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Zweites Blatt
164. Jahrgang
Erscheint täglich rnü Ausnahme dcS Sonntags.
Die „«ietzrner Zomllttndlätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigetegt, das „Kreisblatt für den Krtis Sietzeu" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeilsragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Gberhejjen
Montag. 2t. 5eptember M4
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» stratze 7. Expedition und Verlag: < £^SS) bl. Rcdaktion:L^il2. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
Straßburger Ztimmungsbilüer.
Bon einem Gießener Freund unseres Blattes erhallen wir folgenden Brief:
Straßburg, am 1«. September 1914. ißut große welterfchütternde Ereignisse, wie sie eben nur ein -erreg mrt sich bringt, vermögen allerhand Gebrauche, Sitten und Unsitten eines Volkes, mit zäher Ueberlieserung ständig sestge- balten. mit einem Schlage zu verändern. Sehr schön konnte man sirs hier in Straßburg beobachten, in der starken Festung tu der Südwestecke unseres Deutschen Reiches. Früher war bas .Herz ver Stadt die alte „Maire" am Broglieplatz, wo getagt, beraten, getraut und „amtlich" gestorben wurde. Heute und schon die ranzen Tage über staut sich sowohl bei Ämnen- wie Mpndenschein, öwohl bei Regen wie bei schönem Wetter eine wartende, sieges- ^irstende Menge sin der engen Wauwolkengasse zusammen vor einem sonst wenig beachteten, ruhig daliegcnden edlen Sandstcin- gckäude mit mächtigem Vortale, hohen Fenstern und Reichs- vappcn im Giebelfelde. Wer beachtete ehedem dieses einfache Amtsgebäude im Festungsbereich, was wußte man voni Gou- oernementsgebäude? Heute kennt es jeder, und gerade hench chend in der regnerischen Harbstnocht ist es von zahlreichen Kartenden umlagert. Mancher von ihnen hat schon öfters bier gestanden, um mit bei den ersten zu sein, die den neuen amt- tchen Sieg bejubeln, den die am Giebelfelde erscheinende Reickw- ütgge verkündet. Aber bei keinem war doch die Spannung und )« stille Hoffnung äus einen Sieg so groß, wie heute und gestern abend Wann tvird endlich der große Sieg der gewaltigen SHjladjt zwischen Paris Md Verdun von unserem tapferen Heere «veit erfochten sein, daß die amtliche Berössrntlichnng eriolgen kann? Vorerst sind wir noä, nicht soweit, der eine als Optimist kündigt >'ie in der nächsten halben Stunde an, seinen zweifelndem, mi> über das schlechte Wetter schnupfenden pessimistischen Nachbar zu längeren, Warten veranlaßt, der andere, nachdem er betritt zwei Stunden Wartezeit zugegeben hat, erblickt in dieser Zumutung an seine Geduld ein für unser .Heer schlechtes Kampfes- zckchcn und . . . wartet weiter. Aber unterdessen schwillt die Menschenmenge immer mehr an. Unter den durch die Festungs- volizei um 12 Uhr mitternachts vertriebenen Gästen der großen, :etzt fast nur noch mit deutschen Namen belegten Kaffeehäusern und Gasthöse» (. . . . nur der Besitzer des „Picadilln-Cafes" nutzte eine Belohnung von 3 Flaschen deutschen Sektes aus- chreibeu für einen geeigneten deutschen Namen seines „Cafes'-' rnd trotzdem hat sich bis letzt noch kein geeigneter Taufpate gelinden - .) findet sich auch gar mancher, dem das Warten in der
üblen Rächt vor dem Gouvernement weit angenehmer dünkt wie
«s Warten auf einen Anschlußzug oder vor dem Postscha.lt er.
Zunr Schutze vor der immer auflurenden Menscheuwoge hat die wchorgliche Militärverwaltung ein kräftiges Holzspalrer um die hanSsront gezogen, und dahinter stehen. Tag und Nacht Dosten cuter Gewehr, die jetzt kaum den aus dem stündlich ansauscndcnl Kraftwagen steigenden Offizieren und Mannschaften Platz machen Snnen. Gar mancher glaubt, jetzt endlich ist die ersehnte Mel- -ung mit dem Offizier hinter dem niächtigen Portal verschwuN- «3i und cr späht hinauf nach den matterleuchteten Fenstern, als Saue ihm hier die brennend heiße Frage beantwortet werden., kedoch stillschweigend werden hier die aus aller Welt zufliegenden Meldungen verarbeitet: und ivahrlich, wenn sie den großer, Sieg rtthielten, das in Freude uud Ehrfurcht harrende Volk soll für ein Warten belohnt werden. Doch vorerst ist der alle Erbfeind roch nicht niedergerungen und noch immer ist Frankreichs Gv- chick noch nicht besiegelt und iwch imimtzr hartt die geduLchse Renge vor dem einsachen Sandsternhaus in der Blauwolkengasse.
Und während die Menschenmenge noch immer untätig da varttt, rrm bei der erhofften Nachricht init ihrem Siegesjubelj «m Vaterland einen kleinen Dank abjuflntten, sind wackere, iflichlciscige Männer aus einsamen Posten am Werke, rrm mit Scheinwerfern in dieser nächtlichen Siegesstnnde nach feind- ichen Fliegern zu spähen. Das einsame Spielerr der Licht- «änber am wolkigen Nachthimmel, die von den drei großeni Scheinwerfern der Festung ausgehen, läßt manch emen jener harrenden zum Himmel mit größerer Ehrfurcht emporschauen, ndem er sich sagen muß: Wahrlich, je mehr die Welt von deut- chen Wasjentaten erfährt, umso eiserner ist die Pflicht eines deutschen Soldaten auf seinem Posten. Auch an diesen Schein- versern stehen Vorposten, um die Stadt und chre Brücken gegen ückischc Ucherfälle zu schützen: sie stehen so stundenlang bis zum trauen Morgen auf stiller Wacht im Dienste des Vaterlandes rnd haben nicht Zeit, auf Siege zu warten. Ihre Sinne müssen vacheii, damit sich nichts Störendes in-den Esting der großen Er- ignisse mischt.
Zn und um Noyon.
Rach langem Harren kam uns die Freudenbotschaft vom Siege rcheres rechten Flügels südlich von Noyon, und das kleine unbo- »eutende Städtchen, das an der Dkündung der Verse und der Divette u die Oise liegt, ist aus einmal in all« Munde. In alten .Heilert Kt Noyon. die Geburtsstadt Calvins, eine wichttge Rolle getackt, und noch heute zeugen einige berrchmte, alte Bauwerke wn dem ehemaligen Ruhm des Roviomagus der Zeit Cäjare: die zucar nicht große, aber prachtvolle Kathedrale, die wn Pipin dem Kleinen begonnen, und von Karl dem Grohsrt werter gebaut wurde, sowie der ehemalige bischöfliche Palast, >er bis ins 15,. Jahrhundert zurückgeht. Um die Kathedrale herum iegen vornehme, ruhige Straßen von verjährter Eleganz mit dÄrsern aus Naturstein und Ziegel. Alles in allem mutet das alte Ro-zou mi, wie eine Art bffchöslrcheii Versailles. Freilich, Bischöfe iidt es in Noyon nickst mehr: der letzte war ein Grtmaldi, cur Ridglied der Familie, das die Herrscher des Fürstentums Monaco teftetlt hot Um den allen Kern der Statut liegen neuere, moderne däustr, freilui, nicht viele, denn die Stadt zähll kaum 6000 Einwohner. Was ihr nächst den alten Häusern ihren Charakter oerecht, ist die völlige Abwesenheit der Industrie. Rur in den äußersten Ausläufern der Borstädte ,rnd wenige Webereien, Gerbe- eien und Zuckerfabriken zu finden. Für die Umgebung, für die leinen OrtsckKften am Laufe der Oise, chrer Seitentäler sowie nr die am Unterlaufe der Aisnc spicll Noyon als iOcrrrft einet rroße Rolle: auS der ganzen Nachbarschaft kommen hier die
ftldfrückcke zusammen. Es sin, neben Korn in erste,' Linie Bohnen, He geschärten wurzösischeit Bohnen, die man gewöhnlich nach der Stadt Soissons bezeichnet, die hier an der Oise aber gerade so gut gedeihen, wie dort an der Aäsne. Wenn man die Oise abwärts Hier wm der Mündung der Wsne diese aufwärts ivondert, kommt mm allenthalben durch ausgedehnte Rüben- und Bohnenielder.
An der Oise, die inmitten niedriger anmutig bewaldeter Hügel rch in schmalen, Bette dahinschlängelt, wird die liebliche l3oL>- und Hügellandschast durch zwei Seitentäler rechts unttr- »rochen. Zunächst mach man über den Matz hinweg. einen kleinen Fluß, der sich ohne großes GefMe zwischen grünen Wiesen und i-cldern hinzieht : steigt man von chm aus aus die Hügel, so go- angt man sogleich wieder iit Laub- oder Nadelwald Das Tal des rächsten NebenslüßchenS, der Aronde. hat emen etwas anderen Charakter: hier ist das Land bedeutend wasserftricher: man trifft ffele Erteu und Weiden, ja inmitten der Wälder sind ausgedehnte SumofftrEn, und das Land ist von Entwässerungsgräben und Kancüen durchzogen. Bon der Ställe an, wr» die Aisne sich mll der Ojje verewigt, wird diese viel wasserrclcher und bracher; hier kurz
In ttesster Dunkelheit Kegen die ^beiden großen Rhein brücken da, die Elsaß mll Baden, Straßburg mll Kehl verbinden. Jeder Eisenbahnzug, der die nördlichere Effenbahnbrückc kreuzt, ist ebenso in Dunkel gehüllt, wie der elektrische Sttaßen- bahmvagen, während ferner Uchersahtt über die sichlichere große -Straßenbrücke. Und jeder Insasse ist vor der Uebersahrt scharf von einem braven Landwehrmann auf Herz und Nieren geprüft worden, und ohm Paß darf er weder raus noch in die gcuKllige Festung. Nur Militär, das auch kein Straßenbcchngeld zu entrichten braucht, well mll der Mobllmachung alle stt aßen bahnen unter Mllllärverwalluug getreten sind, ist nicht der Kontrolle ausgesetzt. Aber auch auf anderen Vorottllnien, die den Festungsbereich verlassen, müssen sich schon dll Insassen der Sttaßen- bahnen die Prüfung ihres Passes gefallen Imsen. Jedoch besonders schart ist sie an der großen Rheinbrücke, wie überhaupt hier besonders auf strenge Überwachung gesehen werde. Fluß- austvätts beleuchten von beiden Ufern zwei Scheinwerfer die glitzernde Oberftüche des rasch dahmftießenden Sttomes, um womöglich hier ab schwemmende Dttnen sttchzeitig zu entdecken, che sie ihr verderbenbringendes Werk an den beiden großen Brücken entfallen können.
Und wieviel Vlaschlliengewehre und wieviel scharfgeladene Flinten emsamcr Wachtposten verbirgt die tiefe DunkellKll dem womöglich in der Lust sich uäherudcu Feinde Auf alles ist man hier in Sttaßburg vorberellet, auch auf chic Belagerung hatte man zu Anfang des Krieges stark gerechnet, jedoch der „unerwartete" Sieg bei Mühll)ausen hatte ein weiteres Vordttngeu der Franzosen vechindett. Wo sind die großen Kauffchllder mit ihren französischen Namen? Wo liest man noch : Englisch spoken? („On parle francais" wurde früher in der Straßburger Geschäftswelt als selbstverständlich gesunden., Wo sind die auffallenden Sttaßenkleider der Danienwell geblieben, die einem früher so einen leichten Vorgeschmack an Pariser Chik gewährten oder gar geradeswegs in Paris zurechtgeschnitten waren? Wo klingen einem noch die ftanzösischen Laute entgegen, die einem leider allzuoft ftüher aus der Sttaße, in der „Tramway" oder sonst wo an „vergangene Zeiten" erinnerten, wie gar mancher Straßburger häustg etngestand? Dafür singen letzt die kleinen Kinder, auch wenn sie nicht gerade „Soldätchm" spielen, die wohl jetzt gangbarsten Lieder vom „treuen Kameraden" und von ,cher Wacht am Rhein". Wahrlich, Straßburg ist eine echte deutsche Stadt geworden, was noch im Juli nicht so ganz der Fall >oar. Ich glmäbe, jetzt läßt sich .Sttaßy bürg in keiner Weise von einer „altdeutschen" Stadt übertteffen, was Kriegssürsorge und Ki:iegsbegelsterung, was nationale Empfindung und nationale Betättgtmg anbclangt. Uud getrost könucki wir aus ihre „Wacht am Rhein" im Süden des Reiches bauen: dafür sorgen schon das nächtllchc Spiel der Scheinwerfer, die pflichttifrme Besatzung und die siegesharrende Menge in der Blmi- wolkengasse vor dem voten Sandsteinhause.
Die Haltung der Elsässer.
WTB. Straßburg, 19. Sept. sMchtatilllich.) In einem Mülhouser Brief vom 17. September der Sttatzburger Post heißt es: Emen Beweis für die andauernd gute Haltung unserer Bevölkerung, die auch, von dem bisherigen Stadtkontmary- danten wiederholt öffenllich anerkannt worden ist, bildet die Tatsache, daß das bei der Erklärung des Kriegsztrstandes von deM kommandterenden General des 14 Armeekorps eingesetztr Kriegs-- gericht in Mülhausen mangelZ ausreic^nder Beschäftigung gestern wieder aufgehoben worden ist und mll dem Kriegsgericht in Neu-Breisach vereinigt wurde. Zwischen den sell einigen Tagen hier in Quartter liegenden Landwehrregllnentjerrt und der hiesigen Bevölkerung herrscht das beste Verhältnis. Wenn die Truppen ans den Kämpfen zurückkehren, die noch immer an den Ausläufer» der Sudvogesen ftattfinden. um sich im Quartier von den Sttapazen zu erholen, werden sie von den Einwohnevn schon wie alte Bekannte empfangen.
Bilder aus dem „neuen Paris".
Die behäbige idyllische Stadt der guten Weine und der guten Wehe an der breiten stillen Garonne, die so plötzlich zur Hauptstadt Frankreichs erhoben worden ist. hat nrit einem Schlage ihr etwas schläfrig kleinstädtisches Gesicht beränüert. Aus Bordeaux ist über Nacht das „nette Paris" geworden, und seine Bewohner gewohwen sich allmählich an die Ehre, die ihnen unter dem Ztrumg der Umstände zuteil geworden ist. Interessante Bilder aus
oberhalb von Compregne wird sie elli schgfbarer Fluß, eine der Hauptverkehrsadern der ftanzöftschen Fllißschlffahrt.
Compiegne ist von dieser Stelle aus nicht sichtbar, denn es Legt im Walde versteckt, und wenn man von Comptegne aus mll der Eisenbahn ostwärts ms Tal der Msne fährt, gelangt mcmi auch durch den berühmten schönen Wald von Compisgne. Sobald der Blick im -Flußtale ivieder ftei wird, sieht ntan eine Landschaft, die der am Lcmfe der Oise ziemlich ähnelt. Stellenweise ist der Boden sehr schwer; Inn sind ausgedehnte Zuckerfabriken und zahlreiche Rübenselder: sie verraten, welche Ausdehnung der Zuckerrübenbau am Rorduftr der Oise hat. Die Aisihe ist in ihrem llnterlause gut schiffbar; vor ihren zahlreichen Schleusen sieht man häuftg große Kähne, die mit dm Landeserzengnffseii sowie mll dem weißen Gestein beladen sind, das weller flußaufwärts gewonnen wird. So viele Ortschaften, wie im Oisetale, sind am Unterlaufe der Aisue nicht; die nächste größere, die man von Compiegne her kommend, am Flusse erreicht, Ättichh, ist nach ihrer Em- wohnerzahl — rund tausend — eigentlich noch als Dorf zu bezeichnen. Alerdings macht Attichy, am Fuße lieblicher bewaldeter Hügel, die sich in dem Winkel zwffchen Oise und Aisnc als medrige Kette hinziehen, einen ziemlich städtischen Eindruck. Etwas weiter auswärts liegt Me, der Hauptort und Hauvtmarkt des unteren Aisnetales, und von hier aus schwefft der Mick bis nach Soissons, der alten Gallterstadt, wo die Karolingerkönige ihren Sitz hatten.
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Die holzschätze von Zuwalki.
Die kurze Nachricht, daß das russische Gouvernement Duwalki unter deutsche Verwaltung gestellt ist, ist nicht nur bedeuttmgsvoll als ein Beweis unseres siegreick>en Eindringens in das Zarenreich, sondern ist auch sonst ovn wcitttagender Wichttgkell. Wenn nämlich behauptet worden ist, dieses Gouvernement habe nur ' geringen, hauptsächlich landschastllchen Wert, so bewnt demgegenüber die ,Lolzwclt", daß Hemde Suwalki gmßattige Naturschätze besitzt. Unsere Behörden haben sehr wohl gewußt, was sic taten, als sie gerade diesen Bezirk unter deutsche Verwaltung nahmen, denn dieser Landstrich hat einen Holzreichtum, wie nur ihn sonst nur noch in Ostpreußen kennen. Zn der Holzindustrie besitzen die log. Augustowoer Hölzer einen besonderen Ruf, und die Wälder, aus denen fte stammen, liegen im Gouvernement Suwalli, Westlich vom Nsemen, etwa 30 Kilometer südlich von der Gouvernementsstadt Suwalli, ziehen sich nämlich bis zur Landes grenze die berühmten Augustowoer katse, russischen Forsbcn, durch- auett vom Augustowoer Kanal. Ihr Umfang wird aus etwa 60 000 preußische Morgen bezigecr. An: (Stabt AuMjdowo,. mft etwa 5000
diesem „Paris im Süden" zeichnet in der „Daily Mäil" Hamilton Fyse. Die Fülle der Neuangekommenen hat natürlich überall Gedränge und Unruhe hervorgerufeit, in die mau sich mll niöglichst gutem Humor und angeborener Liebenswürdigkeit findet. Im besten Gasthaus der Stadt, dem bcriihmten „Chapon sin", sind jeden Abend säml- lillze Tische vvransbestellt, und da sitzen nun die Minister, Gesandten und führenden Politiker und lassen siche- schmecken, so gut es eben geht. Der Pariser Akzent, der viel musikalischer und klarer ist als die Aussprache des Sitdeus, ist überall zu hören. Die düster und würdig blickenden alten Staatsmänner und die eleganten jirngen Regierungsbeamten stehen plaudernd an den Straßenecken oder "sitzen in den Kaffeehäusern, von den biederen Einwohnern Bordeaux' mit bewundernoem Staunen betrachtet Wer vor einer Woche noch eine Lokalgröße war, muß sich jetzt cinge- steheu, .daß er nichts ist; die Pariser Herren habe,; die Honoratioren von Bordeaux so rasch aus deni Ansehen ihrer Mitbürger verdrängt, wie Poincare den Präfekten ans seinem Palms.
Bei diesem plötzlichen „Umzug" der Regierung, bei dem so manches drunter und drüber gegangen ist, kann mmt gar lustige Veränderungen und Wanülnugen beobachten. Bon dem 41pollotheater, in dein jetzt statt der heiteren Späße der Komiker die getragenen Reden der Senatoren zu hören sind, hat man ein großes Plakat mit der Inschrift „Lachen!" iwch rasch entfernt. Der Generalpostmeister hat sich in ‘ dem Tanhstummenasyl häuslich eingerichtet, der passenden Wohnung fiir einen Meister von Telegraphen, die nicht sprechen, und von Telephonen, die nicht hören. Der Telegraphen- und Telephonbetrieb liegt nämlich in Bordeaux im Argen, unv viele Depeschen ivurden init dem Zug ckbgcschickt und dem Adressaten erst zivec Tage später ausgehändigt. Die Beamten des Kriegsininisterut-nrs arbeiten in einer Kunstschule, wo noch die Tonmodelle fleitziger Bildhauer herumstehen, und andere hohe Offiziere sind in einem chemischen Laboratorium eingnartiert, in dem noch die sck)arfen Gerüche der früheren Tätigkeit sich bemerkbar machen und im Korridor die Anloeismig steht: „Bitte um Ruhe, um die Experimente nicht zu stören." Die Herren des Auswärtigen Amtes dagegen sind in dem weiträumigen Palast eines reichen Wcinkansmanns ge« konnnen und klagen, daß sie vor vielem Herumlauseu überhaupt nicht arbeiten können.
In Bordeaux herrscht jetzt mehr Lüben als in Paris. Ja es herrscht sogar zu viel „Leberi", denn die Stadt Legt weit weg vom Donner der deutschen Kanoiren, und so ging es denn ein paar Tage hier so lustig her, daß sich manche Besuck>er bei dem Ernst der Lage davon verletzt fühlten. Man meinte, Bordeaux sei nicht ernsthaft genug für den Krieg. Seitdem ist es in der Stadt recht rnhick geworden. „Die Einberufung aller Männer zwischen 20 und 45, die bereits wegen körperlicher Mängel aus-gemustert, ioaren und sich tiun zu einer neuen ärztlichen llntev- suchung stellen müssen, hat jedem zu denken gegeben, obwohl ich glaube, daß dieser Schritt einfach geschehen ist, um die öffentliche Meinung zu beruhigen. Wan beklagt sich nämlich allenthalben, daß so viele junge Leute, die fiastig und gesund aussehen, noch immer in ihren Zivilkleidern sind und ihrer bürgerlichen Beschäftigung nachgehen. Ein Offizier, der ans dem Felde kam, sagte zu mir jüngst ganz erbittert: „Es gibt noch genug „Ausgemusterte", die kämpfen können, um aus ihnen ein Armeekorps (50 000 Mann) au^ustellen."
Uirche und Schule.
Das hessische Schulmiinsterium und der Krieg.
Das Großherzogliche Ministerium des Innern hat an sämtliche Kreisschullommissiouen des Laitdes eine Verfügung erlassen, wonach die Unterrichtsverwaltungen mit Rücksicht ans die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit während des Krieges mit der Beurlaubung
Einwohnern, bildet den Mittelpimkt dieses Gebietes und liegt an dem erwähnten Kanal, der mll seinen etwa 20 Schleusen in den Bober mündet Vom Bober führt der Flößerciweg über den Rarew und die Weichsel dttekt nach Thorn zum Weillffetmarkt. Alljährlich pstegtrn aus diesen Gebieten Nutzhölzer im Wette von vielen Millionen Mark nach Deutschland zu kommen.
-— Der Toü eines deutschen Musikers in London. Eine in der ganzen Muftkwelt Englands weitbckamite und verehrte Persönlichkeit, der Komponist und Dftigcni Wilhelm Ganz, ist soeben in London gestorben. Dieser Meister, der mehr als 60 Jahre den tätigsten Anteil an dem Musikleben Londons genommen bat, ist so recht ein Beweis für den größten Einfluß, den die deuffche Tonkunst in England besitzt. Am 6. November 1833 in Mainz geboren, kam Ganz schon als lbjäbrigcr Knabe nach London und fand als Violinspieler Beifall. 1850 ließ er sich dann ständig in der englischen Hauptstadt nieder, ward zunächst Organist an der deuffch-lutherischen Kirche und wirkte dann als Violinist an dem Neuen philharmonischen Orchester. In dem ersten Konzett, an dem er 1852 terlnahm. dittgiene Berlioz seine dramatische Sinfonie „Romeo und Julie" und wurde auf den jungen Mainzer Musiker aufmerksam. Seitdem ist Ganz mit einer Fülle der ersten Berühmthellen im Reiche der Töne bekannt geworden. Seine Erlebnisse mll ihnen hat er in seinen an lustigen Zügen und ernsten Bettachtungen reichen „Ettnnerungen eines Musikers" geschildert, die 1913 eftchienen. Er begründtte die „Ganz'schen Or- chesterkonzerte", die durch mehr als ein halbes Jahrhundert eine der wertvollsten musikalischen Veranstaltungen de>' Londoner Saison waren. Bei dem „oiamantenen Meisterjubiläum", das er 1908 seiette, wurde er der Gegenstand hervorragender Huldigungen. In den Ganz'schen Konzerten sind für London zum etttenmal so wick ttge Werke wie Berlioz' „Phantastffche srnsonie" und Lrszts „Danle-Sinsonie" gegeben worden. Unter seinem Taktstock trat die Melba zum enteumal in London auf. und Ganz ist der erüe gewesen, der den Wett dieser großen Sängettn erkannte und ihr die Wege zu Rubin und Erfolg ebntte. Auch Jenny Lind und die Patii hat er oft begleitet. Die großen Sängettnnen setzten mll Vorlicke die reizenden leichten Lieder auf ihr Revottoire, die Ganz komponiert hat,
Karlsruhe, 18. Sept. Dem bmtigen stahtratsbericyt zufolge hat der oettwrbene Ehrenbürger der Stadt, Kunstmaler Wll- helm Klose, der Stadtgemeinde Karlsruhe lcitamentansch die Summe von 500 M0 M a r k zu dem Zwecke vermacht, daß aus den Zinsen des Kapitals die Stadt durch Monumentalwerk« der Plastik und Malerei verschönett werde.
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