Nr. 242
Zweiter Blatt
164. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag?
Die „Gletzeaer Zaimlleiiblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da? „rlretiblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Lanboirtschaftlichen Seit- frigen" erscheinen monatlich zwennal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
vonnerrtag. Oktober l9;4
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität? - Buch- und Steindruclcrei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: fcgä>i>l. Redaktion: Tel.-Adr.:AnzcigerGießen.
Warschau, bar Antwerpen der Ostens.
Was bisher auf dem westlichen Kriegsschauplatz Antwerpen war, die Zuflucht und der Rückhalt des Feindes, nach dessen Fall die Kriegslage eine große Wendung nimmt, das scheint demnächst und rascher als man vermutete, im Osten die Festung Warschau zu werden. Die Russen haben zwar ein feierliches Gelöbnis getan, dieses östliche Gegenstück zu And- werpcn bis zum letzten Mann und Geschütz zu Hallen und den Deutschen dort den Weg dauernd zu verstellen. Aber schon sind innere siegreichen Heere der polnischen Hauptstadt bedenklich nähe gerückt. Die russischen Vortruppcn wurden südlich von Warschau zurückgeworscn. Zu den 2000 Ge- sangenen, die dem zweiten sibirischen Armeekorps etwa 25 Kilometer von der Besestigungslrnie Warschau entfernt abgenvmmen wurden, kommen nun noch 8000 hinzu!
Warschau ist der Mittelpunkt des großen russischen Festungsgürtels der Weichsel. Die Pläne, noch denen die Festung Warschau heute airsgebaut und verstärkt ist, stammen aus dem Jahre 1908. Im Jahre 1910 verbreiteten sich zwar Gerüchte von einer Auflassung der Weichselfcstungcn und der Zurückverlegung der vorderen Verteidigungssront in die Linie Bjeloftok—Brest—Lttowsk—oberer Bug. Es soll zu großen Meinuvgsverschiedenherten innerhalb des russischen Jngenieurkorps darüber gekommen sein. Schließlich hat aber doch die Regierung des Zaren aus die Festhaltung des von der Natur für diesen Zweck hervorragend ausgeslaltetrn Warschauer Kriegstheaters nicht verzichtet. Der alte Fortgürtel Warschaus umfaßt am linken User der Weichsel elf Forts und ein Zwischenwerk, ivährend am rechten Ufer sechs Gürtelwerke liegen. Der Ausbau der Zwrschenfclder ist heute nach den erwähnten Plänen von 1908 am linken User vervollständigt. die Forts selbst sind den neuzeitlichen Anforderungen entsprechend verbessert. Am rechten Ufer ist ein neuer Fortgürtel um drei bis fünf Kilometer vorgeschoben, der die Verbindung mit Serozk und Segrsh Herstellen soll. Der gesamte Fortgürtel dürste einen Umfang von 50 Kilometer haben, also iveit weniger als der von Antwerpen. Russische Berichte zählen etwa 1400 Festungsgeschütze und eine Besatzung von 50 000 Mann. Natürlich ist die Zahl der jetzigen Verteidiger Warschaus bedeutend größer.
Der deutsche Vormarsch wird sich wahrscheinlich zuerst mit Nowogeorgijewsk herumschlagen müssen, das der Festung Warschau vorgelagert ist. No-woyeorgijewks liegt <ni der Einmündung des NarenEug in die Weichsel und soll die beiden über den Bug führenden Brücken (hiervon eine Eistribahnbrücke) schützen. Kein anderer als Napoleon I. hat im Jahre 1807 diesen Flügelstützpunkt bauen lassen. Die alte Zitadelle am rechten Weichseluser ist gerade gegenüber der Narew-Bng-Mündung gelegen, während Wrm unmittelbaren Schutz der beiden Brücken eine Befestigung dient, die auf der vom Naren^Bug und der Weichsel gebildeten Landzunge bei Nowhdtvor angelegt ist Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erhielt die Festung einen Gürtel von acht vorgeschobenen selbstäichrgen Werken, die im Durchschnitt etwa 7 Kilometer von der Kernbeseftiguug entfernt liegen. In den letzten Jahren ist ein neuer, weit hinausgeschobener Fortsgürtel angelegt worden, der den nrodern- sten Anforderungen entsprechen soll. Aber was man davon zu halten hat, zeigen die Ueberraschungen '.rnseres 42-Zenti- ineter-Geschützes im Westen. Man hat sich nun in Warschau, offenbar unter deni gewaltigen Eindruck dieser llebcrraschurr- gen bemüht, den Befestigungen durch ausgedehnte Erdarbei- leu rings um die ganze Svadt nachzuhelsen. Und man hat natürlich auch alles getan, um die Besatzung in die nötige „Steflerftintmung" zu bringen. Alle Lügen Meldungen von Petersburg Paris, Bordeaux und London wurden in der Warschauer Presse abgedruckt. Die F-reiheitsregungen der galizischen Polen mit allen Mitteln des Spottes oder der Brutalität bekämpft. Ist doch in Warschau eine „polnische Legion" ins Leben gerufen worden, die genau das Gegen- leii von dem ist, was ihr Name bisher in diesem Krieges bedeutete. Sie nennt sich selbst die antideutsche Legion. Sie besteht aus etwa 1000 Mann, die mit — Dolchen, Brownings und Beilen bewaffnet, ihre Hauptaufgabe im Plündern, Brennen und Hinmorden verwundeter deutscher Soldaten erblicken, während ihr militärischer Zweck, die Zerstörung von Eisenbahnen und Delegraphenanlagen und das Geplänkel mit kleineren deutschen und österreichischen Truppenabteilungen, zur Nebensache geworden zu sein scheint.
Rußland soll sehr stolz sein aus diese seine polnischen Lcgw näre, deren Stamm aus den Gesängnisscn entlassene Mörder und Verbrecher sowie andere Banditen bilden sollen. Sie unterstehen genau wie die übrigen Trippen dem Kommando der Generale Surbin und Danilofs und des Vize- gouverueurs von Warschau, des Kammerherrn von Essen «eines Deulschbalten!), dem in Abwesenheit des Gencral- gouvcrneurs ShllinSki die oberste Verwaltungsgewalt der Stadt in die Hand gegeben ist. Bald wird man mehr von der Festung Warschau hören.
Der Russengeneral Rennenkamps in Angerburg.
Am Sonntag, 23 August, rückten die Russen, wie wir eincin Bericht der „Königsb. Allg. Ztg." entnehmen, in die Stadt Angerburg ein, aus der der größte Teil der Bevölkerung geflohen nnir. Abends fand eine Bürgcrvcrsammluug statt. R« n n e n k a m p f hielt eine Ansprache:
„Es ist von der Bevölkerung aus das Militär geschossen worden. Ich hätte das Recht, die ganze Stadt in Brand schießen zu lassen, null aber noch Gnade vor Recht ergehen lassen. Die Einwohner sollen sich ruhig verhalten. Wir wollen mit den preußischen Soldaten Krieg sührcn und nicht mit der Bevölkerung. Wir möchten gern kämpscn mir den preußischen Sildaten, aber wir sehen sie nicht. Ich weiß nicht, ob sie so wenig tapfer oder so schwach sind."
Kausinann Tietz wurde zum Bürgermeister und Landrat gewählt. Beim Rachl«.usegehen wurde dem Apotheker Rademacher die goldene Uhr nebst Kette von einem Russen aus der Tasche gerissen. Am schlimmsten trieben es in Angerburg die Jiihrer der Bagageivagen und Sanitätskolonnen. Sie drangen in die Anstaltsbäckerei des Krüppelheims, rissen die halbrohen Brote heraus und durchstachen sie mit dem Säbel. Ein betrunkener, roher Kerl der Sanitätskolonne drang in die Anstalt und bedrohie den Ansdalisgeistlichen Pfarrer Braun. Auf eine Beschwerde des Geistlichen bei einem deutsch-russische» Arzt erhielt der Rissse 25 Hiebe. Der alte Kreisarzt a. T. Dr. Brehmer — er ging während der ganzen Russenzeit ohne Furcht in seiner Stabsarztunisorm — sand seine Privatwohnung zerstört und ansgeplündert. Er zeigte dieses dem Kommandanten, der darüber selbst entrüstet war und die russischen Soldaten eigenhändigmit der Peitsche d urch p rüge lte. 18 Tage dauerte die Russenherrschaft. Da merkten die Bewohner ans den Truppenbewegungen, daß die Sache für die Feinde schlimm stand. Ganze Regimenter rückten nach einer Richtung ans, kamen zurück und schlugen die entgegengesetzte Richtung ein. Russische Offiziere gaben selbst zu, daß sie wie in einen» Sack steckten. Erwähnt sei noch, daß die Rüssen drei ihrer eigenen Flieger bei Benkheim herunterschossen. Die Drummer der Flugzeuge konnte man dort liegen sehen. Am 9. Septenrber begann vormittags 9 Uhr die wilde Flucht der Russen. Russische Aerzte flohen mit utib ließen im Krüpelheim 58, im Kreiskrankenhause 70 Schwerverwundete zurück. Die Eiienbahnbrücken flogen mit großem Knall in die Lust, dann die Gasanstalt. Scheunen flammten auf, die ganze Umgegend war in einen Dunstnebel von Rauch gehüllt. Um 5 Uhr rückten unsere Truppen ein.
Erlebnisse einer Landwehrmanner.
Ein nrit leichten Verletzungen aus dem Krieg« zurückgekehrter Landwehrmann schildert der „Köln. Ztg." im sorgenden seine Erlebnisse:
Am Samstag, den 16. August, wurden wir nach Saarbrücken verladen. Von dort, wo äußerst militärisches Leben herrschte, marschierten wir am 18. August durch Deutsch-Lothringen auf die französische Grenze zu. Unsere Stimmung war ausgezeichnet, und wir freuten uns schon auf den Augenblick, wo wir den iranzöstschen Boden betreten sollten. Ging es doch auf unfern Feind los, wo uns auch vielleicht Gelegenheit gegeben war, den Engländern das Fell zu gerben. Nach ziemlich anstrengenden Märschen machten wir dreimal Biwack: die Sonne meinte es gut mü uns und brannte gar arg vom lachenden, blauen Himmel herunter. Aber das konnte unsere gute Laune doch nicht verderben. Ein deutscher Soldat gewöhnt sich im Nu an das Feldleben, die Strapazen und die Nachtlager bei Mutter Grün. Am 20. kam das Kommando, im Eilmarsch nach L .... zu rücken, imi unseren Truvven zu Hilfe zu kommen, die in dieser Gegend seit zwei Tagen gegen überlegene Streitkräste der Franzosen kämvstcn. Wir kamen im Lause des Nachmittags dort an: die Bayern halten aber schon gute Arbeit getan und den Feind endlich nach harten Kämpfen zurückgeschlagen und aus dem Dors und der Umgebung vertrieben. Hier kamen uns die ersten Toten nnd Verwnndetcn zu Gesicht. Auf den Feldern und
Landstraßen lagen sie, dazwischen verendete Pferde, Kleider, Tornister, Lcdcrzeug und Waffen von Freund und Feind. Die Kirche von L . . . hatte schwer gelitten. Es war unser» Truppen aus-
gcsallen, daß man vom Glockenturni zeitweise die Glocke läutete. Einmal die Aufmerksamkeit hierauf angezogen, bemerkten dicBayern bald, daß sich der Feind mit zivei Maschinengewehren dort festgesetzt halte und seinen Truppen Beobachtungszcichcn von diesem lustigen Standort gab. Bald war dem Treiben aber ein Ende gemacht. Artillerie fuhr ans: das Wegvutzen des Kirchturms war das Werk eines Augenblicks, und die Tätigkeit des Feindes war erledigt. Der erste Eindruck des Schlachtfeldes war für uns Neue schrecklich und wird unscrm Gedächtnis unverwischbar eingeprägl bleiben.
An diesem Abend bezogen wir ans einem Bergrücken unweit von L . . . Biwak. Bei Einbruch der Nacht wurde eine Abteilung des ganzen Bataillons, die znm Wasserbolen kommandiert war und der auch ich angebörtc, aus der Scheune eines in einiger Entfernung liegendes Gehöftes beschossen, wobei einer unserer Kameraden siel. Die Scheune wurde nun umzingelt: wir hüten sechs Franzosen heraus, die daraus standrechtlich erlchosscn wurden. Das war die Feuertaufe unseres Bataillons. Von unscrni Lager salum loir in kurzer Entfernung einen außerordentlich große» Bauernhof brennen: blutrot schlugen die Feuergarbcn zum dunkeln Himmel empor, die gierigen Flammen leckten und züngelten von einem Dachfirst zum andern,^ bis endlich das ganze Anwesen voin Feuer umgeben war. Ein schaurig schöner Anblick. Am nächsten Morgen sahen wir in den Stallräumen die zalflreichen Lühe, Rinder ,:nd Pferde verbrannt liegen, wo sie angekoppelt gewesen waren Wir gruben unfern armen gefallenen KNmeradcn mkt den militärischen Ehren ant der Anhöhe und marschierten auf Dielize zu. Von dort ging'? weiter nach Frankreich. Am 23. überschritten wir unter jubelnder Be- gnsterung und Hurrarufen die Grenze und waren gegen Abend bis auf ungefähr 8 Klm. vor £. a»gekommen. In einem Dorse wollten wir Quartier suchen und hofften aus eiu Bett, mußte» aber wieder bis zur Grenze zurück, um den vielen Verwundeten Platz zu machen. Am nächsten Tage, dem 24., ging es ivieder in französisches Gebiet hinein, bis wir gegen 2 Uhr nachmittags zwischen zwei kleinen Dörfern in Gesechtsstcllung zu liegen kamen. Wir waren in Erwartung des Feindes, als wir das Surren eines Flugzeuges über uns vernahmen. Es war ein iranzülischer Flieger auf Erkundigungsslug, der uns trotz starker Beschießung enlkani. Diese modernen Patroulllcn leisten ausgezeichnete Dienste: das mußten wir in diesem Falle auch bald feststellcu, denn kaum war das Flugzeug verschwunden, als auch schon ein schreckliches Granatteuer auf uns cinsetzte, da der Flieger unsere Stellung verraten hatte. Unser Major mußte uns einige 100 Meter zurückgehen lassen, um dem Verderben zu entrinnen. Glücklicherweise hatten wir keine Verluste, und die Nacht über blieben ivir in dieser Stellung.
Am 25. um 5 Uhr morgens begann ein erbitterter Jn- fanteriekampf. Eine französische Infanterie-Division vernichte einen Durchbruch m moctai Wir hatten ein ziemlich flaches Gelände, von zwei Seiten mr>. Wald umsäumt, vor uns und gingen im Sturm gegen den Feind vor. Durch einige Feldartilleviegeschütze unterstützt, sänbcrten wrr den Wald, in dem sich die Franzosen auch zum Teil festgesetzt lwtten. und drängten sie ungefähr 5 Ikilometer zurück, wobn sie irl-ocre Verluste erlitten. Bei dem stürmischen Bormarsch kam der Schlup meiner und unserer andern Kompagnien in Verband mit crncm Zuge der £. Bayern bis unter die Kttchhofsmaucr. Di e B a y e ru kämpften wie di« Löwen und im Nahkamps entledigten sich viele ihres Rockes, um in den Hemdärmeln besser draus losschlagen zu können. Wehe, wer ihnen unter die Messer und Kolben kam. Eigentümlich ist die Art der Franzosen, zu schießen. Wenn ske nicht in Schützengräben wohlverschonzt und sicher verdeckt sind, so liegen sic oft flach aus dem Boden, verstecken die Köpfe nnd schießen, indem sie ohne Ziel draus losknallen. Sobald sie aber unser Hornsignal „Seitengewehr pflanzt auf" vernehmen, ergreift sie eine fürchterliche Angst. Geivehre, Tornister und Röcke wegwerfen, um besser lausen zu können, ist an der Regel. Be: der Flucht werden viele nicdergeschossen, denn unsere ztügeln sind doch schneller als sie. Diejenigen, die die nutzlose Flucht auf- gaben, kamen mit hochgehvbenen Händen und den Worten uns entgegen: „Pardon, camarade, nix Halsabschneiden, mx Tot- schicßen." Viel« boten auch vergebens Börse und Uhr an, niv mir ja geschont zu werden. Unsere Verluste waren glücklichere weise gering in diesem beißen, ersolgreichen Gefecht. Um unser» Erfolg aiiszunutzen, rückten wir weiter vor, mußten dann aber vor übermächtigem Artüleriefeucr zurück im Walde Deckung luchcn. In diesem itzexecht erreichte »rich mein Schicksal. Eine kurz vor mir einschlagende Granate wühlte die Erde aus und bcwart mich mit großen Eisschollen und Steinen, die mich am Fuße und aus der linken Brustseitc verletzten. Ich schlevvtr mich nun ilber di« Felder nach dein mehrere .Kilometer eittfernten £ und nahni unterwegs noch einen Mainzer Landwehrmann mit, dem die Kinnlade zerschmettert war und der noch einen Brust- und Beinschuß hatte Wir wurden in der Kirche nrotdürfdig verbunden und dann ins Lazarett gebracht.
Rultur?
Mit nachstehenden Zellen macht eine Schwedin in der Malmö-Zeitung Skonska Aftcmbiadet ihrem gepreßten Herzen Lust. .
ES ist heutzutage mit der sogenannten Kultur merkwürdig rn der Welt bestellt. Ich lese zu meiner Freude in den Zeitungen, daß die Leihe setzt — am Ansan» des Septemberinoaats im Kriegsflihrc 1914 — sich miteinander viel über Kultur pi unter - halten pflegen. Sehr höflich und aus eine vollständig neutrale Mode. Nat^lich.
Man spricht von Goethe und Wagner, rwn der Kathedrale in Reims, von französischer nnd englischer Kultur, vom Schwan von Avon, von Dostojewski und Gorki und edier Menge anderer Poeten und Musikanten, welche zu der Zeit im höchsten Ansehen standen, als die Kultur noch rn der Pflege der schönen Künste, in der Berfeinerung der Sitten und in der Ausblldung des menschlichen Geistes und der menschlichen Sckönhcitswerke gesucht wurde.
Gegenwärttg ist bekannttich diese Kultur verworren und durch eine ganz andere neue ersetzt worden. Weirn ich heute in meiner französischen Zeitung diejenige Seite ansschlage. ans welcher ich sonst Theater- und Musikrez-nnonen lese« durste, finde ich dorr Rezensionen völlig anderer Natur.
„Ein neues Blatt in der Geschichte wurde aufgeschlagen", steht dort. Und ich erfahre, daß schöne indische Radschas mst Juwelen a» ihren glänzendeu T u rb an e n , dunkelfarbige Nigger, schmächtige Gurkhas, langbeinige Sikhas mst empfindlichen Waden (der dänische Schriftsteller Larvrrds Brunn, welcher sie alle besucht hat, behauptet wenigstens, daß ihre empfindlichste Stelle die Waden sindl, wilde Baluchen und Punsaben sowie zähnefletschende Bengalen mst doppeltem Zahnfleisch auf Frankreichs edler Erde gelandet wurden.
Ich lese, daß sie cttle aus den Mund geküßt imtrdeu, u»d zwar, ohne daß Seidenpapicr dazwiscbengelegt wordmi war. Bon schönen Französinnen, Daß ss« von den Damen der dsstttignier- ten Well mtt Rosen geschmückt wurden. Aber sie traten dann auch vornehm und kultiviett auf. — —
Sie demonstrierten nämlich, wie sie gegen die Deutschen •Sfex Spezialioajje. den schrecklichen „Lukvttn" lest« Att von
Messer > gebrauchen wollten. Und alte und junge Frauen schenkten diesen Kulturheroen zärtliche Micke und rote Rosen, und zuletzt erreichte das Kulturschauipiel seinen Höhepunkt, als die schwarzen Gurkhas auf ihren eigentümlichen Instrumenten die Marseillaise spielteii.
Sie sviclten die Marseillaise. ---
Frankreichs Freiheitshymirus, der herrliche Freiheitssang, wurde gesungen von Gurkhas, die dazu die wilden Tanz« ihres Heimatlandes aufführien — mst schwachen Waden und Küchcn- mcsscrn — während sie von schönen sianzösischen Frauen, den vornehmsten Priesterinncn der Kultur, geküßt und mst Blumen bekränzt wurden.
Und die Gurkhas grinsten, klopften sich den Bauch und das weiße Fleisch gefiel ihnen.
Dieses ist wohl, zum Teufel, Kultur, sti einem Zestalter, wo der Tango, der Tanz der argenttnischen Pferdehirten, als 2lus- druck für d-ic Plastik der Seele gilt.
Es war Frankreich, welches mst Zuaven und Turkos be- gasnn. Nun ist England mtt seinen Schwarze» diesem Beispiel gefolgt.
Fraglich bleibt — ob jetzt in der Herbstzeit — die masurischen Seen nicht ein wenig ungesund für ein Volk sein können, welches an die Wärme gewöhnt ist, und ob die Pnniaber nicht am Ende riskieren, ttn Wsttter an der Osse einen Schunpsen z« bekommen.
Falls sie nicht Zeü gesunde» haben, ihre Wsttterinäutel aus der Pfandleihe am Branmp utra vor der Abfahtt einzulösen.
Ich bin neuttal, folglich weiß ich gar nichts. Aber deirnoch finde ich, daß sowohl die Engländer als auch die Franzosen Völker der höchsten Kultursttise sind.
Und Montenegro übrigens auch. Sett dem Anfang des Krieges habe ich nichts Trauriges von dem kriegführenden Montenegro gehört. Die Kartoffelernte ist dott gut ausgefalleu, und irgendwelche Berlustc an Menschenleben bat Montenegro nicht erlitten, wenn man der dorttgen Dorszeittmg Glauben schenken darf. — Im Gegenteil soll die Frau des ersten Siattonsschreibers in Cettnfe einem kleinen Mädchen das Leben geschenkt haben, wie ich neulich im Moitteniggi Kuddatsch, der Post- und Reichszettung in Cetinje, las.
?lber jetzt, nachdem die Montenegriner Waffenbrüder der Baluchen und Gurkhas geworden sind, fähtt jedensalls der sogenannte, große „Falleralla" auch in den König Nikita, und es kann passieren, daß er sich von Frankreich leihweise einige Maharadschas erbittet und in einer Nacht, einer einzigen, mit erprobtem Tiebesgriff ihre Turbane von den Juwelen besieit.
Ich bin selsensest überzeugt, daß sich die Punsaben in Frankreich außerorderttlich wohl fühlen werden, — Dieses Mal. — Wie es ihnen dagegen iu Deutschland gefallen wird, entzieht sich meiner Bcurtettung.
Und ich weiß auch nicht, ob es eine bleibende Gewohinhett bei den Leuten toerüen kann, immer nach Europa zu reisen, sobald sie hören, daß in diesem Weltteil irgendwo d« Krieg ausgebrochen ist. —
— Das Mannheimer Hvfthcate r während des Krieges. Aus Mannheim wird uns geschrieben: Auch das Mannheimer Hof- und Nati 0 nal theater gehört zu den Bühnen, die ihre Künstler in Schutz nehmen und während des Krieges spielen lassen Große künstlerische Ergcbnssfe wird man freilich, trotz lebhafter Anteilnahme der gerade str Mann- hedn allzett bereiten Theaterfreunde, kaum erwarten dürfen, denn unsere Bühne erlebt nach des Intendanten Bernau Abgang wieder einmal ein Interregnum, das wohl oder übel bis nack» Schluß des Krieges dauern wird. Und airstatt, das; am der alten Manichestner Bühne allabendlich der Funke patriotischer Begec- steriurg euksochl torrd, verzeichnen wtt nun wiederum höchst konventionelle Ausführungen von „WallensternS Lager", von brn „Räubern", vom „Prinzen von Homburg^': und selbst d« Inland-Gedenktag mst einer Dnssührung der heute kaum mehr genießbaren .Hagestolzen" war nur ein halber Erfolg. Im übrigen ist zn berichten, daß inan für den Kriegswurter tne zahllosen Einzelvorträge löblichernnise M ^ntrotiisteren gewußt hctt, und diese von einem Ausschuß zur Abbaltuiig von vaterländischen BortragSa benden, dem Männer aller Parte«, anqehören, geleitet werden. Trotzdem fehlt es dem bis Herren Programm an Großzügrgkett, wie an Elan, P.


