Nr. 250 Zweiter
Erschein! täglich mit Ausnahme des SointtagS.
Tie „«ießener ZamklienblStter" rverden dem
.Anzeiger' viermal wöchentlich bergeiegt, das „Kceisblatt für de« Kreis O letzen" zweimal wöchentlich. Die „kandwirtschastlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Statt jb-s. Jahrgang
Seneraj-Anzeiger für Gberhesjen
Donnerstag, 1. Moder
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schcn Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: Redaktion: e-jn >ll3. Tel.-Adr.:AnzeigerTießen.
Anegsbnefe aus dem Osten.
Vim unserem zum Ostheere cittsandten Kriegsberichterstatter (2wberechtlgtcr Nachdrnck, auch auszugsweise, verboten.)
Im deutstkMn Suwalki.
Armee-O de r komm and«» O-st, 25. Sept.
Die deutsche Offensive gegen die Linie Kolrmv-Grodno hat seit eiurgen Tagen eingesetzt. Die Grnpierirnjg dew ge-i schlagenen ruffischen Armeen in dem Raum von Köwrro- Nrodno-Waiistock dürfte instvischen erfolgt sein. Ob die Armee Rennenkamps vor drei Wochen überhaupt opera-- tionssähig ist, hängt von dem lMrrmticnisnackffchuch der Ruffen ab. Bermutüch werden die Depots ziemlich wett rückwärts regen.
Das 1. ruMche Armeekorps hat sich wahrscheinlich bei icowlto-gesammelt, das 3. Korps zwischen «tzvodrw nnd K«uno, um den Uebeogang über den Njemeu zu docken. Hier dürsten stärkere Reserven herangezogen fern, Olita dürfte durch das t., der Abschnitt Olita-Vörodrw durch das 2. Korps gedeckt verdc». Erhebliche russische Kräfte, anderthalb Armeekorps, >as 22. Finnische und Teile des Kaukasischen mit reichlicher Kavallerie stehen bei Grodno; in der modern ausgebauten Festung Ossowjetz (Ossowice) werden das 3. Sibirische Korps, >as bei Lyk geschlagen wurde, und eine Reservedivisioii rnzunehmen sein.
Die deutscherseits eingelcitete Beschießung von Ossow- etz wurde bereits als bevorstehend gemetbet, die weiteren Änzelheite» des deutschen Offensiv-Stoßes sind natürlich „och ittcht zur Veröffentlichung reif.
Jnztvischen ist das Gouvernement Suwalki, das Aufmarschgelände für die deutschen Truppen, seit über einer Woche in deutscher Verwaltung.
Vor ein paar Tagen fuhren wir durch die nördlichen Teile des Gouvernements nach Wilkowiszky, dem historischen Ort, von wv Napoleon die Proklamation an seine Armee erließ, in der er den Beginn eines „zweiteir polnw chen Krieges" ankündigte. Gestern besuchten wir Suwalki, yie Gouvcrnementshauptstadt. Hinweg: Don der Grenze bei Prosken über Grajewo, Äugustowo, Rückweg: über Mark, Hrabowo nach Lyk.
Den gleichen Eindruck, den ich von der letzten Fahrt nach xin eroberten Gebiet mitbrachte, trug ich auch diesmal nach hause. Auf der deutschen Seite der Grenze ist planmäßig) verwüstet worden, auf Her russischen Seite hat man kernen stein angerührt. Genau so wie Schirvindt völlig zerstört ist und der nächste russische Ort völlig unberührt blieb, sol ist Prosken eine Drümmerstätte, die (nicht vom Granatfener) von Grund aus vernichtet ist, während Grajewo kaum Spuren des Krieges zeigt.
Wir sind dann Meilen und Meilen durch das Land gefahren, nirgends eine Brandstätte, selbst Augustowo, wo ein Kamps stattsand, hat nicht gelitten. Wenn es noch irgend eines Beweises bedurft hätte, daß die Verwüstung Ostpreußens nicht die traurige, aber selbstverständliche Folge oes Krieges, sondern das Opfer einer verbrecherischen, völkerrechtswidrigen Kriegführung durch die Russen sei, so ist dieser Beweis, wie man nicht oft genug wiederholen kann, völlig gebracht.
Ganze Strecken des Gouvernements Suwalki, das sich h»er iu seinem südlichen Teil ganz anders zeigt als im Norden, bieten den freundlichen Anblick etwa einer thüringi- schm Landschaft im Frühherbst. Taimenwälder, die von guter Forstwirtschaft zeugen, mtt einzelnen Felsstückchen, kleine tiefblaue Seen und gut gepflegte Straßen. Mtloeiber- sonrmer, der die Stopelselder wie mtt silbernen Netzen überspinnt, flimmert durch die Luft.
In den Ortschaften ist freilich jede, aber jede Erinneä rung an deutsche Bilder gelöscht. Die Frauen halten das schwere Kopftuch beim Gehen über die Straße mit gebogenem Arm über Kinn und Mund, die Ladenlür ist Schaufenster, die Straße Versammlungsort. Der Osten ist unverkennbar. Die klugen schwarzen und bvaunen Augen der jüdische» Bevölkerung sind »oll llnterwürsigkeit. An den Kramläden, die meist kaum für 50 Rubel Ware enthalten, steht
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groß mit Kreide: „Jüdisches Geschäft". Das soll heißen, ein freundliches Geschäft.
Die Freundlichkeit ist demnach stark vorhanden, die Ge- schästtgkeit auch. Ein Pfund russischer Bonbons, das vielleicht den Wert von dreißig, vierzig Kopeken hat, wird mit 1.50 Mark verkauft. Ebenso gezuckerte Orangrschalen. „Schmeckt wie Hinrmel", versicherte mir dafür aber die Verkäuferin.
Suwalki wttd etwa 20 000 Einwohner haben (ich habe die genauen Zahlen nicht zur Hand); eine deutsche Stadt von zehntausend Einwohnern macht aber einen viel städtischeren Eindruck. Eine lange breite Marktstraße mtt lleinen Läden bildet den Mittelpunkt, dann kommen ausgedehnte Seitenstraßen mit Hotzhäuschen, die noch oft au unge- psiasterten Wegen liegen.
Zu Friedenszeilcn soll die Stadt einen lebhaften Eindruck haben. Es liegen zwei Regimenter dort, die schon für Amüsement sorgen werden. In den Schaukästen der Photographen sieht man dann auch inehr elegante und neckische Figuren, als sie eine lleine deutsche Stadt bieten würde- Selbst jetzt zur Zeit der deutschen Besetzung wiegt cs mit Trippelschritten über die Hcruvtstraßc. Darin sind uns die Russen unbedingt über. Kleine, vielleicht zwölfjährige, schwarzlockige Burschen sprechen einen auf der Straße an, um in diesen delikaten Angelegenheiten zu vermitteln. Man merkt, man hat wirllich die Grenze überschritten . . .
DaS Gymnasium ist zum .Hospital eingerichtet. An den Wäiroen hängen noch die iifftrnktiven Bilder aus der Schulzeit; ein Tyroler Dorf mit allem, >vas dazu gehört, und ein Bild der Stadt Moskau, lieber die breiten und sauberen Gänge huschen die jungen Damen von Suwalki. Sie haben erst die Ripsen gepflegt und pflegen jetzt die Deutschen. Ein paar Pflegerinnen, mit derren ich sprach —■ sie sprachen fast alle deutsch —, machten mir den Eindruck, als ob sie diese Pflege gut leisten würden. Intelligente Jüdinnen, die das Gymnasium absolviert hatten und außerdem ziemlich viel Diplomatie gelernt hatten. Es ist ja wohl auch Bedingung für einen Juden in Polen, daß er das Talent entwickelt, so zu sprechen, baß jeder das Seinige aus den Worten lesen kann.
„Der Zar hat an alle Völkerschaften Rußlands Worte von Befteiung gerichtet. Man tut das öfter in Rußland, es ist sehr billig... Man wird uns von russischer Seite vorwerfen, daß wir zu freundlich zu den Deutschen gewesen seien. Man wirst uns immer vor ..."
Es ist nicht das skrupellose Erfassen der Gelegenheit wie bei der einfachen jüdischen Bevölkerung, es ist die Diskussion über eine sehr alte Frage, die sich nicht i» den Gängen eines Lazarettes löst
Die deutschen Leichtverwundeten lagen auf ihrem sauberen Bette, und wenn es erlaubt war, rauchten sie die billigen und guten russischen Zigaretten. „Sie sind so freundlich und geduldig," sagten die Dränen vom russischen Roten Kreuz.
Auf der Treppe zum Gouverneurhaus drängten sich die Notabeln von Suwalki. Der deutsche Gouverneur hatte sie zusammenrufen lassen, weil es enviesen war, daß sich Spione in Suwalki herumtrieben. Man verlangte Unterschrift unter ein Dokument, das verpflichtete, sich jeder für die deutschen Operationen feindlichen Handlung zu enthalten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Da erllärtc der Bürgermeister, das könne er nicht, denn wenn russische Spione kämen und ihn über die Stärke der deutschen Truppen ausfragten, muffe er ihnen doch Auskunft geben. Eigentlich eine Unverschämtheit. Natürlich wurde der Bürgermeister sofort verhaftet.
Aufgeregt gingen die anderen aus dem Zimmer, sie singen scheinbar jetzt erst au, zu begreifen, daß, sie unten deutscher Herrschaft stünden. Uebrigens schien einer der Stadtväter der Ansicht zu sein, daß der russische Bürgermeister ein ausgemachter Mel wäre, von solchen Dingen zu sprechen.
Die Gruppe trat wieder auf die Straße, von allen Seiten richteten sich die neugierigen Augen aus die Vertreter der Stadt. An den Ecken bildeten sich kleine Parlamente, die noch lcbhast zur Tagesftage Stellung nahmen. Da ich mehrere deutsche Soldaten sich mtt ihnen verstän
digen sah, nahm ich an, daß die deutsche Auffassung den! guten Bewohnern von Suwalki llar geworden ist.
Jedenfalls zeugt die Möglichkeit dieser Szenen von der außerordentlich humanen Art der deutschen Okkupation.
RolfBrandt, Kriegsberichterstatter.
Aus dem Schlachlfrlde vor Paris.
Ein in der Stadt Rneil im Departement Seine-etMise ansässiger D ä ne, ein Fabrikant namens Alfred Christensen, hat den dorftgen Ortsbehörden seinen Kraftwagen zur Verfügung gestellt. Am 8. September wurde ihm nun der Auftrag erteilt, die Frau und das Kind des Gendarinericchsfs von Rueil aus dem kleinen Orte St. Augustin bei Eouloml- mier abzuholen. Eile tat not, denn Coulcmnnier war bereits von den Deutschen besetzt worden.'Tic Schilderung dieser Fahrt, die Herr Christensen in dem Kvpenhagener Blatte „Politiken" verösientlicht, enthält mancherlei Jitteressantes. Der nächste Weg von Rueil nach St. Augustin märe der quer durch Paris gewesen, allein, wenn es leicht war, nach Paris bineinzukommen, so hätte es um so schwerer gehalten, die Stadt zu verlassen, und der Däne entschloß sich daher, liebev einen großen Umweg im Halbkreise um Paris zu machen. Die Sonne war gerade aufgegangeir. als er gnfbrach!. Eftt roter Nebel hing über Paris; auf der anderen Seite der Stadt erblickte man den dunklen Uinriß eines Luftschiffes —z der Däne glaubte darin einen Zeppelin zu erkennen. Unter vielen Schwierigkeiten und Umwegen, innncr wieder angehalten und ausgesragt, kam er schließlich nach M e l u n, und damit mitten hinein in das englische Korps. Ganz Melun, so erzählt er, war voll von englischen Truppen. -Ordonnanzen aus Motorrädern schossen durch die Straßen und wichen, von ihren Offizieren abgesehen, niemanden! aus. Die Offiziere selbst fuhren in kostbaren Luxusautos, die stt aus England mitgebracht hatten. Von Melun ans den Weg nach St. Augustin verfolgend, passierte der Erzähler große englische Lastzüge. An der Spitze fuhr jedesmal ein Kraftwagen — in der Regel eine gewöhnliche Londoner Droschke — mit einem Offizier; es folgten dann 20 bis 30 Lastautos, die alle möglichen englischen Firmennamen trugen. Man sah da Wagen vom Hause Waring, von den Eiscnbahngesell-i' schäften, von Brauereien und Bäckereien. Bei dem Städtchen Chaumes hielt auch ein englischer Eiscnbahnzug vom Roten Kreuz, der gerade entladen wurde.
Eine Wache von französischen Husaren, die der Däne auf seiner weiteren Fahrt passierte, hatte seit einer Woche überhaupt nichts von den Ereignissen gehört. Nur daß vor zwei Tagen die Deutschen nur noch vier Kilometer entfernt gewesen waren, war ihnen bekannt. Der Offizier war beglückt, als der Fremde ihm ein Morgenblatt überließ. Jk weiter der Wagen vorrückte, um so deutlicher wurden dtt Spuren des Kampfes. Pferdeleichen lagen zu Dutzenden herum und die Bauern waren dabei, sie zu begraben. Man sah Schützengräben, Stacheldrahtzäune, englische Reiter kamen, die herrenlos gewordene Pferde zur Reserve überführten) Ms Herr Christensen schließlich in St. Augustin anlangto, da erfuhr er, daß wenige Tage vorher 10000 Ulanen die Stadt überrascht haben sollten. Diese Zahl wird bei den deutschen Lesern ein verständnisinniges Schmunzeln erregen. Dann hatte sich der kühne deutsche Reitertrupp, der so weit vorgestoßen war, vor der Uebermacht eines schnell anrückenden englischen Korps zurückziehen müssen. Der dänische Rci- sende sah überall noch die Spuren des deutschen Besuches. Die Bewohner von St. Augustin hatten den Fehler begangen, chre Häuser zu verlassen und so hatten die Deutschen sich selbst helfen müssen. Im dem Hause, wo die gesuchten Schutzbefohlenen wohnten, hatten sie sich gewaltsam Eingang geschafft und in den Betten genächtigt. Der Tabaksverschleiß des Oertchens zeigte, daß die deutschen Reiter froh gewesen waren, dort ihren Tabaksvorrat ergänzen zu können. Die Bevölkerung, die zurückgeblieben war, hatte weitere Unbill nicht erfahren: ein einziger Zivilist war erschossen worden, und zwar, wie der dänische Erzähler offen zugibt, weil er, nicht hatte gehorchen wollen. Im Nachbarstädtchen war ein deutscher Offizier verwundet zurückgeblieben. Er halle mehrere tausend Franken Gold bei sich) die die Engländer ihm abgenommen hatten. Die Bauern hatten ihn töten wollen, aber die Frauen hatten das verhindert: hatten sie doch selbst
honr Thomas Geburtstagsgeschenk an das deutsche Volt zu seinem 75. Geburtstage.
Am 2. Okwber begeht das deutsche Volk einen Feiertag in schwerer Zeit: Meister Hans Thon« wird an diesem Tage 75 Jahre all. Geburtstagskindern pflegt man sonst ein Geschenk darzu- briugen, aber die, dir der Getttus begünstigt hat, halten es auch in diesem Punkte oft anders als andere Menschenkinder, indem sic zu ihren Festtagen vielmehr ihrerseits ihren Zett- und Volksgenossen willkommene Gaben spenden. So lstilts denn auch Meister Thoma, und die Gabe, die er zum 2. Okwber den Deutschen darbringt, ist der „Festkalende r", der dieser Tage der E. A. Seemann in Leipzig rxscheint. Dieser Festkalender umfaßt in 31 allerliebsten farbigen Tafeln 12 Monatsbilder, dann die Bilder der Planeten und endlich die Hauptmomente des christlichen Fest- jahres in einer Reihe von 11 Bildern aus den Erzählungen des Neuen Testaments. Und zu jedem dieser Blätter hat der greise Künstler ein sinnvolles Verslern gespendet, das in seiner kennzeichnenden Handschrift nncdcrgegeben wurde. Wie aber diese lieblich Mappe entstanden ist, darüber gibt eine von Thoma verfaßte Ein- siihrung in der bedächtigen und gemütvollen Weise, die dem Künstler als Schriftsteller eignet, nähere Auskunst. Die 31 in den Festkalender vereinigten Blätter bilden nämlich eine im Zusammenhänge geplante Reihe und Thoma erzählt davon: „Pläne zu zusammenhängenden Bildern halte ich, wie wohl viele Maler auch, von Jugend auf, es ist eine Art von Erzählenwvllcn, die besonders in deutscher Art begründet sein mag — ob diese Art zu loben oder zu schelten ist, kann ich nicht erörtern; wie alles, was Art ist, läßt es sich nicht aus der Welt schaffe». Es entstanden mancherlei-Pläne, ich träumte von einem Raum, der solch Bilder vereinigen sollte; es waren Jahres- und Tageszeiten, der Monatskreis, die Tierkreis- -zeichen, die Planeten als Jahresregentcn der alten Kalender, die auch Vorsteher der sieben Wochentage sind, es waren die kirchlichn Feste, die im Laufe des Jahres aus seinem Wechsel in geheimnisvollem oder ahnungsrrichm Zusammenhang mit ihni auftauchn. die tteserrn Bewegungen der Menschensecle regelnd, zu Svmbolcu formend, in welchen dir Seele aus dem Jmmervergänglichn das ewig Unvergänglich feskzubalten versuch." Die Jahre gingen, das Alter kein und damit die Zeit, wo der Küirstler so manchem allen Plane den Abschied geben mußte. Erst als Thoma in seinem 00. Lebensjahre, 1899, von Großherzog Friedrich nach Karlsruhe berufen ward, bot suh ihm Gelegenheit im Gespräch dem Grvß-
herzog auch von seinem längst aufgegcbenen Plane, eine Bildcr- reihe aus dem Christusleben zu geben, zu erzählen, wobei er erwähnte, daß ihm in seiner schassensfrohesten Zeit nur die Wände dazu gefehlt hätten. In seiner gütigen Art meinte der Großherzog, da könnte man ja einmal die Wände dafür bauen. „Die alten, Pläne wollten wieder auslebcn — aber durch den Verlust meiner Lebensgefährtin im Jahre 1901 verlor ich auch alles Vertrauen in meine ArbettSkrast. Ein paar Jahre später, als ich in St. Moritz als Gast bei den hohen Herrschaften weilen durfte, kam auf einer Spazierfahrt mein gnädiger Fürst wieder auf den Plan zu sprechen, indem er ein wenig schalkhaft meinte: „Wenn wir Weißbärtc noch bauen wollen, so ist cs jetzt Zeit, daß wir uns daran machen."
Tboma ist nun so verfahren, daß er erst die Bilder selbständig für sich fettiggestellt hat. Der jetzige Grvßherzog hat dann den Raum für den ganzen Zyklus närklich erbaut. An seinea Wänden wurden die Christusbilder, Geburt bis Auferstehung umfassend, ausgereiht. Es blieb dann noch die Eingangswand zu bemalen, und hier fanden die Monats- und Planetenbilder ihren Play — sie, die den Kern unseres „Festkalenders" bilden. Meister Thoma selbst tritt als der „Kalendermann" auf, der den Gehalt seiner Doistellungen, und was die Bilder zu bedeuten haben, liebenswürdig erläutert. Zu den sieben Planeteubildern brauchte er der Symmetrie halber noch ein achws Bild, und dazu nahm er die Erde im grünen Gewände, die ia auch ein Planet ist. „Zwei Erdenkinder reichen sich die Hand zum Lebensbunde. Auf solch wichtigem Ereignis ist ja der Bestand der Erde begründet, und die zwei künrmern sich nrcht viel um die Lockungen und Drohungen der sieben Jahresregenten. Mögen sie im Gotterscleden ihre Hütten bauen. Ueber ihnen ans unerkannten Räumen lächeln die Sterne als Freunde herab." So ist dieser Festkalender entstanden. „Aus all den Pufälligsteiten, wie die Bilder nach und nach entstehen mußten, zum Teil sozusagen aus dem Stegreif, wie die Christusbilder sich aneinanderre:htcn als ein Leben von der Geburt bis zum Tod, rundete es sich wie der Laus des Jahres. Die wechscinde Wiederkehr,"
Die älteste Zeldpoft.
Die Ahnen unserer Feldpost, von deren Wirksamkett in diesen Tagen so viel abhängt, können wir bis wett in das graue Mter- tum zurückvrrfolgen, und zwar ist den Brieftauben zuerst die Ausgabe zuaesallsr, von den Heeren im Felde Kunde in die
Heimat zu tragen. Wtt wissen, welchen ivichtigen Teil der Taubenzucht heute die Erziehung und Pflege von Milttär-Bttestaubenl bildet. Aber es ist weniger bekannt, daß nur darin die älteste Form des Fern-Nachrichtendienstes im Kriege — und, was den Orient betrifft, auch im Handelsverkehr deo Friedens — zu erblicken haben, der sich bis ins 20. Jahrhundert erhalten hat. Me erste Erwähnung der Taubenpost im llassischen Altertum! betrifft den Spott, für den Griechen die Vorschule des ernsten Waffenwerkes. Als ein gewisser Tanreschenes aus Aegina tn den olympischen Spielen gesiegt hatte, sandte er seinem Vater die Kunde davon durch eine Taube zu, an deren Fuß ein Purpur- läppchen befestigt war. Sie legte den ziemlich beträchtlichen Weg nack) ihrer Heimat, wo sie noch nicht flügge Junge hatte, in weniger als einem Tage zurück. Eine direkte Verwendung von Kriegstanben wttd aus dem Jahre 43 v. Chr. berichttt, in dem Brutus, ttner der Mörder des großen Julius Cäsar, in der obettwlrsckien Festung Mutina von Antonius belagett wurde. Sie vermittelten mit gutem Erfolge den schriftlichen Verkehr znnsck>en den Eingeschlossenen und^vem Herairrückenden Entsatz- Heere des Konsuls Hittius. Die Stürme der Völkerwanderung vcrnichltten, wie so viele andere Kultursottschrittc, auch die Ansänge der Taubenpost, und es dauette bis in die Zett der Kreuzzüge, daß das Abendland wieder von einem geregelten Bttes- taubenverkehr hätte. Tie berühmte Stelle im 18. Gesang« von Tassos ,Keftertcm Jerusalem", wo Gottftied von Bouillon bn der Belagerung der hefligeit Stadt eine Bttestaubc m seine Hände bekommt, ist durchaus bistottsch und stützt sich aus das Zeugnis mehrerer Geschichtsschreibm dieser Epoche. Sodann haben von uns Deutschen mehrere Pilger wetteres Interessante berichtet, die das Gelobte Land besuchen und vor allem zu Mexandria m Aegypten eine geregelte Taubenpost kennen lernten. Wie ans gebe hui und technisch diivchgebildet diese in der damals noch in stolzer Machtfülle stehenden Tittkci war.^ zeigt eine Aotiz oe» berühmten niederländisclieu Reisenden Lindschottcn aus dun Jahre 1590: „So ist demnach zu wissen, daß sie durch gantz Durck^ darzu gebrauchen Dauben, welche darzu gewebnl u nd ab gerttbi sind und Ring an den Beinen haben. Drei« Dauben werden von Bassora und Babylonien nach Mcpo und Constantinopel gefuhtt mtb fomnten von boroten nn-eber zurück, es bann Die Not also erfordert, besonders in geschwinden Krieges, l ä u f f t e n , als dann machen sie den Bttesi fest an den Ring, welchen sic an den Beinen haben, und laffM st« also flthcn, alsdenn


