Nr. 226
Dritter Blatt
m. Zahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag?.
Die „«ietzener ZatnllienbkSNer" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, da? .^lkekdlatt für den Kreis «ietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landioirlschastllchen Zeit- sragelt" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
Eeneral-Anzeiger für Oberhejjen
Samstag. 26. September
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'jchcn Universität? - Buch- und Stcindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e=ai»j51. Redaktion: ^EIIL. Tel.-AdrtAnzeigerGießen.
Ein Nampferlebnir beim Heer der Kronprinzen.
Krm einem höheren Offizier unserer Westrcrmee wird »em ,ß)ag‘ cm Zettel eingeschickt, der ihm von einem durch ihn ge sangen genommenen srcrnzö fischen Offizier zugestellt Mtrde. Gr bautet in Hebersetzurrg:
Herr Oberst!
Wenn etwas die traurige Notwendigkeit, in die ich heute morgen versetzt wurde, hat versüßen können, so war es der herzliche Empfang, der mir auf dem Schlachttelde sclbn vom ersten 'Augenblick an vou meinen Feinden zuteil geworden ist Wollen Sie für sich und für den Lxrupttnami Sb. den herzlichsten Dank entgegeirnehinen von Leutnant F. und von mir.
Äauptmaun (Eapftän) E. 35., 3. Jus.-gtegt. DerMnsender begleitet dieses Dcrnffchreiben nnt folgen- >cn oufklärenden Zeilen:
Den Anlaß z« beiliegenden Zeilen eines ftanzösffckwn Offitters **& der Angriff der Armee des Kronprinzen in der Rächt vmt 9. zum 10. September In der Dunkelheit fand das Buonett ilutige Arbeit Bei TageSanbruftt zeigte iich, oaß der Gegner ruf dcu Höhen in vortrefflich starken Schützengräben Halt gemacht wttc. Es entspann sich ein zweistündige? deftiges Feuergefccht >on zwei Bataillonen ixg Regrmmts. Der die ganze Nacht >oäh ende Regen hickt au. Trotzdem blieben irnsere Leut- bei guter iatr a c- Wo Äch ein Kopf des Gegners aus den Schützengräben rhob. wurde .ftnngelairgt", um diesen Ausdruck der Mannschiftci, u gebrauchen Die Wcrkuuq war bei der kurzen Entierminq von \O0 Meter deutsch fichkbar und spornte die rchühen doppelt an. klötzkich. wie auch bei früheren Gefechten, sah man aus den seiud ichev Schützengräben hvchgehobcne Gewehre schwenken — das seichen der Ergebung, liniere Leute waren nicht zu Hallen und türmten pubelnd auf den Gegner zu, nicht um ihn niederznmetzeln, onderu um von den Franzosen den stets nritgeführten und von msevc» Leuten brennend begehrten ^abak zu erhaschen Der eiudliche Fühoer und Schreiber des anliegenden Briefes übergab ms tränenden Auges seinen Säbel und Revolver. 'Man nnrd war rrrnh und stumpf im Kriege, braucht aber nicht sein Mit- lefüht einem Feinde zn versagen, der sich ergab, weil angeblich ie Gewehre seiner Leute im durchweichten Lehmboden derart erschntiert waren, daß ein Laden (die Franzosen müssen du Zatroneu einzeln laden) unmöglich ivurde. Nach einigen au ckennenden Worten, daß die Franzosen unter diesen llnrständen berhaupt so lange Widerstand geleistet hätten (die Toten und vochkbaren Verwundungen in dm französischen Schützengräben igtcn alles übrige deutlich genug', erfrischtm wir die Offiziere rit einem Schluck Kirsch und einer Zigarre, um sie dann in ltarsch zu setzen Ein BvgleftMann brachte mir am Abend die lilwlesworke der gefangenen Offiziere.
In Sichtweite vou uns noch eine andere Weine Episode. Als ie Franzosen dicht vor uns sich ergaben, folgten die in der Nähe ttindttcheu französischen Truvven anscheinmd ihrem Beispiel, ebenfalls kamen sic ans den Berdecknngen heraus und standen t einem großen Haufen mit Gewehr bei Fuß. Unser Bttgado- dsutant ritt in« Galopp auf säe tzir und wandte sich an den Führer, ne» Oberstleutnant. mit der Aufforderung, sich zu ergeben. Dieser utworttte stolz: ,Fsam>ais!", was mit der Haltung seiner Leute htoer in Einklang zu bringen war. Der Oberleutnant Z. machte ihn rranf anfmerksam, daß im Weigerungsfälle das Artilleriefeuer m beginnen würde. Da er bei seinem „Janrais" blieb, jagte unser fsizier im Galopp zurück, anständigerweise von den Franzosen icht beschossen, die sich offensichtlich, und wie Teile von ebnen >äter bestätigten. Nur zu gern gefangen gegeben hätten. Eine turnte später schlugen unsere wohlgezielten Schrapnells in den amer noch unlätig stehenden Haufen Franzosen ein, die wie >preu auseinanderstoben und, soweit sie nicht gefallen waren, in m nabeu Wald flüchteten, wo wir ne später zuni größten Teil uh gesangen nahmen. Wie 'sic aussagten, hätte sie ihr Führer hon den ganzen Morgen mit dem Revolver scstgehalten, sei aber if Unseren letzten Attüleriegruß hin als erster mit einem Rade kpougeerlt. '
Fm übrigen möchte ich betonen, daß, wenn davon neuerdings sprechen wird, unsere Verluste seien groß und die Truppen strapa-
Der Dichter als Spion.
Giabricle D'Annunzio, der jetzt in Paris lebt, it ein großes Abenteuer hinter sich, von dem er noch lange chren und in bärrdereichen Dichtungen erzählen wird: er ist ks Spion verhaftet ivorden! Und über dieses Abenteuer er- atlet Luigi Barzini in einem seiner Pariser Briese, die im orriere della Sera veröffentlicht werden, einen vorläufigen ericht, der so hübsch ist, daß wir chn in seiner ganzen chönheit wiedergeben. D'Annunzio, so liest man da, ist eine “r großen Boulevard-Figuren. Er ist aus den aristokrati- zen Vierteln der Etoile hinabgestiegen und biwakiert im afe de la Paix. Er ist hingerissen von den neuen und seltenen Schönheiten dieses schweigenden, unbewohnten, dunk- n, betäubten Paris, und die Straße zieht ihn an. Spät am bend, wenn die Stadt, dir zum größten Teil aus Angst vor n Zeppelinen im Dunkel daliegt, in der Finsternis ein>- släft, dann streift D'Annunzio durch einsame Viertel, die : der Mondnacht grandiose, schreckliche und unerwartete An- icke gewähren. Er wandert zu Notre Dame, der turmgezier- n. massigen, übermenschlichen, schwarzen, ergeht sich an den ferböschungen der Seine, die ganz im bleichen Mondlicht fliegt, schaut sinnend auf das phantastische Profil der äume und denkt nach über die Menschen, die zu Unrecht irch ihre Anwesenheit und den Glanz der künstlichen Lichter e wunderbare Poesie der Stadt stören.... Wer diese Pil- wfahrtcn sind keineswegs gefahrlos. Und so wurde D'An-- lnzio an einem der letzten Abende unter dein Verdacht der pionage verhaftet. Er war in St. Faustin, der ehttvürdigen irche, in der nach den Geschichtsschreibern Dante gebetet Ute —> wenn er dort eingetreten wäre und in der heute ne Menge von Gläubigen um Frankreichs Errettung fleht, ls er die alte Kirche verlassen hatte, blieb der Dichter auf nr Pont des Arts stehen. Es war die Zeit des Sonnen-» Uerganges. Paris, von leichten Nebeln verhüllt, schien
den Rauch eines Riesenbrandes eingehüllt. Ganz ver- ckt, schickte sich DAmrunzio an, Notizen zu machen, in inem Notizbuch (einem außerordentlichen Notizbuch, in das cm mit einem Goldstifi schreibt). Eine Gruppe von Pairio-« n fand dieses Manöver verdächtig. „Was tut der da?"" einte der eine. „Es ist ein Spion!"" erklärte ein an- rcr. „Sicher,"" schloß ein dritter, „er nimmt Pläne u f für die Zeppelins!"" Eine Wache wurde von der efahr benachrichtigt, die Paris bedrohte. Sie näherte sich, obachtete, suchte die geheimnisvolle und verivegene Per-« nlichkcit zu ergründen und ging um sie herum. D"Arriru.nzio hr, völlig versenkt in den Anblick, mit der Niederschrift
ziert, dies in weit größerem Mpßc aus die Franzosen zu- trifft. Alle Gegangenen, und wir haben deren genug gemacht, waren herzlich kriegsmüde und klagten iast ständig, daß sie als Familienväter den Zweck des .Krieges nicht einzuschim vermöchlen. Für die Verteidigung ist solcher Soldat vielleicht nocb zu brauchen, für den Angriff aber nicht. Dies hat sich jedesmul gezeigt, wenn deck „A b e n o s e g e n" kam, d. h. wenn sie abends nnt großem Ar- tillericiencr einen Jnjanleriegrgenstoß irrtour offensiv) machten, der meist an unserem Jnsantcricieuer schon auf 800 Meter scheiterte.
Also mit Ruhe abwarten. Die Franzosen werden uns nicht gefährlich, auch wenn wir mal unserer bisher in der Kriegsgeschichte unerreicht dastehenden Offensive eine kleine Ruhepause folgen lasten — und ebensowenig ihre edlen Verbündeten, das söldnerische Krämerpack.
Die Lage des Arbcitsmarttes in heften, Heften-Uaftau und waldeck im August 19Ü-
Erstattet vom Mitteldeutschen Arbestsnachwrisverband.
(Auszug.)
Tre Mobilmachung im Monat August brachte für den Arbttts- niarkt ungewöhnlich« Verhältnisse. Das plötzliche 'Ausbleiben und die Zurückziehung von Aufträgen verursachten eine Beunruhigung der Industrie. Der Mangel an flüssigen Mitteln zur Sluszahlung von Löhnen imd Gehältern veranlaßtc einen Teil der llmernehmer, hei neuen Aufträgen Barzahlung zu verlangen, woäurch die Ber hältniste eine iveitere Verichärsung erfuhren. Hierzu kam dir Ein- berusung geschulter Arbeiter und die Unmöglickikert der Material- beschafsung für die noch fertig zu stellenden Aufträge. Infolge der starken Anspaummg östentlicher Mittel wurden mich iertens der Vororte und der Gemeinden Ansträge msänslich zurückrezogim und Arbeiten unterbrochen. Es solgle eine Eiuschränkimg der Bedürfnisse aus allen Gebieten und eine starke Jnansvrnchuahme aller privaten Geldmittel für Kriegszwecke. Wenn auch hier und da iibercüte Schritte zu verzeichnen waren, so stand doch infolge der geschilderten Umstände ein großer Teil der Betriebe vor der Notwendigkeit, Arbeitercntlassnngen vorznnehmen. Eine Anfrage des Stadt. Arbeitsamtes in Frankfurt a. M. bei 94 Unternehmern der Melallindustrie ergab vor der Mobilmachung insgesamt eine Beschäftigung von 8518 männlichen und 1294 weiblichen Arbeitern. Der Bestand »ach der Mobilmachung war 2472 männliche und 723 weibliche Arbeiter: entlassen tourden insgesamt 1368 männliche und weibliche Arbeiter und einberusen 2627 Arbeiter. Zn der ?ll>teilung für die Metallinduftrie des Stadt. Arbeitsamtes in Frankstert a. M. meldeten sich im August 1365 Arbeitslose, von denen nur 176 nntergebracht werden loniuten, während ini gleichen Monat des Boriahres von 523 Arbeitslosen 171 Beschäftigung fanden. In Frantsurl a. M. schlossen 56 Betriebe, die nornialenveis« etwa 3500 Arbeiter dcschäspqcti. In einigen dieser Betriebe fit die Produktion inztvischen in bescksiäirk- tem Umfange loieder ausgcnonrnlen worden. Die Zahl der organi- firrten Ardeikslosen beträgt etwi 1800. Ws gut beschäjtast. sind nur die A. E. G. (Scheinwerserbani, Moeirus t-SchuiMaschi>rea), Knodt (Drücker und SprnglerT und Adlerwerle 'Äuto-Reporaturen) anzusehen. Die Motorenjabril Obcrnrsel, Abteilung Fingnwbwen- bau, ist gilt beschäftigt. Der-Arbeitsmarkt rm Schlosser ge werbe wird von dem Arbeitsamt in Darmtzädt gegenwärtig als sehr ungünstig bezeichnet. Im Spengler - und Jnstalla- teurgcwerbe ist die Lage eine gedrückte. Nur Geschäfte, die Mlitärausträge haben, sind beschäftigt. Die Privatkundschast läßt nichts arbeiten. I» Kassel mußten einige Maschinenfabriken mangels Aufträge schließen. Das Buchbindergewerbe hat ruhige Zeft, wie das Arbeitsamt Darmstadt berichtet. Sattler — soweit sie Militärarbeiten verrichten — und Tapezierer für Matratzen wurden nach dem Bericht, des Arbcftsamtes Frankfurt a. M. eine große Anzahl eingestellt. Ersterc konnten tvegen Mangel an geeigneten Kräften nscht ganz beschafft nwrden: Auch in Kassel bestand -Mangel an Sattlern für Militärarbciten. In Osfenbach a. M. arbeiten in der Sattlerwaren-Industrie nur »och 2 Firmen, die Armeelieserungen haben. Einige fleinere Geschäfte und selbständige Meister arbeiten sür sie. Eine Lederfabrik in Langen i. H. wurde geschlossen. In der Industrie der Hvlz-Scknitz- st o s f e wurden nach dem Bericht des Arbeitsamtes Frankst,rt a. M. Schreiner sür Lazarctteinrichtungcn gesucht. Auch bei den Festtmgs-
seiuer Eindrücke fort. Schließlich stellte ihn der Beamte energisch. Das Verhör tvar knrz nnd entschieden. Ter Maestro lächelte, er fand in der zweideutigen Lage ivohl einiges, iverrn auch nicht allzu viel Vergnügen. „Habe ich vielleicht einen Schädel wie ein Deutscher?"" ftagte er in aller Unschuld. „Ich verstehe nicht, was Sie geschrieben haben," erklärte der Wachmann, „da Sie so schlau wärest, sich einer ftemden Sprache zu bedienen. Weshalb das? ?lnßerdem sehe ich in Ihrem Notizbuch Namen, die sich wahr-, schcinlich auf Heeresbelvegnngcn beziehen. Schließlich bleiben Sie gerade auf einer Brücke stehen. Wie erllären Sie alle diese merkwürdigen Umstände? Nun? Ich muß Sie also crilffordern, mit mir zu kommen!"" Und so mußte der höchst elegante engelhafte D'Annunzio folgen. Er lächelte rwch immer, wenn cnkch ganz leicht beunruhigt — „wenn Sie mich anflagten, die Türme von Notre-Dame gestohlen zu haben," fache einmal Tailleoand, der die Polizei kairnte, „würde ich zunächst ausreißen"" —, nnd gefolgt von einem Schwarm von Neugierigen, die da rneinten, inan sollte solches Gesindel ohne weiteres aufhängen, fetzte sich der Achter in Bewegung zur Wache. Vorher aber wies er noch einmal auf Paris, das in der Glut des Abendhimmels dalag, nnd sagte mit seiner unerschütterlichen überzeugenden Milde: „Sehen Sie, wie schön das ist! Finden Sie mcht?"" Der Wachmann sah rhu mrr verdutzt und streng an. Gabriele aber öffnete sanft noch einmal sein Notizbuch. „Gestattest Sie, daß ich noch ein Beiwort Hinzufuge?"". .. Eine Stunde spater war DAirnunzio, nach rnannigsachen Wirrsalen, nuter vielen Entschuldigungen wieder in Freiherr gesetzt. Er hat das Abenteuer heiter hftigenomnien, sein Lächeln war seine überzeugendste Verteidigurrg. Nur ein ganz geheimer und leichter 2ck>auer von Unruhe befällt ihn noch, toeira er entert Polizisten sieht----
Die neue Zriedenskirche auf dem Montmartte.
Der 17. Oktober war als Tag der Eimveihnug für die neue Kathedrale von Sacre Coeur festgesetzt, die als ein großes Symbol der Frömmigkcft und des Friedens über Paris Herüberblicken soll. 39 Jahre hat inan gebraucht, mn den mächtigen Bau im byzantinischen Sttl zu errichten, und 32 Millionen Mark hat er verschlungen, eine gewalttge Summe, die von frommen ftanzösischen Katholiken aus allen Tellen der Welt aufgebracht worden war. Nun braust der Kriegssturm über die Lande um Paris, und die Festesstimmung zur Einweihung der Kirche von Saere Coeur ist-dahin. Seit langem bereits bestand der Plan, ans dem Gipfel des Montmartre, des alten, an Erinnerungen aus der hclligen Geschichte reichen „Märtyrer- Berges"" von Paris, ein Denkmal des Friedens zn errichte». Lnd
l arbeiten in Mcstnz konnten eine Anzahl Schreiner imtergebracht werden. Die Betriebe der M n si k i n st r u m e n t c n b r a n che und Boolbauereien wurden geschloffen, d. h. nur die Werkmeister und Lehrlinge konMen noch verbleiben. Nur in den Wag n e r e i e n, vornehmlich der Automobilbranche, wurde diese Beobach-- tung nicht gemacht. Mt Ende des Bcrickstsmonats trat indessen schon eine gewisse Beruhigung ein, der Andrang von Arbeitslosen ließ nach, auch wurden Einstellungen von Arbeitern oorgenommen. In Kassel fehlte es an Stellmacheni. Das Arbeitsamt Tarmstadt berichtet, daß die Beschästtgung in den Schreinereien schon das ganze Jahr hindurch gering war., Seit Beginn des Krieges ist durch einige Aufträge der MlftärverwalMng Arbeitsgelegenheit geschaffen worden. In der Hauptsache sind jedoch nur 2 größere Firmen bedacht worden. Inder Industrie der Nahruugs- und Gennßmittel war nach dem Bericht des Arbeitsamtes Franffurt a. M. zu Anfang des Bcrichtsmvnats durch die Eiube- rnfting vieler Bäcker ein Mangel an Gebllsen. Durch Aufrui der Innung und der Gehllfen-Berbände wurden alle Bäcker, die in Fabriken beschäftigt waren, und das Schließen der Betriebe fürchten mußten, aufgefordert, sich bei den Arbeftsnachweisen zn melden. Dadurch waren die omchandeneu Stellen rcych besetzt. Nach dem Bericht des Deutschen Tabakarbefter-Verbaaches, Zahl stelle Franffurt a. M. setzte gleich nach der- Mobilmachung eine noch nie dagewesene Arbeitsiosigtell ein. Ein Drittel aller im Gau Franffurt a. M. beschäftiqtrn Arbeitet' und Arbeiterinnen murde arbeitslos In Offestbach a M. wurde in der Tabakndustrre noch gearbeitet, doch konnte nicht festgestellt werden, in welchem Umfange. In Groß-.Karben däkten der Taunus- und der Setzer brunnen ihre Leute bester beschäftigen können, wenn das Leergut zurückgekommen iväre Im Be kleidungsg esrnftt trat noch dem Bericht des Arbeitsamtes Franffurt a. M. bei den Schnei der» durck» die Mobilmachung ein allgemeiner Stillstand ein. Eni mcrfficher Stillstano trat auch dirrch die gleiche Veranlassung in den Schuhfabriken und in den Maßgeschäften ein. In den Rcvaraturwerkstätten dagegen, in welchen die Prinzivale >md Ge Hilten zur Fahne eircberaten würben, machtc sich rege Tättgkeit bemerkbar. Tic Schneider Innung berichtet, daß im Berichtsutvnat der Arbeitsnachweis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern fast gar nicht iu Anspruch genommen wurde. In Kassel herrschte Mangel an Schneidern und Schuhmachern. In Osienb-ach a. M. arbeitrten die Schuhfabriken noch teilweise, jedoch mit verkürzter Arbeitszeit. Auch die Seifenindnstrie ist noch beschäftigt, doch konnte nicht sestgestellt iverben, in welchem Umfange. Die Ban» tätigte it ist, ivenigstens am Anfang des BerichtsmcuivtS, wohl anr ntcifteir von der Atobilmachung beeinflußt. Nach dem Bericht des Arbeitsamtes in Franffurt a. M. nmröe ein« Anzahl Zimmer leute und Maurer bei den Festmrgsarbeften in Mainz iilrterge- bracht. In Mainz fanden die M a u rer u nd Betzon a rbeit er Arbeit bei den Festnngsbanten. Zincmerrr lourden aitckt in großer Anzahl für Barackettbauten benötigt und mußten zum Teil von auswärts herangezogen werden. Das Arbeitsamt Darnrstadt berichtet über das Manrergewerpe, daß die Geschäftslage ge- geuüber derjenigen vor deni Kriege etwas schlechter, jedoch immer noch gilt war. Die Zinimerer ivaren durch umsangreichc Mlftär- bauten gut beschäftigt. In der nächsten Zeft ist eine Verschlechte rnng nicht zu erwarten. Durch Mllitäranfträge sind alle grüße reu Betriebe im 2 a ch deck er g e werbe bis November R» gut beschästigi. Arbeiter brauchten keine entlassen zn werdeu. Jor Gegenteil, cs konnten sogar Hw und wieder Nrueintzellnugen erfolgen. Wenn die KvnftinLur so bleibt, ist Arbeit bis November vorhanden. Auch das W ei ßbindergewerbe war, soweft Militäraufträge Vorlagen, in Darmstadt gut beschäftigt. Die Lage im Glaser g ew erbe mird als gut bezeichnet. Die Betriebe, sind mit zahlreichen Llnsträgen sür die Mlitärverioaltnng bedacht ivorden. Wenir noch iveitere Aufträge, die die Mlftärverwaltnng zu vergeben hat. erteilt werden, ist eine Fortdauer der augenblicklich günstigen Geschästsverhältnissc auch für die nächste Zeit gesichert. Alle Gchilieit und Arbeiter, ioweit ste nicht zn den Wassen gernfen wurden, ivare» voll beschäftigt. Llrbciterentlassnngeii infolge der kriegerischen Ereignisse sind nicht vorgekommen. In Of- senbach a. M. war die Beschästtgung im Baugewerbe außerordentlich genug. Auch in Rüdeshcim a. Rh. lag die Bautätigkeit fast vollständig darnieder und zwar nicht wegen Mangel an Arbeitskästen und ?lrbeit, sondern wegen Matcriatmangcl. ES standen 5 Neubauten im Rohbau serttg, an denen seit Ausbruch
wig XVI. trug sich mit dem Gedanken und gelobte noch im Gefängnis, dies fromme Werk zu vollbringen, wenn er auf dem Throne bliebe: aber das Schaf sott machte scftie Plane und Hoffmmgen zunichte. Napoleon nahm die Idee auf und beschloß, wenn er alle seine Knege zn Ende geführt haben werde, hier den gewalttgcn Tempel des Friedens zu errichten, der sein Lebenswcrk krönerr sollte. Er beschäftigte sich schon mit Einzelheiten der Aus- führimg. hatte den Kostenanschlag sestgelegt, der merkwürdigerweise 32 Millionen betrug, gerade soviel, wie jetzt ausgewcndet worden sind. ?lber Napoleons Kriege nahmen kein Ende. Bevor sie aushörten, war cs mit seiner Herrschaft ans, und der Friedenstempel mit seinen Säulenhallen und Rieienfriesen blieb ungcbaut. Der Krieg von 1870 gab den ersten entscheldenden Anstoß zur Verwirflrchung des Planes. Währerid der Belagerung von Poris wünschten fromme Einwohner von Poitters den Schutz Gottes auf die Stadt herabzuziehcn, indem sic gelobten, zn seinen Ehren eine schöne Kirche in Patts zu erttchten. Dieses Gelübde fand bei front- men Pattsern lebendigen Widerhall, und sie vettuchten aus der ttngttchlossenen Stadt heraus sich ruft den Freunden im Lande zur näheren Erwägting der Idee in Verbindung zu setzen. Ballons, Brieftauben und gehttme Agenten wurden damals verwendet, um Vottchläge sür das fromme Werk in die Welt zu kagen, und mitten im Kriege legte man die Grundlage zu dieser Fttedcnsarbeit. Aber dann kamen die Schrecken der Kommune, häuften sich alle Ettchüt- terungen noch dem unglücklichen Kttege, und als der Gedanke zur Tat werden sollte, hatten die Kirchenbauer noch einen schweren Kampf mit dem Kriegsininister zu bestehen, der an dieser Stelle aus dem Montmattre e i n F o r t verlangte. „Euer Fort wird nichts Gutes sttn und kann noch ttnmal gegen Euch gettchtet werden,"" rief damals der Kardinal-Erzbischof von Patts Guibert aus. „Baut lieber die Burg Eurem Gott als Euch selbst!"" Endlich gab der Kttegsminister sttnen Plan auf. und nun bewilligte die National- vettammlung am 23. Juli 1873 den Ankauf des Baugrundes und gab dem Kardinal die Erlaubnis zur Sammlung für die Kirche und für ihre Erttchtung. Zwtt Jahre später wurde in Anwesenheii von 12000 Menschen ans allen Tellen Frankreichs mit ttndrucks- Vvller Pracht der Grundstttn gelegt. Der Entwurf eines Architekten im byzantinischen Stll mft einer zentralen Kuppelanfage hatte nach heftigen Kämpfen über die im altübcrliefetten gotilchcn ^til gedachten Entwürfe gesiegt. Nun steht der Riesenbau da, fertig zur Einweihung. Dft großen bronzenen Türen sind eingesetzt, der kostbare Fußboden eben beendet: nur ttniqr Altäre ffnd noch nicht ganz ausgebaut. An den Psellern des Httligtums vrangcil die Wappen aller ftanzösischen Städte, die zu dem Kftchenbau btt gesteuert haben. Auch die Fremde hat gegeben: curs den Spenden von Irland und Kanada sind dem httligen 35atttck und Johannes dem Täufer prächttge Altäre errichtet worden. Einzelne haben sich an den Sammlungen betelligt, von den höchsten und reichsten Per- sönlichkttten Frankrttchs bis zum ttnsachen Arbeiter und Schulknaben. Mit traurigen Gefühlen sehen sie nun auf dieses großartige gemttusame Fttedciiswerk, das in Sttmmung und Schicksal der Gegenwatt so gar nicht hiiittnpasien will.


