Bccde Male war b öS Ultimatum btmrt, daß es bcrrair mir eine nmjlicfH' Antwort gab: Deutschland erklärte an Rußland den Krieg a>u 2., an Frankreich am 3. August. Einige Tage Aui- sckuib tzätlen aller Wahr! che ml iiljtri t nach Eicropa eine der größte» Heinyuchungcn der Geschichte erspart. Rußland sah immer uocki von einem Zbugrcff gegen Oesterreich-Ungarn ab, und Herr Lckzebeko mar angewiesen worden, aus seinem Posten zu bleiben, bis der Krieg gegen Rußland wirklich durch die osterreichiscli-ungarische Regienmg erklärt sei. Das geschah erst am 6. August.
freie Dumauw >der französische Botschafter) blieb bis zum 12. August. Am Tage vorher war er angewiesen worden, seine Pässe zu verlangen mit der Begründung, das; österreichisch- u n ga rische Truppen gegen Frankreich verwandr würden. Dieser Punkt war nicl>t völlig ausgeklärt, als ich Wien verließ Am 9. August hatte freie Dumaine vom Grasen Bercbtold die bestimmte Erklärung erhalten, dass keine öfter- reuläsch-ungorisrisen Truppen nach dem Eliaß geschoben würden Am folgenden Tage wurde die Erklärung durch eine lweitere ergänzt, und zwar eine schriftliche, loelche die Versictierung des Grasen Berel,told enthielt, dah nicht nur keine österreichisck)- unganschen Truppen nach der französischen Grenze gebracht ivorden seien, sondern auch, da» keine aus Oesterreich-Ungarn in ivestlickzer Richtung nach Deutschland in der 2Bei)c rückten, das, sie deutsche Truppen üt der Front ersetzen könnten.
Tie britische Kriegserklärung gegen Deutschland wurde in Wien durch Sonderausgaben der Blätter um die Mittagsstunde des 5. August bekannt. .. Am Donnerstag morgen (13. Aug.) hatte ich die Ehre. Ihr Telegramm vom 12. mitderMit- teilimg zu empfangen, das, Sie sich genötigt gesehen hätten, aus Ersuckien der französischen Regierung dem Grasen Mens- dorsi zu eröffnen: Nachdem Oesterreich-Ungarn den Krieg an Rußland erklärt habe, das schon an der .peile Frankreichs kämpse, und österreichisch-ungarische Truppen au die deutsche Grenze rmter Umständen gesandt I>abe, die eine direkte Be- drohrmg für Frankreich bildeten, und der Bruck, mit Frank- ^ reich auf diese Weise herbeigesührt worden sei, hätte ick, meine 'Pässe zu verlangen... Gras'Bercbtold empfing mich um Mittag. Ich erfüllte meine Botschaft, aus die >se. Exzellenz nicht unvorbereitet schien.,, Se, Exzellenz nahm ntetne Mitteilung mit der Höflichkeit entgegen, dre ihn niemals verläßt. Er bcdanerte die imicligen Verwickc- lungen. die solche guten Frennde wie England imd Lester- reichUngarn in den Krieg getrieben hätten. Zur Sache selbst äußerte er, Oesterreich-Ungarn betrachte sich nicht im Augenblick im Kriegszustand mit Frankreich, obwohl die diplomatischen Beziehungen zu diesem Lande abgebrochen seien. Wir vermieden beide zwecklose Erörterungen Ich nahm vom Graten Berchtold Abschied mit ausrichtigem Bedauern. Beim Abschieo bat ich Se. Exzellenz, dem Kaiser Franz Josef meine tiefe Ergebenheit auszudrücken, mit dem Ausdruck meiner froifnung, S«. Majestät möge diese bösen Zeiten ohne Schaden für seine Gesundheit und Kräfte übersiehe».
Au» Stavt und Cand»
©ieüen, 23. September 1914.
Tarmstädter Kriegs-Stratzenbilder.
Aus der hessischen Residenz erhalten wir folgenden Brief:
Am Spätnachmittag erst belebt sich jetzt b > Hauptstraße, Aus allen Stadtteilen strömt es ihr zu. Fast wunder: man jirf), dah. noch io viele Menschen da sind. Die neuesten Kriegsnachrichten zu hören, treibt sie alle auf dieser einen Straße zusammen. In dem frinundher der Straße kommt es irgendwo mal zu einer Stockung. Ihr Mittelpunkt ist ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Er erzählt einem Bekannten seinen Anteil am Kriege. Wer etwas aufschuappeu kann, hört zu. Der allgemeine Lärm der Straße ist wie früher Aber noch feinhöriger müssen die Menschen jetzt geworden sein. Durch die lange, lange Menschcn- kette aus dem Fußsteig geht es bald wie ein Raunen: „Das Regiment Hai schwere Verluste gehabt."
Das kommende Leid schwebt über Allen. „Eine feindliche Batterie hat er mit seinem Zuge geiwnrmeu. Er ist zum Eisernen Kreuz vorgeschlagen!", so berichtet der Freund dem Freunde von 'raußenstehenden Kameraden, Zum Kserueu Kreuz! Wie ein Abglanz dieser Auszeichnung geht es hell über die Gesichter der zurückgebliebenen Freunde.
An der nächsten Straßenecke tritt noch einer zu ihnen. Sie sehen es ihm an, daß der eine traurige Botschaft trägt. Aber keiner wagt die bange Frage. Gleichsam, als ob sie alle es fürchteten — der Freund? Ter Held? „Gefallen! An der Aisne —
in der letzten Schlacht —" würgt es sich aus zugeschnürter Kehle. „Das Eiserne Kreuz — Schade!" Wieder haben sie alle nur diesen einen Gedanken. Des Vaters, dessen Stolz und Stütz« der einzige Sohn war, erinnert sich keiner.
Die Abendblätter werden ausgcrnscn. Die Zeitungsverkäuser haben jetzt Hochkonjunktur. Aus dem Platze stehen lesende Menschen.
Enttäuscht faltet eine Dame die Zeitung zusammen. Im Weiterschreiten wird sie von einer einfachen Frau augesprochen: „Steht die Verlustliste darin?"
„Ach nein! Ich warte ja auch darauf."
„Seit zehn Tagen keine Antwort," klagt di« Frau.
„Mein Äänttgam schrieb mir bisher alle drei Tag« ... seit voriger Woche nun nicht mehr . . ."
„Das Regiment soll Viele verloren haben,"
„Man darf das nicht alles glauben, was da erzählt wird." In der weichen Stimme aber ist wenig Ueberzeugung. „Hosfent- lich haben wir beide morgen gute Nachricht." Und schon fast mutlos: „Guten Abend."
Frohe Marschklänge kommen von der oberen Stadt, wo die Kaserne ist. Immer näher. Und dann ziehen sie durch die Haupr- straße, die jungen und alten Krieger, die als Ersatz hinaus aufs Kampfseld sollen.
Es ist alles so zwanglos an diesem Truppenkörper. Der Leutnant an der Spitze salutiert freundlich nach rechts und links. Und in den Marschkolonnen herrscht nur der feste Tritt. Sonst aber ist so gar nichts vom Kasernenhose! Neben dem uniformierten Bricher marschiert der Bruder in Zivil, als wäre er es, der in die Sckstacht soll. Fortwährend strecken sich den Soldatenreihen Hände anderer vom Fußsteige her entgegen. Neben dem Land- wehrmanu geht die Frau: sie will die letzte Minute des Beisammenseins nützen. „Wer weiß, ob wir uns fviedersehen," singen sie ganz vornen. Dazwischen Abschiedsrufe hinüber und herüber. Jubelnde Kehlen. Hurra und Hüteschwenken . . .
Es ist alles so zwanglos. Nicht >vie in Friedenstagen, wenn das Militär anszog. Nur der feste Tritt! Und aus ihm dröhnt es, wie der starke Wille zum Siegen.
Nun singen die Ausmarschierenden wieder das „Kriegslied" der Hessen. Der ansprechende Rhhthmus hat cs schnell beliebt gemacht. Selbst die Treikäsehochen singen cs schon, ob sie Schie- sertasel und Grisfelkasten unterm Arm oder den hölzernen Säbel in der Hand tragen. Es ist einlos der zahllosen, eigenartige:, Spinnstubenlieder ans dem Odenwald:
„Heimal, o .Heimat, ich muß dich verlassen: Frankreich läßt uns keine, leine Ruh. Morgen marschieren !vir nach Frankreich zu.
„Frankreich, o Frankreich, me wird dirs ergehen, wenn du die deutschen Infanteristen loirrft sehen! Deutsche Infanteristen tragen Schwarz-weiß-rot: wehe, wehe dir, Franzosenblnt!
„Heut oder morgen marschieren wir weiter, weiter über Berge, weiter über Tal; Schatz lebe wohl auf ein andermal.
„Bruder, ach Bruder, ich bin schon geschossen: geh und hole mir den Feld- ja Feldarzt her, ob mir vielleicht noch zu Helsen war.
„Bruder, acki Bruder, ich kann dir nicht Helsen! Helfe dir der liebe, liebe Gott! freut oder morgen marschieren wir fort."
Im Abendschatten der Häuserwand wischt sich ein junges Mädchen die Tränen ans den Augen.
Nock aus der Ferne klingt es „Schatz, lebe wohl auf ein andermal!"
*
Die Deutsch-Amerikaner und der Krieg.
Einem hiesigen Bürger ging von einem Schulkameraden aus Chicago ein Brief zu, der treffend die Stimmung unserer Landsleute jenseits des Meeres zum Ausdruck bringt. Der Brief lautet:
O armes, armes Deutschland, solche Prüfung durchmachen zu müssen, — aber es mußte kommen, denn hat nicht eine jebc Nation immer auf die Deutschen gespuckt!!! Jetzt zeigt, brave Kerle, aus welchem Holz der deutsche Michel besteht. Wir alle sind hier sehr, sehr traurig ob dieser scheußlichen Gemeinheiten; und besonders der teufelischen Heuchelei der .Engländer. Heute abend wird in der Turnhalle der erste Schritt getan, um die Organisation der verschiedenen .Hilfsvereine ins Leben zu rufen und wenn Geld zum Kriegführen gehört, — so schicken wir Geld und wieder Geld, denn es ist das einzige, was wir von hie» auS tu» können. Auch wenn das Herz niedergeschlagen und die ganze Welt uns vernichten will, — noch schlägt es warm für unser deutsches Vaterland, und wir werden rührig sein. Euch braven Männern mit emsiger Tatkraft beistehlen, soweit wir dies vermögen.
Tausende und Tausende warten hier auf Gelegenheiten, um
nach Deutschland zu fahren, sich den Truppen anzuschließen; bis jetzt leider mit wenig Erfolg, da die deutschen Dampfer nicht
mehr fahren. Me viele traurige Stunden habe ich nicht in den letzten tiinf Tagen dnrchgemacht und wie steigt trotz Alter», das Blut mir zu Kopf, dazu verurteilt zu sei», mit nichts anderem Helsen zu lünuen, als mit „meinem Dollar", und der koUrmt und soll reichlich fließen, darauf verlaßt Eu ch.
Ein Jeder hängt den Kopf und fragt sich, mic wird dies enden? Nicht daß das hiesige Deutschtum vessimistisch wäre, —, Gott behüte — aber nur ein paar siegreiche Schlachten und bec Jubel wird losbrechen mit einem Enthusiasmus, daß die ganze Welt davor erzittert. Ich mußte meinem bedrängten Herzen; etwas Lust machen und Euch auch mitteileu, das; wir hier durchaus, nicht müßig sind und zusehen wollen, ohne unser Möglichstes zu ln», den deutschen Waffen zu einem Siege gegen alle die J tückischen Neider z» verhelfen, die uns einen Platz an der Sonne nicht gönnen wollen. Das lieb.e Deutschland, es lebe hoch!!! Tein alter Schulkamerad Hermann.
** Die V c r b r au ch s a b g. a b e in Gießen hat in 1913/14 int ganzen eine Reineinnahme von 88 ,'>70 Mk. ein- , gebracht (gegenüber 86 845 Mk. im Vorjahre). Die Bruttobeträge der Steuer belccufen sich bei Brennmaterial auf 51 146 Mk., bei Getränken auf 43 875 Mk. Die Rückvcrgü- tullgsvostcn, die davon in Abzn-g "kommen, stellen sich auf 1495 Mk. für Brennmaterial unb 1208 Mk. für Getränke, > meitcr kommen von der Roheinnahme in Fortfall 3580 Mt. ' als Gehalt für 2 Beamte und 113 Mk. für Drucksachen. Die Berivaltniigskostcu betragen sonach vom gesamten Erlös ca. rund 2,5 Prvz. Interessant sind die Angaben über den Verbrauch von Bier in der Stadt Gießen für die beiden letzte» Rechnungsjahre, die im Bericht über die Verbrauchssteuer angegeben sind «die Abgabe auf Bier nach.Hektoliter ist erst seit 1912/1.3 eingeführt). Es wurden demnach ge- trunken: Lagerbier 1912/13 47 422 Hektoliter, 1913/14 46 118 Hektoliter, also iveniger im letzten Jahre 1324 Hokto-, litcr, Obergärigcs — alkoholarmes — Bier 1912/13 492 Hektoliter, 1913/14 707 Hektoliter, also mehr 215 Hektoliter. Wenn man den ganzen Bieroerbrauch für 1913/14 zusammen nimmt, ergibt dies bei 32000 Einwohnern einen Bierkonsuiil von 113Vs Liter pro Kopf der Bevölkerung, gegen das Borjahr ein Weniger von 4> s Liter.
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Meteorologische Beobachtungen der Station Sichen.
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Höchste Temperatur am 21.—22. September 1911 = -(- 15,6" C
Niedrigste . . 21.-22. „ 1311 — -r 5,9 = ,
Niederschlag: 0,2 mm. •
Verantwortlich für den gesamten redaktionellen Teil: Aug. G o etz,
In der Ingenieur-Akademie zu Wismar an der) Ostsee beginnen die Vorträge und Uebungen, und sroar in allen Abteilungen, für das Wintersemester am 26. Oktober 1914.
Amtlicher Teil.
Bekanntinachung.
B e t r.: Einführung des Paßzwangs für Reisende nach Italien.
Wir bringen zur Kenntnis der Interessenten, daß nach einer Mftteilung der Königlich Italienischen Botschaft zu Berlin zum Eintritt in Italien jetzt der Besitz eines von einer ItalienrscheU Konsularbehörde visierten Paffes ersorderlich ist.
Gießen, den 19. September 1914.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. U f in g er.
doch über Ätoskau und seinen einzigen Kreml, dieses Symbol des Tartarentums, genügend geschrieben worden.
Es sotten hier nur ein paar Haupteindrücke vermerkl werden. Diese hängen zumeist mit der hervorstechendsten „Nalional- tugend" der Russen, der Truuksuchi, zusammen. Besondere Festlichkeiten boten auch besonderen Anlaß, ihr zu huldigen. Ostern ist wohl das höchste Fest der orthodoxen Kirche und berühmt ist das Treiben aus dem Kreml in der Osternacht, wann sich Tau- . sende und Abertausende, eine Kerze tragend, mit dem Erlösuugs- rus „Christ ist erstanden" umarmen und ^küssen, welch letztere Prozedur nicht recht nach dem Gc sch macke der Westeuropäer war. Noch weniger erfreute der Anblick der unzähligen Betrunkenen in den nächsten Tagen. Mehr als einmal mußte ich sehen, wie iswoschtschiks (Kutscher) in ihren typischen schmalen und niedrigen Einspännern 4 oder 5 fragwürdige Gestalten quer von Wagentritt zu Wagentritt übereinander geladen hallen und mit dieser Fracht durch die schmutzigen Straßen jagten, das; die Glieder der Fahrgäste im Kote streiften. Keine Bevölkerung sklasse gibt es, bei der ich nicht mehr oder weniger starken Alkoholmissbrauch beobachten konnte, und nur der Stofs variierte vom „Wodka" bis zum echte» französischen Eliamvagner. Auch der orthodoxe Pope, der übrigens aus einer recht niedrigen Bildungsstufe steht, macht keine Ausnahme. Unvergeßlich wird mir eine Szene vor der Kapelle der berühmten „iberischen Mutter Gottes" bleiben. Dies Heiligtum ist dadurch im Auslande öfter genannt worden, well es von den Zaren jeweils vor besonderen Ereignissen, wie z. B. der Krönung, ausgesucht wird und sicher auch jetzt vor dem unverantwortlichen Kriege den Selbstherrscher aller Reußen bei sich gesehen haben dürste. Die kleine Kapelle birgt ein Multer- gottesbild, das für besonders wundertätig gilt und daher häufig zu Schwerkranken in die Wohnung gebracht wird, in welchem Falle eine Kopie aus dem Altäre verbleibt. Ich war min Zeuge, wie die Menge sckw» weit vor der offenen Kapelle auf de» Knien rutschend und Baden wie Stujen des Altares küssend der Kopie des Wunderbildes inbrünstige Verehrung bezeugte, während direkt dabei das echte Madonnenbild aus einen sechsspännigen Wagen mit besonderem Rahmen verladen wurde, um mit dem Popen einen Krankenbesuch zu machen. Der betrunkene Pope schlug, um die Abfahrt zu beschleunigen, ans den betrunkenen Kutscher ein und die Gläubigen rutschten weiter ans den Knien! Nicht minder toll mutet eine andere Episode an. Eines Tages sah ich einen torkelnden Postboten einem Briefkasten sich na[)en. Die Abholung vollzieht sich wie bei uns, indem ans dem geöffneten Brieffasten die Briese in den nntergchaltenen Postiack geleert werden. Nachdem mein moskowitscher Stephansjünger den Kasten tastend ausgeschlossen hatte, ließ er dreiviertel der Ladung in den Tcknnuy des Fußsteigs fallen, klappte seelenrnhig zu und torkelte iveitcr, wobei er noch den grüßten Teil der Briese in den Kot der etwa 1 Meter ffefer liegenden Fahrbabv hinabstieß. Seit diesem Tage gab ich nur noch eingeschriebene Briefe ans, was ja viele Landeskundige grundsätzlich tun. Doch ist persönlick« Aufgabe aus der Post nur solchen zu empfehlen, die über viel Geduld und viel Zeit veriügen, denn der Herr Beamte hat auch viel, sehr viel Zeit. Nack) jeder Abfertigung entsteht eine größere Panse: da werden Postkarten gelesen, Bleistifte gespitzt, Nägel geputzt und Zähne gestochert: dann wird ein Brödchen verzehrt und dabei von Zeit zu Zeit aus den Wartenden ein freundlich ironischer Blick geworfen, der das Blut sieden macht. Ist gar ein Wertbrief zu siegeln, so bleibt mir stumme Bewunderung übrig für das Raffinement, mit dem dies einfache Geschäft in die Länge gezogen werden kann. Ich mußte bei keiner allzugroßen Korrespondenz viele Stunden in xgsfijchen Postämtern vertrödebl und daß
ich mir dabei fein Gallen- oder Leberleiden zugezogen habe, danke ich sicherlich nur meiner guten Konstitution
Doch mit einem sreundlichen Bild möchte ich von Moskau scheiden. Einen freien Nachmittag benützte ich zu einem Be- such aus den berühmten worobjewy gory, den Sperlingsbcrgen, von denen Napoleon den Einzug seiner Truppen in die Stadl be- ochbachtet haben soll. Durch endlose Vorstädte mit einstöckigen Holzhäusern, in grellsten Farbentönen prangend, ging es an dem stimmungsvollen Neskntschni-Park vorüber und schließlich aus schlechtem Feldwege einer einfachen Wirtschaft zu, die einen Hügel der Umgegend krönte. Daß ein Mililärpferd vor der Türe angebunden war, weckte keine sonderlichen Erwartungen: doch der einsame -Offizier, der auf der schmalen Holzveranda bescheidenen Tee trank, schien von anderem Schlage als die seiner Standesgenossen, bie ich bisher kennen gelernt hatte. Er schaute still aus das Häusermeer hinab, das zu unseren Füßen ins Unendliche hinzmvogen schien, unb auch mir blieb nur stumme Bemmderung vor diesem überwältigenden Bilde: so hatte ich mir den Orient, so Bagdad geträumt! Aller Jammer und Schmutz der Riesenstadt war vergessen, und als die Sonne niederging über den hundert und aberhundert Kuppeln in Grün und Gelb, in Rosa und Blau und mir noch die letzten in Silber und Gold schwach und schwächer auffun
fefnben_in sterbendem Abglanz und bald nicht mehr von den
ersten Sternen zu unterscheiden waren, die über sernsten Hügeln ihre Lichter aufsteckten, da erlebte ich ein Märchen ans 1001 Nacht!
Ganz anderen Charaller trägt Kiew, die Stadt, die als Wiege des russischen Christentums betrachtet wird und noch heute durch das berühmte Höhenkloster der „Lawra" als bevorzugter Wallfahrtsort der ortlzodoxen Gläubigen gllt. Die Hölslengänge und Nischen mit den fragwürdigen Reliquien konnten indes weniger fesseln als das Leben und Treiben der unzähligen Pilger, Bettler und Krüppel. Da gab es direkt unwahrscheinliche Typen zu sehen und Bilder, wie ich sie am Fuß der Lawra dem Tniepruier entlang erschaut, wo öfter ganze Reihen von laaencden Pilger» sich die bekannten lleinen Tierchen gegenseitig abftichten — wer muß dabei nicht an den zoologischen Garten denken — muteten den Westeuropäer einfach unglaublich an.
(Schluß folgt.)
Theodor Zontane in der Kathedrale von Reims.
Die Depesche des Großen Hauptguartiers, die die iwtwendrg gewordene Beschießung von Reims meldet, betont zugleich, daß die Kathedrale, soweit es die Umstände erlauben, dabei nach Möglichkeit geschont werden wird. Die Ehrfurcht unserer Heeresfühnmg vor einem Wunderwerk der Kunst kommt darin zum Ausdruck »ud zugleich tritt die überragende Bedeuttcng hervor, die dieser herrliche gottsche Dom unter allen Denkmälern der atffranzösischen Krönungsstadt besitzt. Reims verlöre seinen höchsten Zauber ohne diesen „riesenhaften Zeitentraum", in dem ffck> seine einstige Größe, der Glanz seiner geschichtffchen Erinnerungen spiegelt. Unter den Deutschen, die bewundernd vor diesem ehrwürdigen Ban gestanden, verdient besonders Fontanes feinsinnige und geistvoll wägende Stimme Beachtung. Der Dichter, der 1870 durch Monate hin kriegsgefangen in Frankreich gesessen hatte, wagte 1871 eine Osterreise durch Nvrdfrankreich, die er in seinem entzückenden Buch „Aus den Tagen der Ocenvation" geschildert. Sein Aufenthalt in Reims war ein einziges Ringen um
das Verständnis und die Erfassung des gottschen
Meistenverkes. Schon auf der Fahrt reckt sich ihm der Bau bedeutend entgegen. „Eine halbe Stunde später dämmerte die Ka
thedrale von Reims herauf, von Mimcte zu Minute bestimmtere. Gestalt gewinnend: endlich lag sie vor uns wie ein Modell auf' einer Tischplatte. Tie Türme standen in einer durchsichtigen, aber färb- und sonnenlosen Luft." Bald nach der Ankunft lockt ihn die ungeduldige Neugier ins Innere, uns wie so mancher .Kunsttrcund, der die gemütvolle Wunderstimmung der deutschen gottschen Kirchen in sich ausgenommen und nach der Verherrlichung französischer .Kunsthistoriker hier etwas ?lehnliches erwartet, wird er von der massigen Schwere und der kahlen Weite des Inneren enttäuscht .' Der Zauber packt ihn erst, da er in der den Ban nach Osten hin abschließenden Kapelle steht, „deren großes Glassenster, wie eine Juwelenwand, dunkelleuchtend vor mir stand. Die Wirkung war sehr bedeutend, magisch, ganz besonders dadurch, daß mau nicht: unmittelbar, sondern durch einen offenen ^vitzbogen des hohem Chors — der nun wie ein vorgestellles, einrahmendes Tor wirkte auf dies, die ganze Mittelkirche beherrschende Fenster blickte. Der Umstand, daß ich selber in einem breiten, vom Portal her s einfallenden Lichtstreise» stand, während die ganze übrige Kirche! in einem grauen, nur hier unb dort farbig durchblitzten Dämmer lag, steigerte die Wirkung des Ganzen." Der historische Reiz, die Erinnernng an die großartigen Schauspiele der französischen Geschichte, die hier ihre Stätte fanden, muß die schweren Pseilermaisen mit einem romantischen Schönheits- schinimer nmmeben. Ein Krönungstag stell! alle anderen in Schal-» len: es ist der, da die Jungfrau von Orleans den Dxruphin- die Altarsttisen hinanfführte, als das Volk den allen Freut«»--, schrei: „Noel, Noel!" erhob und die Aägen aller aus Johanna! gettchtet waren. „Zu Zellen des Königs, ihr Banner in der! Hand, stand die Jungfrau. Ms die Zeremonie vorüber war, als der .Herzog von Alan?on den König zum Ritter geschlagen Unb der Erzbischof ihn gesalbt und gekrönt halle, warf sie sich zu Füßen Karls VII., umklammerte seine Knie und ries unter Tränen: „Gnädigster König, nun ist der Wille Gottes erfüllt, der gewollt hat, ^ daß du gen Reims zögest, uni die Krone zu empianigLi^ aul 'daß alle Welt sähe, daß du der wahre König ttist." Sie weinte, als sie diese Worte sprach, und alle lttnstehe>ll>en weinten mit ihr. Einen großen künstlerischen Eindruck erhält Fsontaiw von der Katl-edrale, da er sie von außen erst im Licht des Mvndesj und dann im Lichte der Morgenfrühe erblickt. „Da stand die ?l(ondscheibe links neben dem linken Turm, und meine Vormit- tagsbettachtungeu erschienen mir nun als bare KKtzrrei. Zwischen de» Fcnsterstäbeu stand es jetzt wie silberne Lichvuassen, mchts von Lebe und Kahlheit mehr, alles schlank, phantastisch: wie ans einer Märchenwelt ttat ich in die prosaische Welt des Hotek- boies ein." Und dann am andern Morgen vor der Fassade: „Der niorme Detail-Reichtum dieser vielberühnrten Front sprach immer lebendiger zu mir und die günstige, allen Teilen zu ihrem Recht verhelfende Beleuchtung ließ mich erst jetzt erkennen, daß es sich liier nicht bloß um einen überreich gegliederten Portalschmuck, sondern um einen riesenhaften Gesantt-Fries der ganzen Front handelte, in dem di« drei großen Portale nur selbst wicdcr integrierende Teile waren. Ja, der produttive Drang wner Epoche hatte sich auch daran noch nicht genug sei» lassen: dieser Fassaden-. schmuck rnichö noch nach lmf3 und rechts hin um beide Ecken herum. Es gibt nichts, was einem die Schassenslust und Fülle jener Jahrhunderte so veranschaulichen könnte, wie dieser über Ziel und Ausgabe hiuauswachieude Ueberschuf. Mitunter sprechen auch Zahle». Es gehören dieser Fassade 2062 Figuren an, von denen 1274 die menschliche Gestalt, 788 die der vettchiedensdm Tiere darstellen."


