Ausgabe 
11.9.1914
 
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Hl 2|5 Zweite; Blatt X 64 . Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme deL-SonntagL.

Dir«rtzener ZamilienASttrr" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das M Kcdrttatt für den Kreis Kietzen" ziveinral wöchentlich. DieLansSlrlschafttichen Sett-

sragen" erscheinen maoallrch zmernuck.

Eichener Anzeiger

SeveraKAuzeiger für Oberhesjen

Kettag, \\. September J9J4

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Unwerfiläts - Buch- und Stcindriickcrei,

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: ess^51- Tel.-AdruAnzeigerGießen.

Lin Brief aus Masuren.

©in Gietzener Mitbürger legt uns folgenden anschru- Lcheu und rrtteressanren Brief vor, der an seine Gattin gerichtet ist und eine Dame zur Bersasserin hat, die in unmittelbarer NDse des ScMachtseldes von Orteisburg wohnte und die Schrecken der kriegerischen Vorgänge mit erleBt hat. Das Schreiben lautet:

Mörlen, 31, 8, 14, Wie du sichst, sind wir hierher gestüchtet, denn wir mutzten «nt DünÄng n achmittag fliehen: abends waren die Rügen schon m nnfenan schönen Pötzdorx und haben alles kur» und klein ge­schlagen, Möbel, Wäsche usw,, ietzt sind Hans, Katen,

Scheunen und Vorwerk als Lazarette eingerichtet. Vor

vierzehn Tagen werden diese nicht heranÄommen; wir

:oert>en. wenn erst ein ZW geht, nach Z. reisen.

Llls Wir Iwöcu, daß trat acht Tagen die Russen ru Reidenburg amgesallen seien und die Stadt in Brand gesteckt hätten, glaubten wir auch uns in Gefahr. Wir fuhren am Sonntag nrü den notwen- chgslen Klerdungssrücken und Wettsachen nach Osterode. Martha und lkrjel bleibcn dott, Adolf und ich fuhren nach PöUwrt zurück. In der daraus folgenden Nacht haben wir kein Aäge znqcmacht, da väke hmrdette Wagen, Vieh mit FtückLlttigen, unjern Weg pajsiettcn- Das Gejammer und Gebrüll nahm kein Ende, es war herNerreitzcud. Dienstag früh wurde unser Daus mit Husaren und Iich u rterie umstellt. irncb nin 31/2 Uhr nachmittags muhten wir alle her Wagen flüchten und zwar nach hier. Die schlackst bei (Mgenbnrg ist in unserer Nähe. Das Hauptschlachtseld hat sich in Wühlen, also drer Kilometer von uns, abgespielt. Sonnabend suhoen Adolf und ich tiach Pötzdors, das war ein entsetzlicher Aulckick. Sämtliche Kleider und Wch'che ans einem Hansen, von veühk-n und Schweinen zerrissen. Hinein konnte ich nicht, da Tote nnd Schwervcririniterc dott lagen: es wurde uns gesagt, datz am Dienstag abend die Richen alles erbrochen, Hab nnd Gut vernichtet haben. Äh ivurde bei dem Anblick beinahe ohnmächtig: ich kann es dir nicht beschreiben, wie es anssah und was für einen Eindruck das auf mich machte. Ildoli wollte in den Gatten, der früher jo wundervoll war, er blieb aber am Eingang stehen, denn aut dem Rasen lagen nebeneinander gmrze Rethem von Toten, und aut den Feldern lagen mich wie Russen. Ich wollte nichts sehen, nur fort. Diese hetzten acht Tage sind die schrecklichsien meines Lebens. Mols und Schwager M. sind soeben nach Pötzdort gefaben, um zu sehen, ob die Leute schon dott oder wenigstens nnterzubringen .sind. Fn der ganzen Umgegend ist arg gewüstet worben. Wir 'hoffen, innerhalb drei Wochen wieder nach dott zu fahren, um vielleicht in dir Jnspckwrwolstrung ziehen zu können, aber nicht eher,fnS ich meine Möbel nach dort ttanspottieren kann, denn Adchens Sachen sind alle vernichtet. Das ganze Haus mutz neu hergerichtet werden;^ wir können eher nichts unternehmen, bis die Regierung die Schäden besichtigt hat. Sett acht Tagen sind mir cchne Postsachen und oyire Bahnverbindung. 6000 gefangene Russen habe ich an der Landstratzc liegen sehen, entsetzliches Volk. Auf unferm Land sind lauter Schützengräben gezogen, aut der Landstratzc sind wundervolle Bäume gefällt. Gut, daß dir solch ein Wrblrck erspart ist.....

hinweg, was gegen die Auffassung der verbündeten Regierungen England, Frankreich, Belgien und Rußland spricht. Wir sehen da­von ab, setzt gegen öicif Auffassung zu polemisieren, weil uns der Zeitpunkt hierfür nicht gegeben erscheint für cinc fruchtbrin­gende Auseinandersetzung. lieber die Haltung der einzelnen Mächte in den Tagen vor dem Kriegsausbruch liegt zudem das Beweis- matettol bisher lärgends lückenlos vor. Die Einseitigkeit des Auf­rufes geht schon daraus hervor, daß in ihm die Bedrohung des Heutschen Volkes durch den russischen Despotismus nicht einmal erwähnt ist, d. h. diesenige Tatsache, die das deutsche Volk tti seiner Gesamthett am ttefsten erregt hat nnd für die Beur- teÄnng der politischeu esttnutum von wesentlichster Bedentmtg ist. Der Lusttt»f läß.1 »lfo jede Objecktivit-ät ver­missen.

Wetter entnehmen wir den Dummer» 3771 nnd 3772 der PariserLummrite" vom 14. nnd 15. August 1914, die erst jetzt zu unserer Kenntnis gelangen, daß das Internationale Svtzia- lrstischc Bureau Unterstützung der sozialimi'cheii Pattei Frank­reichs Sozialisten der neuttaleu Lärcher über dieGreucltateu der Deutschen" informieren will, um dadurch ans die öffent­liche Meinung dieser Länder einzuwirken. Wir erheben auch gegen dieses einseitige Vorgehen des Internationalen Sozialistischen Bu­reaus öffentlich Protest. Die sozialdcin okratische Partei Deutsch­lands hat sttts alle Grcucltoten, wo sie auch immer vorkamen, verutteili. Ob dentsthe Soldaten in Feindesland in diesem oder jenem Orte bei ihrem Borgehen die Grenze berechttgter Notwehr überschritten haben, darüber liegt uns zurzett kern genügendes Wa- tettal vor. Auch sind uns vom internationalen Bureau hierüber keine Mitteilungen zugegangen. Wir fühlen uns aberver- pslichbet, festzustellcn, daß die deutschen Sol­daten , die zu Millionen durch die Schule der deut­schen Partei und Gewerkschaften gegangen sind, keine Barbaren sind und an Bildung des Geistes und Herzens hinter den Soldaten keines Volkes der Welt zurückstehen. Es ist bezeichnend, daß das Exe- kuttvkomitee des Internationalen Sozialistischen Bureaus wegen der angeblichen Grenettaien der Deutschen die öffentliche Meinung der neutralen Länder aurnseu will, während es sich über hin­terlistigste Ueberfälle belgischer Franktireurs ans deutsche Soldaten aus schweigt und von den Greuel­taten der Russen in Ostpreußen nichts zu melden weiß.

Die deutsche Sozialdemokratie gegen dar internationale sozialistische Bureau.

SSe-Tt-in, 10. Sept. Der Vorstand der sozial- demokrattischen Partei erläßt imVorwärts" folgeiüie Erklärung:

Das Exekutivkomitee des Internationalen Sozialistischen Bu­reaus hat gemeinsam mtt dem Vorstand der sozialistischen Partei Frankreichs einenAusruf an das deutsche Volk" erlassen, ohne eine Verbind emg mit der sozialdemokratischen Partei Deutschlands auch nur zu suchen. Das Exekuttvkomiiee hat damit sttnc Be- fugniffe, die ihm von derInternationalen" übertragen wruden sttch, überschritten, was umso befremdlicher ist, als die sämtlichen Mitglieder des Exekittivkomitees nur einem der bei der gegen­wärtigen Katastrophe beteiligten Staaten angehören und deshalb notwendig befangen und einseitig im Utteil sein müssen. Als der Unterzeichnete Patteivorstand von dem Austuf durch die Auslands- Vrcffe Kenntnis erhielt, hat er sofott Einspruch erhoben. Der Aufrus, dessen Wortlaut uns erst jetzt bekannt wird, steltt die Vor­gänge. die zum Ktteg gesühtt haben, im Sinne der fran­zösischen Regierung dar und geht stillschweigend über alles

Die Gastfreundschaft der deutschen Universitäten.

Man schreibt uns:

In dieser Zeit, in der so viel Wer die Ausländer in Deutschland geredet wird, dürste es wohl interessieren, M wissen, wie sich der Besuch der Fremden auf die ernzelnen deutschen Universitäten verteilt.

Bekanntlich Linnen crn den deutschen Hochschulen auch Ausländer den «rLü-emischen Doktortitel erwerben. Da der deutsche Doktor allgenrein sehr geschätzt wird, wird von den Ausländern die Gelegenheit Mm Promovieren gern er­griffen. Sie studieren meistens einige Semester an den deut­schen Urffversttöten, um daun, mach bestandener Prüsirngs, mit dem neuen Titel geschmückt, in die Heimat znrtttkzn- kehren.

Vom 15. August K11 dis >1.5. August 1412 (neuere Auf­stellungen liegen noch nicht vor) haben an 21 deutschen Uni­versitäten insgesamt 4455 Personen zum Doktor promoviert, davon waren 384, also 8,6 Protz., Ausländer. Die meisten ausländischen Doktoranden hatte Berlin, wo nicht weniger als 79 Ausländer (darunter 59 Russen) die Prüfung be­standen. An zweiter Stelle steht München mit 70 (darunter 30 Russen), dann folgen in größerem Abstand! Leipzig mit 54 (darunter 27 Russen), HeFrdlberg mit 24 ldarmtter 15 Russen), Freiburg, ttn Breisgau mit 20 (darunter 12 Russen), Straßhurg mit 18 (darunter 10 Russen), Göttingen mit 17 (darunter 1 Russe), Breslau und Jena mit je 16 (darunter 11 bezw. 9 Russen), Meßen mit 12 (darunter 6 Russen), WürAvurg mit 10 (darunter 3 Russen), alle anderen Nnt- versitäten hatten weniger als 10 ausländische Doktoranden. Verschont von ausländischen Prüsknrgen blieb' nur Münster in Westfalen.

Wenn wir die obige Zusammenstellung nur flüchtig übersehen, können wir schon bemerken, daß die R u s s e n f a st überalldiegroßeMehrheitderausländi scheu Doktoranden und mithin auch wohl der auslärrdischcn Studierenden ausmachen. Unter den oben genannten 384 ausländischen Kandidaten waren allein 204 mit russischer Staatscmgehörigkcsi. Die am zweit stärksten vertretene Ration waren die Engländer mit 30. An dritter Stelle kommen die Oesterreicher mit 22, dann die Japaner und Ungarn mit je 20 Staatsaiigehörigen, die Amerüaner mit 18, die Schweizer mit 16, die Rumänen mit 14, die wetteren Nationen warm mit weniger als 10 Angehörigen vertretm. Bemerkmswert ist, daß nur ein Franzose unter dm Ge-' prusten ist nnd zwar war dieses Unikmn in Würzburg. Also abgesehen von unserm österreichisch-ungarischen Bundes- brüdem sind am stärksten vertreten gewesen die Russen, Eng­länder und Japaner, also gerade drei der Nattonm, die sich jetzt durch dwr Krieg für die genossene Gastsieundschasi und Belehrung so dankbar erzeigm.

Eine genaue und ül«rsick)tliche Zusammmstellnug gibt nachfteheiche Tabelle, aus der man auch ersehm kann, wie sich die verschiedenen Nationalitäten auf die einzelnen Universi­täten vetteikm. O. G.

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I *

Eine Verfügung der hessischen Regierung-

Das Großh. Ministerium des Innern hat laut Darmst. Ztg." verfügt, daß die Immatrikulation von Studierenden solcher Staatm, die Krieg mit uns führen, an unserm Lochschulm für erloschen zu gelten und Neuaufnahmen van Studiermdm, Hörem und Gästen aus diesm Staaten nicht stattzufindm lfatzen. Assi­stenten solcher Staatsangehörigkeit srnd M mttassm, Do­zenten zu einer Lehrtätigkeit femer picht znzulassen.

A»»» Stadt und Land.

Gießen, 11. September 1914.

** Ruhestands Vers etzu n g. Die Großherzopin har den Oberlehrer an der Oberreäkschule zu Gießen Professor Georg H edd erich auf sein Nächsuchen unter Anerkmrrnng seiner langjährigen irmm Dienste in dm Ruhestand versetzt und ihm aus diesem Anlaß die Krone zu dem Witerkrmz l. .Klasse des Berdrerrstordens Philipps des Großmütigcir verlieheu.

** Ernennungen. Die GroMerzogin Hai dm Lehr- amtsassefsor Dr. Heinrich Ge pp ans Bingen pitt Ober­lehrer und den Lehramtsafsessor Paul G r a e b e r aus Bockenhetm zum Obetttehver an der Oberreaffchule zu Als-

Gent.

Ms ihrem Siegeszug durch Belgien sind unsere tap­feren Truppen nun bis Gent gelangt, zu der allen Resi­denz der burguirdischen Herrscher, zu der GeburtSstätte der Malerei des Nordens, zu jmem stolzestm und größten Ott des Mittelalters, der an geschichtlicher Bedeutung alle an- derm Städte Belgiens überragt Diewunderbare Stadt", von der Albrecht Dürer spricht, hat zwar auch, neuester Zeit einen blühenden Aufschwung erfahrm und nichts von der stummen Starre destotm Brügge", aber wenn man sich durch den üppigen Gattm des siuchtbarm Waeslau- des der ällflandrischm Hauptstadt nähert, dorm find .es doch nicht die nmen Fäbttkm und Schornsteine, diese Zerchm eifriger Jndusttte, die dm Mick auf sich zrehm, sondem jene ehrwittdig stolzen, massigen Türme der Frühgotik, die noch immer dm Glanz des mlltelalterlichengoldmm Gmt" zum Himmel heben. Es war ein ttotziges, tüchtiges Burgettum, das sich im 13. und 14. Jahrhundert unter dem Schattm des ttesigm Watttu r mes, des mächttgen Bel- f rre d, ansiedelle Der eherne Mund seiner großen Glocke, des ,MKsa^>", ttef drest reichen und wehrhastm Weder nnd Tuchmacher nicht nur zu Ardttt und Fererabmd, zu 'Frmdm nnd Festen, sondem auch zum Kampf gegm Feuer nutz Feinde, wie es die Inschrift der Glockenzungc verkündet: Wyn Naem ist Roland, als ick kllppe, dan ist Brandt, als >ick lupde, ist Bictotta in Vlaeudmland." Bevor das Bürger- ckum das Haupt so stolz erhob, walletm als Zwingherrm die Grasen von Gent über dem Wohl der Stadt. Wie durch ein Wunder ist das alle Grafe »schloß, das aus dem Jahre 1180 stammt, Hunter einer Mruer von durch die Jahrh und erte aufgesühtten Bautm erhaltm gebltebm, urrd nachdem es ttmt tu langjähriger Arbeit freigüegt und wie­der hergestellt ist, offenbatt es sich als der bedmtmdstc romarrische Profanbau, den es in Belgien gibt. Ein mäch- ttges Denkmal der Rttterzeti ist dies Schloß ruit seinem ge- wallrgm Wattturm, dem ebenfalls von Türmm flaukiertm .Erngangsporial und dm zirmenkbekröittm dretterllgm Ar­kaden. Romanische Bauten sind mich noch dasLagerhaus", der erste Zmge von Gents Handelsmacht, rmd das Kloster von St. Bavo, während die Kirche gleichen Namms beretts .der Gotik angehört. Dicht neben dem Belftted entfaltet diese tzarchtkirche, für die die Brüder van Eyck t>en berühmtm

Genier Altar schusm. ihre wuchtige Majestät, und zur andern Seite erhebt die Kirche von St. Nikolaus ihre mctte- risch belebten Hallm. In dresm Bauten und in wenigen alten Häusem am FtettagSmarkt, dem Schaupkatz aller großen geschichtlichm Ereigruffe, mtsaltet sich noch heute beherrschet die Kraft dieses mittelaltettichen Gmt, das in der .Heldengestalt des nach achtjähriger Herrschaft memh- lettsch ermordeten Jcckpk von Artevelde seinm Schöpfer sieht. Freier Bürgerstuu schuf dev Wohlstand und die Knust, durch die Gmt in ganz Europa berühmt wurde. Jener Jodokus Vydt.^der bei den van Eycks' dieAnbetung des Lammes" -für St. Bavo bestellte, war ein Repräsentant die­ses Bürgertums, und sein Name ist mft unsterblich gewov- dm in dem Werk, das eine neue Schönheit in die Well brachte und den nuübettrofsenen Arifang der germanischen Malknnst uüd der nmeren Maleret überhaupt darstelll. Nicht lauge schlug die Todes­stunde dieser ftotzm Macht. Me Genter verweigettmi Philipp dem Gutm von lBurgund^ die Scchzstmer, die er 1457 ihnen anserlegt, und wurden nach fünsjähtt-gmi erbtttettm Kämpf in der Schlacht von Gaore 'geschlagen: 16 000 Bürger, die Blüte der Stadt, bedeckten das Schlachtfeld. Nun begann die große Zeit der burgundischm Herrscher, die hier ihre Refidmz ausschlugeu und glänzenden Hof hielten. In Gmt wurde 1477 die erste 'Verfassung der Niederlande prokla­miert, und eiu Jahr darauf feierte der Er.zherzog Maxi- mllian, der spätere Kaiser, in märchenhafter Herrllchkeit hier seine .Hochzeit mtt der einzigen Erbin Karls des Kühnen, der schönm Maria von Burgund. In Gmt wurde 1500 der spätere Kaiser Karl V. geboren, der seiner Vaterstadt in seinem sonst so kaltm .Herzen eine stete Aebe bewahrte und seine mächttge Gunst schenkte. Eine neue Mütezeit brach au ; die Stadt war damals die größte und volkreichste Europas, zählte 35 000 Häuser und 175 000 Einwohner, und stolz konnte Karl sagm: ,Jch stecke Paris inmon gautz'. Wobei er das WortspielGant" gleichGeutt' und .chandschuhf" machte. Aber dies war nur die glänzmde Abmdröie einer nahen Nacht. Der finstere Philipp U. war der stolzen, stets unruhigen und-aufsässigm Stadt nicht so fteundllch gesinnt wie sein Vater; er lieferte fte dem Henker Alba aus, der ein sittchibares Strasgettcht vollzog, 26 der edelsten Bürger dem Henker überontwottete, der Stadt alle Pttvilägren rghbte und mit ihrem Golde die drohende Zroiirgburg azch-

ttchiete, um jeden neuen Trotz im Keime z». ersticken. Da­mals verödete Gent, und' die fleißigen Weber fairden Gast­srenn dschaft in England und- Dmtschland. Wenig ist von der burgundischen Blütezeit ttn heutigen Gmt erhalten; es ist, als ob man mtt der verhaßten Zttadelle auch die andem Denkmäler dieser Fremdherrschaft aus dem Andenken Gents ausgelöscht habe. Zahlreuhen Belagerungen und Erobettin- gen war die Stadt ttn 17. und 18. Jahrhundett ausgesetzt; die wechsclvollen Geschicke des Landes spiegeln sich in seiner Siadtgeschrchte wieder. Bei der Rückkehr Napoleons von Elba war sie der Zufluchtsort Ludwigs XVHL Daun blühte wieder ftisches Leben aus ben Ruinen; Gent wurde nicht nur M einer großen Handelsstadt, sondern auch zu der Stadt der Blumen. Doch noch ttmncr schaut der frühgoiische Knappe des Belftted mit festem Blick aus Theater, Gärten und Schornstttne . . .

AnzengrubersSpielzeug". Die aus Wien kom­

mende Nachricht, daß dort am Frettag die Witwe Ludloig Anzen- grnbnv stard, weckt eine wenig freundliche Ettimerung an die Frau, die des unglücklichen Dichters letzte Lebens- und Lttdenszcit noch trostloser gcstalltte. Als er am Abend des 9. August 1889 später als smst in die Stammkneipe kam, atz und ttank er schweigend wie gewöhnlich. Aus die Folge eines Freundes, weshalb Dr. Tyrolt nicht zur Leseprobe seines neuen Stückes gekommen sei, antwotttte er ruhig: der Künstler, der in Gutenstein wohne, habe sich btteflich sehr artig bei ihm' entschuldigt.Und was haben Sre geantworttt?"-Nix? I Hab jetzt ka Zeit zu so was. Mer Frau geht morgen von mir fmt." , Mo hin geht denn die Bade­reise?"Sott gehi's, für immer, riach sechzehnjckhttgec Ehe. Wir scheiden uns."Und nun folgten," wie einer der Freunde berichttt,Einzelheiten, Gründe, Tatsachen, hcrvorgesprndell in Hast und Hitze. Ter letzte Tagelöhner, der ein solches Schicksal m solcher Auftcgung gesckrfldett hätte, wäre uns dau ruL im GedaaU- nis geblieben, geheiligt durckt solcken Ansbruck solck»m sannerzes. Vier Dtonate später war der Dichter tot: am Morgeil des 10^ De­zember war er verschieden. Freilich batten die ,vreunde lange vor diesem Zusammenbruch der Ehr geimitt, datz dn Dichter viel Aergeruffse durch seine Gat ttn hatte, die ohne lem.Witzen 'schul­den machte. Am 11. Mai 1873 hatte der Dichte? Sldelmcde Lipka geheiratet Tie Braut war secAttm Jahre alt, Anzengruber selbst mehr als das Doppelte. ^ ,

Laon 1870. Ein» Reihe von Festungen laben die Fran­zosen den Sjegcrn ohne Schwertstreich überlassen. Darunter ist auch Laon, eine der wenigen Festungen, die beretts 1870, und zwar am 11. September, ohne daß sie belagert worden wir, kapitulierte. Mer trotzdem sollte sie noch blutige Opfer fordern.