Vr. 216 Zweites Blatt
Erscheint tägüch mit AuSnahrnr des S«mtag;.
\H. Jahrgang
Die „«iehener ZmmUeiivriNter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Rreirbtat für den klretr Kietzen" zweimal wöchentlich. Die „LandAirtschaftlichen Seit* fragen" erscheinen monatlich zweimal.
nzelger
General-Anzeiger für Gberhessen
Dienstag, 15. September
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ßhen Urnversitäts» Buch- und Steindruckerei. R. Lunge, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- slraße 1 . Expedition und Verlag: e^Söl. 2i£ba£tion:e=gy 112. Tel.-2idr^ AnzeigerGi« ßen.
was geschieht mit 300 000 Gefangenen?
Man schreibt uns:
300000 Kriegsgefangene zählt man schon, die auf deutschem Boden untergebracht sind, und fast jeder Tag bringt neue Zahlen, die in die Dausende und Zehntausend geben. Die Frage, was mil diesem gewaltigen Menschenmaierial geschehen soll, wo und wie man sie unterbringt und wie nian sie beschäftigt, wächst sich zu einem Problem aus, wie cs rn solchem Umfange in anderen Kriegen unbekannt war. Die Erfahrungen des siebziger Kriegs bieten keinen Anhaltspunkt mehr, Anno 70/71 schaffte man die Gefangenen vor allem in die Festungen, Das war unbedenklich und ist es auch heute noch, well Goltseidank eine Belagerung deutscher Festungen ausgeschlossen erscheint, die Kriegsgefangenen also den Ballast überflüssiger Esser nichr vermehren dürsten. Aber dft Festungen reichen heute schon bei weitem nicht mehr aus, um die Gefangenen uttterzubringen. Auch vor 44 Jahren zeigte sich bald Raummangel und man hals sich mit Zelt- und Barackenlagern in der Nähe der Festungen. Schließlich ging man dazu über, die sog, Gefangencndevots in offenen Orten anzulegen, Ueberall wurden die internierten Gegner damals als Nursoldaten behandelt, sie exerzierten, selbstverständlich ohne Waffe, unter ihren Offizieren, und wenn man sie darüber hinaus beschäftigte, geschah es nur für den Mili- tärsiskus, täglich 5 Stunden, wobei Ueberstunden bezahlt wurden, Hier und dort wurden auch die Gefangenen zu Arbeiten cm Privatversoneu überwiesen, was bei den Arbeits- und Stellungslosen, dir nicht in den Krieg gezogen waren, großen Unwillen hervorrief. Denn die billigen Gefangenen drückten die Löhne, Ganz besonders schlimm wurde es dort, wo in großen Konzentrationslagern allzu wenig Beschäftigung beschafft werden konnte. Das führte z, B, in Köln zu einer Meuterei, die wohl vermieden worden wäre, wenn man nicht allzu viel Tausende von Gefangenen auf einem Punkt zusammengebracht und den meist jungen Leuten die Laster des Müßiggangs durch möglichst reichliche Tätigkeit ausgetrieben hätte,
Wr haben nun in diesem Kriege, der von unseren Gegnern so unvornehm und niederträchtig geführt wird, gar keinen Grund, die Gefangenen rein militärisch anzufassen und ihre körperliche Tüchtigkeit und Disziplin auch noch durch soldatische Exerzitien zu verbessern. Herumlungern und Faulenzen dürfen wir sie auch nicht lassen. Wir müssen sie beschäftigen und wir können bei ihrer Riesenanzahl auch etwas besonderes daraus machen. Die Anlegung von Schieß- uud Exerzierplätzen, das Arbeiten in den yandwertsstätten ist viel zu wenig; wir sind durch unsere heimischen Arbeiter damit genügend versorgt, Ueberhaupt muß diesmal strengstens daraus gesehen werden, gerade zu Beginn des Winters, daß unsere arbeitslosen Landsleute durch die Gefangeuen- arbeit nicht noch mehr geschädigt werden. Durch die illustrierte Presse geht ein Bildchen, das französische Gefangene als Straßenrerniger in Stuttgart zeigt. Wir wissen nicht, ob in Stuttgart Mangel an heimischen Kräften ist. Jedenfalls dürste dieses Beispiel nicht verallgemeinert werden. Für die Armee der Kriegsgefangenen muß vielmehr ein großes gleichartiges Operationsfeld gefunden werden, auf dem die Gegner etwas leisten, was unsere Arbeitslosen einerseits nicht beeinträchtigit und auf der anderen Seite für unser ganzes Boik dauernden Nutzen stiftet. Nach dieser Richtung zielt ein Vorschlag, der in den verschiedentlichsten Zuschriften des Publikums bei den Zeitungsredaktionen einläuft, der Vorschlag, die deutschen Oedländereien undMoor - gründe durch die Gefangenen in anbaufähiges Land und ertragreiche Wiesen umwandeln zu lassen. Solche Unland- flachen besitzen wir leider in deutschen Landen noch sehr viel, in .Hannover, Pommern, Schleswig-Holstein, Brandenburg, Sachsen, Schlesien, vor allem aber in Ostpreußen, aber auch im Süden Deutschlands, in Bayern und im würt- tembergischen Oberschwaben, Die Kultivierung geschah bisher entweder durch den Staat auf Grund des preußischen Ansiedlungsgesetzes oder durch Privatpersonen, d, h. durch die großen Erwerbsgesellschaften, Banken und Aktiengesell
schaften, Wir nennen nur die Ojtpreußischc Landgesellschast in Königsberg i. Pr,, die Landgesellschaft „Eigene 'Scholle" in Frankfurt a, die Pommersche Landgesellschast in Stettin, die Schlesische ^Landgesellschast in Breslau, die Schleswig-Holsteinische Siedelungsgesellschast in Kiel, die Hannoversche gemeinnützige Gesellschaft in Hannover, die Hessische Siedelungsgesellschast in Kassel und die für die Provinz Sachsen in Magdeburg, Man wende sich an diese Adressen und man wird wahrscheinlich das größte Entgegenkommen für den Plan der Gefangen «i verwert wog finden, Konrmen unsere Baterlcmdsvestreidiger vom Kriege zurück, so wird die Industrie vorerst nicht allen wteder das Unterkommen bieten können, wie früher. Wie mancher wird sich dann freuen, auf dem von den gefangenen Gegnern geschaffenen Kulturland eine eigene schölle und eine neue Existenz angewiesen zu erhallen, stall etwa, wie so mancher Invalide und Kriegsteilnehmer des siebziger Feldzugs auf Almosen des Vaterlandes angewiesen zu sein, für das er gekämpft und geblutet hat. Hier gilt es wirklich- ein gutes, ein großes Werk nach verschiedenen Richtungen hin zu tun, und es kommt nur noch daraus an, daß rasch gehandelt wird.
Kriegsbriefe aus dem westen.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Die Kämpft um Paris.
Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.
Großes Hauptquartier, 12. Sept.
Als am 5, September die rechte Flügelarmee die Linie von Paris passierte, erfolgte aus Parts ein starker Ausfall in der Linie Erechpen-Dolois-Meaux unter Mitwirkung sehr starker Artillerie, darunter vieler aus Paris mitgebrachter schwerer Batterien, Dieser Ausfall wurde abgewiesen, und die deutschen Truppen drängten auf Paris nach. Im Anschluß an diesen Ausfall und im Verein mit den hierbei geworfenen Kräften erfolgte am 6, September ein Vorstoß einer stark überlegenen englisch-französischen Streitmacht gegen die Linie Meanx-Monttmrail. Die kolossale Uebermacht der nordöstlich von Paris versammelten gegnerischen Strcitkräste nötigte die rechte Flügelarmee, ihren rechten Flügel zurückzübiegen.
Unsere Truppen hielten hierbei den gewalllg überlegenen Angriff mit solcher Unerschütterlichkeit aus, daß nicht nur unsere Kolonnen in voller Ruhe zurückgenommen werden konnten, sondern auch der feindliche Vorstoß blutig zu s am m e n b r a ch, Die feindlichen Streitkräfte konnten nicht nur nichr folgen, sondern unsere rechte Armee nahm auch 50 feindlrcky: Geschütze und 4000 Gefangene bei der Zurücknahme ihres Flügels mit. Die Beute der anderen Armeen ist noch gar nicht gemeldet.
Seit acht Tagen wird' wieder auf der ganzen Westfront ununterbrochen gekämpft. Der Ausfall einer Division aus Antwerpen wunde von bedeutend geringeren deutschen Truppen blutig zurückgewiesen.
_ W, Scheu ermann, Kriegsberichterstatter,
Der Uebergang über die Sambre.
Dem Feldpostbrief eines Artilleristen entnehmen.wir aus der -..Voss, Ztg," folgende Schilderung der Kümpfe an der Sambre:
Meine lieben Eltern! Ich bin noch wohlauf, trotzdem nur schon 48 Stunden mit einer 3 Korps starken ftanzösischen Armee im Gesecht liegen, welche uns südwestlich N a in u r den Uebergang über die Sanchre versperren wollte. Gestern gingen wir mit starkem Art.-Verbande ans St, Gerard vor. Genannter Ort wurde von den Franzosen stark gehalten, doch fmiAen Wir so hinein, daß unsere Infanterie dauernd Vorgehen konnte, und bald stand der Ort, an Größe vielleicht Kreuimen zu vergleichen, in Flammen, und der Feind, die Entsatzarmee für die Feste Na- mnr, flüchtete nach Philivveville zu. Die Kugeln vsissen nur so um mrs her, und ein Geschoß schling in dt« 600 Meter- hinter unserer Feucrlinie stehenden Protzen der 3, Batterie und tötete 4 ®<mn, verwundete 6 Mann und 3 Pferde, Unsere Batterie gab allein 250 Schuß an diesem Nachmittag ab nich so erfolgreich, daß wir dreimal unsere Stellung jedesmal etwa 2000
Meier vorverlegen konnten Bon nnierer Infanterie send eme ganze Menge grsallen, well alle, wie es ja unsere Art ist, wie der alte Blücher drauswsgingen. Ich weiß bloß nicht, >vas noch iür die nachkommcnden Truppen zum Bekämpfen übrig blecht, wir Hanen ja alles zusammen. Erschollene Franzosen üb« Franzosen, Schwerverwundcte und Leichtverwundete; doch bald legte sich alles, der Anblick des brennenden Dostes im Abenddunkei ivar zu gewaltig, Bis nach M e t l e t wurde d« Feind zurückgetrieben Md wir gingen im Bexsolgungsgesecht noch bis nachts 12 Uhr hinterher, Tie Franzosen such ein feiges Voll: 0au«nd ziehen sic sich zurück uich ergreifen niemals die Offensive, was uns bis jetzt immer, auch heute nKedtw, das gebracht hat, was man mll Swlz als Sieg bezeichnet. Die AuÄüstnng d« Franzosen ist zwar feldmarschmäßig, ab« nicht neu wie Miere, sondern alt Md zerlumpt umd lange nicht so vrallisch. Sie sehen noch genau so aus wie 1870—71, rote Hosen, blaue Röcke, schlcrtnrs Schuhwerk und Chassevot Gewehre, also toie damals. Gest«» labte ich mit Rotwein — leichter und schöner, wie mu ihn hi« gav nicht bekommt, wll haben ihn immter in dcjr Feldflasche, da ei unheimlich davon gibt, in jedem Hanse ca, 200 bis 300 Flaschen — einen Franzosen, dem beide Schienbeine durchscholleu warn Er war Reservist und hatte zu Hanse Frau nnd Kind mm 1 1 '2 Jahren, Ich tröstete ihn und schickte deutsche Sanitäter zu chm Im allgemeinen sind es aber mich die alten Franzosen, die hinterrücks aus uns schießen, sich tot stellen und nachher feuern. Zwei Mann schossen auf unfern Major, wie wir in, Stellung waren, wurden aber von zwei Kanonieren sofort mir dem iltevotver är- schossen. Mle Dörfer sind hi« verlMeu. wid wir tun uns an Speise und Trank gütlich.
. Nun von d« heutigen 'Schlacht, .heut« nacht um 2 llhr würbe unser Biwak ang eg rissen, uich wir scharrten lautlos Msere Pferde, während die Angeln mir so um uns herumsansten. Unsere Infanterie Halle aber noch um 12 Uhr Schützengräben vor uns aufgeworfen und seuerlc gewaltig ans die Franzosen, die sich dann auch zurückzogen, den Wald besetzten, um Non dort zu schießen Wir warteten den Tag ab. Das Gelände ist hier sehr ivellig, was nns«em gedecllen „Jn-Steltnng-Gehen" und für die furchtbare Fcuerüberraschung nns«cr Geschütze sehr von Vortell ist, Nach- dcm die feindliche Infanterie aus den Wäldern »«trieben war, zog sie sich geordnet zurück. Wir gingen im stärksten Galopp etwa
4 Kilometer vor und beschossen in offen« Feuerstellung die abmarschierenden Kolonnen mit groß« Wirkung, Plötzlich «hielten wir Artillerie-Feuer von vorn, Nnige Batterien, darunter auch unsere, nahm sich diese vor und jagte tüchtig Ge.schvsft bin Tie armen K«ls flogen gleich halbdntzendweffe von den Geschützen h«unter. Uns beschossen sic zu Aiffang gan> gut, als wir aber die Wut bekameu, und ebenfalls sostch drauflos feuerten, fingen sie an, ihr Feuer zu verlangsamen, während sie uns zuerst mit einem wahniiMigen Geschotzregen üb«ichüiieten, klun tonnte» wir deutlich sehen, wie die Protzen h«ankamen, da diese sehr unvorsichtig fuhren, und jetzt ivnrde ein gewaltiges Feu« Msrer- seits eröffnet und wir hatten prachtvollen Erfolg, Wenigstens 20 Geschütze mit Munitionsroagen mußten liegen bleiben. Ist das nicht gMz brauchbar für den Airfang? Abends rückten wir bei
5 t a v e in die Quartiere und sahen die Verheerung dorr
ob«halb Stave int, wo die feindliche Artillerie gelegen hatte. Di« Toten wurden gerade begraben, zusammen etwa 25 Mann, allein nur von einer Batterie lagen dort tot ern Reginwutskommandeur, ein Major, zwei Hauptleute. Die Pferde lagen dott ju Dutzenden herum. Na mix genug von dies« grausigen Beschreibung,---
Munition haben die FiMzoscn mehr in der Feuerlinie, ab« sic können doch wieder nicht so schnell schieße», da tfa Geschütze nicht so fest stehen wie unsere. ?da ihr njsrdiet ja sicherlich in Berlin solche Dinger zu sehen bekommen. Hatte doch jüngst ein ganzes feindliches Regiment mir 2 Geschütze gerettet, Hurra! Hurra! Draußen singt alles und ist voll Freude: ich werde mm auch schließen, — — Gute Nacht, meine Lieben,
Die Auffassung -er italienischen Sozialisten.
Der sozialdemokratische Parteivvrstand hat vor kurzem einige Genossen ins neutrale Ausland gesandt, um die Genossen jener Länder über die Haltung der deutschen Partei zu informieren, Ueber die Unterredung, die Genosse Süde - kum mit führenden italienischen Genossen hatte, findet der „Vorwärts", wie er schreibt, im „Avanti", dem Organ der italienischen Sozialdemokratie, einen längeren Bericht, aus dem wir folgendes wicdergeben wollen:
An d« Sitzung nahm auß« Südekwn Coifftantino L a z z a r i als Sekretär nnd die Mitglied« t>« Partellettiing Della Seta und Z e r b i n i tell. Die Sitzung dan«te von 3V 2 Uhr nachmittags
Treitschle an uns.
(Zu seinem 80. Geburtstag, 15, September )
„Sobald der Staat ruft: jetzt gilt es inir und meinem Dasein — dann erwacht in einem freien Volke die höchste aller Tugenden, die so groß und schrankenlos im Fried eit niemals walten kann: der Opfermut, Die Millionen finden sich zusammen in dem einen Gedanken des Vaterlandes, in dem gemeinsamen Gefühle der Liebe bis in den Tod, das einntal genossen nicht wieder vergessen wird'und das Leben eines ganzen Mcnschenalters adelt und weiht. Der Stoeft der Parteien und der Stände weicht einem heiligen Schweigen: auch der Denker und der Künstler empfindet, daß sein ideales Schaffen, wenn der Staat vestinkt, doch nur ein Banni ist ohne Wurzeln, Unter den Tausenden, die zum Schlachtfeld ziehen und willenlos dem Willen des Ganzen gehorchen, weiß ein Jeder, wie bettelhaft wenig sein Leben gilt neben denr Ruhme des Staates, er fühlt um sich das Walten unerforschlicher Brächte, Daher die Innigkeit des religiösen Gefühls in jedem ernsten Kriege, daher die herrliche, dem platten Vesttande unfaßbare Estchernung, daß feindliche Heere denselben Gott um Sieg anflehen. Die .Größe des Krieges liegt gerade in jenen Zügen, welche die schwachmittige Aufklärung ruchlos findet. Da erschlagen sich Männer, die einander nie ein Leid getan, die sich als ritterliche Feinde hochachten; sie opfern der Pflicht nichst nur ihr Leben, sie opfern, was schwerer wiegt, auch das natürliche Gefühl, den Instinkt der Menschenliebe, den Abscheu vor dem Blute. Das kleine Ich mit allen seinen edlen und gemeinen Trieben soll nntecgehen in dem Willen des Ganzen."
Nie ist der nationale Krieg, die Gewall der BolW- erhebung so überzeugend gepriesen, nie der Heldengeist d« Deutschen in kraftvolleren Tönen angerufen worden, als in diesen Worten Treüschkes, die in seiner httrreißend schonen Schrift über „Das konstitutionelle Königtum in Deutfch- : land" stehen. Und wie damals, ein Jahr vor dem heiligen Krieg gegen den Erbfeind, spricht auch heute wieder Hein- ' rich voll Treitschke M nas, da wrc gm 80, Geburtstag des
Herolds der deutschen Einheit" den markigen Klangen seines wundervollen Pathos mit neuer Empfänglichkeit, mit tiefstem Verstehen lauschen. Dieser Seher und Gelehrte, dieser Dichter und' Politiker, in dem das deutsche Schrifttum den großartigsten Ausdruck des vaterländischen Geistes im Zeitalter der Einheitskstege fand, steht neben Fichte, der mit gleicher Kraft in deutschen Reden p deutschen Kämpfen aufgerufen, als der getreue Eckhart unseres Volkes, ja er steht uns heute näher, am nächsten unter den großen Geistern der nahen Vergangenheit, als Prophet des neuen geeinten Deutschland, jenes denffch-preußischen Wesens, das min so herrlich her an geblüht und so stolze Früchte trägt,
Wir wissen jetzt aus den beiden Briefbänden, die uns die Entwicklung dieses großen Geschichtsschreibers bis zum Jahre 1866 in aller Deutlichkeit darlegen, daß der Jüngling, der in heißen Kämpfen um den Lorbeer der Dichter- mnse rang nnd lange zwischen Wissenschaft urrd Kunst hin und her schwankte, mit glutvoller Leidenschaft auch im Studium der Vergangenheit stets nach dem pulsenden Leben griff, durch sein Dichten das Vaterland in einer Zeit des Versagens und Verzagens zu starken patriotischen Gefühlen und zur Tat aufrusen wollte nnd in seinem gekehrten Schaffen der Politik seiner Gegenwart neue Antriebe gab. Und schon in seiner Jugend jubelte der geborene Sachse dem Preußen-Aar zu, dessen Aufflug zur Sonne er voraus verkündete, Wie sein körperliches Gebrechen, eine immer stärker werdende Schwerhörigkeit, sein Wesen nur noch eherner und heLxnhafter hämmerte, so verlieh die Tragik seiner Abstammung, die ihn mit deni Vaterland und dem treu zu Sachsen haltenden Vater zerfallen ließ» seiner Seele einen noch trotzigeren und höheren Schwung. Zu einer Zeit, da viele der Besten in deutschen Landen über dem Traum eines „größeren Deutschland" die .Zerrissenheit und Schwäche des Vaterlandes vergaßen, ist er nicht müde geworden, Preußen zu preffen, „das immer tieftr hineinwächst in Leib und Seele der Ration", und ein Jahr,zehnt vor dem Tage von Versailles entwickelt er fein Programm: „Rur ein Heil gibt es: ein Staat, ein monarchisck)es Deutschland unter der Dh° ucHie Hoheuzollern." w >- ... „ .
Seine klassische Abhandlung „Bundesstaat nnd Einheitsstaat", die dieses Programm in der schärfsten und klarsten Weise ausspricht, hat man mit Recht die großartigste politische Schrift genannt, die je in deutscher Zunge verfaßt ist; sie spricht auch heute noch ans, was unser aller Geist bewegt. Wahrlich, die Stimme dieses einzigartigen Mannes, dessen lodernde Leidenschaft spürt mit höchstem lünstlerisctrem Geschmack und reichstem Wiffen zu eurer vollkommenen Einheit verschmolz, redet zu uns ans dem Grabe mit der Helle des Lebens, nicht nur in seinem großen Werk der „Deutschen (beschichte", nicht nur in der überlegenen Weisheit seiner Vorlesungen über Polittk und seiner Meister-Essays, sondern Mch in all jenen flammenden Aufsätzen, die der große Augenblick gebar. So hat er zu Anfang des Krieges 1870 ui seinem Anffatz „Die Feuerprobe des norddeutschen Bundes" geschrieben: ,hsst diese Zeit von Eisen, so bleibt es auch eine Notwendigkeit für die Gesittung der Welt, daß eine Nation bestehe, die neben dem Idealismus der Wissenschaft zugleich den Idealismus des Krieges behüte. Und dies ist Deutschlands herrlicher Beruf. Me beiden großen Na« tionen des Westens bewähren heute, als zwei gleich wider- wärttge Muster, wie die Völker den Krieg nicht aufsassen sollen. Während Frankreich einen ruchlosen Beutezug beginnt mit dem Uebermute des Raufboldes, der doch sehen will, wer der Stärkere sei, versinkt das weiland große England in schiinpfliche Feigheit nnd die erhabenen Ätmtten Wilhelms des Dritten und der beiden Pitt verhüllen scham- voll ihr Haupt, Was wäre das Völkerrecht und die Freiheit Europas, wenn nicht zwischen dem Frevelmute hüben irnd dem Krämersinn drüben dies Mftr Voll in Waffen stittiüe, friedfertig zugleich und wafsensioh, gxrecktt gegen die Mi» tarn und eifersüchtig auf die eigene Ehre!" Und wenn er der köstlichen Früchte dieses Kampfes gedenkt, dann ruft er: „Das Herz schwillt uns wie jenem tapferen Dichterjüug- ling, der einst, heimkehrend ans dem eroberten Paris, beim Anblick des deutschen Stromes hock, auftubelnd rief: Vater- land, ich muß versinken hier in deiner Herrlichkeit!"


