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Jfc. 210

Zweites Blatt

164- Jahrgang

thjdy ri ut Lgiich wiftüngno^me de? Sonntag?.

DieS«Hnler Zamjliendlätter" werden dem » An z erq er" Biermat wöchentlich beigelegt, das ^lreirblatt für den Urei? Kietzen" zweimal «icheatlich. DieLandwirlschastlichen Zett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesien

Dienstag, 8. September 1914

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts»Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: 51.

3lebaEtion;es@ii2. Tcl.-Adr.: AnzcigerÄietzcn.

Uriegsbriese aus dem Westen.

Von unserm Kriegsberichterstatter.

' fldcherechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Die schweren Kaliber im Feldzuge 1914.

GroßesHauptquartier,2. Sept. 1911.

Mit der ständig fortschreitenden Technik der Feuerwaffen haben sich das gesamte Kriegswesen und die Kriegsformen außerordentlich geändert. In jedem modernen Kriege wurde von neuem der nie crnfhörende Kampf zwischen Befestigung und Waffenwirkung entschieden, jedoch in keinem derselben in den letzten Jahrzehnten hat sich eine so eklatante lleber- legeuheit der Geschützwirkung herausgestellt, als wie es in dem großen Völkerringen 1914 der Fall ist.

Wenn wir zunächst auf die Erfahrungen der Geschütz- Wirkung bei Panzcrdcckung zurückgrcisen, so sehen wir eine geradezu vernichtende llebcrlegenheit unserer schweren Kaliber selbst gegenüber den modernsten Panzerforts. Das Fort Loucin bei Lüttich war nach kurzer Beschießung durch ^--Zentimcter-Bclagerungsmörser ein Trümmerhaufen. Und selbst das bestgebautc Panzersort der Welt, das Fort f o> uouvillcrs, siel in überraschend kurzer Zeit der Ver­nichtung anheim. Neben der auf Durchschlagskraft berechneten Geschoßwirkung finden wir auch eine überraschend hohe Gas- wirkung Bereits aus dem russisch-japanischen Kriege berichtet der Kapitän Semenofs, der im Stabe des Admirals Rostjest- weutsky aie Seeschlacht bei Tsuschima mitmachte, von den ggtigen Dämpfen der Tfchimose-Granaten der Japaner, die den Aufenthalt in den Panzerständen zeitweilig unmöglich wachten. Auf dieser Erfahrung scheinen unsere Artilleristen weiter gebaut und die Gaswiriung in kluger Weise in den Kreis ihrer Berechnungen gezogen zu haben. Wie richtig diese Kalkulation war, beweist am deutlichsten das Fort Manon-- »ülers. Nachdem die Luftzuführungsschächte zertrümmert waren, füllten sich die Vorräume durch die Ausströmungen der einschlagenden Granaten mit deren Gasen und verpesteten die Lust derart, daß bei längerem Verweilen der Mannschaft der Erstickungstod drohte.

Von der verheerenden Durchschlagskraft unserer schweren Kaliber erhielten wir einen Begriff im Fort Loucin, wo die Panzerdccke eines meiner Schätzung nach mindestens 25 Zentimeter starken Panzerturmcs an der Zusammen-- setzungsstelle durchschlagen war. Eine sehr interessante Wir­kung der leichteren Kaliber unserer schweren Artillerie des Feldheeres sehen wir ferner im Fort Fläron, dem ersten Fort vor Lüttich, das genommen wurde. Dort haben unsere Geschosse mit großer Treffsicherheit denBodenumeinen Darrtertürm so zerwühlt, daß die Maschinerie zum Drehen bloßgelegt und der Deckel des Panzers aufgehoben uud verklemtnt wurde. Dieser Turm war daher bewegungs­unfähig und konnte nur in einer Richtung feuern. Tie Er­fahrung des Forts Flsaon sowie vor allem auch diejenigen in Longw», der ersten eroberten sranzösischen Festung, beweisen in klarster Form, daß reinen Erdwerken gegenüber die deutsche Artillerie eine ganz gewaltige Ueberlegenhcit be­sitzt und auch die Betonierung vielfach nicht der enormen Durchschlagskraft unserer Geschosse angepaßt waren. Wäh­rend im Fort Flelron die sehr tief angelegten Kasematten weniger gelitten haben, bietet Longwy in dieser Beziehung ein Bild der Verwüstung. Dort haben Geschosse durch drei untereinander liegende Etagen hindurchgeschlagen, wobei wir nochutals ausdrücklich hervorheben möchten, daß diese her­vorragende Wirkung nicht wie bei Fort Loucin mit 42 Zenti­meter-Belagerungsmörsern, sondern mit den regulär in den Verband des Feldheeres eingcrcihten schweren Kalibern er­zielt worden ist. Die Erdwcrkc selbst sind zum großen Teil abgedcckt, Hindernisse und Flankierungsanlagen zusammen-:

geschossen sowie auch das Mauerwerk der Escarpe und Eon- treescarpc schwer beschädigt.

Aber auch in der Taktik hat die schwere Artillerie des Feldheeres wesentliche Veränderungen vorgenommen. Während man früher gleichzeitig eine größere Anzahl Forts angriff und einen Abschnitt der Vertcidigungsfront einem förmlichen Angriff unterwarf, sucht man jetzt an einer Stelle zunächst eine Bresche in den Verteidigungsring zu brechen, um dann die ganze Verteidigungsfront aufzurollen. Aus diesem Grunde vereint man das Feuer des größten Teiles der schweren Batterien auf den Punkt, an dem man die Entscheidung herbeizuführen wünscht. Man deckt das Fort in kurzer Zeit mit einem derartigen Hagel von Ge­schossen zu, daß die Berteidigungsmittel außer Gefecht ge­setzt sind. Ganz abgesehen von der materiellen Wirkung darf man auch die moralische Wirkung nicht unterschätzen, welche diese fürchterliche Beschießung aus die Insassen des Forts ausübt. In schärfster Weise wird selbst dem bravsten Verteidiger das gänzlich Hoffnungslose aller seiner jAn- strengungcn klar und er moralisch mürbe gemacht. Tritt dann noch wie im Fort Loucin, ein Glückszufall hinzu, daß ein Munitionsmagazitr in die Luft geht, so ist die Wir­kung natürlich doppelt deprimierend. So ergab sich das dem Fort Loucin Nächstliegende und ihm an Verteidigungs­mitteln vollkommen gleichwertige Fort Hollogne schon nach sehr kurzer Zeit. Die Besatzung hatte die Vernichtung des Forts Loucin mit angesehen, die erste Aufforderung zur Uebergabe lehnte der Kommandant ab. Hierauf begann unsere Feldartillerie durch Einschießen mit der genauen! Ermittelung der Entfernung. Sobald aber die ersten Treffer dieser leichten Geschütze im Fort saßen, zeigte dieses die weiße Flagge in der Besorgnis, daß! nun die fürchterlichen Geschosse der 42-Zentimeter-B«lageritngsmörser Nachfolgen und die Vernichtung des Forts besiegeln würden.

Neu ist auch das Verfahren, die Entfernung, um die Rohre der schweren Kaliber zu schonen, durch kleinkalibrige Geschütze erschießen zu lassen.

Außerordentlich günstig für die vorstehend geschilderte Taktik ist auch der Umstand, daß. die Schußweite und Treff­sicherheit der großen Kaliber zu geradezu ungeahnter Höhe gebracht worden ist. Durch diese Eigenschaften werden die mit derartig schweren Geschützen naturgemäß sehr schwie­rigen und zeitraubenden Stellungswechsel vermieden. So wurden die Lütticher Forts zum großen Teile von derselben Stellung aus, die am anderen Ufer der Maas in etwa 1012 Kilometer Entfernung lag, der Reihe nach-ztckrnrmen- geschosfen. Und auch, bei Longwy und N a , nu r hat man nach den gleichen .Gesichtspunkten gehandelt.

Den Wert der schweren .Artillerie hat unter den Feld­herren der letzten Jahrzehnte zuerst wieder der Marschall Nogi erkannt, der nach votleicheler Einnahme von PortArthnr den gesamten schweren BelagerungStraut zur Schlacht von Mulden heranführte und am Bahnhof von Mnkden, der Entscheidungsstelle, durch das vernichtende Feuer seiner schweren Kaliber den Durchbruch! erzwang.

Jedenfalls möchten wir unser Gesanrturteil über die schwere Artillerie und ihre Benvendung dahin zusamnien- fasseu, daß Artilleristen wie Techniker in glänzendster Weise zusammengearbeitct haben, um sinendurchschlagenden" Erfolg zu erzielen und daß keiner unserer Gegner uns auf diesem Gebiete auch nur annähernd Gleichwertiges ent­gegenstellen kann.

W. Scheuermann, Kriegsberichterst.

Bon unseremGerät".

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Wem: ein Kampfmittel des deutschen Heeres ein ganz besonderes Recht auf Volks­tümlichkeit geltend machen kann, so sind es die trotz ihrer

gewaltigen Größe versteckt gebliebenen 4 2-Zenti- meter-Mörser. Schon der ihnen beigelegtc Ehrenname derBrummer" beweist, wie sehr diese Volkstümlichkeit bereits erreicht ist. Mau kann sich nicht wundern, daß ein Schuß, der ein Gewicht von acht Zentnern weit über eine deutsche Meile sicher zum Ziel schleu­dert, einen Luftdruck verursacht, der in weitem Umkreis alles in die Luft bläst. Auch haben die Berichte gelehrt, daß das Geschoß, wenn es den Mörser verlassen hat, nur durch das Durchschneiden der Luft ein -starkes Geräusch ver­ursacht. Von der Bahn nnd dem Verhalten eines Mörser­geschosses geben photographische Aufnahmen Auskunft, die freilich für unsere großen Mörser selbstverständlich noch! nicht veröffentlicht worden sind. Tic Photographien zeigen zunächst das Geschoß, wie es die Mündung noch, nicht stanz verlassen hat. Eine zweite Aufnahme, die einen Augenblick später erfolgt ist, stellt es von einent Hof leuchtender Gase umgeben dar. Auf den nächsten Bildern vergrößert sich dieser Hof zu einer leuchtenden, kugelförmigen Wolke mit einer dunklen Grundfläche, die das Geschoß wie ein Ring ttmgibt. Auf den locitcrcn Photographien wird die Wolke noch größer turd verliert an Regelmäßigkeit, so daß sie mehr einer gewöhnlichen Dampfwolke gleicht: auch ist die dttnkle Grundfläche nicht mehr sichtbar. Auf der folgen­den Photographie cirdlich ist die Wolke noch größer, und das Geschoß, das auf dem vorigen Bild eben erst ans der Wolke znm Vorschein kam, befindet sich jetzt ganz genau von dieser getrennt vor. Es ist also zu erkennen, wie die Gase dein Geschoß zunächst vorauseilen und dann von ihm überholt werden. Die Slufnahmc solckier Photographien ist eine Auf­gabe, die besondere Sorgfalt erfordert. Es gehört dazu eine elektrische Vorrichtung, durch die infolge des Rückstoßes, den das' Geschütz erhält, die Blende der photo­graphischen Kammer geschlossen wird. Tic Blende muß auch eine eigenartige Betätigung erhalten nnd ist auf die win­zige Zeit von einer fünftausendstel Sekunde berechnet. Ter elektrische Strom wird in den gewünschten Abständen unter­brochen, um die Aufnahme der Bilder nacheinander zu be­wirken. Die Benutzung eines Kinematographen zu diesem Zweck hat bisher versagt, iveil er der schnellen Abwicklung des Vorganges nicht, zu folgen vermag.

Die Schandtaten in Saarburg in Lothringen

Wir erhalten fotgende Zuschrift:

Wie vandalisch nicht allein die Russen und Belgier, son­dern auch die Franzosen Hansen, wurde kürzlich in dieser Zeitung erwähnt. Die militärischen Angehörigen einer Na­tion, die sich so viel auf ihreKultur" glaubte gut tun zu können, hat unter Fichrung von lothringischen Einwohnern die Wohnungen der deutschen Beamten und Offiziere zerstört und geplündert. Ms zu den Puppen nnd Spielzeugen der Kinder herunter wurde alles unbrauchbar gemacht und in der ekelhaftesten Weise bejchmittzt. lind was hatte Laarburg den Deutschen zu danken! Der Schreiber dieses marschierte 1871 auf dem Rückmarsch von Frankreich mit dem hiesigen Regiment durch. In seinem Tagebuch findet sich der Eintrag: Die erste deutsch sprechende stabt." Grund genug, um sie mit freundlichen Augen.mtznsehen. Aber trotzdem blieb der Eindruck eines kleinen engen unscheinbaren Landstüdtchens.

Wie sah es nun 1914 ans im Vergleich zu damals?

Viele schöne Läden sind entstanden. An stattlichen Ge­bäuden nenne ich nur die Post, das Gymnasium, das Amts­gericht, die Kreisdirektion, viele Schttle», das Krankenhaus, die evangelische Kirche nebst den vielen militärischen (Ge­bäuden. Die Zahl der Hotels und Wirtschaften hat sich riesig vermehrt. Grs und elektrische Beleuchtung ist eingeführt

Der Klassiker öcs französischenManifest;".

Das geschraubte und überstiegene Pathos, das Präsi­dent Poincare wie Generalissimus Jofsre in ihren Mani- -sesten anwendcn und das überhaupt die zahlreichen Kund- gÄüngen der französischen Regierung charakterisiert, be­rührt uns höchst fremdartig, stimmt aber durchaus -utit der Tonart überein, deren sich diegroße Nation" stets be- slertzigtc. Das Stärkste in dieser Hinsicht hat wohl 1870 Victor Hugo geleistet, dieser französischste aller Dich­ter, dieser Meister der Phrase, den man als denKlassiker des französischen Manifestes" bezeichnen kann Sätze und Wendungen, wie er sie damals schmiedete, scheinen den Männern der Regierung üon_ heute im Ohr zu klingen, aber was sie bieten, ist nur Stümperet neben dem Wort­schwall, den Victor Hugo losließ, als die Deutschen a u f Paris zumarjchiertcn. In seinem ersten Manifest versuchte er es im Guten:

Paris gehört uns nicht allein", schrieb er in seiner Verblen­dung an die Deutschen,Paris ist euer io gut wie unser. Berlin, Wien, Dresden, München, Stuttgart find eure Hauptstädte: Paris ist euer Mittelpunkt. Es ist in Paris, wo man den Herzschlag Europas fühlt. Paris ist die Stadt der Städte. Paris ist die Stadt der Menschen Athen war, Rom war, Paris ist! Ihr kommt, um Paris mit Gewalt zu nehmen! Aber wir haben cs euch ja irmncr mit Liebe cnigcqcngebrachi. Laßt doch ein Volk, weiches euch zu allen Zeiten seine Arme geössnct hat, nicht seine Tore schsießen' Paris liebt euch!"

lind dann roamt er vor jederbrutalen Gewalttat":

Deutsche, Paris ist gesährlick! Seid bedächtig vor Paris! SMe Hulwandiungen sind ihm möglich., Leine Weichlichkeit gibt euch das Maß für seine Energie. Man schien zu schlafen, man erwacht, man zieht die Idee aus der Scheide wie das Schwert, und diese Stadt, welche gestern Sybaris war, kann morgen Saragossa sein. Sagen wir euch das, um euch Furcht zu machen? Man macht euch keine Furcht, Deutsche. Ihr habt einen Galgacus gegen Rom gc- babt und einen Körner gegen Napoleon! Wir sind das Volk der Marseillaise, aber ihr seid das Volk der geharnischten Sonette und des Schwertliedes . . Jetzt glaubt ihr einen Zctzten Schlag tun

zu müssen ... ihr siebenmalhundcrttausend Soldaten mit allen euren Kriegsmaschinen, euren Stohlkanoncn, euren Kruppkugeln, euren Drcmegewehren, eurer unzähligen Kavalleric, eurer schreck­lichen Artillerie, stürzet euch auf drcimalhuuderttanscnd Bürger, die ans ihren Wällen stehen, aus Väter, die ihren Herd verteidigen, auf eine Stadt voll zitternder Familien, wo es Frauen gibt, Schwe­stern, Mütter, unk wo zu dieser Stunde ich, der ich zu euch rede, meine beiden Enkel habe, deren einer iwch an der Brust . . . Wißt ihr..was dieser Lieg jür euch sein würde? Er mnrüe dcc Schande

Viele Franzosen glaubten nach der Lektüre dieses Mani­festes tatsächlich, die Deutschen würden vor diesemfurcht­baren Paris" nnd derunausbleiblichen Schande" Angst haben. Als sie sich aber nicht abschrecken ließen, wartete ihnen Hugo in einem zweitenManifest" mit einer andern Tonart ans.

Paris wird triumphieren!" rief er.Aber daß cs triumphie ren kann, dazu Sturmgeläut, Stnrmgeläut über ganz Frankreich hin! Es stürze aus jedem Haus ein Soldat heraus, es werde aus jedem Flecken ein Regiment, aus jeder Stadt eine Armee! Die Preußen sind achthunderttausend stark: ihr seid vierzig Millionen. Richtet euch auf und hauchetsiewcg! Lille, Nan­tes, Tours, Bourges, Orleans, Colmar, Toulouse, Banonne, gürtet eure Lenden. Feder sei ein Camille Dcsmoulins, jede Frau eine Theroigne (diese Dame zeichnete sich bekannttich durch besondere Liederlichkeit aus), jeder Jüngling ein Barras. Die Straßen der Städte mögen die Feinde verschlingen: es öffne sich >edes Fenster in Wut, es speie die Wohnung ihre Möbel und werfe das Dach seine Ziegel herab. Es mögen die Gräber schreien, inan höre hinter jeder Mauer das Volk und Gott, überall schlage das Feuer aus der Erde, es werde jedes Gesträuch zu einem feurigen Busche! Quälet den Feind hier, zerschmettert ihn dort, fanget die Zufuhren ab, zerschneidet die Stränge, brechet die Brücken ab, versperrt die Stra­ßen, unterminiert den Boden! Frankreich werde unter den Preußen zum Abgrund Führt den Krieg bei Tage und bei Nacht, aus den Bergen, in den Ebenen, in den Wäldern. Erhebt Euch! Erhebt Euch! Keine Ruhe, keine Rast, kein Schlaf!" B.

Das Alterder großen Feldherren. Die ßixges- helden, deren glückliche Führung in den längsten Schlachten uns so viel Jubel und ihnen so viel Lorbeer gebracht hat, blicken zum Teil bereits auf ein sehr beträchtliches Lebensalter zurück. Der General v. Kluck, der die Engländer so trefflich das Lausen lehrte, ist 68 Jahre; der sächsische General v. Hausen und der preußische General v. Hindenbnrg, der in Ostpreußen den großen Sieg errang, sirrd 67 Jahre: der Eroberer Lüttichs, General v. Eimwich, ist 65 Jahre, uud unser früherer Kriegsminister, General v. Heeringen, hat sein 64. Lebensjahr zurückgelegt Die Namen dieser glorreichen Feldherren werden auf lange hin ihren volkstümlichen Klang im deutschen Volke bewahren, wie man noch heute mit stolzer Freude der Siegcrgcstalten von 1870 gedenkt, und da ist der Silberglanz des Greisenhaares, der aus ihren jungen Lorbeer fällt, vielleicht noch ein Grund mehr für ihre Volkstümlichkett. Ist doch gerade das preußische Heer mit solchen hochbetagten Schlachtenlenkeru von jeher reich gesegnet gewesen. Der Feldmarschall Derfslinger entschied mit 69 Fahren an der -Spitze seiner unaufhaltsam vorwärts brausenden Reiterei den Sieg 'von Ftthrbellrn; rm (70. Lebensjahre - gewann Fürst Leopold von

Anhalt-Dessau die Schlacht bei Kesselsdorf, und der Fcldmacschall Lchwertti fiel 73 Jahre alt bei Prag mit der Fahne in der Hand, nachdem er durch seinen ungebrochenen Angrisssmut den Sieg sernem großen König errang. Mit 70 Jahren stände» all diese Männer noch im Vollbesitz ihrer Körperkrafi nnd ihresWillens, und zärtlich nannte das Volk seine greisen Lieblingshelden den alten Derfstttrger", denallen Designer", denalten Blücher" und endlich auch denalten Moltkc". So istalt" zugleich ein Kosewort im Munde unseres Volkes geworden, und Älter und Siegesruhm sind zwei Begrissc, die uns eng verbunden scheinen. Dieses Bewußtsein ist jedoch erst in neuerer Zeit bei uns so recht lebendig geworden. In früheren Tagen der Kriegsgeschichte war das Genie des Fcldherrn lange Zeit von dem Schimmer der Jugendlichkeit umwobcn. Mexandcr der Große, Hanuibal, Friedrich der Große, Napoleon, sic zählten alle noch nicht 30 Lebensjahre, als sic bereits ihre .Heere zu glänzenden Siegen geführt hatten. Bei Rocvoi siegte der große Cond« mit 22 Jahren, Prinz Eugen war 34 Jahre alt, da er bei Zeitta seinen schönsten Sieg erfocht. Da erscheint Cäsar schon fast als eine Ausnahme, weil er erst /mit 42 Jahren die Führung eines .Heeres übernahm. Daß Feld­herren, die in jüngeren Jahren sich den Siegcslorbccr errungen, ihn auch noch als Greise behaupten wußten, das ist auch siüher ösiers vorgekommen. So wußte Prinz Eugen sich noch mtt 72 Jahren einem überlegenen Feinde gegenüber durch vor­zügliche strategische Leistungen zu verteidigen. Auch Blücher hatte schon eine große Kriegsersahrung, bevor er zu den höchsten Stellen der Heercsführung hrnausstieg Dennoch ist derMarschall Vor­wärts", dem es am Spätabcnd seines Lebens, erst mit 8l Lebens­jahren vergönnt war, etti großes Heer zuni Siege zu führen, für uns das Kor- und Urbild desSiegesgreises" geworden. Wohl war sein Körper schon furchtbar geschwächt, als er zur Vernichtung Napoleons auszog: er hat unter Krankheiten schwer gelitten, aber der Wille triumphierte in wundervollem Aufschwung über alle Schwächen des Leibes: der jugendlich ungestüm.' ("n|t dieses Achtzigjährigen spottete aller (Rietze der Natur. Eine ähn liche Drauigänger-Persönlichkeit im Silbcrhaar war Nadelst:, r rntt 71 Fahren an die Spitze' einer großen Armee gestellt tourte: auch er hatte etwas lcidenschastlich Jugendliches in seinem dreien, das im merkwürdigen Gegensatz zu seinem 'Alter stand. -rer alte Feldherr im eigentlichen Sinne des Wortes, der gerade aiw der Reise seiner Weltcmschannnst heraus, durch die harmonmlw »uoe seines hcrbstklaren Blickes den Sieg gewinnt, rlt erst Icottke ge­wesen. 66 Fahre war er alt geworden, als ihm das schichal be- schicd, seine großarttge Feldherrntälrgkett zu:,altem, und w war ihm denn das geduldige Wagen des Grecics, da,- er nebeir dem kraftvollen Wagen des reuen Mannes aut sein Vanrcr ge- schrieben hatte, der notwendige Wciensausdruck seiner Persönlich- kett in der alle guten Eigen,-Hanen eines hohen Alters mit der energischen Ensichlossenheir des KrregerS zu dem Idealbild des greisen Fcldherrn" gepaart waren.