Nr. 2$ Zweit« Blatt ^ Jahrgang _ Donnerstag, \Z. September J9J4
Erscheinl täglich nftkAuSmchrne des Sonntag?.
Di« „Stehener Kam Menblätter" werden dem »Anzeiger^ »iermal wöchentlich beigelegt, da? .älrttrdlav für den «reis Stehen" zweimal wöchenttrch. Die „LmchmirtfchafMchen 5«tt-
frageu" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Obechejsen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: Redaktion: s-M 112. Tel.-Adr.: Anzeiger Gießen.
Kriegsdriefe ans dem Osten.
Brn uttserem zum Ostheere «mtstmdtcn Kriegsberichterstatter
(llaberrchtigter Nachdruck, auch aus zu g sw eise, verboten.)
Die Schlacht von Allenberg—Nvrdcnburg—Angerburg.
R a st e n b u r g, den 10. Sept.
Ucherr rm Osten verfügbaren Kräfte waren vom 6. an gegen die Stellungen der russischen Armee Rennen kämpf arr- gesctzt. Ungefähr auf der weiten Linie von Allenburg über Nordenburg bis Angerburg standen die russischen Kräfte mft starken Reserven von Insterburg und der Verbindungslinie nach Tilsit. Anscheinend war der nördliche russische Flügel besonders stark. Die deutsche Armeeleitung hatte eine Zange gelegt, rndem sic starke Truppenmassen über Angerburg hinaus durch die Seenkettr seitlich gegen den südlichen russischen Mügcl Vorgehen liest. Die deutsche Kavallerie war in den Rücken der Russen angesetzt. Anzunehmen war, daß auf dem rechten russischen Flügel die völlig unwegsamen Wälder des Frischrug die Operationen sehr erschweren würden.
Das war, grob umriften, die allgemeine militärische Lage, als wir am Donnerstag früh auf der Rastenburger Straße nach dem südlichen Flügel des Schlachtfeldes fuhren, in der Richtung auf Drengfnrt, von wo vermutlich das Ein- wirken des Flankenangriffs zu beobachten war.
Ein sonniger Frühherbstmorgen mit leichtem Wind, der die ersten gelbeil Blätter der noch sommergrünen Bäume flattert: ließ. Scharfer Trab auf der guten Provinzstraße, dm selbst das unablässig« Rattern der Munitionskolonnen nichts hatte schaden können. Die Flüchtlingslager zu Seiten des Weges, wie wir sie nun schon seit 14 Tagen in Ostpreußen kamen
Nach ein paar Stunden begegnet uns ein Trupp gefangener Russen, dreißig, vierzig. Sie zeigen andere Haltung als die Hocdenj, die vor einer Woche bei Hohenstein an uns vorbei getrieben wurden. Bei zweien kann ich die Achselklappe erkennen: 101 und 102. Es handelt sich also um Truppen der 26. Division in Grodno, ein paar Kavalleristen sind auch darunter. Ssie haben nicht die hilflosen, slawischen Augen der Gefangenen, die ich bisher sah. Es liegt Trotz und Schani in ihrem Ausdruck.
Leiterwagen mit verwundeten deutschen Soldaten fahren vorüber, sie sind still und scheinen vor allem darüber empört, daß gerade sie die Rüssen nicht bis zuni Ende der Schlacht prügeln dürfen. Sanftätspunkte mft dem roten Kreuz auf weißen Fahnen stehen auf freiem Felde in kleinen Kolonnen.
Wir nähern uns dem Schlachtfeld. Es ist, als ob man es fühlen könnte. Zwischen Salzburg und Mühbach sehen ivir au der Horizontlftrie, die von leichten Hügeln begrenzt! ist, kleftu scharf umrisiene weiße Wölkchen auftauchen. Sie steigen schnell in das wässerige Mau des dunstigen Himmels hinaus, neim weiße Kegel bilden sich. Das sind deutsche Batterien. Wir horchen angestrengt, aber der jetzt ziemlich starke ÄKnd muß den Schall nach der anderen Richtung tragen. Die weißen Wolken folgen sich jetzt ein paar Minuten lang mit großer Schnelligkeit und plötzlich steigen in der Ferne mächtige Rauchfahnen empor, die sich weit hinein in den Himmel schwingen. Engclstein, auf dem rechten russischen Flügel, scheint in Brand geschossen zu sein. Wir wissen es nicht, aber man kann aus den weißen und schwarzen Wollen wie aus einer gewaltigen Schrift lesen, die die Schlacht an den Lümmel schreibt.
Ganz von selbst gehen unsere Pferde schneller. Fetzt, jetzt ist das Donnern der Geschützt, zu hören, bald- fährt das trockene lhlrtc Geräusch über jedes Wort. Man hat das Gefühl, als ob der Wagen leise schlitterte. Wir halten an dem neuen Kirchhof von Drengfnrt; ein paar hundert Meter vor uns sehen wir eine schwere deutsche Batterie im Feuer. Ich eile nach vorn und komme tioch eben recht, um zu sehen, wie der Feuerstrahl aus dem Eisenrohr zuckt. Die Mannschaften stehen rauchgeschwärzt hinter den Erdwällcn. Es war der letzte Schuß der Batterie aus dieser Stellung. Im
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gleichen Augenblick kommt der Befehl zum Positionswechsel. Die schweren Gäule preschen den Berg hinaus, iu einem Nn stehen die mächtigen 15-Zenttmetet>Haubitzcri hinter ihren Protzen. Die sechs Pferde ziehen ccn, die Kitschen klatschen leicht und in vollem Gojbchip geht es hinunter und — vorwärts. Wir rücken vor!
Ich gehe die paar Schritte wefter bis znm Hügelrande. Rechts Mi dem dort haltenden Korpsstabe vorbei und stehe auf der Höhe des allen Kirchhofs. Ungeheuer entrollt sich vor meinen Augen das PMiorama des Schlachtfeldes. Fn wertem Halbkreis lodern Dörfer und Gehöfte in hellen Flammen. An allen Pnnkttn des Horizontes ziehen schwarze Schwaden, die der Wind breit zur Seite legst Man sieht deutlich trrch der Sonne, die durch den Dunst glicht, die roten springenden Feuer. Eben geht Thievgarten in Flammen ans. Es scheint die Folge der Arbeit unserer Haubitzbatterie zu sein; Rohenstein brennt, Prinowen brennt.
Längs der Ufer des Rehsauersees zu unseren Füßen jagt deutsche Arttlllric nach vorn. Sie durchquert das breite Dal und bald sieht man sie nördlich des HügePs 150, des Fuchsberges in Stellung gehen. Deutlich erkennt man die sechs feuernden Geschütze und steht, wie die Mnnitionskolonnen hinter dem Hügel in Deckung gehen. Da fliegen über dem jgoauen Pulvergewölk und den schwa^lihMren Rauchschwaden helle, weiße kreisrunde Wölkchen. Eins, ztvei, drei . . . inMi zählt deutlich acht weiße Wollenscherben, die scheinbar dicht vor unserer Artillerie fliegen. Die Wolken bekommen einen Angenbllck — ein Wimperzaicken dauert fast länger — einen schwarzen Rand an ihrer unteren Seite, dann sind sie verflogen. Russische Schrapnells, die vorläusig viel zu hoch und zu weit von der deutschen Batterie explodieren. Bald sind die Russen aber eingeschossen, und scheinbar über unserer Batterie flattern die weißen Fetzen, ans denen die Eisendusche niederrauscht. Fetzt feuern unsere Geschütze stärker. Der Himmel scheint in Boand zu stehen, der Horizont dehnt sich nach hinten, weil immer neue Dörfer crufflammeu.
Durch das Fernglas steht man schwarze Punkte well voneinander entfernt über die Felder sich vorwärts bewegen. Es ist die weit auseinander gezogene deutsche Infanterie, die scheinbar außerordentlich schnell vorrückt. Biel zu hoch über ihren Reihen zerplatzen unaufhörlich russische Schrapnells. Man hört von Norden Kleingewehrfeuer, das bald verstummt. Um ein Uhr sünsundvierzig hat das russische Schrapuellfeuer seinen Höhepunkt erreicht. Fünf Minuten vor zwei Uhr setzt eine Pause ein, die noch einmal kurz unterbrochen wirb. Um zwei llhr fünfzehn hönt das russische Feuer aus. Unsere rücken vor und zwar ziemlich schnellt Es macht sich die Einwirkung unseres Nankenangriffs, weit hinter Lätzen herumgeführt, bemerDar. Es ist nicht möglich, den Wert des ae- , ehe neu Kampfes vbzuschätzen. Mit einer unbändigen Freude, die langsam wie Mut eaflwrsreigt und das Herz schlagen läßt, ftät't man nur fest, daß die llnsrigen vorrücken. Das Resultat dieses Deilerfoliges, sein Gewicht in der ganzen mächtigen Schlacht kann erst später abgewogen werixn.
Wenn diese Zeilen gedruckt sind, hat der amlliche Draht schon das Endresultat verkündet. Während wir durch den Kolonneustaüb, der die Sonne wie starker Nebel tatsächlich nicht durchschimmern läßt, in unser Quartter fahren, hat sich die Entscheidung, der wir zürn Teil beiwohnen durften, schon vollzogen. Denn auch im Zentrum haben die Russen bei Nordenbnrg nachgeben müssen, und sie werden in völliger Flucht ans den Njemen znrückgehen. Ostpreußen kann aufjubeln_ Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Unser Habe!-- und Telefnnkendienst im Kriege.
Während unsere braven Truppen im ersten Monate des furchtbaren Krieges auf dem Kontinent von Sieg zu Sieg eilten, hat es England versucht, durch seinen Lügen-
seldzug und durch die Unterbindung unseres Welttelegraphcn- verkehrs möglichst empfindlich zu schaden. Regen den Lügen feldzng sind so energische Schritte eingeleitet worden, daß man haften darf, die neutralen Mächte werden bald llar und wahr sehen. Aber die Unterbindung des deutschen Weltkabelverkehrs ist und bleibt eine bedauerliche Tatsache, mit der wir rechnen müssen. Alüion hat sofort nach seiner Kriegserklärung an uns, am 5. August sämtliche deutschen Kabel, deren es habhaft werden konnte, zerschnitten. Dauftt wurde unsere direkte telegraphische Verbindung mit Spanien, Ame rika und unseren weslasrikanifchen Kolonien, soweit wir nrft- tels Kabel verkehrten, unterbunden. Auch hier, wie iu so manchen anderen Richtungen, hat sich England eines Völker- rechtsbrnches schuldig gemacht, denn es hat die Kabel nicht in den feindlichen deutschen Gewässern, wohin es sich nichü hinein wagle, durchschnitten, sondern im neutralen osiencn Meere. Wir hoben das zum übrigen gelegt und werden bei der großen Abrechnung wohl darauf zurückkommcn. Unbehelligt geblieben ist nur das Kabel an der ostasiatischen Küjft. und in der Südsce, das der gemischten Dcutsch-Niclicrländi- schen Telegraphen-Gesellschaft gehört und gegen den englischen Zugriff noch gesichert erscheint. Außerdem haben wir noch das deuftche Kabel im Schivarzen Meere zwischen Konstanza in Rumänien und Koiistantinopel, wodurch Berlin und die türkische Hauptstadt über Oscnpest und Bukarest verbunden und die türkischen Telegraphenlinien nach Kleinasien angeschlossen sind (die Verbindung auf. diesem Wege mit Aegypten ist natürlich mittlerweile durch England Hintertrieben). Dieses Kabel hatte im Fahre 1904 die vsteuroc Päische Telegraphcngesellschaft zu Köln nach außerordentlich heftigem Widerstande von seiten Englands gelegt.
Soweit unser sehr geschwächter Kabeldienst. Und der Telefunkenverkehr? Damit steht es schon bedenkend besser. Seit den allerersten Tagen der Entwicklung de? drahtlosen Telegraphierens war England bekanntlich mft Aufbietung aller Mittel besttebt, für sich ein Weltmonopol zu schaffen ähnlich dem der Kabeltelegraphie. Es ist das Verdienst des vor nicht langer Zeit verstorbenen deutschen Elektrotechnikers Gcheinrrat Skaby, jenen Plan durch Schaffung eines deutschen Systems durchkreuzt zu haben. Ein englisches Telesunkenmonopol hätte im jetzigen Kriege unabsehbar schlimme Folgen gehabt. Es inäre für Denffä)- land unmöglich gewesen, sich nnt seinen auswärtigen Ber- ttetern und den in ftemden Gewässern weilenden Kriegsschiffen aus drahtlosem Wege zu verständigen. So aber fft sofort mft der Mobilmachung auf deutscher Seite alles geschehen, was mft unserem Telefnnkendienst nur immer möglich war. Unsere Nanener Station hat Dag und Nacht gearbeitet. Freilich, der Verbindung mit unseren drahtlosen Stationen in DeutschsOstafrrka, Dcutsch-Wesdafrikä, Kamerun, Togo und in der Südsee haben sich im Verlauf des Krieges wachsende Schwierigkeiten entgegrmgestellt. Die Wstensftttion bei Lome in Togo ist von den Engländern zerstört. Ebenso sind in der Südsee jetzt die Engländer hoffentlich nur für sehr kurze Zeit die Herren der Lage.
Aber nur haben jedenfalls noch die Verlnndnng mit Amerika, und die kann uns keine englische Hinterlist rauben. Bon hier nach der Station Sayvilll (Long-Fsllmd) bei Newyork funken wir bei günstigem Wetter Tag und Nacht, und was wir der anderen Well da drüben zu sagen haben, geht jetzt unseren Freunden und Feinden mit solcher Schnelligkeit und Deutlichkeit zu, daß wir uns über die englischen Fnttignen keine allzu große Sorge mehr zu machen brauchen.
Der Telefnnkendienst im Kriege leö>et allerdings inz sofern an einem Nachtell, als die militärischen, streng geheim zu haltenden Depeschen vor Verrat nicht so sicher sind, wie im Kabelverkehr. Man kann sie nämlich abhören. Experimentweise wurde das vor einigen Jahren in Berlin gezeigt. Die Station Nordüeich bei Norderney konnte ans 350 Kilometer im Berliner Postmuseum gut -gehört werden, wenn ein kleiner Empfangsapparat mit der Wasserleitung und
Auf vahnhosswache.
Von einem Gießener Landsturmmann erhalten wir folgende Schilderung:
SpÄsonkmernrorgen! Vom staMblauen Himmel leuchtet die Sonne verheißungsvoll, doch im frischen Morgenwinde ziehen schon glitzernde Fäden und heften sich an die dunklen Litewken der Loldten. die wuchtigen Tritts die Bahnhossstrahc geschlossen ttnher- marsckicren Die eisenbeschlagenen Stiefel kniffcheu aut dem Pflaster, und Scherz und Gelächter, durch die strengen militärischen Vorschriften gcdänchft,^ fliegen von Glied zu Glied. Neugierig veichen die wenigen Straßcngänger zur Seite, um den Trupv vorüber zu lassen. Es ist der Landsturm, der unter dem Wahl- Vruchc ..Gort, Ehre, Vaterland" seine Pflicht gegen das Vaterland nsüllt und heute ausersehrn ist, die Wache aut dem Bahnhöfe >cr an wichtiger Verkehrsader gelegenen Stadt zu oeffchen.
Ein eisernes Gittertor vettcblingt die dunllc Masse, und bald st ans dem engen Hofe zwischen reizlosen Dienstgebäuden ihre Verteilung auf die vettchicdenen Posten erfolgt, die Ablösung wähnt an den ihr zngewiesencn Ort, und nicht lange, so kann/ euch die übernächtig dreinschau ende Mannschaft vom Tage vorher er wohlverdienten Ruhe entgegenmorschieren. Der neue Mann der schaut sich prüscndmr Auges um und schreitet seinen Bereich lemesten ab, den er gegen den Zudrang unbefugter Gasser sicher- tcllen soll
Nock, vulst auf den Bahnsteigen das Leben in langiamcu Scchlä- en. Die Bahichofskommandantur und Intendantur erledigen ihre ührttbgeschöfte bmter verschlossener Glastür. Herren und Damen -oin Roten Kreuz haben nichts zu Mn, als zur stelle zu sein.Eisen- alurbcdcensrtte recken sich ans den Reihen der Bänke, die das üihnhotsgebäude behaglich begleiten. Liber wie mit einem Zaubcr- chlage iindcrt sich das Bild. Bei dem Beamten am Taster ist ein "ttlegnamm eingelausen, das die Ankunft eines Zuges nnt Verlandeten meldet. Einer der zu Botengängen bereitstebenden Jungen om Jwigdcutickstandlmnd stiebt mit der Meldung sott, und bald st alles in höchster Bereitsthaft, die Unglücklichen in lÄnptang u nehvren, die um des Vaterlandes willen Leben und Gesundheit ceudig aufs Spiel gesetzt haben, nun aber stumm und bleich aus em Lagerstroh liegen und einem nie gekannten Ottc zusahren, wo ich weiche Hände und Herzen ihrer annehmen werden.
Schwer, als ser er sich olles mitgefühtten Elends schaudernd bc- mßt, fährt der angrkündigtr Zug vor und bttngt fieberhaftes Leben r die erst so veffchlasenen Gruppen. Die seichter Verwundeten, ie sich ohne fremde Hilfe fortbewegen können, verlaßen für 'rrze Zeit die überfüllten Waggons nnd erzählen vor rasch sich allender Znhörcrschar von ihren Erlebnissen in Feindesland, cm Schlachten und liegen, von ehrlichem Kampf und heim- üMhem lledersäll Ihre Ingen Mgen, und die Faust Lampst
sich: „Düs soll uns der Franzose nicht umsonst getan haben! Rasch gesund wollen wir werden und den Einzug in Patts nicht vettäumen!" Doch wessen Wunden oder Verband keine längere Bahnsahtt gestatten, vertraut sich getrosten MiftftI der von geübten Händen getragenen Bahre an, bis ihn eines der auf dem -Bahnhofsplatze haltenden Autos zum Lazarett bttngt', wo er sttne Genesung in geduldiger Ruhe abwatten kann. Doch keinem, keinem enffähtt emc Beiwüuschnng des Ktteges oder seines' Schicksals. In Schmeiß nnd Feber verläßt sie das Bewußtsttn nicht, daß differ Ktteg ttn von Deutschllrnd nur in höchster, letzter Not cnisgenommener ist, den zu gewinnen kttn Opfer zu schwer und schade ist.
Derweil haben freundliche Engel in große», wttßen Schürzen und mft der Ro te-.Kreuz-Binde am Arm Stärkungen und Er- fttschungen aller Att, Blumen, Zeitungen, Feldpostkatteu an die sich aus den Abtttlen streckenden Hände vetteill. Da öffnet sich das. Herz hüben und drüben, und der ttn« Maschine schttnenpe Posten kann manche trauliche Zwiegespräche belauschen: „Daß Sie aber auch alle so guten Mutes sind!" — ,Lttn Wunder, wenn man allerotten im lieben Baterlande so verwöhnt wird wie Ker durch Siek"
Aufgeregt drängt sich cm bekümmetter Vater durch die Sperre, als Answtts ein Telegramm in der Hand: „Mein verwundete« Sohn ist ftn Zuge: er soll hier in der Stadt im Schwesternhaus bleiben!" Die viclbttchästigten Aerzte haben Betttändnis für das dringliche Begehren und machen es möglich, den Gttnchten von der Wtttersahtt zu entbinden. Aber wie sieht der Tapfere ans, als er, ans fteundwillige Arme und Schultern gtttützt, dem Ansgange znwankt. Das Hemd ist voll geronnenen Blutes nnd der Unisormrock verbrannt nnd zcttetzt — Spuren grausigsten Kampfes. Dennoch fliegt ein Lächeln über die Züge und die Lippen stammeln zärtlich einen Namen, als die jugendliche Schwttter mft ttnem Schrei hervottpttngt nnd sich erschüttett an die keuchende Brust lehnt.
Doch nicht bloß Landsleute sind es, die der rollende Zug von dorther brachte, wo der Kanonendonner Wut nnd Schmerz nnd Sprachengewirr überdröhnt. Auch der Feind von gestern ist durch Wunden und Jammer wieder zum Ittdenden Mitbruder geworden, der unserer Liebe und Hilfe bedarf. Und sie werden ihm auch in rttchem Maße, so weit es Zttt nnd Mittel gtttatten. Da verwandelt sich die Angst vor dem Ettchossenwerden, die die schändlichen, namentlich englischen Lügenmeldungen als nur zu berechtigt hinzifftellen wissen, in die Freude über das Gcborgensttn bei gesitteten Menschen, und willig lassen sich die Elenden fort- schaffen, wo man die stinkenden Verbände ernencrn und alles tun wird, das gefährdete Leben für eine ferne bangende Familie LN erhalten. _ . , __ ä. _
Endlich verläßt der Zug die Bahnhofshalle und macht das Gleise frei, vielleicht für einen Militär-Uebersührungszug. Hier braucht sich das Auge nicht mit Schauder von düser oder jener Einzejhttt abzukehrcn. Hier ist nichts als strotzendes.Leben, über- schäunrendc vaterländische Begttstcrikng und httßer Wille znm Siege. Davon zeugen schon die unzähligen Anfschttsten imd Bilder, die die Waggons in Kreidttchttft tragen und die ttnen oftmals srellich gttmmigcn Humor verraten Aus den Llbtttlcn tönen in einem sott völkische Wttsen, „Teuftschland, Deutschland über alleTtz die „Wacht ani Rhein", „Das ist die Garde, die ihren Kaiser liebt" u. a. Glühende Gesichter nicken aus den Fenstern, Laub und Blumen, wehende Taschentücher grüßen in die sonnige Welt: ,Fn der .Httmat, in der Httnvat, da giblls ein Wtckdcrsehn!" Llns den von bettttencn Truppen besetzten Wagen tönt dumpfes Rossegestamps, z. T. von Tieren, die noch vor kurzem feindliche Geschütze gezogen habe,,, jetzt aber die deutsche Siegesbente und Siegesaussichtcn vermehren Helsen.
Manche der Züge haben kttne Zttt znm Halt, denn auch der Gang der Erttgutsse draußen im Felde ist ein sich üdetttürzender nnd verlangt das Einsetzen des letzten Hauches von Monn und Roß, wie der dienstbaren Tampfirngetüme. Andere aber, die schon ttne vielstündige ununterbrochene Fahrt hinter sich haben, hält das Bedüttnis des Seins eine lialbe oder eine ganze Stunde lest. Ein .tzornsignal schmettert die Halle erftlmig, und mft ernemmale füllt sie sich mit kernigen Gestalten, die sich unter Führung ihrrr Vorgesetzten in, schier endlosem Zuge und unter ohrenbetäubendem Gcstampt aut 'die Kttcgsspttseanstalten hin in Bewegung setzen. Hier erhebt sich dann auch alsbald lnsftgc Zwiesprach nosichen Eßnapi nnd Löffel, in der der letztere älleoiat triumphiert, tvttl ttn gesunder soldatcnmagen als takffttter Souffleur hinter ihn» steht. Zn anderen Zeiten dampft ttn optimrstöck, Kaffee geimnnler Trank in silbern blitzenden Blechbechern «nt- erwärmt die in nebelkühler Nacht Erstarrten. Versteht sich, daß es auch an dem nüttgen Znbrvt nicht fehlt. Nicht umsonst ist umere dcnvchc Heeresverwaltung wegen ihrer schier pevanftschen Fürsorge ftft alle ihre Unterstellten in aller Welt berülmit. _
Ist Kampflust Und Kamps.zvrn bei den erltmallg ins »celb Rückenden der alles bewegende Gedanke, so miimt nch da:u btt den vom einen zum andern Kriegsschatlpkaic Eilenden ttn anderes Gefühl, die über jedes vou der Bcsckittbenhttl ttngegebenc Ittnaen erhabene Siegesgewißbeit. Sie haben cs geichaut und ersahren. wie furchtbar die deutickien Waffen, Hand in Hand arbeitend, auch mft dem übermächtigsten Gegner aufznräumen wissen, und als ginge cs zu Tanz und Spiel, iolgeii sie neuem Ruse in Schutze des ringsum bedrobteu Vaterlandes. Lluch hier BlättettckMuck und Gewinde allerwegen, und in übrrmiftiger Laune haben sick, Fritz Lcbmann mid Karl Schulze als Franzmänner verllttdtt mid freuen sich königlich, wenn etu noch nicht Hftrttngefallener ihre


