llr. 237
Zweiter Blatt
164. Jahrgang
Erscheint täglich nrtt Nutz nechm e dcS SonstagL
Die „Sirtzeuer Zanriliendlätter" werden dem
.Anzeiger' viermal wöchentlich bcigelegt, das „Breirdlatt fir »«, Xrek Siegel' zweimal wöchentlich. Di« „randwirtschaftllcheu Zeitfrage»" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefsen
Zrettag. 9. Oktober
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersuäls»Buch- und Sieindruckerei, R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Echul- straßc 7. Expedition und Verlag: &a8&l. Redaktion: ^sS 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Unsere Brummer — unpraktisch?
Angebliche Nachteile des 42-Zentimrker-Gcschützcs.
Aus Berlin wird uns geschrieben:
Der Lügenseldhug unserer Gegner macht eine Schwcn- tntg. Es gelingt nicht mehr, die offenbaren Erhob«' der «entschen Truppen in Niederlagen umMsälscheir lim lich zu rösten, versucht man jetzt, unseren Kriegsmitteln Nachteile inzudichten, die eigentlich nur tauxb Zufall zu ihrer Wir- itng gekommen seien. ,l
Den Vogel in diesem Lügentrost schießt das Reute» inreau ab mit dem Bericht eines französischen Artillerie-- »sfiziers über die — Unbrauchbarkbit und Ungefährlichkeit inserer epochemachenden 42-Zentimeter-GcschüHe. Hören wir riesen Ankläger: Die großen Brummer hätten nur dann «erntchtende Wirkung, wenn sie unter günstigen BedinMn- fen aus sehr großem Abstand angewendet werden. Der Transport sei aber viel zu schwierig, die Granaten platzten nrmer zu früh, zu spät oder gar nicht. Man könne sich sehr sohl aus die Ungetüm« derart einrichten, daß sie «ngesahr- ich werden.
An dieser Betrachtung ist so ziemlich allstes falsch und »öswillig verdreht. Der Transport der Brummer hat bis echt nirgends besondere Schwierigkeiten verursacht, nirgends ckwa die Ausfahrt anderer Kriegsmittel gehindert »dm ge- chiwigt. Nach Lüttich nmrden die schwerer, Gcschache in Teile erlegt gebracht. Nicht etwa wurden die regulären Bohw- «ken zur eigenen ss-ortbewvgung benutzt. (Äst am Operaionsfeld angekommcn, werden die Geschütze auf Feldbahn- Gleise der Eisenbahn truppen gebracht und so in Stellstrng ^schoben. Ebenso wird die Munition durch kleine, in tiefen Yräben angelegte Feldbahnen bis an das Geschütz heran- gefahren und dann automatisch, wie bei den. Schiffsge- chützen, in das Rohr gehoben- Alles ist überaus sinnreich rnd außerordentlich praktisch angelegt. Bor Lüttich z. B. rmrden die Feldbahnschienen längs der Avenue Rogier geegt, 6—7000 m vor fcicn Forts, die man dann in aller Ruhe jusammenschießen konnte, ohne Opfer an Soldaten und Material zu bringen. Die Forts konnten schon deshalb nicht ant- vvrten, weil ihr Feuer nur die eigene Stadt zerstört hätte-. Las ist ja gerade die praktischste Seite des neuen Kalibers, »aß es von seinen Gegnern bei den riesigen Entfernungen richt erreicht wird, selbst aber aus bisher unerhörte Weiten rrrsft. Ein lächerlicher Irrtum ab« ist die Behauptung, daß tk G-ranaten nicht platzen. Hier liegt wahrscheinlich eine Verwechselung der kleineren Hi^ssgeschühc mit dem Hcrupt- peschütz vor. Die Hilssgeschütze, die auf dem gleichen Bllock rfie der grvhe Mörser stehen, dienen zum Einschieben, um Me Rohre des schroeren Kalibers zu schonen. Jlge Geschosse ollen gar nicht die eigentlich vernichtende Wirkrmg herwo» msen. Doch weiter. Der vom Reuterbnreau ins Treffen geführte Artillerieoffizier beanstandet den großen Abstand, den >ie 42-Zentimeter-Geschützc vom Gegner nehmen müssen, ,rm ihre Wirksamkeit zu entfalten. Welchen Vorteil aber gerade diese „Zwangsentsernung" bietet, zeigt nicht nur per bereits genannte Umstand, daß die Mörser von ihren Gegner überhaupt nicht erreicht werden können, sondern auch der Wegsall jeglichen schwierigen und zeitraubenden Stellungswechsels. Die Antwerpener Forts, soweit sie bis jetzt gefallen sind, wurden ebenso wie die Befestigungen von Lüttich, Longwp und Namur stets von ein und derselben Stelle nacheinander beschossen und mit einer Treffsicherheit zerstört, die in der Kriegsgeschichte aller Zeiten nicht dagewesen ist. Dieser ungeheure Vorteil der großen Brummer hat ja auch die ganze Taktik der Artillerie, wie inan sie bisher übte, über den Haufen geworfen. Während man früher immer lange Berteidigungssronten der Be- festigungc-werkc einem reihenweise» Angriff der Artillerie rmterwarf, wirb jetzt zunächst nur eine kleine Bresche in den belagerten Ring gebrochen, um von hier die ganze Ver- teLigungSfront auszürollen. Das mag für die Schulweisheit der gegnerischen Strategen etwas überraschend gekommen sein, ein Nachteil der Riesenkaliber ist es nicht. Man kann sich eben gar nicht auf diese neue Waffe einrichten, weder taktisch, noch etwa durch rasche Herstellung »ähnlicher Kaliber in den gegnerischen Werfftätten. So etwas erfordert doch unendliche eiserne Friedensarbeit. Der Vorsprung ist nicht einzuholen.
llcber die Geschoßwirkung waren eigentlich schon bei Lüttich geschaffen. „Womit haben Sie geschossen? fragten die gefangenen Kommanoanten der Forts unsere Offiziere," es gab doch bis jetzt keine Granate, die unseren Panzer durch-
konnte!" Manon-Bllliers war das bestgebaute Pan zerfort der Welt und ffel in kurzer Zeit. Außer der Ge- tcdoßwirkung zeigen aber die 42-Zenttineter-Geschütze auch eine Gaswirkung, wie sie bisher in keinem Kriege beobachtet wurde. "Allein die Erstickungsgefahr der Fortbesatzungen führte zur llebergabe. „Wir find fast wahnsinnig geworden vor — Zahnschmerzen", klagten nachher die Festungsartilleristen, „nach jedem Schuß schnappten wir nach Luft. Wir wurden durch die Atemnot kampfunfähig." Ist das etwa auch ein Nachteil unserer neuen „Geräte", wie der amtliche Ausdruck lautet. Rechnet man noch die .verhältnismäßig sehr geringe Abnützung der Mörser, die nach sachkundiger Kritik nicht verwcndungsunfähig werden, auch wenn ein einziger alle Festungen der Welt zusammenschießt, so dürste doch der Gipstl des „Praktischen" erreicht sein.
Lin Charakterbild König Albertr von Belgien.
Im nächsten Hefte der von George Cleinow geleiteten „Grenzboten" verössentlicht Alfred Ruhemann einen gehaltvollen Aufsatz über das „belgische Problem". Ruhemann, der als gediegener Kenner Belgiens seit langem in Deutschland bekannt ist, gibt im Rrrlnnen seiner Darstellung ein Charakterbild des Königs Albert von Belgien, den er fast in jeder Bc^iehung seinem Vorgänger Leopold II. als eine Art Gegenbild gegenüb erstellt. Leopold, der weitblickende, aber auch skrupellose Kaufmann auf dem Throne, ist es gewesen, der nach Ruhemann Belgien in das französische Lager binübergesührt und für die gründliche Französierung der politischen Anschauungen des Landes wirffam gearbeitet hat. Daß Wnig Leopold bei der Anlehnung an Frankreich nicht gut beraten war, das haben die Belgier wohl innerlich gefühlt, aber der Zwang der Ueberlieferung, der Neid auf die immer mehr wachsende wirtschaftliche Bedeutung des Deutschen Reichs und schließlich die von Frankreich und England geschickt geschürte Furcht, daß Deutschland danach trachte, Belgien „auszuessen", bewirkden eine immer sichtbarere Hals>tarrigkeit im Anschlüsse an Frankreich. Es war nun eine merkwürdige und ausfallende Verkettung von Umständen, ein Gottesgericht fast jedenfalls ein Witz der Weltgeschichte, daß das so von französischem Geiste durchdränkte Belgien nach Leopold dem Zweiten von einem Fürsten regiert werden sollte, an dem sozusagen alles deutsch war, Gesinnung und Erziehung, Anschauung und Sitten.
Albert war natürlich in allererster Linie Belgier und weder gewillt, noch, als verfassungsmäßiger König, ermächtigt, aus eigenem Antriebe Ueberlieferungen zu brechen und eine der bisherigen Richtung entgegengesetzte Politik vom Zaune zu brechen. Auch war er ein zu großer Neu- ling auf dem Herrscherthron, noch zn sehr Herrscherlehrling, als daß er, hätte ihn selbst die Vorsehung mit mehr Willenskraft bedacht, kaum zur Regierung gekommen, Umwäl- jungen auf dem Gebiete der äußeren Politik hätte wagen und verwirklichen dürfen. Es genügte denjenigen Belgiern, die ihre Sympathien für Deutschland nicht verbargen ihre Zahl wuchs mit der Thronbesteigung Alberts in recht erfreulicher Weise — und so auch uns, daß der junge König eine deutsche Mutter, die Schlvcster König Karls von Hohen» zollern, einen deutschen Schwager, Prinz Karl von Hohen- zollern, hatte; daß er sich im Hause des Herzogs Karl Theodor von Bayern in Gesellschaft unseres Kronprinzen so wohl wie nirgends anders fühlte, und daß er schließlich dieses Herzogs klügste Tochter Elisabeth aus wirllicher Liebe heimlührte. Alle Vorbedingungen für einen glücklichen Umschwung in Belgien zugunsten der Erstarkung der Gefühle für Deutschland schienen demnach gegeben. Leider aber war Albert ein Träumer, ein König, dessen Ideal und Ziel es war, den Volksbeglücker im demokratischen Sinne zu spielen. Er ließ deshalb die inneren und äußeren Verhältnisse des Landes, wie sie vordem waren, im guten Glauben der politischen Sicherung desselben durch die Neutralitätsakte. Und es ist für jeden, der die schlichte Offenheit und Ehrlichkeit des Monarchen kennt, außer Zweifel, daß er für seine Person und aus eigenem Antriebe loyal an demselben festgehalten haben würde. Sein Unglück war, daß er nichts zu sagen hatte. Leopold der Zweite hatte, wenn auch durch das Sprachrohr seines Ministeriums, tatsächlich regiert. Albert aber war nur der Vollstrecker von dessen Wünschen und Plänen. Er stand viel zu sehr auf verfassungstreuem Boden und besaß viel zu wenig Energie und staatsmän- nische Kenntnisse, um vorderhand in einschneidenden Fragen anders zu denken, wie seine Minister. Sein Volk wußte, daß nie, wie sein Onkel, ein weit voraussehender, unter
er
nehmender „königlicher" Kausmann werden und das Land auf diese Welle weiter bereichern würde. Trotzdem jubelte es ihm zu und verehrte ihn, einmal, weil dem Volke seine Rechtschaffenheit nack, der Verschlagenheit Leopolds II. Wohltat; sodann well seine volkstümliche Gesinnung den ohnehin demokratischen Neigungen der Belgier sympathisch war, und schließlich well er des Landes Anschluß an Frankreich wenn auch nickst gerade liebte, so doch auch nicht verurteilte oder unterband. Es ist, um es hier gleich zu sagen, vrr-> srändlich, daß ein jolck>cr Charakter, nachdem er einmal zu einem deutschfeindlichen Bündnis ans politischen Gründen sich hatte überreden lassen, auch dessen unselige Folgen mannhaft zu tragen weiß, und sollle er darüber" zugrunde gehen. Er verdient nicht unsere Verachtung, sondern diejenigen, die ihm die Lage anders vorgestellt und ihm Deutschland la»ls den hungrigen Verschlinge! Belgiens geschildert haben. Weniger für die Rettung der eigenen Krone, als vielmehr für die Erhaltung Belgiens als unabhängiges Königreich, glaubte er sich verpflichtet, den Rat der« zu befolgen, die es besser wissen wollten, ivas Deutschland tm Schilde führte.
Die Russen in Johannirburg und Umgegend.
Einem Elbinger Blatte entnehmen wir folgende Schilderung von Erlebnissen und Zuständen in schwerer Zell:
Johannisburg hatte gleich am Mobilmackzungstage nachmittags den Kosakenaiidraug auszuhalten. Eine Schwadron war bis n-enige hundert Nieter vor die Stadt von Aotowen aus oorgedrmlgcn, wurde aber mit blutigen Kopsen von einer unserer Rodiährerpatrouülcn zurückgeschlagen. Dabei imrrden über 30 Pferde erbeutet. ?lin Montag, den 3., und Dienstag, den 4. Aug., sah inan in der Richtung aus Bialla an viele,, Stelle,, gewaltige Rauchsäulen ausstcigen. Au der Strecke Lyck-JohnuttSburg und JohanniSburg-Dlotoiven brannten alle Bahnhöfe. In den meisten Grenzdörscru nmrden die Häuser der größeren Be- siyer angesbeckt. So verlor das 'Dorf Gr.-Kcssel 30 Gehöfte; Schwiddcrn ist ganz abgebrannt. Die Stadt Johaniüsbnrg war voller Flüchtlinge. Der Schreiber dieser Zeile» und viele Bewohner des Dorfes Snopkcn bei Johannis bürg waren in den Wald und die angrenzenden Wiesen und Sümpfe geslückstet und brachten dort mehrere Tage und Nächte zu. Da rückten unsere Infanterie und Artillerie im Sturmmarsch vor mid befteitcn uns von dem ersten Kosakenvorswß.
Es kamen friedlickn Tage und auch der Schulunterricht konnte eine Woche nach den Sommerfellen ausgenommen iverdeir. Unsere Truppen hatten in dieser Zell ein größeres (Ycfecht bei Bialla bei dem Dorfe Schliddern zu bestehen und nalzmcu de» Russen die ersten acht Kanonen. Das war eine Freude! Doch sie währte nicht lange, beim die Russen drängten in größeren; Massen vor. Unsere Truppen waren zu schwach und mußten ihre Positionen räumen. Der letzte Abmarsch erfolg« am Sonnenfinsternistage. Da erfaßte alle (Gemüter Verzweiflung uird ganz Johannisburg und Umgegend floh aus Rudczanny zu, denn hier sollte die Verteidigungslinie aus jedeit Fall gehalten werden, Die ganze Chaussee von Johaunisburg bis Rudczanny war inll Flüchtlingen, Menschen, Tieren und Fuhrwerken, besetzt und es war schwer vorwärts zu kommen, Da trat eine »welle Katastrophe ein. Die Russen Helen mit großer Rlackst den Unseren von Puppew-Friedrichshof aus in d« Richtung aus SenÄmrg in den Rücken. Infolgedessen musste auck> Rudczanny geräumt werden und alle Jlückstigen strömten in die Heide bei Ält-Ukta oder aus Sensburg zu. Die Chaussee- und auch die Eisenbahu- brücken wurden von den Unseren in Rudczanny gesprengt. Ich floh mü meiner Familie nach Zatzkoivcn bei Pcllscheiidörf, ditz auf einem Einspännerfuhrwerk geretteten Kleidungsstücke und Wäschesachen in Rudczamch im Gemeindehause beim Hern, Pfarrer lassend. Von den umliegenden Hügeln sahen wir die Russen in gewaltigen Scharen die Chausseen von Aweyden nach Peitschcndors- Sensburg stürmen. Unter anderem war ein Regiment mit Schimmeln zu sehen.
Nun waren wir doch in der RusseUlirrie drin und so entschlossen wir uns zur Rückkehr uach Snopken. Das Dicnstnilidckren unseres Schwagers brachte uns über Aweyden nach Zollernhöhe an der Heide. Bon hier aus gingen wir sechs Personen, wovon ein 7 Jckhrc alter Knabe, etwas über 15 Kilometer ditrch die Herde, dann auf der Chaussee auf Alt-llkta zn und kamen in Nikolaihorst bei Alt-Ukta am Nachmittag an und übernachteten im Sckmlhause. Hier fanden wir noch einen Flückste ling mit seiner jungen Frau und ihrem ganz kleinen Brustkindc, das ans der Flucht krank wurde. Er sollte sich in Sens bürg bei der Militärbehörde melden, wurde aber durch die Russen abgeschnitten und mußte hier im versteckten Heidedörstcm Unter- schiupi suchen. Ist Ukta gelang es uns, Fuhrwerk auszutreiben, und so fuhren wir unter 'Hengsten und Sorgen der Heimat zu.
Ukta war von vielen Kausleuten verlassen »nd deren Häuser von den Bewohnern und auch Russen geplündert. Wir erreichten mit klopfendem Herzen Rudrzanny. Zwei russische Infanteristen schritten ans das Gemeindehaus zu. Ich llagtc ihnen polnisch
München in Rriegszeiten.
Die vaterländische Begeisterung und Opferftendigkell der da- beimgebliebenen Bevölkerung äußern sich jetzt nur noch selten durch lauten Kriegsgesang und Hochrufe wie in den ersten ausqerrgten Tagen noch den Mobilmachung. Ernst und dabei durchaus zuvcr- sschllich ist die Stimmimg. Münchens Bevölkerung läßt sich nicht leicht aus ihrer RuR bringen. So geht denn im großen und ganzen auch das Geschästsleben seinen geivohnten Gang. Soweit dies aus die Fremdcnindustrie angewiesen ist, zeigt es natürlich eine sonst um die Herbjtzcll nicht gekannte Flauheit, aber erstorben ist es keineswegs. Auch die Wirtshäuser sind nach Ntze vor gut besucht nach in allen Theatern wird jetzt wieder geipielt. In der Unterhaltung, wo man auch hinhören mag, dreht sich natürlich alles um den Krieg, »nd vier im ruhigsten.sschersten Südwinkcl des Bayerlandes will» mll nicht geringerer Spannung jedes Ereignis aus den Schlachtfeldern verfolgt, wie sonst irgendwo draußen im Reich. Nur daß in München lebhafte und lärmende Aeußerungen dieser Spannung etwas seltener bleiben als an manchen Orten mit einer leichtblütigeren Einwohnerschaft. Der echte Dkünchener möchte auch heut bis zu einem gewissen Grade un behäbigen Genuß seiner „königlich bayerischen Ruh" bleiben. Unter dieser birgt ssch aber trotz allem tief eingewurzelten Partikickarismus eine gut deutsche Vaterlandsliebe, die in den letzten Wochen mehr und mehr die alte Eifersucht auf den nichtbaoerischen Landsmann smiefts der Mainlinie besiegt hat. Wie groß für einzelne vreußilche Heerführer die Verehrung der Münchener geworden ist, das iviegrlt sich in den Reden aller Vollsgruvven hundertfältig wieder. Wenn man unter den Stammgästen des Hofbräuhauses den Ausruf hört: „Also der Hindenburg, wenn hierherkomml, da zahl i a Maß!" so darf man schon hinzufügen: „Höcher gehts nimma".
Mit Ergebenheit wird auch der Ausfall des Oktober f c st«s ertragim. Nur wer ganz in die Tiefen der ^ Münchener Volksseele etngedrungen ist, kann ermessen, wie diese vom Kriegszustand geschlagene Wunde schmerzt, und dazu noch dies .Mächtig». Wellen das ei» Wicjenjeft jo n d er gl e i ch en gcjchaihn
hätte! Nur gut, daß trotz der vielen, gegen den Feind nach West und Ost ausgerückten Krieger München andauernd gesteckt voll von Soldaten ist, die der einheimischen Bürgerschaft beim Bewältigen der fürs Oktoberfcst gebrauten, ungeheuren Vorräte von Märzenbier — etwa 1000 Hektoliter — helfen können. Sonst brächte sie's, da die leistungsfähigen Mannschaften der Studentenschaft auch nicht dabei sein können, wohl nimmer fertig. Das Straßcnhild im Stadllnnern hat nicht viel an Lebendigkeit gegen früher verloren, da das Fehlen von iwiherbunr- melndcn Fremden reichlich durch die vielen, die Gassen bevölkernden Soldaten ersetzt wird. Zum großen Teil sind es leichtverwundete Krieger, aber auch viele Angehörige der vorübergehend hier weilenden Truvvcnkörper. Man sieht jetzt in München viel mehr Militär als in Fricdenszciten, ein Beweis von Deutschlands Kriegsstärke.
llngemein rege ist, wie wohl überall fti Deutschland, auch in München die Fürsorge für dir schon Mft den Sanitätszügen ein- gebrachten Krieger. Zahlreich sind nicht nur die für di« Aufnalnne der Verwundeten geschaffenen Lazarette, sondern cs stehen auch in der Umgegend so viele HeimitäUcn für Rekonvaleszenten zur Verfügung, daß noch sehr viel Raum hlr erholungsbedürftige Vater- landsveNeidigcr vorhanden ist. Biele dieser Billen und Schlösser, die von ihren Besitzern danlensioerlerlvelse hergegcbcn und ausgestattet worden sind, haben den Vorzug einer herrlichen landschaftlichen Lage, wie beisvielsweise Schloß Zinneberg bei Grafing an der München—Starnberger Eisenbahn, das vor wenigen Tagen die ersten Leichwerwundetcn outgenommen hat, nachdem dieser staalliche Herrensitz des Freiherr» von Büsrng-Lrville dem Roten Kreuz mir der vollständigen Einrichtung für die Unterbringung von 70 Verwuichelen imd Rekonvaleszertten übergeben wurde Unsere tapferen Krieger finden dort außer hellen.Wohn- und Schlasräumen, schönen Badezimmern eine große Turnhalle und einen wundervollen Park, der in seiner köstlichen Ruhe den in der Genesung Fortgeschrittenen eine rechte Wohltat sein wird.
Unter den durch private Hssssberrttschaft qeichassenen Stätten vechicnt das arueri ko nicht.- Rote-Kreuz-Hc'' ftü bc'v:.d«rr Hervor
hebung. Es ist aus den Mitteln der Münchener amerikanischen Kolonie, deren Damen auch die Truppe der Pflegerinnen stellen, sowie aus Spenden der während der Mobilmachungstage in München weilenden Amerikaner errichtet und ausgestattet worden und auch die Kosten des Betriebes werden von den Gründern des amerikanischen Rote-ikrenz-Hospitals bestritten. Für die Anstatt ist ein als vornehme Fremdenpenswn eingerichtetes Gebäude von palastartigem Acußern in der Prinz-Ludwig-Ttraße nahe dein Konzeit- hause Tonhalle gemietet worden. Es enthält in vier Stockwerke« eine sehr große Anzahl Zimmer (über dreißig) für je zwei bis drei Pattenten. Im Erdgeschoß befinden sich Sveisesaal, Rauchzimmer, Lesezimmer und eine Reihe anderer Ausenl haltsräume, alle aus das behaglichste ausgestattet. Das Grundstück stößt rück- wärttg an Gartenanlagen, die von ihren Besitzern, Prinz Georg von Bayern und Fabttkbefitzer Hesselberger, den Psseglttigen des amettkanischen Hospitals zur Benutzung überwiesen wurden. Tie ärztliche Oberleitung liegt in den Händen des Stabsarztes a. D. Dr. Franz A. R. Jung, der während der letzten zwanzig Jahre in Washington als Arzt wirkte und nun freiwillig hier dem amerikanischen Hospital seine Dienste widmet. Seine Gemahlin, Frau Tr. Nordhofs-Jung, die als Aerztin den letzten Balkankrieg mitgemacht und dort reiche Erfahrungen gesammelt (wt, führt die Aussicht über den Hospitalbetriei». .Künsüerisck»e Veianstattungeri von hervorragenden Kräften, darunter die Sängcttn Frau Charles Cahier, Fräulein Farrar und Fräulein Fay, sorgen für die Unterhattung der Verwundeten.
— Richard M. Meyer s. Berlin, 8. Okt. Pro». Richard M. M ey er, der bekannte Literarhiswriker an der hiesigen Universität, ist nack, der „Bossischen Zeitung" heute vvrmmag Vlötzlich gestorben. Der 1860 zu Berlin geborene Gelehrte hat sich u a. als Kenner der mittelhochdeuttchen Lfteratur, als Goethv- svrscher und Verfasser einer Geschichte der neueren Literatur ewe» Namen gemacht.


