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Nr. 2U,

Der ®l«(stntt Anzeiger

erschein! täglich, anher Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich SiebenerZomilienblätter; zweimal Ivöchentl.ttreiz- dlattsürdcnUreiiSicben (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Scilfrazen Fernjprcch - Zinschiiisie: sür die Redaktion 112, Verlag ». Expedition bl Adresse inr Depeschen: «n,etger Siehe«. Annahme »an Anzeigen sür die Tagcsnninmer bis vormittags 9 Uhr.

< erster Blatt M- Zahrgang Mittwoch. 9.

Gietzenet Anzeiger

General-Anzeiger sür Oberhessen

Kota6onrdn«k und Verlag der Srühl'schen Univ.-Such- und Steindruckerei R. Langt, vedattisn. Expedition und Druckerei: Schulstratze 7.

5eptember

Bezugspreis:

monatlich 75 Df., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2. viertel» jährl. ausschl. Bestellg, Zeilcnpreis: lokallbPß auswärts 20 Psenniq. Chesredakteur: A. Goetz. Verantwortlich sür den polit. Teil: Aug. Goetz; sür .Feuilleton", .Ver­mischtes" und.Gerichls» saal": Karl Neurath; sür .Stadt und Land": Kurt Bendt; sür den Anzeigentell: H. Beel.

Maubeuge gefallen. - Deutsche Angriffe in Nord-Belgien.

Wir konnten gestern das nachmittags', gegen 2 Uhr, eingetroffene Telegramm vom Fall der Festung Müubeuge nur der Halste unserer Leser noch Mitteilen. Wir geben darum die bedeutungsvolle Siegesnachricht hier nochmals tmcdec:

Großes Hauptquartier, 8. Sept. (W. B.) Mau­ke u g e hat gestern kapituliert. 40 OOOKriegsgefan- gene, daruMer vier Generale, 400 Geschütze und zahl­reiches Kriegsgerät sind in unsere Hände gefallen.

Der Generalquartiermeister v. Stein.

Wieder ein ganzes Armeekorps unserer Feinde ge­gangen! Und die deutschen Belagernngstrnppen werden frei für den Bormarsch in die Front. Der Angriff aus Maubeuge, Uw bekanntlich zuerst die Engländer geschlagen morden mä­ren, mar am 27. Auaust etngeleitet worden. Tie Belage­rung hat also nicht lange gedauert, und unsere Truppen werden kaum nennenswerte Verluste gehabt haben. Ob, wie ein Berliner Blatt vermutet, unter den Gefangenen 30000 Engländer sich befinden, muß, abgemartet werden; der Generalguarticrmeister würde, wenn er etwas davon gewußt hätte, uns gewiß die freudige Botschaft nicht vor- enthalten haben. Denn den Engländern gönnt man in Deutschland jeglichen Denkzettel. Verbreiten sie doch über unser Volk und unsere Soldaten im Auslande die unver­schämtesten Lügen, so das: neben dem Reichskanzler nun auch der Kaiser die Welt zum Zeugen dafür angerufcn hat, Inas es mit der englischen Art der Kriegsführung auf sich hat. Franzosen und Engländer führten in Massen die berüchtigten Dum-Dumgeschosse mit sich und handeln gegen die ersten Forderungen des Völkerrechtes. Die Worte des Kaisers werden, nicht nur in Amerika, gehört werden! Die barbarische und heimtückische Bekämpfung und Mißhand­lung unserer Kämpfer und Bermundeten erfordert gerechte Sühne nnd Abschreckung, nnd vor aller Welt muß die Ver­dächtigung zurückgewiesen werden, als hätten unsere Heere auf feindlichem Boden unnütze Grausamkeiten begangen.

Harden hat in der letzten Nummer seinerZukunft" einen Vorschlag geinacht, der Beachtung verdiente. Er meinte, es wäre der deutschen Regierung Mohl Möglich!, alle die Lügen und Zerrbilder zu sammeln, die in den großen ausländischen Weltbtättern bei nnd nach Anspruch des Krieges über Dentschland, deutsches Vorgehen und angebliche deutsche Niederlagen erschienen sind. Das würde in der Tat ein beweiskräftiges Buch werden, das überhaupt keiner polemischen Zusätze bedürfte. Darin würde dann auch) die nette Aenßerung des britischen Botschafters in Rom stehen, die in den letzten Tagen an italienische Blatter gegeben wurde, daß, die deutschen Soldaten keinen Schuß englischen Pulvers wert seien usw-. Unseres Erachtens ist jetzt die Zeit gekommen, Mo sich der Deutsche über die maßlosen ausländischen Machenschaften nicht mehr entrü­sten darf, sondern Mo er ihnen mit verdientem Spott und Milleid begegnen muß. Werfen wir in den großen Schwätzer­brei John Bulls nur einige Salzkörner der Satyre, dann kommen wir vor uns selbst und vor der Welt am besten darüber hinweg.

Nach neuesten holländischen Meldungen rücken mir den landenden Engländern nunmehr an der belgischen Küste entgegen. Bei Melle, südlich von Gent, sind die Belgier zurückgeschlagen worden, und die Stadt Gent soll schon wegen der Uebergabe verhandeln. Man will auch wissen. Ostende, die Landungsstelle englischer Truppen, werde be­schossen werden. Das berühmte Seebad zählt 40 000 Ein­wohner, die dann sür die Torheit der belgischen Regierung, die den nutzlosen Kampf noch imnrer fortführt, zu büßen hätten. Viele Flüchtlinge sollen sich schon nach Holland eingeschifft haben.

An der kanalisierten Sambre gelegen, ist die 19 000 Einwohner stählende Stadt Maubeuge der Knotenpunkt drq Linien von Charteren und Atems in Belgien, von Valenci.enn.es, Landrecies Und AveSnes in Nordfrankrcich, so daß ihr Besitz sür die Aus­nützung der rücktvärtigen Berbinduirgen unserer Armee nötig war. !Ein Kreis von Forts und Werken umschließt den Stadtkern und schützt ein verschanztes Lager in einer Entfernung von 4 bis 6 Kilo- Metern vorgeschoben. Es folgen sich in dem Riirg von Norden lauf dem linken User der Sambre die Batterien Bersillies, Sal- anagnc, Fort Boussois, auf dem rechten Ufer die Batterien von Ätoca, Fort Cerfontaine, Batterie Bourdiau und Fort Hautmont, aus dem linken Ufer weiter Batterien Greveaux und Feignies, Fort Leveau, Batterie und Fort des Sarts, die den Abschluß bilden. Im allgemeinen stand Manbeuge wohl nicht auf der Höhe der heutigen Anforderungen, oder nur zum Teil, da man in Frankreich die belgischen Maasbesestigungen als Schutz der eigenen Grenze ansah. Erst in neuerer Zeit erhoben sich Stinrmen, die auch an der Nordfoont den Ausbau der vorhandenen Festungen verlangten.

So manches liebe Mal hat Maubeuge, die letzte Festung Nordscankreühr, die den deutschen Heeren widersteht, gewaltige Kämpfe au den Usern der friedlichen Sambre miterlebt: nur drei Kilometer entiernt liegt im Nordmesten das Dorf Malplaquet, wo am 11. September 1709 Prinz Eugen einen seiner glänzend­sten Siege erfochten hat und im Süden von Mecubeuge dehm sich die weite Ebene von Wattigmes, die zur Zeit der Revolution, am 16. Okt. 1793 Schauplatz eines bedeutenden französ. Sieges unter Peilung Jmrrdans war. In der Stadt und Festung Manbeuge, um die sich dieser Kampf drehte, erinnert noch heute ein Denkmal an den Sieg von Wattignies, und der Ort selbst heißt seüdem Wattigmes-la-Bictoirc. Wenn man von der belgischen Grenze her kommend das Sambre-Tal aufwärts wandert, in dem zahl­reiche Arbeiterdörser um Eisen- und Stahlwerke berumliegen, bemerkt man bald die schwere Rauchwolke über dem Flußtalc, die die Lage von Maubeuge bezeichnet, innerhalb der Hügel, die zu Ports und Zwrschemvcrken ausgebaut sind, deren Ansgabc es ist.

das Sambretal und die sich hier kreuzenden Eisenbahnlinien zu sperren. Seit 1870 haben die Franzosen diese Forts ausgebaut, die auf zum Teil bewaldeten Hügeln das Flnßtal sowie im Süden die Ebene in einem Umkreise von 30 Kilometer beherrschen. In ihrem Bereichs liegt Maubeuge, em an sich kleiner Jndustrieort, der aber mit den Nachbarorten, eben- salls Industriestädten, verschmolzen ist, so daß der Ortkomplex von etwa 50 000 Einwohnern zu den bedeutendsten im nörd­lichen Frankreich gehört. Hier, an den letzten Ausläufern der Ardennen, finden sich zahllose Hochöfen, Eisenwerke, Stahlwalz­werke usw.; wenn man zu später Abendstunde von einer der be­nachbarten Höhen am rechten Ufer den Komplex der Städte Mau­beuge, Louvrol, Neufmesnif und Haumvnt betrachtet, hat man einen märchenhaften Anblick: man sicht vor sich, einen .großen Halbkreis von Feuerstätten, deren Schein weithin leuchtet; es sind die Feuer der Hochöfen, der Schmieden, der Walzwerke; man hört allüberall den Lärm der nie rastenden Fabriken und hoch über den einzelnen Werken sieht man elektrische Scheinwerfer inmitten von Rauchwolken. Alle möglichen Eisen- nnd Stahlgcgenstände werden hier erzeugt, Eisenbahnschienen, Stahlrohre, Werkzeuge, Eisenplatten, Brückrnteile usw.; ferner gibt xs hier große Glas­werke, Marmorwerks und Tonwarenfabriken. Manbeuge und seine Nachbarorte stehen hinsichtlich der franz. Erzeugung von Keramik mi erster Stelle. Die Rohstoffe, die sie verarbeiten, stammen übrigens nicht aus dem Lande selbst, sondern hauvtsächlich aus Belgien, Deutschland und England, und die fertige Ware wandert zum Teile nach Holland, England, den Vereinigten Staaten und dem Orient. Nicht nur die Eisenbahn befördert die vielen Fabrikwaren, die Mau­beuge erzeugt, sondern zum großen Teil nimmt die Sambre sie. aus den Rücken. In der Gegend von Manbeuge ist die Sambre ein nicht allznbreiter, ruhiger Fluß; links dehnen sich hinter der lleinen Bergkette am Ufer Ebenen, in denen hauptsächlich Rüben gebaut werden; das rechte Ufer ist etwas bergiger, und von rechts her empfängt die Sambre kurz vor ihrem Uebertritte auf belgischen Boden auch eine Anzahl lleiner Seitrnflüsse, deren Quellen mei­stens auf belgischem Gebiete liegen. Arbeiterdörser und Fabrik- orte ziehen sich von Maubeuge aus aufwärts wie abwärts den Fluß entlang. An der Stadt selbst ist nichts bemerkenswertes: sie hat ziemlich schmale, gerade Straßen, ein mittelmäßiges Stadt­haus, eine ebensolche Kirche und das einzige Bauwerk, dessen Be­trachtung lohnt, ist das Denkmal zur Erinnerung an die Schlacht von Wattigmes. Wenn man die Stadt verläßt, betritt man, sobald man die WMe hinter sich hat, gleich das flache Land.

(WTlB.) Berlin, 8. Sepr. (Nichtamtlich.) Zn der Ka- pitnlation von Maub-euge bemerkt der BerlinerLokckl- Anzeiger": Die vorgesehene KriegsNesatznng! von Manbeuge zählt rund 10 000 Mann. Da nun die Engländer hei Maübeuge geschlagen worden sind, ist anzunehmen, daß wir 30000 in die Festung geworfene Englän­der mst gefangen genommen haben.

Weitere deutsche Erfolge in Belgien.

Rotterdam, 8. Sept. (WTW. Nichtamtlich.) Der Nieuwe Rotterdamsche Courant" meldet ans Antwerpen: Deutsche Truppen warfen bei Melle die Belgier nach einem Bombardement zurück. Die Deutschen stehen nur noch einige Kilometer von Gent. Flüchtlinge aus Ostende erklären in Blissingen, daß. die Beschießung von Ost­ende bevorstehe. Dreißig Züge mit Flüchtlingen sind von Ostende abgefahren. Die Engländer haben dort gestern wieder Truppen gelandet. Die Königin der Belgier ist gestern abend mit einem Dampfer aus England nach Ant­werpen zurückgekehrt. Die Kinder sind! in England zurück­geblieben.

Amste rdäm, 8. Sept. Da die Deutschen zwischen Ant­werpen und Gent vorrücken, hat, nach einem Telegramm derFranks. Ztg.", der Bürgermeister von Gent Abgesandte zu Unterhandlungen an den deutschen Befehlshaber geschickt.

Rotterdam, 8. September. Nach einem Bericht des Nieuwe Rotterdamsche Cour." ist alles Gold der National- bank aus Antwerpen nach London geschafft worden.

Kanonendonner vor Paris.

(WTB.) Berlin, 8. Sept. (Nichtamtlich.) DieVoss. Zeitung" meldet aus Rom: Aus Paris wird vom 7. Sept. um 11 Uhr nachts berichtet: Seit heute früh hört man hier Kanonendonner. Am intensivsten ist das Feuer in der Richtung von M e a u x, 25 Kilometer östlich von Paris. Die Stadt ist ruhig, doch ist die Spannung fieberhaft, ja fast un­erträglich.

Für eine Million Flugzeuge erbeutet!

Die in der französischen Militärflugzeugstation Betheny bekanntlich erbeuteten Flugzeuge sollen nach derKöln. Ztg." einen Wert von etwa einer Million haben. Sie wurden in der Fabrik von Deperdussin gefunden.

Der Name Deperdussin war vor etwa Jahresfrist in aller Munde, denn am 5. Üliuyiist 1913 wurde Herr Arinan Dsverbussm, Inhaber der seinen Namen tragenden Flugzeugfabrik, Offizier der Ehrenlegion und Vorstandsmitglied desAero-Clubs de France", unter Anklage der Betrügerei verhaftet. Bei näherer Prüfung stellte sich heraus, daß die bekannte Flugzcugsabrik mit der Bctrugs- geschichte nichts nnnrittelbar zu tun hatte, die Fabrik bestand in aller Ordnung. Dagegen hatte sich Devechussin der Fälschung von Verkauf- und Kaufbescheinigungen schuldig gemacht. Die Bank, die das Opfer tiefer Gaunereien wurde, war das Comptoir indiustriel et colonial in Paris. Deperdussin hatte eine Anzahl Kapitalisten für eine Art Seidentrnst interesiiert und durch fingierte Quittungen einen -Betrag von ungefähr 40 Millionen erschwindelt, von denen er im Lauf der Zeit nur etwa 18 Millionen zurückbezahlte. Inter­essant ist der Lebensgang des Mannes. Er war in den 1890er Jahren Brettlsänger in Brüssel, dann Händlern gsrersender in Nah­rungsmitteln, dann Angestellter im Rcklameburean der Ausstellung von 1897. Darm machte er in Seide und später in Flugzeugen. Großes Ansseben erregte er, als er einen Flugpreis von 100 000 Franken stiflete. mit welchen Mitteln, wußte man damals eben nicht. Nun hat seine Fabrik in der -Beschlagnahme der Flug­zeuge durch die deutschen .Truppen das letzte Schicksal erreicht.

Ans Mülhausen.

Mülhausen (Elsaß), 8. Sept. (WTW.) Die fran­zösischen Militärbehörden haben in unserer Stadt ein unan­genehmes Andenken hinterlassen. Zwar haben sich die Trup­pen hier keine Greueltaten und Grausamkeiten zu Schulden kommen lassen, wie einige Zeitungen melden sie benahmen sich im Gegenteil gut und befleißigten sich eines guten Tones, um bei der Bevölkerung einen angenehmen Eindruck zu machen aber die Militärbehörden machten bei verschiede­nen Geschäftsleuten und Warenhäusern großeEinkäufe, diesiezubegleichenvergessenhaben. So wurden Wagen voll Hemden, Unterhosen^Socken, Bettdecken und vor allem Schuhe erworben, die den Soldaten zur Verfügung ge­stellt wurden. Allgemein freute man sich, daß unsere Ge­schäftsleute in dieser schweren Zeit, in der Handel und Wan­del fast ganz darniederliegen, durch die Einkäufe ein gutes Geschäft machten, da nicht lange gehandelt und gemarktet wurde. Als es aber ans Bezahlen ging, erhielten die Ver­käufer einfach Gutscheine, mit denen sie an die Stad t- Verwaltung verwiesen wurden. Unsere ohnehin schon arg mitgenommene Stadt wird somit wenigstens vorläufig für alle diese Ankäufe, die zwischen 50000 und 60000 Mark betragen, aufkommen müssen.

Der Kaiser.

Münster (Westfalen), 8. Sept. (WTB. Nichtamtlich.) Auf ein vom Oberbürgermeister Jnngsblodt namens der Stadt Münster an den Kaiser gerichtetes Telegramm ist folgende Drahtantwort eingetroffen:

Ihnen und der Bürgerschaft Münsters Meinen herzlichsten Dank für treues Gedenken am gestrigen Tage, den Ich in Ihren Mauern verleben zu können gehofft. Gott schenke unserem Volk in Waffen, besonders auch den tapferen Söhnen der Roten Erde weiterhin Kraft und Zuversicht im Kampfe wider alle Feinde uw seres teuren Vaterlandes. Wilhelm R."

Ueber 35 000 französische Flüchtlinge in der Schweiz.

G e n f, 8. Sept. Wie die schwedischen Blätter feststellen, betrug am 6. September die Zahl der im Kanton Genf an-- gekommenen Flüchtlinge aus Paris und Nordfrankreich über 35 000. Die französischen Grenzbehörden lassen seit Montag neue Flüchtlinge aus Paris nur noch über die Grenze, sofern sie einen Erlaubnisschein der Militärkommandantur von Paris vorweisen können. Ein Zeichen dafür, daß sich offizielle Kreise in Paris mit dem Gedanken einer deutschen Besetzung bekannt machen! Dazu wird mitgeteilt, daß auch Briand, der bei der Abreise der Regierung als Repräsentant der Re­gierung in der Hauptstadt geblieben war, abgereist ist.

Botschafter-Wechsel in Frankreich.

(WTB.) Berlin, 8. Sept. DasBerliner Tageblatt" meldet aus Kopenhagen: Der linke Berlinskc-tidendc meldet aus Paris, daß au Stelle des bisherigen spanischen Bot­schafters in Paris Marquis Urr-atin-Valtierra ernannt wor­den sei (nicht Diplomat, sondern General). Auch Amerika nimmt einen Botschaster-Wechsel in Paris vor. Der neue Botschafter Shap ist gestern angekommen; sein Vorgänger wird aber die Führung des Amtes behalten, bis der Krieg zu Ende ist.

Der Kaiser an de» Präsidenten Wilson.

(WTB.) Berlin, 8. Sept. DieNorddeutsche Allg. Zeitung" veröffentlicht nachstehendes Telegramm, das Se. Majestät der K a i s e r an den PräsidentenWilson gerichtet hat:

Ich betrachte es als meine Pflicht, Herr Präsident, Sic als den hervorragendsten Vertreter der Grundsätze der Menschlichkeit zu benachrichttgen, daß bei der Einnahme der Festung L o n g w tf meine Truppen dort tausende von Dum-Dum-Geschos- sen entdeckt haben, die durch eine besondere Regierungs-Werk­statt hcrgestellt waren. Ebensolche Geschosse wurden bei verwun­deten Soldaten und Gefangenen auch bei britischen Trup­pen gefunden. Es ist bekannt, daß solche Geschosse grausame Ver- letzimgen verursachen und daß ihre Anwendung durch die anerkannten Grundsätze des internationalen Rechts streng verboten ist. Ich richte daher an Sie einen flammenden Protest gegen diese Art der Kriegs­führung, welche dank den Methoden unserer Gegner eine der barbarischsten geworden ist, die man in der Geschichte kennt. Nicht nur haben dieselben diese grausamen Waffen angewendet, sondern die Regierung hat die Teilnahme der belgischen Zi­vilbevölkerung an dem Kampf auch offen geduldei und seit langem sorgfältig vorbereitet. Diese von Frauen und Kindern und Geistlichen in diesem Gue­rillakrieg begangenen Grausamkeiten auch an vcrwun- detenSoldaten, Aerzte-Personal und Pflegern (Aerzte wur­den getötet, Lazarette durch Gewehrseuer angegriffen) waren der­artig, daß meine Generäle sämtlich gezwungen waren, die ärgiten Mittel zu ergreifen, um die Schuldigen zu bestrafen und d i e blutdürstige Bevölkerung von der Fortsetzung ihrer fürchterlichen Mord- und Schandtaten ab- zuschrccken. Manches berühmte Bauwerk und selbit die alte Stadt Löwen mit Ausnahme des schönen Stadthauses mußten in gerechter Selbstverteidigung und zum Schutze meiner Truppen zerstört werden. Mein Herz blutet, da solche Maßregeln u n v e r - weidlich geworben sind, und wenn ich an die zahllosen un­schuldigen Leute denke, die ihr Leben und Eigentum verloren haben infolge des barbarischen Bettagens jener Verbrecher.

gez. Wilhelm I. R.