtlingen: die Furcht vor den'Deutschen ist eben bei den Belgiern zu groß. Drbei be­nehmen sich die Deutschen, wie der Holländer wörtlich sagt,mit Takt, selbst mit LiebenSwürdigbüt", wie er selbst zu beobachten Gelegeuheit hatte und was ihm mehrere Anrwerpener auch be­stätigten. In die Stadt selbst zu gckatigen, war ftüht,^ denn die Posten verwehrten niemrnrdcm den Eintritt: zum Wiederhinaus- gelangen allerdings ist ein Paffterschein nötig, der weder Kvm- maudantur ausgestellt wird. Veckaffen lagen die Straffe, da - das war der erste Eindruck: ganze Straßen sind entvölkert, es kommt einem geradest seltsam vor, wenn man einmal an^einer Tür einen Menschen stehen sieht. Ileberall herrscht ttefe Sülle, dir Läden und Femtervorhänge der Fenster sind geichtosscm. Manch­mal hört imrn den schweren Tritt der Patrouille der deutschen Marinernianterie oder das Tuten der Automobile. Rur wenige der Hauptstraßen machen einen ganz arideren Eiichruck: da herrscht reges Leben, und besonders vor dem Stadthause, wo dr: tkom- mmrdcnttnr ihren Sitz genommen hat, ist ein förmliches Gewühl. Der Platz-Major, Marincoberleutmint Krüger, ist emsig damit beschäftigt, Passierscheine anSznitellen: die Nachträge ist io groß, daß ein langer 'schwmy von Menschen wartend dastcht. Der

Holländer unterhielt sich mit einigen Offizieren aus der Kom­mandantur, teilte ihnen mit, welche Stimmung unter den Flücht­lingen herrsche und waS diese für eine Attgst vor der Rückkehr hätten, und einer der Offizaere füllte das sehr richtige Urteil: das seiblödsinnig". Er wies darauj hin, daß Uebenlnß von Lebensmitteln vorhanden sei. und daß keinem der Flüchtlinge etwas geschehe, Angaben, die der Holländer auch vollauf bestäügen kann: von Antwervenern, die zurückgeblieben waren, hörte er nur Gutes, besonders ein Arzt teilte ihm mit, die Deutschen seien ganz höflich und legten niernandem Schunerigkeiten in den Weg. Ein paarmal sah er sogar Antwervener, die sich ganz ge­mütlich mit der deuffckien Besatzung unterhielten.

Stellenweise begann sich ein stärkeres Leben ni der Stadt wieder bemerkbar zu machen: während in den Nebenstraßen die Lüden und Wirtshäusern noch alle geschlossen waren, hatten Geschäfte ans der Kaisersttoße und anderen Hauptverkehrsadern Antwerpens wieder ausgemacht. Die großen Hotels von Weber urid Wagner waren hell erleuchtet, als der Holländer abends durch die Sttaßen wandelte, und ihre Firmenschilder, die beim Ausbruch des Krieges hatten verschwinden müssen, waren tvieder angebracht worden. In den wenigen großen Hotels, die wieder offen stehen, findet man wgor kaum Unterkunff, denn Kitt alle Zimmer sind mit dentt'chen Ossizieren belegt. In den Kaffeehäusern, die wieder ansgemacht beben, witnmelt eS auch von deutschen Soldaten, anscheinend hauptsächlich Marinetrnvven angehörig, wie der Holländer fest­stellt. Ueberall sieht man deutsche Marinesvldaten, in ihren blauen Uniivrmen, Matrosen zu Fuß. zu Rad und auch zu Pferd, außer­dem hat der Holländer einige Toienkopfhnsaren bemerkt und er stellt fest, daß viele Offiziere und Mannschaften das Eiserne Kreuz Nagen. Wenn die nach Holland geflohenen belgischen Flüchtlinge binsichtlich der Dentt'iben keine Furcht zu haben brauchen, viele von ihnen werden bei der Rückkehr nach Antwerpen doch recht un­angenehme Ueberrasckungen erleben. Ter Schade, den die Be­schießung angcrichtet hat, ist, wie sich immer mehr herausstrllt, verschwindend gering: >n vielen Hältsern ist zwar durch die Er­schütterung Glas und Porzellan zerbrochen und es sind Bilder von 1

der Wand gefallen, aber ziemlich übel scheint daS Gesindel gehaust zu haben, das sich die allgemeine Verwirrung zunutze machte und stahl und raubte, was sich gerade bot. Der Holländer traf einen zurückgekehrten Antwervener einem großen Schlüsselbunde, der anscheinend alsKundschaster" von einer Anzahl Flüchtlingen auögesandt war. Sein großes Schlüsselbund hätte dieser Mann nicht gebraucht, denn er fand die Wohnungen, über deren Zustand er berichten sollte, meistens erbrochen. Aehnlich ging es einem Arzte: in seiner Wohnung hatten auch unerbetcne Gäste gehaust, und dabei hatte er sich daraus verlassen, daß über ihm ein Polizist wohnte! ES scheint auch, als ob in der Nähe von Antwerpen viel Vieh gestohlen worden sei: der holländische Berichterstatter meint, die Kuhherden, die die belgischen Flüchtlinge über die holländische Grenze getrieben haben, hätten hänsig aus Vieh bestanden, das in der allgemeinen Verwirrung gestohlen worden sei.

Eine Statistik der deutschen Krregslitcra- t u r. Im Buchhändler-Börsenblatte sinden wir eine Statistik der deutschen KriegSliterattir in den exsten beiden Kriegsnwnaten. Sie umfaßt nicht weniger als 478 Neumscheinnngen und Neu- auslagen, eine Zahl, aus der zu ersehen ist, daß »ch der deutsche Buchhandel durch den Krieg in seinem UnternchmungSgeistc keines­wegs bat lähmen lassen. An der Spitze steht die Griwveffärten der Kriegsschauplätze" mit nicht weniger alz l Ist Nummern. Wenn dann alsbald die Theologie mit 112 Erichemungen folgt, >° ist hierbei zu berücksichtigen, dcrh sich hierunter nicht wemger als 62 durch den .Krieg bervorgerufene Einzelvrediqten von meist örtlicher Bedcutting besinden. Bon Kriegsgnemchten und Kriegs­chroniken in Lieferungen sind bisher nicht wemqer als 27 in ?ln- griff genommen worden, und zwar ist die Flut der Veröffent-. lichungen dicker Art noch fortgesetzt im Steigen, An Kriegs- und Soldatenliederbüchern sind 28 erschienen.