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Zweiter Statt
164. Zahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gtehener LamilienblStter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich bcigelegt, da? „UeeiMatl für den Kreis «letzen" zweimal wöchentlich. Die „lend-irtschastllchen Seitsrage»" erscheinen monatlich zweimal.
nzeiger
General-Anzeiger für Gberhejjen
Montag. 5. Moder ^9^
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerci.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: fcg§*51. Redaktion:sqS112. Tel.-Adr.:AnzeigerGieß-n.
Kriegsbriefe aus dem Osten.
!-on unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter.
Unser Kriegsberichterstatter im Osten übersendet uns die nachstehenden Anregungen, die wir gern weitergeben. Die Schriftltg.
HerbstfrlLzug.
Armee-Oberkommando Ost, 29. Sept.
Seit drei Tagen hat Dauerregen eingesetzt. Ost- reustischer Herbst. Des Morgens trommeln die Tropfen on den Dachrinnen den ersten Gruß und am Abend rauscht 3 in weicher Gleichmäßigkeit über Straßen und Bäume, .'och halten die sandigen Wege den Unterschied zwischen itraße und Morast aufrecht, aber ein paar Tage weiter ttb der typische russische Herbstfel^ug beginnt.
Bor einer Woche noch sah das Land fast spätsommer- .ch aus, ein paar rote und braune Flecken in den Eichen- mldungen, eine hellrote Ranke im wilden Wein an perrannten Mauern. Der schlittende Regen wird alles grüne aub bald genug herbstmüde machen. Die Kartoffeln sind um größten Teil herein oder werden eben hereingebracht. )bft haben die Russen sowieso nicht an den Bäumen ge-, rssen. Unsere Truppen sind auf ihre Rationen angewie- :n. War bisher Strategie und Marschieren neben Helenhastigkeit der ausschlaggebende Faktor, so tritt jetzt ie wollene Socke, der gutfahrende Wagen, das bravo iugpserd in besonderes Recht. Die Möglichkeit, sich un- rittelbar für die kriegerischen Ereignisse nützlich zu er- ,eisen, hat sich für die zu Hause Gebliebenen also außer- rdentlich erhöht. Da die Feldpost Pakete noch nicht an- immt, muß der Feldpostbrief ,der sehr gut wollene Zocken nsw. enthalten kann, ordentlich ausgenützt werden. sleiMcitig müssen die maßgebenden Stellen der Feld- . o st darüber klar sein, daß das, was bisher Unannehm- ichkeit war, jetzt wulstiger Faktor wird. Es ist sicherlich in wenig erfreulicher Zustand, wenn die lster im Osten ämpsende Landwehr teilweise, wie uns Generalleutnant . d. Goltz erzählte, seit vier Wochen ohne Nachricht von »ause, ohne jedes Lebenszeichen ist, aber bisher hals das cenndliche Wetter, der selten schöne Spätsommer über ranchcs Trübe hinweg. Jetzt, wenn tagelang kein trock- er Faden am Leibe ist, wenn die Schützengräben voll Lasser stehen, wenn im Quartier um 5 Uhr Dunkelheit insetzt, nrnß Stoff uitb Nackxrichjt von der Heinrat da sein, as Herz M erwärmen. Es muh mit allen Mitteln dahin earbeitet werden, daß die Feldpost ihre Leistungen steigert!
Selbst wir Kriegsberichterstatter, die wir doch in der tähe des Armee-Oberkommandos sind, haben unter der Un- ulänglichkeit erheblich zu leiden, wie mag cs da erst bei cn Truppen in den vorderen Linien aussehen!
Da mit Verlust von Seiidungen gerechnet werden muß, st es Pflicht der zu Hause Gebliebenen, möglichst ost zu chreiben Freilich Postkarten mit dem prächtigen Erhalt: herzlichen Gruß. Schultze." stellen nur eine unnütze Be- astung der FÄdpost dar; wenn Schnitze nur ein kurzes lebenszeichen von sich geben wilh. kann er das in Gestalt »on wollenen Strümpfen tun. . .
Es wäre außerdem vielleicht zu erwähnen, ob nicht >ic Zeitungen eine Anzahl von Freiexemplaren ir- zendwelchen zur Verteilung bereiten Stellen zur Berfü- zuiig stellen könnten. Wir Kriegsberichterstatter werden n jeden: Ort, auf der Fahrt, gefragt, ob wir nicht Zei- uugen hätten. Meistens haben wir aber selber keine oder rur ein Exemplar. Ich persönlich wäre gern bereit, ohne rn regelmäßige Verteilung denken zu wollen, alle rn mich gel<rngenden Zeitungen brüderlich zn teilen und iameradschaftlich weiterzugeben, so weit es in nreinen Kräf- :en steht. Man glaubt nicht, wie die Truppen sich freuen, nenn sie gerade ihr Heimatblatt mnt wieder zu Gesicht bekommen und allerlei heimatlich« Nachrichten, die in dieser Ausführlichkeit die treueste Feder zu Hause nicht schreiben kann, hören.
Der niederträchtige ostprenßische Regen wird erträglicher, immn man mit den Kameraden darüber sprechen kann, daß zu Hause nun doch alles gut stehe, oder daß Müllers Minna kriegsgetraut wäre und daß Külpers Franz vas „Eiserne" erhalten hätte — er nstrd besonders erträglicher, wenn man die eben erhaltenen warnten Socken dabei an den Füßen hat.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Aus dem Tagebuch eines ßeldarztes.
Auf Umwcgcn zur Schlacht.
Be: Brüssel, im Sept. Ich loar aus einen Tag mit Genehinigung meines Chefarztes nach Brüssel gefahren. Am nächsten früh sollte mein Dienst bei den Kranken in der Mittelschule von B. beginnen. Am Morgen radele ich schnell nach V, mache Biiitc und frühstücke. Um 10'' 3 will ich noch einmal Nachsehen, was :m Hoivital los ist und schicke einen Jungen mit einem Brie: an unsern Kompagniearzt dorthin. Antwort: „War hcMe kein deutscher Arzt da." Da Hab' ich's. Tos Hecht, die Kompagnie ist sott. Ich schnalle um und >age mit dem Rade imch dem Hosvital. Es ist :oirkl:ch niemand da. Nun schnell hinüber nach P, dem Standott der Kompagnie. Tie Brückenwaä-c am Kanal schreie ich an: „6. Division?" „Nein, 5." „Wo tft die 6.?" „Hatte nacht abgerückt!" Hinüber nach T., was die Pedale halten. Richtig keine Wagen, keine Soldaten, keine Division — tiefer Friede und heißer Smmenschem, in der Lnst das nun schon gewohnte Bum. Bum, Bum! etuws stärker als sonst. In voller Karriere in den Park nach dem Schlößchen, wo bis dahnr der Divisionsstab so prangend dirigiert hatte. 'Nur eine Säule noch: Ein Fcldbrttfträger packt einsam auf der Veranda von Exzellenz scme Post ein. „Wo ist die Division?" „Leut nacht 2 Uhr abgerückt." „Ja, ivolstn, Mensthenskind?" „Weiß ich nicht, aber der Feldtelephonist bat noch Verbindimg nrtt dem Ende der groswn Bagage," Ter Telephonist tipvt los und meldet mir, daß die Bagage heute früh 4 Uhr Richtung G, smnd, Karte Hab' ich nicht, aber ich sause tos. Habe ich erst die große Bagage, dann kriege ich auch die Division, und habe ich die, daun finde ich auch die Kompagnie.
Ich stürze aus den: Park, Ta steht das Auto von K, aus Brüssel mit seinem Chauffeur, der nur slämisch spricht. Ich runter vom Rade, ihm das Rad ins offene Llwusaut» geworfen und: „Nach G.!" Ein Sprung, und ich sitze neben dem Chauffeur. „Mais . . ." „Kein Wort. Nach G. Si vtte, pourboire, Si non..." Ich lege den Browning aus der Tasckie. Das versteht er. Wir jagen mit 70-Kilometer-Gcschwrndigkcit über die Brücke. „Halt, locr da!" Eine Feldtoack.c legt an. „Offizier!" Vorbei! Der Morgen ist herrlich. Das Krachen wird lauter. Ich schwitze. Wir kvmuren jetzt durch ein Dorf. Aus einem Fenster: Pänk! Pänk! Schweinehund — wenn ich nicht zu spät käme, würde ich auhalten. Ter Chauffeur scktzvitzt. Jetzt sind wir rn G. Aber die Bagage ist nicht da. Zwei Häuser brennen. Nirgends ein« Menschenseele. Fenster und Türen sind verrammelt. In den Hauswänden sieht man Kugellöcher. Ter C^ruffeur stöhnt. „Mais..." „Weiter!" Ter moralische Effekt ernes Brownings ist ungeheuer. Ta steht rechts ganz vorn rin gelber Fesselballon, von den bckmmten Schrapnellwölkchen umstattett. As eine Angst, zu spät zu kommen, wird irmner größer. Das Bumbum wird lauter. Verwundete Infanteristen können mir auch nichts sagey. Vor einem Dorf treffe ich eure Kavallene-Patrouille. Der Leutnant hat den Revolver, die 'Mannschaft den Karabrner in der Land. „Was ist denn los?" „Borschen, in denk Dorf schttßt's!" ,^zch habe leider kerne Zeit, ich komme zun: Gcfeckst zu spät, wo steht die 6. Division?" „Das 3, Korps steht in W," Herrlich, Hab' ich erst die Exzellenz. dann finde ich auch die anderen und die Kompagnie. Wso durch das Dorf. Der Leutnant sieht nnt tmrch's Mono öle verwundert nach, die Kirche brennt. Es schießt nicht!
Da vorn stehen Pferde in Deckung, härrrah, der Korps stab! Die Gesellschaft frühstückt im Chausseegraben. Der bekannte Anblick: karmvisinrote Aufschläge auf Feldgrai:, Feldpost, Meldereiter, Delephontffch, sirrz, wie es in der Illustrierten Zeitung aussieht. Exzellenz mit zwei Generalstäblern an der Karte.
An der angefangcnen Strippe des noch nicht fertigen Feld- telcphvns taste ich mich iveiter, und fahre .so an der Basis dos Fesselballons der Luftschifferkompagnic vorbei durch zwei aus- gcstoibene Dörfer, vorüber an einer Ulanenpatrouille mit belgi scheu Gesangeilen, bis ich feststellm kann, daß die Wolken 1 Kilometer vor mir platzende Schrapnells sind, daß ich den Telephon leger überholt habe und daß vorn eine Mühle ist, und auf dem Mühlenhügrl dre dreieckige Divisionsswbsflagge und neben ihr — die weißen Fähnchen meiner Sanitätskompagntt. Sic lag dort noch in Bereitschaft! Aus dem respektwidrig johlenden Freuderufen des Offizier kort^ ging hervor, daß es mich bereits tot rnit abgeschnfttencm Kopf glaubte, als Opser eines Brüsseler Franktireurs. Mein plötzliches Auftauchen erregte solches Verblüffen, daß sellfft der Chefarzt seine Zufriedenheit ausdrückte; vann bekam ich eine Flasche Rotwein, Frühstück und Birnen — es war mittlerweile IV« Uhr geworden — sowie 4 Feldpostbriefe aus Berlin, In dem Los, in dem ich mich stärkte, waren heute srüh noch belgische Offiziere bewirtet worden, Tann hatte ich endlich Ruhe, mich der Schlacht zuzuwenden.
Die Santtätskompagnie steht in Bereitschaft: Offiziere und Aerztc sind teils ün Gehöft, teils auf dem Feld. 100 Meter rechts mp'dem Mühlenhügel HW der Divisionskommandeur mik seinem Stab. Ich hole mir einen Stuhl auf dar Acker; vor nur sreies Feld, in 500 Meter Entfernung Büsche, über denen dauamd Schrapnells Platzen, Eine Ulanenpattouille kommt in scharfem Trabe heran; der Führer springt ab und macht Meldung, Beim Wärterhaus rechts vorn hat er Ulanen verloren, Ern kurzer
Bejehl: ein Arzt rettet mtt einem Wagen los. Nun sängt das Tor: rechts vorn an zu rauchen, und nach zwei Minntar schlagen die Flammen doch. Neben uns steht Feldartillerie in Berett- schastsstellung. Ein Dtowriahrer knattert l>eran. Neue Meldimg; ein kurzer Beseht: die Batterien ,agen übers Feld, protza: ab rmd bum, bum! gelst s los. Eine Ulaneneskottc mtt 30 belgrichen Gejangeuen und l Offizier kommen vorüber, Mlc sind in Muckel- blau gekleidet, toas ff:rckstbar impraktisch ist, denn man sicht cS meilenweit, und es ist maßlos schmutzig. Die Gefangenen sind nette, teilweise ganz junge Kerls, aber sehr schlecht gekleidet. Ein Kürassieroffizier verlynt sie, Ter Gegensatz des eleganten feldgraue,: Jungen mit der feldgrauen Schärpe, der aussieht, wie aus deni Ei gepellt, gegen diese Belgier ist direkt erheiternd. Nun kommt ffir uns Befehl. Me Sanitätskompaguie fährt Nach X in Schützenlinie und holt die Verwundeten. Fertigmachen! Tie Bursck-cri bringen die Pferde. Wir sitzen aus, cs geht los, nach vorn. Es kracht ganz nahe Wtt sind vor einem Aorf^ Tatü! Tatü! Ein Mvisionsauw mit Genera! stählern rast heran: „halt! Nach links abschwenkcn! In dem Dort iverden sie vom Fort aus zusammengeschossen." Nach links geht es rm Trabe ab. Wir begegnen Trümmern von Kompagnien, die siet, sam meln. Die Feinde sind nämlich gefährlicher, als es in den Witzblättern steht, und man sollte sich in Deutschland hüten, die Leistungen unserer Truppen durch ein .bttliges Lächmlichmachen der sernd- lichen.Armeen zu Ilmecht zu verkleinern. Die sich znm neuen Angriff vor den Forts sammelnden Trupp«: lachen ni cht, sie sind toi-rnst und ausgepumpt, und maßlos wütend „Angriff", „Schlacht", „Sieg", sehen in Wirklichkeit ganz anders aus, als es sich am weißgedeckten Kaffeetisch liest, Wtt kommen ai: ein Gehöft, das voll von Verwundeten liegt. Es sind Deutsche lmd Belgier, Ausladen! Ein Adsntant brttrgt den Befehl: ,Mleu<- es kommen Belgier!" Also ausladcn, was das Zeug hält! Los! Wir fahren Istlwus, httttcr uns kracht cs bedrohlich nahe. Nun im Trabe nach dem Lospttal in wo 100 teilweise Schwerverwundete angckommen sind. Dort arbctten lvir die ganze Nackst durch. . . .
Die letzte Ehre.
Den ganzen Tag hatte es geregnet, so daß ick keinen ttockeireK Faden am Lesie hatte: aber in der Nacht sollte e4 noch schlimmer kommen. Vorher hatten wtt soviel Wctterglück gehabt, nun aber will der Regen mcht ausiören. Das Dörfchen, wo wtt Quartier nehmen, ist vollgevttopit von unseren Mannschaften, Wir s tehen verstimmt, ich recht n:üde, unter einem einigermaßen geschützte« Torbogen. Zu essen gibt's nichts. Den Begrff: eines „leergerreftr» nen" Dorfes kennt man in Derttschland glücklicherweise nicht. Wtt kennen ihn. Schließlich kriege ich ein Stückchen Kommißbrot, und auf einem Boden acht es auch noch einte freie Matratze für mich. Ein Lichtblick, A>:s der Straße steht das Wasser sißhoch, meint Kragen trieft. Aus dem Boden stinkt's. Wir sitzen bis 11 Uhr nachts, in der Wirtschaft, ohne bewirtet zu averden, Darm hinauf schlafen. Ich falle in einen tiefen Schlumtmer, aus dem mich um t2 Uhr lautes Pochen weckt. Einer uvserer Posten ruft durch die Tür: „Zug 1 der Sanftätskompagntt muß sofort abrücken!" Himmeldonnerwetter ! Zug 1 lstu ich. Ein Sprung ans Fenster, der Regen strömt und plätschert durch tue stoßfinftere Nacht, der Wind heult. Also: Nachtmarsch in dicsem^Wctter! Meine Kaineraden, die zu andern Zügen gehören, legen sich behaglich grunzend auf dtt embent Seite, In vier Minuten stehe ich umgeschnallt mit lurnutergelasfe- ner Schappcnkette an der Tür. Meine Sachen, mein Pferd, — Gott weiß, wo sic sind. Lausen ans der Straße. Es sei! Ein Wellenbad ist nichts gegen diese Sturmnacht. Sositt sindet der Regen seinen Weg: Selmrand, Kneifer, Nase, Kinn, Kragcnöfftnmg, alles trieft. Ich springe noch einmal rasch auf den Boden hinaus und hol« mtt eine wollene weiße Decke, dtt ich um Kragen und Kopf nehme. Auf Schönheit komntt's ja nicht an!
Eine Viertelstunde setzt sich unser Zug, vier Krankentvagen und 100 Träger, in Bewegung. Me stille, ergebene Verzweiflung, in der ich blinzelrch auf dem stolpernden Werde sah, während mtt der Regen ins Gesicht gespült wuche, hat in der Erinnerung etwas Komisches. Es ging nach Nordosten. Von dem sechsstündigen Rttt in slockdunller Nacht ist nicht viel zu berichten. Um 3 Uhr früh läßt der Regen nach und der Mond durchbricht das schwarze jagende Gewölk. Es ist schiver zu sagen, was in dieser Beleilchtung unheimlicher aussieht, die öden, leeren Felder oder die feindlich verschlossenen Läden der Dorfhäuser. Endlich bricht der Morgen an, ein unfreundlicher, kalter Morgen mit fahlem Licht: dazu die Melodie des sausenden Sturms. Um 6 Uhr kommen wir in ein in fruchtbarer Gegend lieblich gelegenes Städtchen. Bergangcnheft! Ein scheußliches Durcheinander von Ruinen und verkohltem Hausrat. Das einzige Lebewesen, das sich zeigt, ist ein Hündchchr, dass winselnd aus einem Trümnrerhausen hervorkriecht. Wer ftagt danach, ob's belgische oder deutsche Granaten waren, die hier während der Schlacht ihre sirchtbarc Arbett verrichteten? Unsckre braven Leute, durch den Sturm getrocknet, sind wieder lustig, auch ohne Frühstück. Ich Glücklicher leiste mir eine Berliner Zigarre, Liebesgabe aus der Seimat. Der gütige Sender ahnte wohl nicht, welch neuen Lebensmut nttr seine Gabe emflößen würde. Nach der Meldung bei der Brigade erhalten wtt den Auftragin der Nähe einen Truppenverbmwplatz zu übernehmen.
Es gibt wohl keinen ttaurigeren Anblick als solch einen von Verwundeten erfüllten Truppenverbandplatz, erschütternd selbst für die abgehärteteu Augsp des Arztes. Deutsche und Belgier liegen!
Die Afghanen und ihr Herrscher.
Nach den jüngsten Nachrichten hat der große Weltkrieg nun auch das Asghaucnovlk in Bewegung gesetzt, das, wie es scheint, die Gelegenbett benutzen tmll, um seine Rache an den beiden Völkern zu kühlen, dtt dtt ulten Feinde Afghanistans sind. Kein Zug im Eharakter des afghanischen Volkes ist hervorstechender und kennzeichnender, als gerade sein leidenschaftlicher Mang zur Unabhängigkett. Sic sind ein freiheitsliebendes Volk, stolz ans ihre Persönliche und ihre Stammesfreiheit. Roch bis zum heutigen Tage haben die verschiedenen Stämme, aus den«: sich die Bevölkerung des Landes zusammensetzt, sich ihre Sonderbräuche und ihre Svnderdialekte erhalten, und wenn auch der Emir in Kabul per despottiche Herrscher des Landes ist, so bewahren doch auch rhm gegenüber dtt Stämme eine gewisie Unabhängigkeit. ^Wenn der Ennr etwas erreichen will, so erreicht er es, indem er irch mtt den Säuptern der einzelnen Stämme ins Einvernehmen setzt: tue Algbanen im engeren Sinne aber sind nur die beherrichende Rasse tm Lande, die etwa feit 1750 die Obergewalt au sich gerissen hat. Sv wie die einzelnen Stämme dem herrschenden Bolle gegenüber, so wissen die Afghanen auch gegen die Fremden ihre Unabhängigkeit bis auss äußerste zu wahren. Mes Volk ist sctt Urzettcu ein Volk von tapferen Kriegern und kühnen Räubern. Me Flinte und das lange Afghauenmesser verläßt sie nicht: aus dem Rücken des Pserdcs sind sie zuhause. Die Afghanen haben einen ausgesprochen männlichen Nattonalcharattcr, und das spricht sich auch in ihrer äußeren Erscheinung aus. Stt sind groß, schlank und kraft uz. haben langgezogene Gesichter mit scharfen Zügen, ickpoarzem Ban und Saar, und großen, dunkeln glänzenden Augen.
In furchtbaren, höchst mörderischen Kämpfen haben die Engländer ihre Herrschaft in Afghanistan allmählich bis hinttr den berühmten Khaiber-Paß vorgeschoben. Aber selbst jetzt noch ist diesir Paß nur an zwei Tagen der Woche für den Karawanen- vcrkehr geöffnet, und auch daun iverden die Söhen und Schluchten zu beiden Seiten der Sttaße besetzt und bewacht. An änderest Tagen aber wird von der englischen Sette aus niemand hinctti.'
gelassen, da man, wie Karl Figdor bemerft hat, dann einem ziemlich sicheren Tode rntgegengehen würde. Die zahlreichen und wttdcn Bcrgstämme der .Seitentäler und Schluckten haben vor Menschenleben nicht eben viel .Achtung. Mr Khaiber-Paß. der einzige Weg, der von Peschavar nach Kabul sührt, ist etwa 26 englische Meilen lang und führt im Zickzack längs eines Bergbaches durch eine enge, von steilen Felsen eingesckzlvssene Schlucht. Dm Berge, die ihn begleiten, schien gegen das Tch stellenweise in lotrechten Schieserwänden ab, an deren Fuße sich der Paß auf lange Stteckru ganz eng zusammenzicht. Das ist der furchtbare Paß, der schon Ströme von Menschcnblut getrunken hü. Mein, selbst wenn die Engländer diesen in ihrer Gewalt haben und halten, so ist doch auch der weitere Weg nach der Landeshauptstadt Kabul noch äußerst Kfährlich Kabul liegt der indischen Grenze vcrhchtnis- mäßig nahe, aber dtt großartige und zugleich schreckliche GebirgS- landschatt des östlichen Sinduftffchs bildet gleichsam ein natürliches Bvllloerk vor der Hauptstadt Afghanistans. Joch auf Joch, Klippe auf 'Klippe türmt sich übereinander und starrt in wilder Nackthett zum Himmel empor, vttle Piks hüllen ihre Häupter in den blendenden Glanz des ewigen Eitts und einzelne dieser Kolosse ragen weit in die Regwn der Hochalpen hinein.
Ein merkwürdiger Zug des Volkslebens ist dtt relativ hohe Bildung der Afghanen. Das Volk ist im allgemettwn begabt und intelligent zu nennen, und fast in jedem Dorfe oder Nomadenlager sindet sich ein Mullah, der Unterricht in den 'Clementap- kennMissen gibt: im Lesen, im Schreiben, in der Kenntnis der nöttgen Gebett. Gerade der gegenwärttge Emir Habrbullah hat eine Reorganisation des afghanischen Schulwesens nach europäischem Vvrbllde in Angriff gerwmmcn, Emir Habibullah ist überhaupt eine recht merkwürdige^Persönlichkeit. Seinem Charakter nach ist er ein. echter Afghane: zäh, zurückhaltend, beobachtend und von großer Willenskrait. Sein Temperament ist scharf, ja fast grausam: das afghanische Volk erwartet von seinem Herrscher ein gewisses Maß von Grausamkeit, doch fühtt Habibullah ein viel müderes Regiment als sein Vorgänger Abdurrha:nan. Mtt Wen dresen Zügen von alwrientalischäu Despotismus mischen sich aber
bn dem Emir Elemente wesllicher Aufllärung. Er Neidet sich europäisch, wobei er freilich nicht unterläßt, seine Weste schwer mtt Gold und Silber zu sticken und sein Haupt mtt dem altl- herkömmlichen Biber- oder Astrachanhute zu schmücken. Er ist ferner ein Freund manches europäischen Sports und hat für Erfindungen und Leistungen der europäischen Technik viel Interesse. ?lls er jetzt vor acht Jahren seinen vielbesprochenen Besuch in Jndttn ablegtt, konnten die .Engländer nicht in Abrede stellen, daß mtt .habibullah Khan als einer intelligenten und energischen Persönlichkeit zu rechnen sei, und daß er sehr wohl verstehe, mtt Menschen umzugehen, und seine Würde zu behaupten.
— Ein neues Lustspiel. Aus Bremen, 2. Oktober»
wird uns geschricken: „Ein Tag", Lustspiel in 3 Aken von Sil Vara, das heMe im hiesigen Schauspielhaus am O st e r t o r zur Uraufführung gelangte, ist eines jener leichten, heiteren, glänzend dialogisietten und mtt pikanten Wahrheiten über Frauen, Liche und Ehe übersäten Salonstücke, wie sie uns gerade Oesterreich, das Vaterland des Mchters, schon des öfteren beschert hat. Der junge Professor Erich Maierchorf gerät in Strcft mtt Lori, seiner Frau, weil die ihn gar zu sehr bemuttert. Daraus entwickeln sich allerhand Eifersüchteleien, kleine Licbesinttigen und Verwechselungen mit der selbstverständlichen Versöhnung am swluß. Die Dandlung ist llott geführt und mtt sicherer dramatischer ^.ogil entwickelt: auch der Ettrfall, wie ein einziger Tag uns Mcnfch- lein wandelt, ist an sich amüsant. Und da Sll Vara :n den bnden Famllicn der Frau und des Mannes eine Reihe zum Teil ganz origineller Charaftere einander gegenüberstellt, so gibt es ernc Fülle zwanglos enrstehender, wundervoll ftifcher und lusttger Szenen, die das Publikum bei der sehr temperamentvollen Darstellung und vortresflichen Inszenierung, die Herr Regmeur Paul Carney besorgt hatte, auch sichlli» prachtvoll amu,leiten. W. K.
— Der Schöpfer des Unterieebootes f. Aus letzt emgetrofsenen amerikanischen Zeitungen ist zu ersehen, daß der Schöpfer des Unterseebootes, John P. Holland, im Alter von 72 Jahren zu Newark im Staate New York am 12. .Sephemhor an einer LungeneMzüaduna geworden i&


