Ar. 220
Zweites Blatt
m. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag?.
Die „Sietzener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, da? „KTtisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtschaftlichen Zeit-
fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Eichener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Gberhesien
Samstag. \9. September
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäls - Buch- und Sieindruckerei, R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedllioi^ und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: egä>51. Redaktion: fcgg 112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
Uriegsbriefe aus dem Osten.
B>» »«sercm zum Ost Heere entsandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Der russische Rückzug und die russische Schani»'
Armee-Oderkommando Ost, 14 . Sevt.
Das deutsche Leer verfolgt die geschlagene russische Armee Rennenkampf mit allen »rüsten, die Mann und Roß cherzepgebci, vermögen. Unsere Infanterie ist in diesen Tagen ßLufzig und sechzig Kilometer marschiert und hat sich am Abend ihre Quartiere erst mit dem Bajonett erobern müssen. Diese beispiellose Leistung unseres Ostheeres nmrde erreicht nach den Anstrengungen einer dreitägigen Schlacht, nach ungeheuren Märsche» eine Woche vor her bei der Einkesselung der russischen NcrrewArniee
Wir fuhren gestern im Automobil fünfundsiebzig Kilometer bis jast zur russischen Grenze an unser« Truppen entlang
Sie marschierten vorwärts, der starke Regen hatte die famvsi n Provinzstraßen in kleine NLorästc verwandelt. Sie marschierten über und über bedeckt und beschmutzt und sie sj»ugeii Soldatenlieder. Und plötzlich sing eine Kompagnie an „Deutschland, Deutschland über alles" zu singen. Ich habe das Lied in den letzten Tagen, ehe ich von Berlin ab- rchlc, in manchen Kaffees singen hören, daß ich incinte, ich würde cs nie wieder gern Horen können. Man sang es, wir st«au vorher „Puppchen" gesungen hatte, als patriotisches Modeüed. Hier wurde es wieder frisch und hell, und die Thüringer und Hessen marschierten dazu in den sinkenden Abend Man muß es in jedem Bericht wiederholen, man müßte jeden Tag zweimal schreiben: dieses Ostheer, aus allen Ecken zujaniwt'ngeraffl und zusammengckratzt, überanstrengt «ü» zerschossen, r st herrlich,überall eMaßenher'r- ttch. Die ostpreußischen Armeekorps, die seit Beginn des FeSzuges hier an bitterer und schwerer Arbeit sind, verdienen den heißesten Dank Deutschlands. In unser,, deutschen Armeen in West und- Ost tut sicherlich jeder seine Schul- tchchii. sie aber haben mehr geleistet als man annehmen »erste, daß selbst deutsche Soldaten zroin-gen könnten.
Nun ist Ostpreußen frei. Die Russen haben sich unserer Kammer rechtzeitig entzogen. Unsere Truppen, die durch *e masurischen Seen gegen den südlichen russischen Flügel ««gingen, innßten stärkeren Widerstand überwinden, als rum geglaubt hätte. Rennenkampf hatte das 22. Finnische ächätzeukorps ihnen entgegengeworfen, das mußten unsere Lorps erst forttäumen. Dadurch gewann der nördliche utzische Flügel Jett, den Rüchprg anzutrete». Er ließ seine uustvoll gebauten Stellungen vor Gerdauen im Stich und mrrschirrte ab Neun Tage läng hatte Rennenkamps alles cnf den deutschen Angriff vorbereitet. Man konnte Artillerie tellungen sehen, die mit einer Sauberkeit gebaut waren, daß -er alte Ruf der Jüchsen als gute Defensiv-Druppe sich, was « Befestigung der Stellung «rnbelängt, durchaus bewährte, vie prächttgen alten Eschcnalleen von Gerdauen nach Nor- -euburg hattg man kilometerlang niedergelegt, die Bäume suj die deutsche Anmarschseite gelegt und jeden Ast und edes Aestchcn säuberlich mrgespitzt Infanterieschützengrabeu »atte man mit abgedeckten Lausisängen versehen. Es wurde acht einmal der Versuch gemacht, die Positton ernsllich zu »alten Wir haben den Russen aus Ostpreußen leiausmarschiert mit einer so sicheren Ucberlegenhsit -er Strategie, daß der alte Haudegen Rennenkamps cs nur ivch versuchte, den Rüctzug zu retten. >
Dieser letzte Dersucks, das russische Heer einigermaßen nlakt über die Grenze zu bringen, ist infolge unserer bei- piellosen Verfolgung auch gescheitert. Die russische Armee teunenkanipf zieht sich nicht mehr zurück, sie äuft in heller Flucht und unsere Operationen gegen ie sind, da ich diese Zeilen schreibe, in vollem Gange.
Ostpreußen ist frei, es ist von Räubernu ui> Mord- g e s indcl befreit. In meinem letzten Bericht schrieb ich, daß so viel bewiesen sei, daß kaum noch etwas übrig bleibt. E s st eb t f e st, daß e s kaum eine Ke meinheit gibt, die die russischen Soldaten in Ostpreußen nicht begangen haben. Ich konnte mich durch den Augenschein von Tatsachen überzeugen, die der Europäer schlechthin für unmöglich hält. So weit man von der Landstraße aus das flache Land überblicken kann, ragen die Bra.ndrui»en der Bauern- und Gutsgehöfte, stkur die größeren Städte sind verschont geblieben. Das kleine sikor- dcnburg (3000 Einwohner), in dem wir übernachteten, haben die Soldaten des Kaisers aller Reußen in einem Zustand hinterlafsen, wie ihn memand glauben, niemand sich vorstellen kann. Krieg ist Krieg, und daß Ilusschreituugen Vorkommen, ist traurig, aber verständlich, hier handelt es sich aber nicht um Ausschreitungen, sondern um daS planmäßige Vernichten eines blühenden Landes durch Banditen und Mordbrenner. Haus bei Haus ist vom Giebel bis zum Keller ausgeraubt und beschmutzt worden in einer solch viehischen Weise, daß man meinen sollte, in diesen Kausinannslädcn, Apotheken, Gemischtwarenhandlungen, Bürgerhäusern hätten Lsie Schweine herdenweise gehaust. Es sei dabei betont, daß jeder Ausdruck hier nicht Schimpfwort ist, sondern die einzige Bezeichnung, die unsere Sprache für solches Geschehen hat. Um das russische Verhalten richtig zu beschreiben, müßte unsere reiche deutsche Sprache neue Worte er- sinden, unser Vorrat reicht nicht aus, diese Gemeinheit und Besttalitäten zu bezeichnen. Wir Europäer und Deutsche konnten uns dies bisher noch nicht vorstellen.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
*
Die staatliche Hilfe für Ostpreußen.
Mit Hilfe der Landratsämtcr und Bürgermeistereien werden jetzt in Ostpreußen die Schäden des Krieges festgestcllt. Tie Minister v. Loebell, Tr. Lentze und Frhr. v. Schorlemer werden, nachdem sie nach der Besichtigung m Ostvrenßen nach Berlin znrückgekchrt sind, deni Staatsmiisisterium geeignete Vosichläge zur Linderung der Not unterbrechen. Es ist beabsichttgt, noch vor dem Eintritt des Frostes alle zerstörten Gebäude, soweit es möglich ist, provisorisch herKustcllen, airderenfalls Baracken zu errichten. Den Bauern wird Saatgetreide unentgeltlich geliefert werden. Eie Ernteerträge Ostpreußens sind größtmtcil vernick tet. Tr? Bewohner der in Mit- leidenschast gezogenen Distrikte werden auch Niehl aus anderen preußischen Provinzen erbalten. Die Notstandsaktion wird ähnlich eingelsitet.wie bei Uebcchchwemmnngskatastrophen. Die notwendigen Geldniittel wird später der Larrdtag bewilligen, sie werden »o- läusig anßergsietzmäßig an Notleidende gezahlt. Wie hmh der Swaden ist, läßt sich bisher noch nicht übersehen. Auch Post- nnd Eisenbahnverwaltung sind Leidtragende, da die Russen Postgebünde und Bahnhöfe zerstört haben.
Der belgische Handel wahrend der letzten 30 Jahre.
In der „Rhein.-Westf. Ztg." schreibt Prof. Dr. M. Pagenstecher (Halle a. S.):
Die Bevölkerung Belgiens betrug am 31. Dezember 1884 5 784 858 und im Jahre 1911: 7 490000 Einwohner.
Die Steigerung des Handels während dieser Zell ergibt sich aus solgenden Tabellen:
Wert
in Millionen Franken.
Spezialhandel')
1884
1912
Zunahme
Emsuhr
1426
4958
3532
Aussuhr
1337
3951
2614
Transit
1340
2437
1097
Was diese Zahlen besagen, tritt erst deutlich hervor, wenn man die Verhältnisse in anderen Ländern zum Vergleich heranzieht. Die nachfolgenden Zahlen geben den Wert der Einfuhr und Ausfuhr (Spezialhandel) von Belgien, Deutschland, den Bereinigten
*)_ d. h. die in den Handel Belgiens übergegangenen und die aus diesem stammende Warenmenge.
Staaten von Amerika, England, Fimckreich nnd Italien für das Jahr 1911 an.
Einsuhr
Aussuhr
5»
'S»
-o , O a £
ff-
iy> ~
•§.=
c; «
«,«-
L>
■Z .5
s~=
iss; .5 iS
Belgien
Deutsches Zoll
7 490 000
4 508
602
3 580
478
1080
gebiet Ver. Staaten
65 671000
11987
183
10011
152
335
von Amerika
2
1
o
7 915
85
10 430
111
196
England
45 217 000
14 562
322
11453
253
675
Frankreich
39 602 000
8 666
204
6 077
153
367
Italien
34 671 090
3 389
98
2 204
63
161
Bei Würdigung dieser Zahlen muß man einerseits berücksich« sichtigen, daß Belgien hinsichtlich der Dichtigkeit der Bevölkerung unter den Staaten Europas nur hinter Sachsen zurückstrht. Um so erstaunlicher ist der Vorsprung, den der Wert der ein und aus- geführten Waren pro Kopf der Bevölkerung vor allen anderen Ländern Hai. Andererseits darf man bei derarttgen internationalen Vergleichen allerdings auch nie vergessen, daß die einzelnen Staaten den Wett der Einfuhr und Ausfuhr sehr verschieden berechnen, und daß deshalb derarllgc Uebersichten keinen Anspruch daraus erheben können, ein unbedingt zuverlässiges Bild der toirklichen Verhältnisse zu biNeu. So wird z. B. Genauigkeit der Wertdeklaration der englischen Handelsstatistik selbst von englischen Autoritäten stark angezweijelt!
Die nachstehende llebersicht zeigt das Anwachsen der Ein- und Ausfuhr im Serhandel. Tie Zählen beziehen sich aus Mll- lionen-Tonnengehatt:
1884 1894 1903 1910 1912
Einsuhr 4,07 6,51 10,91 15,10 16,35
Anssuhr 4,05 6,54 10,93 15,07 16,32
Tie Zunahme in den 28 Jahren beträgt also für die Einsicht über 12>i Millionen, für die Ausfuhr etwa ebensoviel.
Für den Antwerpencr Hasen stellen sich die Zahlen solgender- inaßen: Einfuhr: 1912: 13.78 (1884 : 3,40,, Ausfuhr: 13,72 (3,39,. Das ergibt für die Gasuhr und Ausfuhr eine Zunahme von etwa je llü/z Millionen Tonncngehalt. Die Zahlen beweisen deutlicher als seitenlange Erörterungen, was Antwerpen für Belgien bedeutet Und dabei haben die Niederlande durch einen Vertrag mit Belgien vom 21. Juli 1863 gegen eine Entschädigung von rund 36 Millionen Franken auf ihr Wasierzollrccht aut der Schelde verzichtet!
Die Produktion an Kohlen und Eisen ergibt sich aus der folgenden Uebesiicht. Es wurden gewonnen an Millionen Tonnen: 1884 1912 Zunahme
Steinkohle» 18,05 22,97 4,92 ,
äochosenvrodukte 0,75 2,30 _ 1,55
Tic Tonnenzahl der in Fabriken der Eisen- und Stahlbrauchs hergestellten Fertigprodukte belief sich sin Jahre 1884 aut 625 039; im Jahre 1912 ans 2 310640 Tonnen. Die Zunahme betrug hier mithin über 1,68 Millionen Tonnen.
Aus einigen 5oldatenbriesen.
die von der „Köln. Ztg." veröffentlicht werden, entnehme» wir einige siiterefsante und für die Stimmung unserer Truppen bezeichnende Stücke:
4. September 1914. Wir sind ans unfern Stellungen heraus. Gestern mittag begann der Vormarsch und der Sturm auf die scindlichen Stellungen. Noch immer alles Wald, soioeit man sehen kann, nach der Karte noch mehrere Kilometer, teils Hochwald, teils dichtes Gebüsch. Gerade di sie Abwechslung ist für den Ängrsifer so gsiährlich. Sobald man in sieicn Hochwald tritt, kann man des Feuers aus dem angrenzenden Unterholz, das nicht den geringsten Einblick zuläßt, sicher sein. Schrllt für Schritt und mit der größten Vorsicht muß Gelände gewonnen werden. Wir siich noch keine 200 Meter borgcdrungcn, da pfeiien auch schon die Kugeln um unfern Kopf, clls wll in Hochwald einge- trelen sind. Das Gebüsch, aus dem das Feuer kommt, ist kaum 50 Meter von uns entfernt, aber vom Jein de nichts zu sehor. Also schleunigst Deckung gesucht! Die Bäume bieten, wenn sie einigermaßen stark sind, einigen Sckmtz. Jetzt heißt's ruhig aü- warten — geschossen wird ans einem deutschen Gewehr nicht eher.
Wi* der Krieg in ein sibirisches Kofafenöorf tarn.
Hü einem Maischen Kosakendors an der Grenze der Nongolei wurde drr englische Berichterstatter Stephen Gramm von dem Kriegsausbruch überrascht und schildert nun in nnem farbigen Bilde, wie dieser weltgeschichtliche Augenblick n der von schncegekrönten Bergen und dichten Wäldern umahmten Eim'amkeit 1200 Werst südlich von der sibirischen Eisenbahn ausgenommen wurde. „Alle jungen Männer und H:auen des Dorfes waren beim Grasschneiden auf den lügeln. die alten Leute saßen zu Hause und kochten, die sinder spielten — da kam der Krieg. Am 31. Juli um 4 Uhr rüh traf das erste Telegramm ein, die Mobilisicrungsordre. sch war in einer mir unerklärlichen Aufregung erwacht, und ls ich auf die Dorfstraße ging, fand ich alles in großen örregnng. Meine Wirtin schrie mir zu: „Haben Sic gehört? cs gibt Ksieg!" Ein junger Mann ans einem prächtigen laß, eine große rote Fahne um die Schultern geschlungen, aloppierte durch die Straße und brüllte: „Krieg, Krieg!", »ährend das Tuch blutrot hinter ihm herslatlerte. Pferde hcr- us, Uniformen, Schwerter. Sosorl begann man mit dem sorfnhren der Pferde. Der Zerr hatte die Kosaken gerufen; hne Bedauern verließen sie ihr Tagewerk. Wer war der (sind? Keiner wußte es. Das Telegramm enthielt keine An aben, und alles, ivas die Dorfbevölkerung sich sagen konnte, mr, daß dasselbe (Telegramm vor zehn Jahren gekommen mr, als es gegen die Javaner ging. Man neigte allgemein er Ansicht zu, daß die gelbe Gefahr wieder da wäre und der (sieg mit China ausgebrochen sei. Rußland war zu weit in ie Mongolei eingedrungen, und da hatte China Krieg er- äsi. Dann lief das Gerücht um: „Es geht gegen England, egen England!" Dies schien der nächste mögliche Feind. „Es >ird sin ungeheurer Ksieg," sagte sin besonders kluger Bauer ® mir. „Dreizehn Mächte sind dabei — England, Frank- tiä), Rußland, Belgien, Bulgarien, Serbien, Montenegro, llbanien gegen Deutschland, Oesterreich, Italien, Rumänien nd die Türkei," Zwei Tage nach dem ersten Telegramm im ein zweites, das alle Männer im Alter von 18 bis 43 fahren ansrief. Fliegende Bolen kamen atemlos und damp- md auf ihren Rossen an und übergaben Pakete, die geheimen nstruktionen, dem Ataman, dem Häuptling der Kosaken, in Ru erhielten sie frische Pferde, und nach fünf Minuten rgten sic schon weiter. Die große ro« Fahne war an einer
0
riesigen Stange am Ende der Dosistraße aufgezogen, und des Nachts wurde sie durch eine rote Laterne esietzt. Am Eingang eines jeden Dorfes wehte eine solche Flagge bei Tag, leuchtete eine solche Laterne bei Nacht. Die Pferde wurden sehr sorgsam ausgewählt; die Kosaken hatten an 1500 Kilometer bis zur Eisenbahn noch Omsk zu reiten; da konnte man nur die besten Pferde brauchen. Am Sonnabend fand ein wehmütiger Gottesdienst in der hölzernen Dorfkirche statt. Der Priester erzählte in einer langen Predigt davon, wie Napoleon die Kirchen der „Alten Mutter Moskau" zerstörte und dafür von Gvtt bestraft wurde. „Gott ist mit uns," sagte er, „der Sieg wird unser sein." Sonntag war Feiertag, und keine Vorbereitungen wurden getroffen. Am Montag brachten die Kosaken ihre Uniformen heraus, ihre Schwerter, Hüte, Mäntel, Stiefel usw., alles, was sie zu brauchen glaubten. Am Donnerstag, dem Tage des Ausmarsches, kam ein drittes Telegramm aus Petersburg. Der Schnapsladen, der während der großen Mäßigkeitsbewegung verschlossen und versiegelt gewesen war, sollte an dem einen Tage geöfsnet und dann bis auf weiteres wieder geschlossen werden. Was für Szenen spielten sich an diesem Tage ab! Alle Männer des Dorfes waren Soldaten geworden nnd prunkten auf chren Pferden. Um 8 Uhr morgens wurde das Weihwasserbecken aus der Kirche getragen und, von Weihkerzen umgeben, auf den offenen, sonnenbeschienencn Platz gestellt. Alles Volk strömte hier zusammen, und dann trat der langhaarige barhäuptige Priester in seinem grellblauen Gewand aus der Kirche; hinter ihm kamen die alten Männer, die Heiligenbilder und Kirchensahnen tragend, und dann der Krrchenchor, dessen dumpfer Gesang vereinl mit dem Schluchzen und Weinen der Frauen zum Himmel stieg. Der Weihegottes- dienst begann, und erst da ersiibren wir die fast ungiaubliche Tatsache, daß der Krieg gegen Deutschland ging. Die Stunde, der Ort und die heilige Handlung, die mir diese Kunde brachten,^ machten sie mir besonders eindrucksvoll. Ich wenigstens verstand, was dieser Krieg gegen Deutschland bedeutete und was für Furchtbares bevorstand, „Gott ist mit euch," sagte der Priester, nnd dabei rannen ihm die Tränen übers Gesicht, „nicht ein Haar wird von enern Häuptern verloren gehen. Niemand wende dem Feind seinen Rücken zu. Denkt immer daran, daß ihr, wenn ihr das lut, die ewige Seligkeit eurer Seelen verliert.... Gort segnet seine treuen Slawen!" Dann dräuoten alle Soldaten herzu, um ibre Kopie unter die Bibel
zu legen; jeder warf sich nieder im Gebet, jeder küßte das Kreuz in des Psiesters Hand, nnd seine Stirn wurde benetzt mit heiligem Wasser. Und dann ging er fort, sein Pferd am Zügel. Aus einer Wiese vor dem Dorf hatte unterdessen schov ein ausgelassenes Fest begonnen. Ein großes Feuer lodert« zwischen den grünen Birken, und darüber wurde sin ganzer Ochse gebraten. Der Wutki floß in Strömen. Man aß und trank ans die Gesundheit des Zaren, Rußlands und ans seine eigene. Ein Mann hielt einen Rubel hoch, zeigte auf das Bild des Kaisers, und dann sängen alle Soldaten „Gott segne den Zaren" nnd tanzten um die Münze herum. Immer wilder wurden Gesang und Tanz, immer lauter mischte sich darein das Schluchzen und Weinen der Weiber. Da vlötzlich gab bei Osfizier den Befehl zum Aufbruch, und alle Männer sprangen in den Sattel. Viele Frauen ritten noch ein Stück mit, und so unter Abschiedsrusen ging es auf die weite, weite Reise, hinaus in den Krieg____"
Komiker-Tragik.
Victor Arnold, sins der stärksten und menschlich ttentrn komischen Talente, die die deutsche Bühne besaß, ist nicht mehr. Ganz überraschend trifft uns die .Kunde, daß dieser warmherzig« Künstler, dsisen prachtvolle Entwicklung wir in den letzten Jahren mit stets neuem Entzücken versolgten, in einem ?lnsall krankhafter Schwermut aus der Welt geschieden ist. Die Angst und Not dieses Krieges, die ihn selbst doch nur von fern streiften, lasteten zu schwer auf leinem empfindsamen, so lsicht erregten Nervensystem und ließen die schwarzen Gsipenster der Hhpochondsie, die ihn schon immer düster umflattert, den letzten Funken Lebensfreude aus seiner Seele vertreiben. Das alte Schicksal, die alte Tragik des Komikers bat also auch im Leben disies wahrhaften Humosistrn gewaltet Er,besaß ja jene echte Komik, die die „lachende Träne" im Waoven siihrt, und auf dem Urgrund seiner hsitcrsten Gestalten sckstuckilte ein Stück lsisen Menschenwehs, eine rührende Hilflosigkeit den^ Leben gegenüber, das die arme Seele zu so tollen narsiscken Sprüngen verlockt. So hat er z. B. aus der derb burlesken Jigur des Iriedcns- sichters Schaal in Sbakespeares „Hsinsich IV." eine ergreifende Eharakterstudie gsichassen, einen alten, halbblinden und säst tauben Mann, der in den heitern Wirbel w-ider Wlllen bincingezogen lvird und in ssiner dümmlichen Gravität nun doppelt komisch nürkt. Ebenso war das arme Schneiderlein, das er ans deni Helden von Shaws „Androllns »nd der Löwe" machte, trotz seiner ül-erwältigcn- den Lächerlichkeit eine in ihrer srommen Ergebenheit tief tragsiche Gestalt. Den Menschen Molisres, vor allem dem George Danbiu. aber wußte er ibre hsißesten Herzerrstöne abz»lauschen, und so lvar


