Ausgabe 
19.10.1914
 
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Nr. 2*5 - ' Zweiter Blatt - - 164- Jahrgang

Erscheint täglich m!I Ausnahme de? Sonntag?.

TicSikße»«r Zamiliendlätter" werden dem

.Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, da? Kreis&Iolt für den Kreis Kietzen" zweimal wöchcn.lich. Dierandwttffchsstlichen Zeit­sregen" erscheinen monatlich zweimal.

General-Anzeiger für Gberhessen

VouLage \9. ©fto&er \9\H

Rotationkdnick und Verlag der Drühl'schen UncversitätS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e-GK bl. Redaktionell 12. Tel.-Adr.:AnzeigerBießcn.

Zapaur falsche Rechnung.

Die Besetzung der chineftsch-meiitralen Shantnnsibahn hat ju einerSpannung der diplomatischen Beziehungen zw-iscllcn Tokio und Peking" geführt. Die Japs mag das wenig berührt haben. Man keimt die nrilitäriscbe Ohnmacht Chinas und fürclxtet weder Drohungen noch Ultimatums ans Peking. Aber in Washington ist endlich Alarm geblasen worden, und das mutz in Tokio doch zu denken geben. Zwi­schen den Vereinigten Staaten und China bestehe, so wurde «rerBmirdigerweise aus russischer Quelle gemeldet, eine ge­heime Militär- und Flotten-Kortvention zur Mwehr japa­nischer Nebergriffe. Die Tatsache ist nicht bestätigt und sie wird vielleicht auch so schnell nicht bekannt gegeben werden Aber die Tatsache nruß bestehen, weil die politische Lage mit lßwiirgender Notwendigkeit dahirrgetrieben lwt. Bei der jiriegserklarnng Japans gegen Deutschland erklärte Ame­rika in Tokio Prikte ^Neutralität ,nit denr Hinweis, daß: es "Notiz genommen habe von dem Versprechen Japans, das eroberte deutsche Pachtgebiet mi China zuriickzugeben. Glaubten die klugen Amerikaner wirklich an das Versprechen Japans? Heute sicher nicht mehr.

Marschall Jamagat«, in dessen Hand die Zügel der javanischen Negierung zurzeit liegen, ist ein ehrgeiziger Miütär, dem es nur nach kriegerischen Lorbeeren gelüstet. Gr besitzt nicht die politische Einsicht und Weitsicht, und er hat nicht verhindert, daß die geheimen Pläne Japans, nun endliri, die Vormacht Ostasiens zu iverden, ins Licht der Oeffentlichkeit gedrungen sind. Vor einiger Zeit ist in lJapau eine Gesellschaft ins Leben getreten, der sich hun­derte von Politikern, Juristen und anderen führenden Per­sönlichkeiten Japans anschlossen unb die es zu ihrem Pro- «nmtnt gemacht haben, Japans Oberherrschaft iin Stillen Ozean dmabzusetzen. Sic nennt sich die Pacifische Gesellschaft (Taiheijokai) und ihr gehören bermerkenswerterioeise auch dir streitbaren Professoren an, die seinerzeit den Krieg gegen Rußland predigten Wir können mit einer Probe aus den neuen Aufrufen der Taiheijokai dienen:

.Heute hängt das Schicksal einer Großmacht von dem Blühen »der dem Verfall ihrer Macht ans dem Stillen Ozean ab, und du Oberherrschaft aus dem Stillen Ozean innehaben bedeutet die Zügel der Weit ergreifen. Die sog. pazifische Frage umfaßt nutzt allein dir Herrschaft zur See und andere, die Seemacht betreffende Fragen, sondern auch alle Fragen, die die an den Stillen Ozean angrenzenden Länder angehen, nie auch die mit den erwächrlen Ländern ot Beziehung stehenden Fragen des Ver^hrs, des Han­dels, des EinwanderungsrechteD, der Rassenfragen, der Politik, de? internationalen Rechtes und der internationalen Verträge."

Von derselben Persönlichkeit, hie uns dieses interessante Dokument zur BcrfuAnwg gesbclli hat, werben wir auch noch darauf hin. gewiesen, daß vor Ausbruch des Krieges Mit- gveder des lapanischen Abgeordnetenhauses und andere In­teressenten eine Art Klub unter dem NamenDaiheiso Man­dat Danwvkai" oderllnterhaltungeu über das paciftsche Problem" gegründet haben, der sich de? grö ß te n politischen Änflusses aus die Sti mn mngen der Vokksmaften erfreut trnd her zu dem Räuberpakt mit England «nd dem Krieg gegen Deutschland wesentlich beigetragen, wenn nicht den Ans­schlag gegeben Ijat. Diese Belgge allein schon müßten ge­nügen, um in Washirrgton Marm hervorzurusen. Die Ver­einigten Staaten von Nordamerika haben sich durch die Besitzergrcifnng der Philippinen nach dein spanisch-amerika­nischen Kriege rm äußersten Osten verwundbar gemacht. Die Wegnahme dieser Inseln durch das kändergierigr Japan gilt bei allen Kennern Er noch als eine Frage her Zeit. Und die japanischen Wicke richten sich ja schon längst begehrlich über den S-tilhen Cfyean hinüber nach Amerika Ob wissen­schaftlich haltbar oder nicht, besteht seit Jahrzehnten in Java» die Theorie, daß die Japaner von den alten Mexi-

lanern abstammen. Diese schöne Geschichte wird selbst von den Katheder» der Universität Tokio herunter gelehrt. Bei den letzten inexikanischen Wirren wurdeit die Japs nicht müde, den Mexikanern ihre ddeigung zu erweisen, als die Union mexikanisches Gebiet besetzte. Wird die Union ihre ausgedehnte Küste gegen Japan verteidigen köirnen, werrn es den Ränb«cn des Ostens gelingt, mit den Geldern ihres jetzigen Kriegs- »nd Beutezugs eine noch beträchtlichere Flotte zu bauen, als sie jetzt schon besitzen? In Washington hat man jetzt allen Grund, diesem furchtbar ernsten Problem sorgenvoll ins Gesicht zu blicken, um so sorgenvoller, als nach den neuesten Meldungen Erdrutsche im Panamakanal die Durchfahrt der anreri Ionischen Kriegsschiffe tviedcr in Frage stellen sollen. Entschließen sich aber die Vereinigten Staaten jetzt zu rasct,ein und energischem Handeln, so hat sich Japan, das mit sehr ungenügenden finanziellen Atitteln in den Krieg gezogen ist, verrechnet. Es handelt sich um eine Rassenpfticht Amerikas!

Protest Ser Univ.-rsitaten.

Unter dem Titel:Die Univcrsüätcn des Deutschen Reiches an die Universitäten des Auslandes" erlassen die oeutsäzcn Hochschulen die nachstehende Verwahrung, die von sämtlichen deutschen Universitäten nMcrzeichnet ist.

Der Feldzug systematischer Lüge und Verleumdung, der schon seit Jalzren gegen das deutsche Volk und das Deutsche Reich van ihren Gegnern geführt wurde, hat seil Ausbruch des Krieges alles übertroffcn, was man selbst der gewissenlosesten Presse zugetraul baden würde. So weit es sich dabei um Dinge handelt, die unserem Kaiser und seiner Regierung zur Last gelegt werden, ist die Abwehr Sache der berufenen Stellen. Sie ist erfolgt, gestutzt aus schlagende Beweise. Wer die Wahrheit kennen will, kann sie erfahren, und wir vertrauen, daß sie sich Bahn brechen ivird. Wenn wir aber mit ansehen sollen, daß dir neidische Bosheit unserer Feinde sich nicht schämt, unser Heer Und in ihm unser ganzes Volk barbarischer Grau­samkeit und sinnloser Zerstörungswut zu beschuldigen, »nd daß sic dmnit auch im neutralen Aisland und dort, wo man uns sonst wohlgesinnt ist, einen gewissen Glauben zu finden scheint, so fühlen wir, denen die Pflege menschlicher Bildung in unserem Vaterland vorzugsweise anvertraut ist, uns verpstichtet, aus der Zurückhal­tung, die uns Beruf und Stellung auferlegen, mit einer lauten Verwahrung hervvrzutreten. Darum wenden wir uns jetzt an die Körperschaften, mit denen wir uns bisher in gemeinsamer Arbeft für die höchsten Ideale der Menschheit verbunden lvußten, und mit denen wir auch in dieser Zeft, da Haß und Leidenschaft die Welt beherrschen und dir Geister verwirren, eines Sinnes zu bleiben hoffen im gleichen Dienste der Wahrheit, Wir wenden uns an sie im zuversichtlichen Vertrauen, daß unsere Stimme Gehör und der Ausdruck unserer ehrlichen Entrüstung Glauben ftndeu wird. Wir legen außerdem Berufung ein an die Wahrheitsliebe und Ge­rechtigkeit der viejeu Tausende in der ganzen West, die als gern gesehene Gäste in unseren Lehranstalten Teilhaber geworden sind an dem Erbe deutscher Kultur, und die dabei Gelegenheit hatten, das deutsche Volk in der Arbeit des Friedens zu sehen und keimen zu lernen, mit seinem Fleiß und seiner Rechttichkest, seinem Sinn für Ordmmg und Zucht, seiner tiefen Achtung vor aller geistigen Arbeft und seiner umigen Liebe zu Wissenschaft und Kunst. Euch Alle, die Ihr wißt, daß unser Heer kein Söldnerheer ist, daß es die ganze Nation ooni ersten bis zum letzten umfaßt, daß es von den besten Söhnen des Landes geführt wird, und daß auch zu dieser Stunde in seinen Reihen Tausende «ms unser« Mitte, Lehrer wie Schüler, als Offiziere und Soldaten auf russischen und französischen Schlachtfeldern für ihr Vaterland bluten und fallen: Euch, die Ihr selbst gehört und gesehen habt, in welchem Geiste und mft welchem Ersolge bei uns die Jugend unterrichtet und erzogen wird, und daß ihr nichts so tief eingeprägt ist. wie Dichtung und Bv- wunderung für die Schöpfungen menschlichen Geistes in Kunst, Wissenschaft und Technik, wes Landes und Volkes sie immer sein mögen: Euch, die Ihr alles das wißt, rufen wir zu Zeugen auf, ob cs wahr sein kann, was unsere Feinde erzählen, daß das deutsche Heer eine Horde von Barbaren und eine Bande von Mordbrennern sei, die ihre Lust darin finden, wehrlose Ortschaften dem Erdboden gleich zu machen und ehrwürdige Denkmäler der Kunst und Ge­schichte zu zerstören. Wenn Ihr der Wahrheit die Ehre geben wollt,

so werdet Ihr mit uns der festen Urberzeugung sein, daß die deutschen Truppen, wo immer sie zu Zerstörungen schreiten mußten, dies nur getan haben könmn in der bitteren Notwehr des Kampfes, Alle die aber, zu denen die verleumderischen Berichte unserer Feinde dringen, und die von der Leidenschaft noch nicht ganz ver­blendet sind, beschwören wir im Namen der Wahrheit und Ge­rechtigkeit, daß sie solchen Beschimpfungen des deutschen Volkes ihr Ohr verschließen und sich ihr Urteil nicht von denen vorsckreibcn lassen, die immer auss neue benwisen, daß sie durch die Lüge zu siegen hoffen. Wenn nun in diesem stirchtbarcn Kriege das Werk der Zerstörung größer sein sollte, als in ft älteren Kriegen, und mancher kostbare Wert der Kultur der Veruichtmig anheimfällt, so lastet die Vcrantnwrtung dasür ungeteilt auf denen, die sich nicht damit begnügen wollte», diesen ruchlosen Krieg zu entfesseln, nein, die auch davor nicht zurücksclneckten, der friedlichen Bevölkerung zu heimtückischem llcbersall Mordwaffen gegeii unsere aut 'den Kriegsbrauch aller gesitteten Völker vertrauende» Truppeii in die Hand zu drücken. Sie allein trifft die Schuld an allem, was hier geschieht: sic wird auch sür den bleibenden Schaden, den die Kultur dabei erleidet, der Fluch der Geschichte treffen.

Aus Stadt und Land».

Gießen, 19. Oktober 19-14.

Auf dem Felde der Ehre gefallen.

(Aus Dessen und den Nachbargcbietcn.l

Einj.-Freiw. stud, med. Franz Schmitt, 9. bayr. Ins-Rgt.» aus Mainz. Musk. Ernst Becker, Jnf.-Rgt. 116, aus Gießen. Unteross. h. Res. Lehrer Will). Lenz, Jnf.-Rgt. 116, aus Klein-Linden. Geft. d. Res. Heinrich Frei t ag, Jns.-Rgt. 116, ans Gießen. Unteraff. d. Res, Gymnasiallehrer Hrch, Schcvp, Jnf.-Rgt, 116, aus Gieße». Unteross, d, Landlv. Ernst Balle, Jns.-Rgt, 116, in Gießen, Musk. Gg. Weber, Jns.-Rgt, 168» aus Dutenhosen. Landwehrm, Heinr, Fr, Weigand, Jnf.- Rgt, 81, aus Garbeutcich. Biveseldw. Ludwig Körbcr, Jns.- Rgt, 116, aus Rödgen, Einj.-Freiw, Jakob Reuter, Jnf.- Rgt, 80, aus Lauterbach, Unteraff. ix Res, Ldw, Schässer, Jnf.-Rgt, 81, aus Herborn. Fiis. Wilhelm Schönhals, Jns- Rgt. 80, in Hanau. Off.-Stellv. Referendar Ldw. Mahr, Jnf.-Rgt. 171, in Fulda. Res. Kvnrad Gömmer, Jns.- Rgt, 116, aus Büdingen, Unteross, Heinr, R u y p e r t, 9. bayr. Jnf.-Rgt,, a»S Altenstadt, Landwehrm. Karl Biermann aus Nidda. Landwehrm. Gg. Meißner, Jns.-Rgt. 116, aus Hainchen, Geft. d. Res. Heinr. Dillemu th, Jns.-Rgt. 116, aus Rommelhausen. Geft. d. Landw. Ad. B e ck e l, Jns.- Rgt. 116, aus Selters. Gefr. d. Landw. Wilh. Schultheiß, Jns.-Rgt. 116, aus Echzell. Res. Karl Drach, Jns.-Rgt. 115, aus Darmstadt. Untcroff. d. Res. Ludw. Günther, Jns.- Rgt, 115, aus Wvffsgarten, Lt. d. Res. Mar T Hy l mann, Jnf.-Rgt. 117, aus Mainz. Einj.-Freiw, Balth, Sieben, stud, jur,, aus Ebersheim. Feldw.-Lt. u. Lehrer Engelbert Franz, 8. bayr. Jnf.-Rgt., aus Heusenstamm. Untcroff. d. Res, Rich, Müller, Jns.-Rgt. 115, aus Osseirbach a. M. Gefr. d. Res. Karl Glaß, Jns.-Rgt. 115, aus Offenbach a. M. Lt. d. Res, Dr, phll, Christian Bär, Jns.-Rgt, 116, aus Offen­bach. Komp -Führ« u. Lehramtsaffclsvr Dr. Martin Schmidt, Jnf.-Rgt, 115, aus Mainz, Gefr. d. Res, Adolf Neumann, Jnf.-Rgt. 39, aus Laubus-Eschbach. Unteross, d. Res Dr. Phil. Ernst Herr, Jnf.-Rgt. 117, aus Schierslein. Sergt. Gg. Weintritt, Jnf.-Rgt, 87, atis Mainz, Res, Adam Kurtz, Jnf.-Rgt. 117, aus Mainz. Tambour Ludwig Fischler , Jnf.- Rgt. 168, aus Mainz. Res. Wilhelm Andre, Jns.-Rgt, 118, aus Syiesheim. Unteross. d. Landw. u. Scimtzmann Jos. Friedr. Weil, Jnf.-Rgt. 117, aus Bretzenbeim, Major u. Bat.-Komm. Gg. Stehherger, Jns.-Rgt. 118, in Worms. Landwehrm. Heinrich Trauthig, Jnf.-Rgt. 81, aus Kölschhausen, Landwehrm, Karl Dietrich, Jns.-Rgt, 83, aus Wetzlar. Unteross. und Aktuar Jos. Augst ein, Jns.-Rgt, 87, aus Frankfurt a. M, Off.-Stellv, Referendar Lothar Fohr, Jns.-Rgt, 80, aus Frank­furt a. M, Vizefeldw, d. Res. Aftuar Peter Linder, Jns.- Rgt. 171. Lt. d. Res. Chemiker Dr. Heinrich Heß in Frank­furt a. M. Gefr. d Res. Friedr. Lauf, Jns.-Rgt. 168, auä Frankfurt a. M. Musk. Wilhelm Lind, Jns.-Rgt. 116, aus Frankfurt a. M.

Ypern vöurirchen

Nun erlebt auch das alte Ipern wieder stürmische Kriegs- tage. Seine Gesäucktte weiß genug von solchen zu erzählen Es war am 9. Juli 1383, als dieselben Engländer, die sich jetzt pi Verteidigern Belgiens auswerien, vor der Stadt ertojiaun und ihre Belagerung begannen Damols war Ipern eine blühende Großstadt, deren Beivotmerzahl auf 100 000 geschätzt wurde und deren Tuch- und Wollindustrie europäische Bedeutung hatte. Ein schwerer Kamp) war es, den die tapferen Ipern« in ,enen Tagen auszukänrpfen hatten: sie siegten schließlich, aber die Stadt war übel mitgenommen, die Vorstädte waren zerstört und gerade dort hatte die Drbetterbcvölkcrnng gewohnt. Die war nun hecmal- los geworden, wanderte aus und verpftanzte Iverns Hauptindn- stric an neue Stätten. So sind es die Engländer gewesen, die der Blüte dieser allen Hauptstadt Westflcncdarns den Todesswß versetzt haben, und den Rest ggb ihr dann die achtnronatliche Be­lagerung durch die spanischen Truppen, die fte im Jahre 1584 durchzumachen batte. Ter Farnese bezwang Ipern schließlich und preßte die Bevölkerung grausam ans. Do war Ipern Er noch ein 'Schatten der einstigen, reichen und blühenden Industrie­stadt man zählte damals in der Stadt nur noch 5000 Em- tvohner.

Heute hat sie ihrer über 15 000! Platz genug haben sie, denn die Stadt hat den alten Umsang des Mittelalters bewahrt und überdies ist Iperlöe, früher in einer Anzahl »vn Kanälen die Stadt durckffloß. längst überwölbt worden. So sind riesige Plätze, irngewöhnlich breite Straßen entstanden das Gewand der Stadl ist recht weit und etwas schlotterig geworden für die Ancahl der Menschen, die sie bnvohnen. Aber darum daN inan Ipern doch rriclrt etwa ju teJttB toten ober balbtoten Städten zählen, deren Typus am reinsten durch Brügge wrd anci, durch Meckün Dc i t/e U 'i i wird C nein, die Iperner leben und lauen leben : es ist eine kebarsftohr, wohlhabende Bevölkerung, die hier ansässig ist, und darum stinant Ipern, obgleich es in seiner ganzen Erscheinung wie ein Stück steingewordene Vergangenheit anmiitet, dock iircht inelancholffch, wie etwa das erstorbeike Brügge.

Die Tuckindustrie war die Lebensader des alten Ipern und der Tuchindnstrie dankt die Stadt das Bawverk, das vor allem ihren Ruhm ausmaM, Das sind die in ihrer Axt völlig eiiiWgen Tuckhallen» deren Bau noch tief in das 14. Jahrhundert zurückgeht. Die Tuchdcdustrie erforderte gewaltige Lagerrckune und diesem Zwecke dienten die mächtigen Hallen, die nicht weniger als 4872 Quadratmeter und deren vier -Ichauseften zusammen einc Länge von 354 Metern baben. Der künstlerische Reiz und Wert des Bauwerkes liogt darin, daß be, der Gestaltung der Fronten energische Zusannneniassung der Massen und beweg­liche Gliederung m das glücklichne Gleichgewicht gesetzt word-cn sind. Der impvsantc Belftied, der 70 Nieter hoch emvorsteigt, löst die riesige Bairmafte sehr tvftkungsovll aut und verhindert, daß sie den Erudruck wachsender Schwere erweckt. Die Fajsaden-

bildung der Iperner Tuchhallen, die übrigens, drollig gemig, keinen eigentlichen Emgang haben, ist ja seitdem bei Ausgaben verwandter Art vielfach nachgeahmt wordeir. Ein Durchgang unter deui Belftied führt gerade zur Häuptkivche der Stadt, St. Martin mit seinem scunrpsen Turme, einem bedeutenden Bau­werke des Ucbergangsstlles, deffen Chor durch besonders schöne Berhältniffe sich an-^eichnet. Allein ivenn man die Tuchhallen und St, Alartin ausgesucht und besichtigt hat, so hat man noch lange nicht Ipern gesehen. Denn das Schönste an Ipern das ist, sozusagen das ganze Ipern, dies unendlich malerische Stadtbild, das bei icdem Schritte neue entzückende Blicke eröffnet. Krumme Höähchen so hat H, Hymans, ein feiner Kenner der Stadt, sie einmal geschildert locken uns hier zu inonumental aussehenden Säulengängen oder öffnen sich plötzlich, um uns enien Blick auf originelle, höchst rftjBoIIe Motive zu gewähren, während dort im Schatten der Kirchen, aut wetten, von Bäumen eingezäunten Plätzen sich lange Hämerreihen hin­ziehen, deren Dächer, so wunderlich gestaltet, so vielfach ver­schnörkelt erscheinen, daß ihre überraschende, unregelniäßige Sil­houette den Beschauer ganz aus der Fassung bringt und zugleich entzückt.

Ipern hat seine Ban- und Kiinsrschätze glücklich durch die erwähnten beiden großen Belagerungen gebracht. Im 17. Jahr­hundert ist dann die Stadt viermal von den Franzosen einge­nommen und ebenso oft "zurückerobert ivorden, ohne ffwch wesenk- licbe Beschädigungen an ihrem alten Bestände zu erleiden. Höffen nur, daß auch diesmal ein guter Stern über der schönen allen Stadt stehen und sie gnädig in Kriegszettcu bewahren nnrd.

Kommt man der Bahn in Dünftrchen an, so ist das Bild, das nch bietet, wenn man aus dem düsteren Bahnhoie ans den großen öden, noch nicht ausgebauten Bahnhofsplatz tritt, nicht ge­rade inrponierend. Aber je mehr man sich dem eigentlichen Kerne der Stadt nähert, um so unverkennbarer wird bemerllich, daß Dünkirchen eine Stadt voll regen Lebens ist. Ihrer ganzen Art nach ist die Stadt flandrisch: nur die pvlittsche Grenze trennt das ftanzösische vom belgischen Flandern, die Bevölkerung aber ist hüben und drüben ihrem Grundstöcke nack) die gleiche, und noch weithin au der ftanzösischen Küste sprechen die Fischer den vlämischen Dialekt, Auch die weißen Ziegelhäuser der engen Sttaßen von Dünkirchen, die fteilich im Laufe lang« Jahre schon längst einen dunkeln Firnis angenommen haben, auch sie sprechen von ungebrochener flandrisch« Ueb«lieserung. Am belebtesten ist der Teil der Stadt, der sich zwischen dem Platze d« Republik und dem Platze Jean Bart aus­dehnt, D« Seeheld Jean Batt, zu deffen Ehren auch Theodor Fontane ein paar reizende Strovben gedichtet hat, ist d« Ruhm lein« Vaterstadt, und hi«, aus dem Platze, d« so recht das H«z Dünkirchens bildet, hat man ihm ein Denkmal gesetzt, das von d« Hand Davids d'Angertz herrührt. Dies« Hauvtplatz d« Stadt ist von regelmäßig« Gestalt, rings von hohen Häuserzetten um­geben, und rhn beherrscht, wiederum gut slaudrisch, d« 60 Met«

hohe Belftied, dessen Glockensyiel altberühmt ist. Ihm gegenüber «hebt sich die gottsche, ab« klassizistisch umgestaltete Kirche des heil. Eloi. Schon wird hi« in d« ganzen Haltting des Straßen- unü Geschäftslcbens die Nähe des Hafens deutlich wahrnehmbar. Noch ein paar dicht belebte Straßen iveiter, vorbei an dem neuen großen Rathause und wir stehen an der Lebensader von Dün­kirchen an seinem Hafen

Das ävlll sagen: am alten Hafen, der eigentlich nur ein Binnen­hasen ist. Ihn setzt dann seewärts d«Sttom" (chenal) fort, und hint« seinem Laufe zeichnet sich die grasgrüne Linie des ossenen Meeres ab. Einc ganze Reihe von bcsond«s günstigen Umständen hat sich lnreinigt, um Dünkirchen eine hohe Bedeutung als Hascnplatz zu sichern. Die mehrfache Kette d« Sandbänke, die beiden Küsten am Osteingange des Kanales vorgelagert ist, hat im Norden, wie im Süden zur Bildung vortrefffich« Reeden ge­führt. Das sind die von Dov« und von Dünkirchen. Dazu kommt, daß das Delta d« bei Gravelingen mündenden ?Ia durch die Jahrhund«te dauernde Arbeit der Anschwemmung ein natürliches System von Wass«straßen geschasfen hat, die Dünkirchen auf "das beguemfte sowohl mit dem französiscknn wie mtt dem belgischen Hint«lande in Verbindung setzen. Dies Hint«land ist nun im höchsten Grade geeignet, einen Hasen großen Sttles zu beschäftigen und zu Hallen. Dort Legen die großen Kohlenlager von Nvrd- frankreich, die reichen Niederungen von Flandern und Artois, die bedeutenden Jndulttiezentren von Lille, Roubair, Tourcoing iffw. Dünkirchen rst also d« natürliche Nebenbnhl« von Antnwrven, zumal da cs d« Schweiz und Deutschland geographisch näh« liegt, als die Lwriptstadt an d« Schelde, und in der Tat haben die Fran­zosen den Plan gefaßt, Dünkirchen gegen Slntwerpen auszuspielen.

In diesem Sinne begannen sie nach dem Kriege von 1870/71 die Hafenanlagen der Stadt, die sich längst als ungenügend «- nnesen hatten, ganz grwalttg zu erwettern. Nördlich von dem alten Binnenhafen wurde eine Reihe neuer Hafenbecken von sehr bedeutenden Wmesstrngen geschasfen, die durch Schleusen in Ver­bindung mtt dem Strome gesetzt wurden. Aber selbst diese großen Erweillrungsbauten konnten schon nach wenigen Jahr^hnten dem Verkehre von Dünkirchen nicht mehr genügen, und so ging man an de» rieffgen Neubau, d« erst 1896 vollendeten Nordschleuse, durch den man es «reichte, Seeschfffen von jed« Größe zu jed« Zeft Eingang in den Hafen von Dünkirchen zu sichern.

Einen herrlichen und charakteristischen Rundblick genießt man von dem weit vorgeschobenen Leuchtturme von Dünkirchen. Da sieht man die grauen Däch« d« alten ilandrisclwn Stadt dichtgedrängt in dem Mcruerringe. 40 000 Menuhen wohnen rn- n«holb d« Umwallunqen, während die Gesamtbevölk«ung von Dünkirchen, wenn wan die umliegenden Vororte hinzurechnet, sich auf 70 000 bezfffert. Diese Vororte sind zum Test neue, recht einförmiqe Wohnvi«tel, zum Teil angenehme Villenortc, wie Malo-les-Bains und Rosendael im Osten dn Stadt oder Arbeit«viertcl, Darüb« hinaus schweift der Blick auf die grü­nen Triften des französischen und delgiichell Fjanüerns. Unmittel-