Dr. LZL * Zwetter Nlatt M. Zahrgang
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Dir „Eietzen» ZaniUIendkSttn" werden dem ,B«ze, itx“ viermal wöchentlich b »gelegt, da? r „ilkrirdlatt ffir »en Krtis riesten" zweimal v »öchemlich. Die „e«n»»irtschastllch«n zeitigen" erscheinen monatlich zweimal.
ener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Mittwoch, 23. September
Rotationsdruck und Verlag der Brüht'jchen Universität? - Buch- und Steindrutierei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strahe 7. Expedition und Verlag: 81.
Redaktion:s^A112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Der unblutige Sieg.
Vonmnsertn Berliner Mitarbeiter.
Die Berliner Zeitttngshönd-ler machten am Montag durch einen unlauteren Kniff ein glänzendes Geschäft. Die boten nrit ihrem Üblichen wilden Geschrei eine zusammen« grfaltetc Zeitung aus, auf der mit Riesenbettern zu lesen nwir: „Glänzender Erfolg." Ws die hoffnungsvollen i Käufer das Blatt dann aufklappten, lasen sie: „Glänzen- (der Erfolg der Kriegsanleihe". Wenn es sich >dabei nicht um einen Kniff gehandelt hätte, könnte man meinen, daß es der Ausfluß höchster politischer Weisheit wäre, denn die gewaltig« UeberZeichnunig der Kriegsanleihe jhat in her Tat die Dederünmg eines glänzenden Sieges, eines -zwar unblutigen, aber kaum minder wertvollen moralischen >Sieges, der nicht nur einen Gradmesser der wirtschaftlichen (Stärke Deutschlands, der Opsersreudiqkcit nnd zugleicki des Vertrauens unseres Volkes auf den Sieg unserer guten Sache Larstellt, sondern der auch zugleich seinen großen Eindruck mif das Ausland nicht verfehlen kcntn.
Ms der Reichstag «w 4. August den von der Regierung geforderten Kredit van 5 Milliarde» Märk einstimmig be- wilbigte, ging der Plan dahin, diesen Kredit erst nach und rmch, nur müh Bedarf flüssig zrc machen. Fürs erste hatte ,n«ni darauf gerechnet, etwa «ine Milliarde Schatzanweisun- «en und die gleiche Summe an Reichsanleihen zu begeben. 'Ulan ist oder weit mehr als das Doppelte dieses Betrages ^gezeichnet worden, und das trotz der ans praktischen und technischen Gründen äußerst kirrz bemessenen Zeichmungsfrist, !und obwohl die Richtbegrenzung des An leihebe träges, also die von vornherein feststehende Beräcksichtigmrg aller Zeich- .larngen, das sogenannte Konzertzeichnen -ausschloß. Wenn «tu Berliner Scherzwort durch die Verleihung des Titels Genevalgekdmarschalil an den Präsidenten der Reichsbank, Herrn v Hav-e«stein, dessen Verdienste an der Organisation dieser Anleihe hervorhebt, so sind das alles doch nur 3deben- tmrstände Das Verdienst daran aber, daß Deutschlands finanzieller Aufmarsch sich in ebenso glänzender Weise vollzog wie der strategische Aufmarsch unserer Heere, gebührt dem ganzen deutschen Volke, das nach Kräften, die einen mit NMillionen, die anderen mit ihrem Scherflein zu jenem Aufmarsch bcigetragen haben, bei dem zum Schlüsse nickst allein die weit mehr als 4 Milliarden gezeichnete Kriegsanleihe, sondern jede Liebesgabe, jeder Strumpf, den die ärmste Krau, und jeder Pulswärmer, den kleine Kinder stricken, vollwichtig mitzcihchen.
Welcher Wandel seit 44 Jahren, welcher Unterschied nicht nur Wischen der Lelstungsfähigkeit, sondern auch zwischen der Opsersrendigkcit Deutschlands und Frankreichs! Als diesem durch den Frankfurter Frieden die Zahlung einer Kriegskontribntion von 5 Milliarden Franks ctuferlegt -wurde, zu denen noch 301400000 Franks Zinsen für die Stundung und 2M Millionen örtliche Kriegsschatzungen kmaen, chchrend davon 260 DLllionen Mark für die abgetretenen elsaß-lothrirrgischen Eisenbahnen abgrngen, so daß also rund 4200 Millionen Mark blieben, brauchte Frankreich zwei Jahre, um diesen Betrag aufzubringcn, obwohl e«, da französisches Gebiet bis zur endgültigen Zahlung besetzt blieb, die größten finanziellen Anstreirgungen machte. iJetzt hat Deutschland- auf einen Schlag einen noch! größeren Betrag aufgebracht, und das zu einer Zeit, wo der deutsche jÄercerzah-ler noch an dem rund eine Milliarde betragenden Wehrbeilrag zu zahlen hat. Ws die deutschen Waffen im Westen wie im Osten Sieg auf Sieg errangen, trösreten sich unsere Gegner damit, daß- Deutschland wirtschaftlich und
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finanziell unterliegen müsse. Durch diese Rechnung hat der jetzt errungene undtntige Sieg einen dicken Strich gemacht.
Wie anders in Frankreich und England, von dem bankerotten Rußland ganz zu schweigen. Tie Einzahlungen auf die letzte 3'/» Prozentige französische R ü st u n g s a n l e i h e mußten eingestellt werden, nnd die Regierung hat sich genötigt gesehen, diese in eine öprozentige Kriegsanteihe uinzuh wandeln, wobei bisher nur ein kleiner Teil der in Deutschland erzielten Beträge gezeichnet toorden ist. Dasselbe Frankreich, welches sich bisher rühmte, der größte Gläubigerstaat der Well zu sein, hat vergeblich versucht, bei dein amerikanischen Bankhaus«: Morgan u. Co. einen Pump von 100 Millionen Dollar (etwa 400 Millionen Mark) anfzunehrneir, und es hat endlich mit Mühe und Not von dem stolzen Albion, für das es sich verblutet, 2 Millionen Pfund Sterling (etwas über 40 Millionen Mark) erhalten, während das reiche England selbst bcrests für 80 Mill. Pfund Kriegscucleihen in Gestalt von Schatzwechseln und ^chapanweisungen aufnehmen mußte, die nur durch den stärksten Druck mif die Banken untergebrackst werden konnten. Da? perfide Albion, welches Deutschland wirtschaftlich vernichten tvollte, leidet heute, wie schon das stürmische Verlangen nach einem Bto- ratorium zeigt, stärker unter diesem Weltkriege als Deutschland. Frairkrcich nähert sich wie schon die kaum noch über- wiichlickstu Schwierigkeiten bei der Zählung der Zinsscheine der Pariser Stadtanleihe und der Pfaitdibriese des Crödit Foncier zeigen, dem sincmFiellen Zusammenbruch, und das Zarenreich steht vor dem Bankerott, in den es seinen größten Gläubiger Frankreich mit hincinznziehen droht. Wer aber wollte bezweifeln, daß Deutschland nvch geirug weitere Milliarden für die ütriegsiihrung auszubringen wie neue Millionen Krieger ins Feld gn stellen vermag, bis zum bitteren, für unsere Gegner bitteren Ende!
Noch ein englischer Weißbuch.
Die englische Regierung erörtert noch einmal die Vorgeschichte des jetzigen Krieges und benutzt dazu den Bericht, den der ehemalige englische Botschafter in Wien, SirMaurieedeBunsenan Herrn Gre h hat gelangen lassen. Nachstehend geben wir den wichtigsten Teil dieses Berichtes wieder:
Ter Ueberreichung der österreichisch-ungarffchen Note an Serbien am 23. Juli in Belgrad war eine Zeit der Völligei« Ruhe aut Pem Ballplatz vorangegangen. Außer Herrn von Tschirschktz, der öon dem Inhalt, wenn nicht von dem Wortlaute der Note selbst Kenntnis gehabt haben muß, war es keinem meiner Kollegen vergönnt, den Schleier zu durchschauen... Sv wenig hatte der russische Botschafter Kenntnis von dem, was im Gange war, daß er Wien zu vierzehntägigcm Urlaub tatsächlich verließ Er war erst einige Tage abwesend, als die Ereignisse ihn znr Rückkehr nötigten. Man hätte an nehmen können, daß der Herzog von Avarno, der Botschafter' des verbündeten italie Nischen Königreiches, 'das dürft Neue Vcrwicklnngcn aus dem Balkan so nahe mitberroffen werden würde, mit in das volle Vertrauen des Grasen Berchtold während dieser kritischen Zest gezogen worden sei. In Wirklichkest war Seine Exzellenz vollständig im Dunkeln gehalten worden...
Am 24. Julc wurde die Note in den Zeitungen verüffent- licht. Mit allgemeinem Einverständnis wurde sie alsbald ccks ein Ultimatum verzeichnet: Daß Serbien sie im ganzen annehmen würde, wurde weder erwartet, noch war es erwünscht, und als am Nachmittag daraus in Wien zunächst das Gerücht umlies, daß sie bedingungslos angenommen worden sei, herrschte einen Augenblick eine lebhafte Enstäuschung. Der Fehler wurde bald richtiggestellt: als es später am Nachmittag bekannt war, daß die serbische Antwort znrückgewiesen worden fest und daß Baron Giesl die Beziehungen in Belgrad abgebrochen habe, brach in Wien eine leidenschaftliche Freude aus. Große Volksmengen bewegten sich aus den Straßen und sangen patriotische Lieder bis
in die ersten Morgenstuicden. .. Das Verhalten der Bevölke- rung Wiens und, wie ich erfuhr, der meisten anderen größeren Städte der Monarchie stellte deutlich die Volkstümlichkeit des Gedankens an eine» Krieg mit Serbien dar. Und es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß die Ueine Gruppe der österreichischen und ungarischen Staatsmänner, die diesen folge- schweren Sch-ritt beschlossen, die Stimmung, und man kann sogar sagen den Willen des Volkes richtig erfaßt lgftten, außer vermutlich den Teilen der von den stawischrn Rassen bewohnten Provinzen... Das gesamte Volk und die Presse heischten mü Ungeduld die .sofortige und angemessene Strafe der verhaßten serbischen Rasse.
Am 26. Juli besuchte ich den Grafen Berchtold und legt: ihm so nachdrücklich, wie ich es vermochte, dar, daß die in.Ihre Unterhausrede vom Tage vorher erwähnte Vermittlirngssormä als eine ehrenhafte und friedliche Lösung der schwebenden Frag» angenommen werden sollte. Seine Exzellenz selbst verlas mir einen telegraphischen Bericht über die Rede, fügte indes hinzu, daß die Dinge schon so weil gediehen seien: Oesterreich-Ungarn habe am Tage selbst Serbien den Krieg erllärt, und es könne sich nicht darein finden, daß die von Ihnen angeregte Konferenz unter Mitwirkung der wenigen beteiligten Mächte aus der Grundlage der serbischen Antwort stattfinbc.
Sein« Exzellenz sagte mir, daß auch er die europäische Sette der Frage im Auge behalte. Er glaub« indes, daß Rußland kein Recht zum Eingreifen habe, nachdem es die Bev- stcherung erhallen, daß Oesterreich keine Gebietsvergrößerung erstrebe. Seine Exzellenz beobachtete während dies» Unterredung eine änß»st freundliche Haltung, ließ jedoch bei mir keinen Zweifel üb» di« Entscheidung d» österrcichffch-nngaristhcm Regierung, zu einem Einfall in Serbien überzugehen.
Die deutsche Regierung behauptet. daß sie bis zum Ende bei dem Bcmülzen verblieben sei, in Wien Ihre mehrfachen Vorschläge zum Besten des Friedens unterstützt zu haben. Herr v. Tschirschky unt»licß es, meine od» die Mitwirkung des russischen und des französischen Botschast»s für die Ausführung sein» dcesbezüglichen Weisungen anzurusen. Und ich hatte keine Gelegenhest, zu erfahren, welche Antwort er von d» österreichischen Regi»ung erhallen würde. Indes wurde ich durch H»rn S ch e b e k o, den russischen Botschaft», üb» seine eigenen Unterhandlungen mit dem Grafen Berchtold ausgiebig unterrichtet. Herr Schebeko bemühte sich am 28. Juli, die österreichisch-ungarische Regierung zu überzeugen, sie möge den Grafen Sza- pary iden österreichisch-ungarischen Botschaft« in Rußland) mll allen Vollmachten versehen, damll » in Petersburg die vielver- sprcchenden Unterhandlungen fortsctzen könne, die zwischen ihm und Herrn Ssasonow, dem russisckwn Minist» des Auswärtigen, stattgefunden hatten. Gros Berchtold lehnte an dem Tage ab, allein zwei Tage darauf (30. Juli) empftng », wiewohl mittler- weile Rußland gegen Oesterreich-Ungarn teilweise mobilgemachl hatte, nochmals in durchaus fteundlich» Weise Herrn Schebeko und gab seine Zustimmung zu den Unterredungen in Petersburg. Bon da ab war die Spannung zwischen Rußland und Deutschland größer als die zwischen Rußland und Oesterreich-Unerarn. Zwischen den beiden letzteren war eine Einigung fast in Sicht, und am 1. August würde ich durch Herrn Schebeko unterrichtet, daß Graf Szapirry am Ende in dem Hauptpunkt nachgegchen, indem » H»rn Ssa- sorww mttgeteilt hätte, daß Oesterreich-Ungarn znstttnme. diejenigen Punkte der Note an Serbien, die mit d» Erhaltung der serbischen Unabhmrgigkeft unvereinbar schienen, ein» Beo- inittlnng zu unterbreiten. Oesterreich-Ungarn hatte in Wirklichkett schließlich nachgegrben, und daß es bei dies» Wendung Grund znr Hoffnung auf einen friedlichen Ausgang hatte, «gibt sich ang d» Ihnen am 1. August durch den Grafen Mensdorff (öst»- reichisch-nngarisch» Botschaft» in London) gemachten Mitteilung des Inhalts, daß Oesterreich-Ungarn wed» die „Tür zugeschlagen", so daß jeder B»gleich verettell würde, noch die Unt»- hmchlnngen abgebrochen hatte.
Leider wurden diese llnterretmugen von Pet»sburg Und Wien dadurch abgeschntttcn, daß das Feld des Zwistes ans das gefährlichere Gebiet eines nnmittelbaren Zusammenstoßes zwischem Deutschland und Rußland v erschoben wurde. Deutschland griff am 31. Juli durch sein doppeltes Ultimatum in Petersburg und Paris ent.
Russische Erinnerungen.
Skizze von Hermann Steingoetter.
Las ich da neulich in einem Fcldvostbrief über die Schlacht bei den masurischen Seen, daß ein Teil d» russischen Granaten statt mtt Sprengstoss mit Sägemehl gefüllt gewesen sei. Da mußte ich der Beobachtungen gedenken, die ich einst auf einer sechsmonatigen Reffe von der Osffee zum Schwarzen Meer gemacht hatte und da im feindlichen Nachbarreiche sich nicht allzuviel geändert zu haben scheint, so dürften diese Reise-Erinnerungen an Rußland auch heute noch aktuelles Interesse besitzen.
Bei ein« der letzten Kimstreisen, die der jüngstv»storbenc Herzog von Meiningen nnt»nahm, gelangte ich im Kreffe ein» größeren Kollegcnschar zum »sten Male in „Väterchens" Reich, crchon auf d» russischen Grenzstation Wirbatlen machte sich fühtbar. daß wir das ülbendland hinter uns hatten und in den Vorhof des Orients eingetrcten waren. Um weiter zu kommen halfen da nicht mehr die gewohnten Pkiltet wie Vernunit und Logik, sondern eine Zauberformel war vonnöten, ähnlickt dem „Sesam", das dem Märchenhelden die Tore öffnet. Dieses Zauberwort hieß hier natschai. Natschai bedeutet eigentlich Teegeld, doch dürften die Fälle zu zählen sein, in denen es seinem- Wortsinn enffvrechend gebraucht wird. Von den Beamten Wenigstens, die die Zollrevision ^ handhabten, hatte ich den Eindruck, daß sie das in Grenzstationen ! besond»s reichlich fließende „Teegeld" lieber in Wodka anlegten.
Es war die Zeit, da nnt» dem russischen Beamtentum die von oben genährte Feindscligkett gegen alles Deutsche anfing sich 'breit zu machen, und sc» hatten wir das V»gnügen, bei der Gepäck- >revision imm» mied» andere, so namentlich die damals schon beliebteren Franzosen, uns vorgezogen zu sehen. Auf einmal änderte -sich das, nnd nur Mettttug« wurden der Reihe nach recht kulant abges«ttgt. Man munkelte sofort, daß unser Reiscmarschall den „rollenden Rubel" benutzt hätte, und nach spät»eu Erfahrungen bin ich fest von der Wahrheit des G»üchtes überzeugt. Ein „Teegeld" »»schaffte auch uns»» Gesellschaft in dem stark besetzten Zuge einen besonderen Wagen, und dieses Mittel erwies sich auch -wirksam, als einige Kollegen, denen die Strecke nicht neu war, -zu einem Dvncrskat Belenchtnng benötigten: trotz dem V»bote wurden prompt Talglicht» zur Verfügung gestellt.
Wen es lockte, Beobachttltrgen durch das Kugelsenster tzu machen, d» mußte ball» bemerken, daß mtt d» Grenze auch das hinter uns big, was >orr europäische Kultur zu nennen belieben. Die spärlichen Behcrujuikgen, in diesen Gegenden mehr od» weniger malerffche Konglomerate von Lehm, Holz und Stroh, machten eh» den Eindruck von Ställen als von maffchlichcn Behausungen. lDie Mnschiks, die an kleineren Haltestellen sichtbar wurden, mahn- :ten rn ihren schmutzigen Schafspelzen an Gestalten, wie sie uns Gorki spät» m seinem Nachtasyl gezeigl hat, und die Wege waren durchweg in trostlosem AuHrmde. Der GeSanke, sie mtt d» Post- kuZche befahren zu müssen, ließ nnS das Zeitalt» des Dampfes segnen, imd weenn uns» Zug auch »»schieden« Male aut ossen» Strecke hielt, well eine Achse sich heiß gelaufen hatte, so nahmen I wir das als lttAuriunilichkea .in Jiajii; doch konnte ich
einmal die Bem»knng nicht unterdrücken, daß in diesem Lande, schettrts, alles „geschmiert" würde, außer den — Wagenachsen. Auch sonst gaben Zug und Personal Gelegenheit zu manch«lei neuen Beobachtungen. So wurde durch die üb»hitzten Oesen in den durch Dvppel-Fenst» und Düren hermettsch abgedichteten Wagen eine snrchterliche Temp»atur »zeugt, die ab» den Eingeborenen zu behagen schien. Die gewohnte Kohlenfenerung unstrer Lokomottven war auf dies» Strecke durch Heizung mit Holz ersetzt, das in großen Klötzen ans dem Tend» ausgestapelt war, und das Zugpersonal zeigte uns, daß wir uns nicht nur in einem flawischen, sondern auch in einem orthodoxen Lande befanden Kein Heiligenbild an ein» Wegkreuzung od» Haltestelle kam in Sicht, ohne daß sich Schaffn» und Zügpersomff ans russische Art bekreuzigt hätten. Die Sicherhett der Fahrt wurde dadurch kaum gefährdet, denn die russischen „Kuri»zügc" sind in Wahrheit „Eff- und Wcil- zügcksi die so lange von d» Grenze bis Pet»sbnrg brauchen, daß ein Mitglied nnsercs Skattrios den Rekordstand von minus 1100 Punkten »reicht hatte, als wir endlich im sogenannten Warschauer Bahnhof d» Residenz einliesen.
Grattez le russe et vous trouverez le cosague lautet ein bekannt» Ausspruch des ersten Napoleon, mch nttgends hat dieses Wort mehr B»echtignng als hi» in Petersburg. Welch glänzenden Firnis zeigt diese ruffische Hauptstadt nnt dem deutschen Namen, d» ja vor kurzem ffawffiert worden sein soll. Wenn in der Pracht- sttaße des beüihmten Newskivrospeftes der Schltttenkvrso in un- untttbrockien», vttrfach» Reihe stundenlang vorbeizieht, so ist das ein Bild, das seinesgleichen sucht, nameittlich abends im elektrischen Flammenme»! Dazu der Glanz der Paläste und Kirchen, d» großen Geschäftslokale in den Hauptstraßen und d» wunderbaren Museen mit d» Eremffage an der Spitze.
?ll>» der äuß»liche Lack zeigt manchen Riß, nnd schon ein Gang in entlegenere Seitenstraßen und gar in die Borstädte bietet ein Bill» von unglaublichem Schmutz, von Elend und Armut.
Bel d» Aufsuchung dessen, was man in Pet»sbnrg gesehen haben mußte, gewährte nützliche Winke mrd freundliche Unt»stütz- ung der Besitz» mettres Hotels in d» sadowaja. Obgleich dieser Herr Deutsch» war, wurden wtt doch echt russisch bewillkommnet, denn zwei all»llebste junge Exemplare d» Famüic Petz, Mitbringsel von ein» Bäremacch in Finnland, machten bei mff»em Eintritt die Honneurs und »götzten, überall zngelassen, durch ihre Dackrldrolligkett. Auch sonst sah man Gell«, das in der Großstadt ftemdarttg anmntete, ich »wähne Renntterherden, d«en lappländische Eigentum» zeitwellig in Fellzelten aus i>» Newa lagerten. Das Leben ans dem zngesrorenen Strom od» beff» Me»esarm war überhaupt das, was uns vor allem und immer Wied» feffelte. Da die Newa regelmäßig bestimnttr Monate im Jahre ttagfähiges Eis bietet, so entwickelt sich ein wohlgeregelt» Verkehr ans ihr, d» sich in allwint»lich h»gestelltrn Bahnen für Wagen, Schlitten, Fnßgäng», Schlittschnhlänf» und Schiebeschlttten bewegte und nachts durch lange Reihen von imvrooisi»ten Petrolenmlaternen »leuchtet wurde. Hi» konnte man auch stets Ksrntschbabnen, ettie beliebte Volksbelustigung im Betriebe sehen. Wir hatten es glücklich getroffen, daß wir gerade zur „Saffvn" nach Petersburg kamen, denn d» nockütche W«» ivftr «L der Ws, trotz allen BädeLr -
Sehenswürdigkeiteu, die interessantesten Mld» sehen ließ. Ich denke dabei d» künstlichen Ersbautrn, von denen mir als besonders gelungen üb»lebensgrvße Statuen und ein ungefähr 25 Met» hoher Eiffelturm aus Kristalleis in d» Erinnemurg geblieben sind. Ich denke an eine svanneude Partie mtt einem Eis-Segelschlitten Kronstadt zu, dich mich ettren damals in Deutschland noch Wbekannten Sport kennen lernen ließ Ich denke auch cm manch eine prächtige Mondsthettttahrt in d» Troika, dem .charakteristischcn ruffrfchen Dringespanu, über die Inseln int Newadelta, wo die „Datschen", die SvMnmrhänf» d» Wohlhabcw- den, liegen. Da lonrden wohl auch venommstrte Vergnügung^» lokale mffgesncht, in denen Zigeunerkapellen allabendli ch nt n(v zierten und Zigeunerinnen tanzten. Hier, wo der Sekt in Strömen floß, war das Rendezvous d» !oelttiÄ»tijchen Lebewell und namentlich d» russischen Offizi»e. Diese interessierten natürlich wie alles, was mtt deni russischen Militär ziisanrmetchttrg, den Tentßtzen ganz besonders, die ffawische Gefahr ist ja nicht erst in den letzten Jahren e!ttdeckt worden, und gaben zu marnherlei krttischen Bemerkungen Anlaß. M inag eine AeußeickichSett sein, daß d» rmssffche Ofsizier bei Tauwctt» einen Regenschirm trug und (5>antnrifdjultt mit Einschnitten für die Sporen benutzte, ein eigentümliches Symptom dünkte es uns doch. Unt» dem GesichLsputckte „ländlich, sittlich" mag auch d» übermäßigc AlkoholgMnß betrachtet w»den, cem wir höhere Chargen ost in Gejellschast von Gemeinen überall fröhnen sahen, aber den Eindruck künftig» Welü>ezwing» machten die Militärs nicht, die wir häufig „vom Gellte bescffeitt' Arm in Arm üb» den Newski-Prospekk sckwankrn sahen. Und dab» standen in Petersburg Eliteregttnent»! Bon welchem Gellt die Regiment« draußen besessen sein mochten, lehrte mich eine Hotelbekawltschast. Es hatte sich da ein Stabsoffizi» einguartiert, der von d» Provinz angeblich nach Wladiwostok versetzt worden war nnd sich während eines mehrwöchigen Urlaubes noch vorher in d» Haupfftadt vergnügen wollte. Er ttank nur Söll, natürlich echten sranzösistheu, nickt den einheimischeu ans der Krim, und «ntwickclke dabei im Gesvräche Ansichten, die aut einen bedenksichen morali schen Tiefftand Schlüffe gestatteten. Eines Tages war d» edle Herr unter Hinterlaffung ein» recht bedeutenden Zechjchuld verschwiwdcn. Man mochte ihn in Mladävostok suchen! Ab» „der viinnirl St hoch nnd der Zac ist weit" heißts im rnffischen Sprühwort! —
Bon Petersburg ging es nach Moskau, von Eurrcha «ach — Asien. Ans Schritt und Tritt weinte man fprr den Walt der „ag t russischen Leute" zu spüren imd nnro eßwi im ntadwüo mooaiD» fiert anmutete, verschwand unter dem Gwamterndri w an» h alb- asiatischen Metropole Bon den cirmrerbin lo 000 die
bewohnen dürften, merkte mau kaum etwas wrß» m den Apotheken, wo imm» LandsK-ite augestellt find, und in ein» kleinen Wirtschaft, „?llp>'nrose" benannt. &o musste denn hier der Sprachsühr» hervorg-cincht werden, ,vahrend wir in allen andere» Orten, Petersburg, Riga, Knav Odessa mit unserem geliebten Dentstt» ausgekommeu waren, jedenfalls Hess» als mit dem an- gepttesenen Frauzösffcb, dar nur in den ersten Gesellschaftskreisen gevilcat wird Jui übrigen soll mft dies» Skizze keinem RAschcmd» buck» Konkurrenz gemacht werden, und wemc auch Rußland tratz atzen V»kehnsp»beMrn»S». tMMr mzä) jfgen hejcM llnrd, So ist
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