Nr. 2(2
Zweiter Blatt
*64- Jahrgang
Erscheint täglich mit SKSoahme des Sonntag?.
D«e „Ktetzener jamiLendlitter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, da? „Kreist*tatt für den Kreis Kietzen" zweimal «öchenttich. Die „Landwirtschaftlichen Seit-
fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Oberhessen
Donnerstag, (0. September *9*4
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Unwersitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Drilckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: eesä»51. Redaktion:«^V112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießon.
General 3offre$ ganze Weisheit.
Ein militärischer Mitarbeiter schreibt uns aus Berlin:
General Joffre hat einen Tagesbefehl erlassen, betitelt „Notes pour toutes les armees.“ Darin sind die Gründe der bisherigen Verluste und Niederlagen angedeutet. Die Gründe bestehen darin, daß man die deutsche Taktik nicht genügend beachtet habe, und die ganze Weisheit des Generals für den weiteren .Krieg besteht darin, daß man die deutsche Taktik — nachahmen müsse. Merkwürdig genug uchmen sich solche neuen Instruktionen mitten im Kriege aus; sie entsprechen aber jedenfalls der neuen französischen Kriegslehre, die nichts anderes ist, als ein teilweise recht geWoser und unverstandener Abklatsch deutscher Kricgs- lehren. Frankreich hat seit noch nicht einem Jahre eine neue ,Mileitnng für den Dienst der Armeen im Felde" vom 28. Oktober 1913 herausgegeben. Diese Anleitung enthält zwei Testsi, einmal die Fclddienstordnung, die fast das ganze deutsche Reglement von 1906/09, oft wortwörtlich, abge- ichrieben hat. Den anderen Teil bildet die „Anleitung für tue höhere Truppenführung", und diese enthält alle strategischen Lehren, nach denen die Franzosen hofften, den nächsten, d«l jetzigen Krieg unbedingt siegreich zu bestehen.
Diese neue französische Kricgslehre wurde von einem Ausschuß unter dem Vorsitz des Generals P a u bearbeitet! und enthält tatsächlich eine Reihe grundlegender Wandlungen der früheren französischen Anschauungen über Truppen- und Gefechtsführung und bricht vollständig mit der bisher geltenden Verordnung vom 28. Mai 189.5 über den Dienst der Armeen im Felde. Der Ausschuß hat damals einen längeren Bericht an den Kriegsminister ausgearbcitet, worin sich allerlei interessante Ausführungen finden, umso interessanter, wenn man damit vergleicht, was Frankreich auf Grund dieser neuen Kriegslehre im ersten Mdnat des großen Krieges erreicht hat An die Spitze aller Gedanken und Vorschriften ist die Parole gesetzt: Offen- ^hbe u,ud wi ede r O flen sivc ! Vownllen Nationen, so meinte der Ausschuß: biete gerade die Kriegsgeschichte Frankreichs die deutlichsten Beispiele für die großen Erfolge, zu denen der Angriffskrieg führe, wie auch für die Niederlagen, welche eine abwartende Kriegssührung nach sich ziehe. „Solange uns fast bis zur höchsten Boll- Lmrmenheit die Lehre der Offensive führte, waren uns die ruhmreichsten Erfolge beschieden, und, ein grausamer Gegenbeweis, an dem Tage, an dgm-kvir sie mißachtet haben, hat gerade sic unseren Gegnern die Waffen geliefert, mit deren Hilfe sieuns besiegt haben." Welche Seüfftironic! Die Offensive, die den Franzosen über die Vogesen her mißglückte, ist gleich bei Beginn des Krieges auf die Deutschen übvrgegangen und hat dazu geführt, daß der französischen Armee bis dato keine Zeit und Gelegenheit mehr blieb, ihre neue Kriegslehre auszuproben. Aber kehren wir zu den Versprechungen der Strategen zurück. Der geuauute Alksschufchertcht bestimmte: Die französische Armee, zu ihren Uebcrliefernngen zurückgekehrt, erkennt für die Führung der Operationen kein anderes Gesetz mehr an als die Offen sioe. Nach dem südafrikanischen Kriege hat man getvisse Theorien wieder erscheinen sehen, die man für immer verlassen glauben konnte, Theorien von der Unverletzlichkeit der Fronten und von der Möglichkeit, die ° Entscheidung durch das „Manöver" herbeizusühren, ohne Kampf. Kurze Zeit darauf hat der russisch- japanische Krieg ein wahrhaft entschiedenes Dementi für diese gefährlichen Theorien gebracht; aber man 7Uuß stets fürchten, daß eine lange Friedensperiode sie eines Dqges wieder auftauchen läßt. Um eine derartige Wirkung zu verhindern, bestrebt sich unsere Anleitung, dieses Haupt- Gesetz ins rechte Licht zu setzen, daß die Schlacht, als aus- stMetzlicher Opcrationswcck, das einzige Mittel ist, den Wil- S » K.... .___ 11 » 1 " Bi"
Der deutsche Zeldprediger.
Mit den deutschen Truppen zieht ihr Geistlicher ins Feld, damit das Wort Gottes mit seiner segnenden Kraft ihnen stets nahe sei, sie erhebe und stärke in den weihevollen, großen und schweren Geschönten des Krieges. Feldprediger hreßen diese Diener des Herrn lan/c im preußischen Heere auch in Friedenszeiten, weilffre ursprünglich nur ins Fell>. d. h. ins Kriegslager für die Soldaten berufen nmrden. Bis ins 17. Jahrhundert hinein achörcu Seelsorger überhaupt nicht notwendig zu einem Heere. Wenn sich wackäre Priester den Söldnerhorden anschloffen. um die edleren Gefülste des Menschenherzens auch in diesen verrohten Gemütern wachzuruien, dann taten sie es aut eigene Gefahr hin, und ihre Prckngl mag sich von den Zeiten der Landsknechte bis zunt Dreißigjährigen Krieg nicht viel anders abgespielt haben als die des Kapuziners in Schillers „WaUensteins Lager". Es mußte ein so sroinmer Kriegsfürst wie Gustav Apoll an der Spitze eines s, streng gläubigen Leeres »nie des schwedischen auf- treten, um den fieseren Sinn und den reichen Segen einer umfassenden Seelsorge im Feld deutlich vor Augen zu führen. Und noch diesem Vorbild berief denn der Große Kurfürst bei der Grün- dmig feines stehenden Heeres auch Feldprediger in seine Reiheix wobei Friedrich Wilhelm nach schwedischem Muster seinen Soldaten durch besondere Kriegsartikcl die rechte Frömmigkeit beizu- brmgen suchte. „Welcher Soldat Gottes Wort lästert", heißt es da tz. B., „oder mit demselben und mit dem Gottesdienst, es sei auf wes Maß er wolle, trunkenen oder nüchternen Mundes Affenspiel treibt, von denen Hochwürdigen Sakramenten lächerlich und spöttisch» redet, der soll ohne Gnade am Leben gcstrask werden." Daß der Stand des Soldatengeistlichen in seinen Ansängen noch keine .hohe sittliche Stufe erreicht hatte, beweisen die Kriegsartikel 5 und 6, die lauten: „Es soll sich kein Priester, wenn er den Gottesdienst halten soll, trunken finden lassen, oder ans solchen Fall aus dem Lager relegieret werden Welcher Priester sonsten außer der Zeit, da der Gottesdienst geschiehsi, einen ärgerlichen Wandel führet und sein Leben nicht nach seiner Lehre an- üellet, derselbe soll durchaus in unserem Lager, wenn er vorher davon abzustehen dreimal ermahnet und sich nicht bessert, nicht gelitten werden." Eine ständige Einrichtung im preußischen Heer wurden die Feldprediger erst gegen Ende der Regierung des Großen Kurfürsten, wo cs nicht nur in 'Berlin, sondern auch in den wichtigsten Garnisonstädten sestangestelltc Garnisonprediger gab. In Grubers „ Kriegs drszipfin" von 1697 werden die Regiments- Feldprediger oder -Kaplane bereits als offizielle Mitglieder der deutschen Heerestruppen angeführt und . dazu ermahnt, „sie sollen nicht spielen und vollsauien und nicht viel von politischen und militärischen Händeln räsonnieren, so ihnen gar nit angehen." Bald traten Männer in diese Stellungen, die es mit ihrem Berufe
len des Gegners zu brechen, irnld daß die erste Pflicht des Führers ist, die Schlacht zu wollen!
Man sieht, es wurden da allerlei Brocken gut preußischer Felderfahrungen zusanrmcngetragen, und dem Ganzen eine sehr einseitige HanpfiSwe gegeben, die in Wahrheit garnicht zur franzöftschen Ueberliefernng, garnicht zum Geist der französischen Kriegführung paßt. Ein bekannter deutscher Militärschriftsteller, Generalleutnant z. D. von Ard enne, hat ganz kürzlich mit vollem Reckst darauf h-ingewiesen, daß der dauernd der französischen Truppe zugesp-rochene Clan, der Ruf „s la bahonette" in Wahrheit nur Phrasen sind, daß die Franzosen anno 70 nur einmal (bei Beanne la Rolande) einen infanteristischen Angriff dicht an den Feind hevangetragen haben, daß also die nene Offensivtheorie nur dem Äationcckhaß und der politischen Verblendung entspringen, nicht aber dem französischen Militärcharakter.
Das strategische Verhalten der Franzosen in diesem Kriege wird natürlich erst im Laufe der Zeit genau geklärt und festgestellt werden. Aber soviel ist doch schon sicher, daß sie mit ihrer neuen Kriegslehre ein Fiasko nach dem andern erlitten haben und daß' General Jpffre (einmal von seinem Standpunkte ans gedacht) gut täte, seinen Truppen nicht die Nachahmung der deutschen Taktik zu empfehlen. Sollte er wirklich keine eigene Weisheit besitzen?
Ballonabwehrkanonen.'
, Von Professor SB. Schwinning.
Me Luftfahrzeuge haben sich in den letzten Jahren zu wichtigen Kriegswerkzengen entwickelt. In erster Linie sind sie für Erkundungszwecke von großer Bedeutung, doch können sie eventuell auch als direktes Kampfmittel dürch Herunterwerfen von Sprenggeschossen Verwendung finden. Diese Fortschritte haben die Technik andererseits wieder vor die Aufgabe gestellt, wirksame Waffen zur Bekämpfung der Luftfahrzeuge zu konstruieren. Me vorhandenen Waffen genügen hierfür nicht. Die Geschosse der Infanterie- und der Maschinengewehre haben zu geringe Wirkung, und ihre Schußweite ist zu llein. Der Feldkanone mangeVt, von anderen Anständen abgesehen, die ausreichende Elevationsmöglichkeit des Rohres und der Feldhaubitze, infolge ihrer geringen Geschohgeschwindigkeit, die nötige rasante Flugbahn. Beide können ferner, da ihr Seitenrichtseld zu gering ist, den Bewegungen des Ballons nicht schnell genug folgen.
Der Lenkballon bildet ja ein sehr schnell bewegliches Ziel, das seine Lage im Raum beliebig ändern kann. Es ist daher ein Geschütz mit großer Feuergeschwindigkeit, um günstige Augenblicke möglichst ausnutzen zu können, erforderlich, das eine sehr rasante Flugbahn, also hohe Geschoßgeschwindigkeit aufweist und ein sehr schnelles Nnrichten des Rohres nach Höhe und Seite in beliebigen Grenzen gestattet, um allen Lagenänderungcn des Ballons sofort folgen zu können. Auch die Visiereinrichtungen müssen für ein möglichst zeitsparendes schnelles Arbeiten, das keinerlei Umrechnungen erforderlich machen darf, ausgeführt sein. Hierzu kommt noch die Forderung einer möglichst großen Beweglichkeit des Ge- schntzfahrzeuges. Me hohe Geschoßgeschwindigkeit im Verein mit der erforderlichen Beweglichkeit des 'Geschützes zwingen mit Rücksicht auf das Gewicht des Munitionsporrates und des Geschützes zu der Wahl eines kleinen Kalibers, das zweckmäßig zwischen 6 und 7 Zentimeter oder höchstens mit Rücksicht ans die Frage des Munitionsersatzes besonders bei Ge-
*) Wir entnehmen die obigen Ausführungen, die auf einige in diesen Tagen viel erörterte Fragen entgehen, mst Erlaubnis des Verlages B. G. Teubner dem Bande „Technik des Kriegswesens" (Die Kultur der Gegenwart). Das Werk, dessen einzelne Abschnitte von Generalstabsoffizieren verfaßt wurden, gibt in seiner Gesamtheit einen erschöpfenden U eberblick über Krregs- wsien und Kriegsführnng und gewinnt somit durch die von den besten Kennern gebotene Belehrung bei der augenblicklichen Kriegslage für jeden Deutschen eine besonders hohe Bedeutung.
schlitzen in Räderlafette gleich dem Feldkanonenkaliber zu wählen sei» dürfte. Eine Ausnahme bildet nur der spezielle Fall ortsfester Geschütze, bei denen die Gewichtsrücksichten nicht mitsprechen.
Es werden jedoch nicht nur an das Geschütz, sondern' auch an die Geschosse besondere Konstrnktionsanfovdernngen gestellt. Me Wirkung des Schrapnells ist nicht einwandfrei, da die von seinen Füllkugeln in die Ballonhülle geriffelte» Löcher zu llein sind, um ein schnelles Sänken des Ballons zu bewirken. Mehr Erfolg verspricht die Granate, wenn sie mit einem Zünder versehen wird, der ausreichend empfindlich ist, um sofort beim Anstreffen auf die Ballonhülle zur Wirkung zu kommen. Me Konstruktion solcher Zünder mit guter Rohrficherheit ist in den letzten Jahren sehr gefördert worden. Auch die Einheitsgeschosse sind in geschickter Weise zur Ballonbekämpfung ausgebildet worden. Weiterhin hat man versucht, Schrapnells mit einem Brandsatz zu versehen, um eine Entzündung der Gasfüllnng des Ballons hervorzurufen. Schwierigkeiten bereitet endlich noch der Umstand, daß ein planmäßiges Einschießcn durch Beobachtung der Ge schoßeinschläge nicht möglich ist, es sind deshalb Geschosse mit einem Rauchsatz, der beim Wfeuern des Scksttsses in Brand gerät und die Flugbahn bei Tag durch einen Ranch>- streifen, bei Nacht durch den Feuerschein sichtbar machen soll, hergestellt worden.
Die Lösung der Geschützfrage wird auf zweiLLegen angestrebt, einerseits durch den Enttvnrf von Geschützen, welche auf eineni Automobil montiert sind: andererseits durch Rädergeschütze besonderer Konstruktion. Bei den Automobilgeschützen wird das Rohr zumeist in einer Mittelpivotlasclle nach Art der Schifssgeschütze, jedoch mit sehr stark zurückverlegten Schildzapfen, um ein sehr großes Höhenrichtseld, das zumeist bis zu ca. 75° beträgt, zu ermöglichen, montiert. Me Mittelpivotlasette gestattet seitlich ohne weiteres die Bestreichung eines vollen Kreises. Die wichtigsten Teile des Automobils werden, jedoch nur soweit es das Gewicht zuläßt, gepanzert. Solche Entwürfe liegen vor von Krupp, Ehrhardt, Vickers, Skoda und anderen.
Das Automobil kann eine große Geschwindigkeit, zumeist bis ca. 45 Kilometer in der Stunde, entwickeln. Nachteilig ist jedoch, daß es infolge seines hohen Gewichts im allgemeinen an gebahnte Straßen gebunden ist. Der Feldkrieg wird andererseits aber oft zum Marsch über ungebahntes Gelände zwingen. Hierfür sind die Entwürfe ftir Geschütze in Räderlafette bestimmt. Das erforderliche Höhenrichtfeld kann durch Zurückverlegung der Schildzapfen, eventuell in Verbindung mit dem veränderlichen Rücklauf erreicht werden. Das erforderliche große Seitenrichtseld macht allerdings besondere Einrichtungen >an der Lafette nvkfg, für welche Entwürfe von .Krupp, Ehrhardt, Deport und anderen gegeben sind. Bei sämtlichen Ballonabwehrkanonen empfiehlt sich mit Rücksicht auf eine möglichst große Feuergeschwindigkeit die Anwendung automatischer Verschlüsse.
Ae Frage der Ballonabwehrkanonen ist. obgleich bereits eine Reihe vorzüglich durchgebikdeter Konstruktionen, die sehr weitgehenden Ansprüchen genügen, vorliegt, sowohl hinsichtlich der Konstruktion der Geschütze als auch der Geschosse noch nicht als vollständig geklärt anznsehen.
Kirdjc und Schule.
— KleineZügevonPap st Benedikt XV. werden in den jetzt hier eintrefsenden italienischen Blättern erzählt. Die Festigkeit seines Charakters, die er schon in früher Jugend bewies, zeigt folgende Geschichte, die die Gattin des Bruders des neuen Papstes, die Marchesa della ILHiesa, berichtete: „Mein Schwager Giacomo war kaum zwölf Jahre alt, als er sich eines Tages bei seinem Vater einstellte imd ihm mit großem Ernst sagte: „Höre, Papa, ich will Priester werden." Auf diese Worte des Knaben antwortete der Vater einfach: „Höre, cs ist noch Zeit, darüber nachzudenken. Inzwischen lerne fleißig und mackie deinen Doktor, dann werden
ernst nahmen Und unendlich viel zur Verinnerlichung des religiösen Empfindens im deutschen Heer beigetragen haben. So ist uns die interessante Erzählung des Feldpredigers Hocker erhalten, der 1701 mit den Ansbachschen Truppen den Feldzug in Holland gegen Frankreich mitmachte und uns schildert, wie er in den verpesteten Ruhrlazaretten und in den Laufgräben unverzagt seine Schuldigkeit tat. Wenn er sich auch einmal vor einer Kanonenkugel bückte und dadurch das Gelächter der Offiziere erregte, so waren ihm doch alle gut wegen seines pflichttreuen Wesens und hörten auf seine Mahnungen. Weit sind preußische Fcldvrediger mit ihren Truppen damals herumgekommen: 1708 hielten sie nach dem Einzug des kaiserlichen Heeres in Rom evangelischen Gottesdienst in der ewigen Stadt. Besonders dem frommen „Soldatenkönig" lag die Hebung des Fcldpredigersiandes sehr am Herzen: er war selbst sein „erster Feldprvbst" und hielt darauf, daß die Predigten deutlich und schlicht waren „ohne Schwulst und unnatürliche Redensarten", daß sie in der Garnison nicht länger als eine Stunde und im Lager höchstens eine Viertelstunde dauerten. Die Soldaten bekamen über ihr Verhalten eine Note vom Prediger, die häufig große Sünden seststellie^und sie nur durch den Zusatz milderte: „Verspricht unter viel Tränen, sich zu bessern." Bor dem heiligen 'Abendmahl wurden Offiziere wie Mannschaften einem Examen unterworfen, bei dem cs nicht selten hieß: „Hat den Katechismus nicht inne" oder „kann ihn so so" oder „kann nur die Gebote, nicht die Erklärungen." Doch würde, damit der Stock des Königs nicht zu arg herniederfahre, meist hinzugesetzt: „'Doch will er ihn lernen." Auch! Friedrich der Große hat trotz seiner „Freigeisterei" den Wert tüchtiger Feldprediger wohl erkannt und ihre Tätigkeit nach lkräften gefördert. Das Recht der Generale, ihre Geistlichen selbst zu wählen, schmälerte er freilich nicht, und Feldprvbst Klefichke, der sich darüber beschwerte, wies er bibelfest ab: „Sein Reich ist nicht von dieser Welt." Aber er hat prachtvolle Männer unter seinen Feldgeistlichen gehabt, so jenen Prediger Soegebart vom Anhaltischcn Infanterie-Regiment, der in der Schlacht bei Chotufitz, als die Truppen zurückfluteten, „mit dem Degen in der Faust dem Feind entgegen stürmte, sodoß dieser dreimal repoussicret und dadurch der beste Teil unserer Bagage, auch vieler Hundert Menschen Leben gerettet wurde." Der König soll ihm ans dem Schlachtfeld sine Hauptmannsstelle angeboten haben, aber Seegebart blieb seinem Berufe treu. Me Grenadiere, die ans fro mm e m Herzen den „Choral von Leuihen" an- sfimrnten, die ans blutgetränkten Schlachtfeldern ihr „O Gott, Du frommer Gott" sangen, machten ihren Feldpredigern alle Ehre, und dieser Geist einer tiefen Religiosität ist im preußischen Heere immer stärker geworden bis zu dem Auslohen aller ftommen Gefühle sin „heiligen Krieg" der Befreiung. Wie der gute Genius der Seinen, ging der Feldprckngcr mit den Soldaten des alten Fritz in Sieg und Tod. Im 'schwarzen Mäntelchen aus blauer.
weiß umfäumter Leinwand, mit blauen Bäffchen, kurzer Perücke und schwarztuchenem Rock. An den Stieseln Nirrtcn die Sporen und er fühlte sich selbst als .Krieger. Heute haben unsere Feldgeistlichen dies martialische Acußere abgelegt, aber im Herzen schlägt noch der gleiche Geist mannhafter Siegeszuversicht und schlichter Demut vor Gott, den die deutschen Feldprediger stets ihrer Gemeinde einznflößen wußten.
— Die Dresdner Theater und der Krieg. Aus Dresden wird uns geschrieben: Von den Dresdner Theatern hat nur das Residenztheatcr nicht gcsckwssen, vornehmlich, um seine Mitglieder nicht entlassen zu müssen. Mit ein paar Gelegenheitsstücken militärischen und patriotischen Charakters (u. a. einem „Königin-Lnffe"-Stückl hat es den kriegerischen Augustmonat durchgehalten und kürzlich seine Operettensaison mit Jarnos ,.M u si k a n t c n m ä d cl" begonnen. Me zurzeit engagcrnents losen Schauspieler und Schauspielerinnen Dresdens haben sich neulich zusammcngetan, um gemeinsam zu spielen. Mehrere Theater sind ihnen dazu kostenlos zur Verfügung gestellt worden. Als erste Ausführung ist Heyses „Colbcrg" geplant. Nunmehr ist auch unsere Hoibühne wieder eröffnet mit einem „Abend vaterländischer Kunst". In dichterischen und musikalischen Zeugnissen der Freiheitskriege tft versucht worden, den kriegerischen Geist der Zeit zu gestalten. Musik des Prinzen Louis Ferdinand, Beethovens, Haydns, C. M. von Webers, Dichtungen Kleists, Arndts, Schenckendorffs, Körners, Rückerts waren aneinaudergerciht, die besten Kräfte des Schauspiels, die Kgl. Kapelle, der Hosopernchor usw. setzten sich für das Gelingen des Abends ein, dessen künstlerische Leitung in den Händen des Hofrai Zeiß lag. Glücklich war der Gedanke, aus Zeugnissen der .Freiheitskriege eine packend gesteigerte Szene „Im deutschen Bürgerhaus 1813" zu formen. Die lose Aneinanderreihung des Programmes rm 2. Teil war weniger gut. Das stärkste gab Theodor Becker mit „Geharnischten Sonetten" Rückerts, die er voll solch echten Zornes und mit solcher Kraft sprach, daß ihre Wirkung mü nichts Aehnlichcm zu vergleichen ist. Unglücklich war das Schußbild des Abends, das Kleists „Germania an ihre Kinder" zu einem lebenden Bild erniedrigte. Aui Befehl des Königs, der persönlich mir den Prinzen Ernst Heinrich und Jvhann Georg erschienen war, ffrctzt der Betrag der Ausführung dem „Roten Kreuz" und dem „Lande?- ausschuß für Kriegshilfc" zu. Der Besuch war sehr stark. ,l. G.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wrssen- schaft. Ter Landschaftsmaler Professor Albert Kapprs in Stuttgart ist rm Wer von 78 Jahren am 9. September ge- st o r b e n.


